„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Phaidon

Der Phaidon (griechisch Φαίδων Phaídōnlatinisiert Phaedo) ist ein in
Dialogform verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon. Wiedergegeben wird ein literarisch gestaltetes Gespräch, das in eine Rahmen-handlung eingebettet ist. Der Philosoph Phaidon von Elis, nach dem der Dialog benannt ist, tritt in der Rahmenhandlung als Erzähler auf. Er ist wie Platon ein Schüler des Sokrates. Dieser ist vor kurzem in Athen wegen Asebie (Religions-
frevel) und Verführung der Jugend zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Phaidon schildert als Augenzeuge einer Gruppe von Zuhörern die Ereignisse des Todestags, den der Verurteilte im Gefängnis im Kreis von Freunden verbrachte. Den Hauptteil seiner Darstellung bildet die vollständige Wiedergabe einer philosophischen Diskussion, die Sokrates führte. Anschließend berichtet Phaidon von den letzten Handlungen und Äußerungen des zum Tode Verurteilten.

 

Die Gesprächspartner des Sokrates sind neben Phaidon zwei weitere seiner Schüler, Kebes und Simmias von Theben. Das Hauptthema ist die Seele: Es geht um ihre Beschaffenheit, ihr Verhältnis zum Körper, den sie beseelt, und ihr mutmaßliches Schicksal nach dem Tod. Sokrates versucht die Unsterblichkeit der Seele plausibel zu machen. Zu diesem Zweck trägt er mehrere Argumente vor, die seine These stützen sollen. Er betrachtet die individuelle Seele als unzerstörbar und sieht in ihr den Träger der Kenntnisse, Fähigkeiten und Erinnerungen des Menschen. Nach seinem Verständnis bewohnt, beherrscht und bewegt die Seele den Körper, sie verleiht ihm durch ihre Anwesenheit das Leben. Beim Tod trennt sie sich von ihm, was seinen Zerfall zur Folge hat. Im Verlauf der Seelenwanderung verbindet sie sich nacheinander mit verschiedenen Körpern. Demnach besteht kein Grund zur Todesfurcht, denn der Tod bedeutet nur Zerstörung des jeweiligen Körpers, die Person aber ist die Seele, die immer intakt erhalten bleibt. Sokrates verteidigt dieses anthropologische Modell gegen Einwände von Simmias und Kebes. Insbesondere wendet er sich gegen ein Alternativmodell, dem zufolge „Seele“ nur eine Bezeichnung für die Harmonie der materiellen Elemente des Körpers ist. Wenn man die Seele als Harmonie auffasst, muss man annehmen, dass sie vernichtet wird, wenn der Körper stirbt und infolgedessen seine Struktur zerfällt.

 

Nach Sokrates’ Überzeugung hängt das Schicksal der Seele nach dem Tod von ihrem Verhalten während des Lebens ab; optimal ist eine philosophische Lebensführung, wie er selbst sie praktiziert hat. Diese Sichtweise verhilft ihm zu einer gelassenen Haltung und einem heiteren, unbeschwerten Sterben, während die anderen tief betrübt sind und weinen.

 

 

Die direkte und indirekte Nachwirkung des Dialogs in der europäischen Kulturgeschichte war von der Antike bis zur Moderne gewaltig. Er wurde oft zitiert und in vielen Erörterungen über eine mögliche individuelle Fortexistenz nach dem Tod herangezogen. Einerseits bietet er eine philosophische Untersuchung von Grundfragen der menschlichen Existenz, andererseits gehört er auch zur klassischen Trostliteratur. Seit dem Beginn seiner Verbreitung spricht er Leser an, die sich mit dem Tod, der Todesfurcht und der Unsterblichkeitsfrage auseinander-setzen wollen. Außerdem hat er zusammen mit den Dialogen Apologie und Kriton
das Bild der Nachwelt von der Persönlichkeit des Sokrates nachhaltig geprägt. In Platons Darstellung erscheint Sokrates als vorbildlicher Mensch, der sein Ideal der philosophischen Lebensführung bis zum Tod konsequent und unbeirrt verwirklicht hat.

