„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

kopernikanische Wende

Die kopernikanische Wende (auch: kopernikanische Revolution) ist als das an den Umschlag vom geo- zum heliozentrischen Weltbild angelehnte Schlagwort für Immanuel Kants Versuch mit seinem Buch der Kritik der reinen Vernunft eine „Revolution der Denkart“ in der Philosophie herbeizuführen avanciert. In diesem Werk erörtert Kant seine Kritik an die jeweilig naiven Vorstellungen des Empirismus und Rationalismus, sie selbst wären in der Lage die Welt an sich zu erkennen. Weder durch die Sinne, noch mithilfe des Verstandes könne jenes geleistet werden. Dies möchte Kant argumentieren, indem er Erfahrung nicht mehr weiter als einen bloß passiv-einseitigen Akt, sondern als ein aktiv-gestaltenden Prozess zu entlarven versucht. Apriorisch lägen im menschlichen Verstand Denk- und Anschauungsformen, Kategorien usw., die primär unsere Erfahrung ordnet und erst dann infolge dieser subjektiven Einfärbung entstehe die Welt wie sie für uns ist. Die Welt an sich läge hinter dieser manipulierenden Erfahrungsbarriere und könne, da alle Wahrnehmung apriorisch durch Raum, Zeit, Naturgesetze und Weiteres das es in der Welt selbst gar nicht gibt geformt sei, nicht erfasst werden.

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Flammarion.jpg
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„Gedanken ohne (sinnlichen) Inhalt sind leer,

Anschauungen ohne (rationale) Begriffe sind blind.“

Immanuel Kants Synthese aus Empirismus und Rationalismus

Diese Zusammenfassung wurde trotz aller Gegenbemühungen sehr abstrakt und sperrig. Das liegt vielleicht auch im Wesen des komplexen Gedankens, der mit ihr möglichst umfassend definiert werden sollte, begründet. Ansporn dieser Seite bleibt jedoch das tatsächlich allgemeinverständliche Vermitteln von Gedanken und anderen Inhalten. Deshalb werden im Folgenden auch einige zeitgenössische Beispiele, die man so nicht in Kants erkenntnistheoretischem Hauptwerk findet, zur Visualisierung der Kernpunkt seiner kopernikanischen Wende bemüht. Ich hoffe, dass mit der Lektüre dieses Aufsatzes einige Leser Kants theoretische Philosophie und wie er zu dieser kam besser verstehen lernen. Es lohnt sich!

    1. Empirismus vs. Rationalismus.

Ein sich mit der Epistemologie auseinandersetzender Student steht früher oder später zwangsläufig vor immer derselben Frage: Worin liegt der Ursprung all meines Wissens? Beim darauffolgenden Nachsinnen über diese Frage wird er stets auf zwei sich gegenseitig ausschließende Positionen stoßen, die beide für sich selbst den Anspruch erheben die Frage hinreichend klären zu können. Der Empirismus meint, alles was jemand weiß entstamme aus seiner empirischen Wahrnehmung. Der Rationalismus hingegen vertritt die These alles Wissen komme vom denkendem Verstand. Vertreter beider Seiten haben gute Argumente zur Fundierung der eigenen Position gefunden, mussten aber auch viel berechtigte Kritik vom je anderen Lager einstecken. Mit seiner kopernikanischen Wende schlägt Kant nun einen zusammenführenden Kompromiss zwischen den beiden bislang streng konkurrierenden Lagern in seiner Transzendentalphilosophie vor. Bei dem aber beide Seiten Abstriche bezüglich ihrer metaphysischen Dimension hinnehmen müssen.

Wie bei jedem Kompromiss zwischen Überzeugungen müssen auch hier beide Kompromisspartner ihren Standpunkt relativieren um zueinander kompatibel zu werden, aber nicht gänzlich aufgeben. Dazu äußert Kant vorerst ein eingeschränktes Zugeständnis an den Empirismus. Dieses tätigt er insofern, als dass wenn er meint es bedürfe nämlich tatsächlich sinnlicher Erfahrung zur Erkenntnis, er den Argumente des Empirismus gegen den Rationalismus, der meint es gäbe erfahrungsunabhängige Erkenntnis, zustimmt. Gedanken ohne sinnlichen Inhalt seien leer.

Im ersten Argumentationsschritt geht Kant somit konform mit der Auffassung des Empirismus nur durch das Denken gelange man nicht zur Realität. Kant ist also kein Rationalist. Kant ist aber auch kein Empirist. Was im zweiten Argumentationsschritt deutlich wird. Denn nun versucht Kant den Rationalismus so neu auszurichten, dass dieser immun gegen die Argumente des Empirismus wird. Mit der Frage wie Kant eine solche Transformation bewerkstelligen will gelangen wir immer weiter zum Kern der kopernikanischen Revolution.

2. kopernikanische Wende nach Kopernikus

Die Bezeichnung der „kopernikanischen Wende“ entlehnt sich an das Verdienst Nikolas Kopernikus. Dieser hatte in seinem Werk „De revolutionibus orbium coelestium“ ein heliozentrisches Weltbild formuliert und somit eine fundamentale Revolution der Denkart in der Astronomie ausgelöst. Vor Kopernikus nahm man aufgrund des Vorüberziehens der Sterne und Planeten am Himmel an, dass sich die beobachtbaren Himmelskörper um die Erde herum bewegen würden. An dieser Stelle erhob Kopernikus Einspruch. Er postulierte, dass das ptolemäische bzw. geozentrische nur ein falsches, intuitives Weltbild unserer Wahrnehmung und durch den Gebrauch des Verstandes berichtbar sei. Aufgrund der nicht spürbaren Bewegung der tatsächlich vorüberziehenden Erde würden wir fälschlicherweise annehmen, es sei die Sonne, die sich bewege. Mit schlagenden Argumenten beteuerte Kopernikus jetzt, dass es in Wirklichkeit genau andersherum wäre. Die Erde bewege sich um die Sonne.

Den entscheidenden Punkt möchte ich nun noch einmal repetieren. Wenn Sie abends in den Himmel schauen (und nicht gerade in einer Großstadt wohnen), dann wird aus dem sich darbietenden Naturschauspiel eigentlich unweigerlich klar, dass sich alles um uns herum dreht. Durch bloße Beobachtung würden Sie nie auch nur ahnen können, dass dem nicht so ist. Erst durch die Benutzung Ihrer Ratio (Verstand) und der damit einhergehenden Hervorbringung rationaler Argumente gegen das geozentrische Weltbild können Sie der Illusion ihrer Empirie (Wahrnehmung) auf die Schliche kommen. Und das ist das entscheidende Äquivalent zwischen den beiden kopernikanischen Wenden. Auch bei Kant besteht ein revolutionärer Gedankenschritt darin, sich zu fragen: Ist das, was ich meine zu sehen wirklich eine Eigenschaft des Gegenstandes an sich, oder denke ich sie nur in den Gegenstand hinein?

3. kopernikanische Wende nach Kant

Genau den gleichen Ansatz verfolgt Kant in seinem Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft. In der Vorrede zur zweiten Auflage schreibt er: „Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müsste, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen.“

Kant postuliert einerseits sehr wohl die Existenz der „Dinge an sich.“ Analog zu Kopernikus situiert Kant jedoch viele Gesichtspunkte der empirischen Phänomene im Menschen selbst. Und wie beim langjährigen Fehlglaube die Sonne drehe sich um die Erde tragen wir nach Kant diese Aspekte a priori und systematisch in unsere subjektiven Erlebnisse, unserem Bild von der Welt, hinein. Erlebnisse würden somit zwar sehr wohl vom „Ding an sich“ ausgelöst, woraufhin uns aber die daraufhin hineingetragenen Aspekte (Vgl. Gefühl Erde bewegt sich nicht) fälschlicherweise als tatsächliche Eigenschaften der Wirklichkeit selbst (Vgl. geozentrisches Weltbild) oder auch als logisch deduziert erscheinen.

„Die Vernunft kann nur das an der Natur erkennen, was sie vorher in sie hineindenkt.

-       Immanuel Kant

Die von uns laut Kant in die Welt quasi konstruierend hineingedachten

Anschauungsformen und Kategorien sind u.a. Naturgesetze, mathematische Urteile (etwa die Gesetze der Geometrie), Kausalität uvm. So gäbe es etwa auch keine Raum und Zeit an sich, es sei unser Verstand, der die bloße Sinnesflut räumlich und zeitlich ordne.

 

„Der Mensch ist der Gesetzgeber der Natur! Unsere Erkenntnis richtet sich nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände richten sich nach unserer Erkenntnis.“

  Immanuel Kant

Hier räume ich wieder ein, dass die Ausführungen sehr abstrakt und schwierig vorstellbar geworden sind. Wahrscheinlich ist auch das ein Stück weit der Sache an sich geschuldet

all unsere Erfahrung ist tatsächlich räumlich und zeitlich und unsere Vorstellungskraft baut auf unseren Erfahrungen auf, weshalb es unmöglich zu sein scheint sich eine nicht räumliche oder zeitliche Welt an sich vorzustellen. Doch dies ist keine Entschuldigung und darum, wie versprochen, hier jetzt ein paar zeitgenössische Beispiele.