Der Anfang des Phaidon in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39)
Der Anfang des Phaidon in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39)

1. Ort, Zeit und Umstände

Die Rahmenhandlung spielt sich in der Stadt Phleius im Nordosten der Halbinsel Peloponnes ab. Die Hinrichtung des Sokrates liegt anscheinend einige Monate zurück. In Athen, wo Sokrates lebte und starb, gehörte Phaidon zu seinem Schülerkreis. Nach dem Tod seines Lehrers hat er keinen Grund mehr in Athen zu bleiben. Offenbar kehrt er nun in seine Heimatstadt Elis im Nordwesten der Peloponnes zurück. In Phleius, das auf seinem Weg liegt, macht er Halt. Dort besucht er eine Gruppe von Pythagoreern, die am Schicksal des Sokrates Anteil nehmen und deren Wortführer Echekrates ist. Man hat in Phleius schon von dem Prozess und der Hinrichtung gehört, doch weiß man nichts Näheres. Die Gruppe ist begierig Einzelheiten zu erfahren. Phaidon geht gern auf diesen Wunsch ein.[1]

 

Das Todesurteil wurde im Frühjahr 399 v. Chr. vollstreckt. Da bis zur Rahmenhandlung einige Zeit verstrichen ist, hat man Phaidons Aufenthalt in Phleius wohl in die zweite Hälfte von Sokrates’ Todesjahr zu setzen.[2] Die Ereignisse, deren Ablauf Phaidon detailliert schildert, fanden in Anwesenheit einer Gruppe von Freunden des Verurteilten im Gefängnis von Athen statt. Dort war Sokrates seit seinem Prozess in Haft. Der Ort des Gefängnisses kann nicht sicher bestimmt werden. Es befand sich wohl in der Nähe des Gerichtshofs Heliaia, nach Grabungsergebnissen vermutlich etwa 100 Meter südwestlich dieses Gebäudes, knapp außerhalb des Geländes der Agora.[3]

 

 

Philosophiegeschichtlich interessant ist Phaidons Aufzählung der teils einheimischen, teils auswärtigen Freunde und Schüler des Sokrates am Anfang des Dialogs. Er nennt sowohl bei der Hinrichtung anwesende als auch aus verschiedenen Gründen verhinderte Sokratiker und weist darauf hin, dass seine Liste der Einheimischen nicht vollständig ist.[4]

Büste des Sokrates (1. Jahrhundert, Louvre, Paris)
Büste des Sokrates (1. Jahrhundert, Louvre, Paris)

2. Die Teilnehmer

Alle namentlich genannten Teilnehmer des Rahmengesprächs und der philosophischen Diskussion haben wirklich gelebt, ihre Existenz ist auch außerhalb von Platons Werken bezeugt. Allerdings muss damit gerechnet werden, dass Platon als Schriftsteller von seiner literarischen Gestaltungsfreiheit großzügig Gebrauch gemacht hat, was in anderen Dialogen nachweislich der Fall ist. Obwohl viele Einzelheiten realistisch wirken und stimmen können, kann der Phaidon nicht als detailgetreuer Bericht über die letzten Stunden des Sokrates verwertet werden. Beiläufig wird im Dialog erwähnt, dass Platon selbst am Hinrichtungstag nicht unter den Anwesenden war, sondern krankheitsbedingt fehlte. Demnach war er kein Augenzeuge, sondern nur aus zweiter Hand über die Vorgänge informiert.

 

Die philosophische Diskussion, die den weitaus größten Teil des Phaidon ausmacht, führt Sokrates mit Phaidon, Simmias und Kebes; ein weiterer nicht namentlich genannter Anwesender greift kurz ein. Die übrigen Freunde hören nur schweigend zu. Sokrates ist wie in den meisten Dialogen Platons, in denen er auftritt, die dominierende Gestalt. Er lenkt das Gespräch, steuert die wesentlichen Überlegungen und Argumente bei und entkräftet Einwände. Seine unerschütterliche Gelassenheit und Heiterkeit kontrastiert mit der Bestürzung und dem Schmerz der Freunde und Schüler. Wie gewohnt konzentriert er seine Aufmerksamkeit auf die philosophische Wahrheitssuche. Während die anderen vom Jammer erfasst werden, führt er ruhig und umsichtig seine letzten Handlungen aus. Platon zeichnet hier von seinem verehrten Lehrer Sokrates ein eindrückliches, lebensnah wirkendes Bild, das in seinen Grundzügen wahrheitsgetreu sein mag. Die Ansichten und Argumente, die er seiner Dialogfigur in den Mund legt, dürfen aber nicht ohne Weiteres mit denen des historischen Sokrates gleichgesetzt werden. Dies ist schon aus den Bezugnahmen auf Platons Ideenlehre, die nicht zum Gedankengut des historischen Sokrates gehörte, ersichtlich.[5]

 

Hinsichtlich der Möglichkeit, mit rationalen Mitteln metaphysische Wahrheit erkennen zu können, ist Sokrates im Phaidon optimistisch. Einen generellen erkenntnistheoretischen Pessimismus hält er für unbegründet und verhängnisvoll. Von der Richtigkeit seiner Auffassung über die Beschaffenheit der Seele ist er fest überzeugt, doch bringt er auch viel Verständnis für die Zweifel seiner Gesprächspartner auf. Er legt Wert auf den Grundsatz, dass man sich nicht voreilig für eine Ansicht entscheiden soll, auch wenn sie einleuchtet, sondern erst nach sorgfältiger Prüfung der einschlägigen Argumente und Einwände.

 

Der Berichterstatter und Dialogteilnehmer Phaidon ist ein eifriger Anhänger und Bewunderer des Sokrates, den er seinen Freund nennt. Für ihn gibt es nichts Erfreulicheres als Gespräche, die ihm seinen verstorbenen Lehrer in Erinnerung rufen. Zur Zeit des Dialogs scheint er noch ein junger Mann zu sein.

 

Der historische Phaidon war ein vornehmer Peloponnesier aus Elis. Als er die Hinrichtung seines Lehrers miterleben musste, lag der Peloponnesische Krieg, in dem Athen und Sparta die Hauptgegner waren, erst wenige Jahre zurück. Elis gehörte zu den mit Athen verfeindeten Staaten, hatte aber auch gegen Sparta Krieg geführt. Phaidon soll in Kriegsgefangenschaft geraten und dann als Sklave nach Athen verkauft worden sein. Dort wurde er angeblich auf Betreiben des Sokrates freigekauft. Die Glaubwürdigkeit dieser Angaben ist umstritten. Jedenfalls schloss er sich dem berühmten Philosophen an und blieb bis zuletzt in dessen Umkreis. Nach dem Tod seines Lehrers kehrte er in seine Heimatstadt zurück und gründete dort eine Philosophenschule. Wie Platon verfasste er philosophische Dialoge. Seine Werke sind nicht erhalten geblieben.[6]

 

Echekrates, der nur in der Rahmenhandlung auftritt, teilt Phaidons tiefe Verehrung für Sokrates. Daher nimmt er lebhaft Anteil am Schicksal des Verurteilten und legt großen Wert darauf, alles zu erfahren, was sich in Athen abgespielt hat. Allerdings beruht sein Interesse an Sokrates nur auf persönlicher Bewunderung, nicht auf Übereinstimmung der philosophischen Überzeugung. Die Annahme, dass die Seele unsterblich sei, hat er sich nicht zu eigen gemacht. Vielmehr neigt er stark zu der rivalisierenden Harmonietheorie, wonach die Seele kein eigenständig existierendes Wesen, sondern nur die Harmonie zwischen den Bestandteilen des Körpers und somit vergänglich ist.