3.1. Wellen & Farben

Die menschliche Farbwahrnehmung entsteht erst nachdem elektromagnetische Wellen eines bestimmten Frequenzspektrums auf die Retina stoßen. Die physikalische Fachwelt ist sich einig, dass die Welt selbst nicht farbig ist. Wir tragen die Farben quasi in unser Welterlebnis rein und meinen anschließend, sie wären ein Bestandteil der Welt an sich. Durch bloßes Wahrnehmen der Welt kann man auch nicht zu einem anderen Ergebnis gelangen. Sie können noch so lange stur auf ihr rotes Auto starren. Nie wird sich auch nur das Indiz vom Hinweis eines Anzeichens dafür zeigen, dass ihr Auto real keine Farbe hat. Eigenschaften wie die Masse besitzt das Gefährt nach Auffassung der modernen Physik aber sehr wohl. Zu solcher Erkenntnis kann der Mensch aber nicht durch reine Wahrnehmung gelangen. Es bedarf des Nachdenkens, um zu erkennen, dass und was wir reindenken. Kant kante (ok, der war schlecht, aber ich wollte ja auch alles ein wenig auflockern) das für diese Annahme erforderliche Hintergrundwissen noch nicht. Das Farbbeispiel zeigt jedoch demonstrativ, warum wir unseren Sinnen nicht vertrauen und uns auch heute noch sehr wohl mit Kant auseinandersetzen sollten.

3.2. Formen & Sinn

Ebenso verhält es sich mit Buchstaben gegenüber Wörtern. An sich liegen nur gewisse Zeichen formende Tintenflecke vor. Unser Verstand jedoch formt aus diesen Buchstaben, Wörter, Sinnzusammenhänge. Wer einmal eine Sprache erlernt hat kann, beachtenswerterweise, nie mehr bloße Tintenflecke sehen. Er wird immer auch Wörter erkennen. Und so liegen auch nach Kant a priori unserem Verstand Anschauungsformen vor, die wir grundsätzlich nicht abstreichen können. Ähnlich geht es einem Hobby-Astronom. Anfangs sieht er eventuell einen blass-blauen Fleck mit bizarren Ringen. Nach einiger Zeit jedoch beobachtet er wissentlich und Kraft seines Verstandes den Planeten Saturn. Dabei haben sich nicht die Beobachtungsdaten an sich geändert, es ist vielmehr das Verhältnis des Verstandes gegenüber der Wahrnehmung der die selbige umformt.

4. Verweise

  • Metaphysik: So wie ein Mensch (sei er Legastheniker oder nicht) über die Formen an sich nichts zu sagen vermag, bleibt auch uns die Erkenntnis der Gegenstände an sich prinzipiell verwehrt. Kant fordert die Metaphysik auf diesen Anspruch ein für alle Mal aufzugeben. Es ist aber nicht so als dass Garnichts über die Welt an sich ausgesagt werden könne. Unsere Wahrnehmung von der Welt ist zwar von Anschauungsformen und Kategorien geprägt, aber gerade deshalb könnten wir eben dies a priori über sie aussagen. Etwa, dass sie uns raumzeitlich und kausal erscheinen wird. Solche Urteile seien apodiktisch. Somit umgeht Kant die Kritik des Empirismus an der rationalistischen Metaphysik.

 

  • Empirismus vs. Rationalismus: Der Zwist zwischen Empirismus und Rationalismus wird deutlich, wenn man sich die Entwicklung eines Menschen oder der Menschheit als Ganzem deutlich macht. Das bloße Aufnehmen von Sinnesimpulsen macht keine Erkenntnis doch um zu lernen braucht es Wissen darüber wie man lernt.

 

  • Transzendental & Transzendent: Diesen Zwist möchte Kant in seiner Transzendentalphilosophie aufheben. Dafür untersucht er nicht die Gegenstände, sondern die Erkenntnisart der Gegenstände.

 

  • Evolutionäre Erkenntnistheorie: Eine alternative und mir liebere Erklärung. Viele unsere Gegenstände seien ontogenetisch a priori und phylogenetisch a posteriori.

 

  • a priori & a posteriori: Auf jeden Fall hat sich die Unterscheidung zwischen Urteilen vor und nach empirischer Erfahrung bewährt.

 

  • Relativitätstheorie: Einstein liefert gute, empirisch falsifizierbare Argumente gegen Kants Standpunkt Raum und Zeit seien a priori Formen menschlicher Anschauung. Er sieht Raum und Zeit vielmehr als objektive, aber relative Entitäten an.

 

  • Doppelspaltexperiment: Auch die Quantenphysik lehrt uns, dass wir durch Interaktion mit ihr unsere Realität aktiv mitgestalten. Es stellt sich die Frage nach der Rolle des bewussten Beobachters.

 

  • Subjektiver Idealismus: Stillschweigend geht Kant von der Existenz einer objektiven Realität aus. Denn auch im Traum scheint mir die ganze Traumwelt real zu sein, dabei ist sie nur ein Produkt meines Geistes. Das könnte auch im Wachzustand so sein.

 

  • Logischer Empirismus: eine weitere denkbare Synthese aus Empirismus und Rationalismus.

 

Stand: 2014

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