 

Der historische Echekrates war in der pythagoreischen Tradition verwurzelt. Er soll ein Schüler des Pythagoreers Philolaos gewesen sein.[7] Die Pythagoreer, Anhänger der Lehre des Philosophen Pythagoras, waren im 5. Jahrhundert v. Chr. in ihrer süditalienischen Heimatregion, der griechisch besiedelten „Magna Graecia“, in politische Auseinandersetzungen verwickelt, in denen sie unterlagen. Darauf wurden sie verfolgt. Manche von ihnen flohen nach Griechenland. Dort zählte Phleius zu den Orten, an denen sie sich in Gruppen niederließen. Echekrates gehörte offenbar zu diesen Flüchtlingen oder ihren Nachkommen.[8] Cicero überliefert die Behauptung, Echekrates sei in Lokroi, einer Stadt in Kalabrien, mit Platon zusammengetroffen, als dieser sich auf einer Reise dort aufhielt.[9]

 

Kebes und Simmias spielen im Dialog neben Sokrates die Hauptrollen. Sie werden als junge Männer bezeichnet und sind diskussionsfreudig. Beide stammen aus Theben, wo sie mit Philolaos in Verbindung standen und vielleicht seine Schüler waren,[10] bevor sie nach Athen kamen und sich Sokrates anschlossen. Unklar ist, ob sie sich unter dem Einfluss des Philolaos zumindest zeitweilig zum Pythagoreismus bekannten.[11] Platon erwähnt sie auch im Dialog Kriton. Dort erscheinen sie als Unterstützer eines Plans, den verurteilten und inhaftierten Sokrates zur Flucht aus dem Gefängnis zu überreden und ihm durch Bestechung der Gefängniswärter das Entkommen zu ermöglichen.[12] Simmias ist offenbar wohlhabend. Die Unsterblichkeitshypothese betrachten die beiden Thebaner mit Skepsis. Sie erheben Einwände gegen die Argumentation des Sokrates und wollen sich nur durch Beweise überzeugen lassen. Simmias zieht die Erklärung der Seele als vergängliche Harmonie in Betracht. Er ist leichtgläubiger als Kebes und urteilt voreilig. Kebes geht bei der philosophischen Untersuchung umsichtig und gründlich vor, er fordert solide Begründungen und ist schwer zu überzeugen.[13]

 

Auch der zeitgenössische Geschichtsschreiber Xenophon nennt Simmias und Kebes unter den Vertrauten des Sokrates; seinetwegen hätten sie ihre Heimat verlassen und seien nach Athen gekommen.[14]

 

Eine Randfigur im Phaidon ist Kriton, ein Freund und Altersgenosse des Sokrates, den Platon auch in anderen Dialogen auftreten lässt. Kriton beteiligt sich nicht an der philosophischen Debatte, sondern ergreift nur zu praktischen Fragen das Wort. Er kümmert sich um die Regelung von Sokrates’ persönlichen Angelegenheiten. Dabei zeigt er, dass er die Konsequenzen der philosophischen Einsicht für die Praxis des Lebens und des Sterbens nicht begreift.

 

Der historische Kriton war ein wohlhabender Athener, der wie Sokrates aus dem Demos Alopeke stammte. Als Sokrates angeklagt wurde, bot Kriton vergeblich an, sich bei Verhängung einer Geldstrafe für deren Zahlung zu verbürgen.[15] Nach dem Todesurteil war er bereit, dafür Bürgschaft zu übernehmen, dass Sokrates nicht fliehen würde. Damit wollte er seinem Freund den Gefängnisaufenthalt ersparen, doch wurde auch dieser Vorschlag vom Gericht abgelehnt.[16]

 

 

Eine historische Gestalt ist auch Sokrates’ Frau Xanthippe. Im Phaidon ist sie schon am Morgen des Hinrichtungstags, bevor die Freunde eintreten, bei ihrem Mann, kommt aber nur kurz zu Wort. Sie weint und klagt und wird auf Wunsch des Sokrates weggebracht. Daher ist sie bei der philosophischen Diskussion nicht anwesend. Vor der Hinrichtung kommt sie anscheinend mit ihren drei Kindern nochmals herbei und erhält von ihrem Gatten Anweisungen, wird dann aber fortgeschickt, sodass sie seinen Tod nicht miterlebt. Sokrates betrachtet Xanthippes Gegenwart als störend. Seine Aufmerksamkeit gilt seinen Freunden, die im Gegensatz zu seiner Frau seine Interessen teilen und bis zum Schluss bei ihm bleiben dürfen.[17]


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