„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Verdrängung

Verdrängung ist ein mehrdeutiger Begriff. In der Tradition der Psychoanalyse und Sigmund Freuds steht er für einen innerlichen Abwehrmechanismus, der vorbewusste Vorstellungen oder reale Sachverhalte vor der Bewusstwerdung zensiert oder abhält. Infolge wird das Verdrängte ins Unterbewusstsein abgeschoben. Verdrängt werden Gedanken, Gefühle, Wünsche oder Erinnerungen, weil sie tabuisiert oder beim entsprechenden Menschen mit unangenehmen Gefühlen verknüpft sind und er sich davor schützen möchte.

In Therapie, durch freie Assoziationen und Traumdeutung können verdrängte Inhalte wieder hervorgeholt werden.

Es gibt mehrere Abwehrmechanismen, worunter Verdrängung der wichtigste ist. Der Akt des Verdrängens selbst ist auch unbewusst. Was so viel bedeutet wie, dass bspw. ein Pädophiler selbst nicht weiß, wenn er seinen Sexualtrieb, etwa aufgrund gesellschaftlicher Gepflogenheiten oder eines Schamgefühls, verdrängt. Er stand nie vor einer bewussten Entscheidung für oder gegen dieses Gefühl. Anders beim Triebverzicht, wo sich der Betroffene bewusst gegen das Ausleben eines verspürten Verlangens entscheidet.

Falls ein Mensch mit pädophiler Veranlagung also mit jenem Trieb nicht zurechtkommt, kann er ihn auch verdrängen. Verdrängende Instanz ist dabei hauptsächlich das Ich. Aber wie machen es beispielsweise Kinder, die noch nicht über ein so starkes „Ich“ verfügen? Logischerweise können diese ohne ausgeprägtes „Ich“ auch nicht dem Triebanspruch widerstehen oder ihn verdrängen, was dazu führt, dass Kinder oft Sand oder eine Schokolade nach dem Zähneputzen essen, auch wenn sie das eigentlich nicht sollten.

Bekanntlich stehen manche Triebansprüche nun aber unter Strafandrohung: Noch während das Kind nach dem Sand oder der Schokolade seine Hände streckt, könnte es auf dieselben bekommen. Weil seine Eltern nicht wollen, dass er das isst.

Anderen Triebansprüchen sollte das Kind aber noch viel weniger nachgeben. Der weitbekannte Ödipuskonflikt ist ein solcher Fall. Hiernach habe das Kind den Wunsch, mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil zu schlafen. Wirklich nachgehen kann das Kind diesem Wunsch natürlich nicht. Aber auch nicht bewusst verarbeiten, also verdrängt es.

Was bedeutet das genau, verdrängen? Verdrängen heißt nicht einfach vergessen. Vergessen ist ein einmaliger Vorgang von dauerhafter Wirkung, was einmal wirklich vergessen wurde, kann nicht mehr zurückgeholt werden. Indes ist Verdrängen ein anhaltendes Verbannen von mentalen Inhalten in das Unterbewusstsein, das aber jederzeit auch wieder bewusst gemacht werden kann.

Beziehen wir das soeben Gelernte auf den Ödipuskonflikt: Im Bewusstsein wird unser Kind nicht mit dem Triebanspruch fertig, also weist er ihn ins Unterbewusstsein zurück. Damit ist die Vorstellung, die mit seinem Triebanspruch in Verbindung stand, vorläufig beendet. Aber nicht vom Tisch. Auch wenn das Kind nicht mehr um seinen Wunsch mit Vater oder Mutter zu schlafen weiß, so wirkt er doch unbewusst weiter und kann wieder vorgeholt werden.

Gehen wir auf unser Schokoladenbeispiel zurück. Wenn Sie Hunger nach oder Lust auf ein Stück Schokolade haben, ist das der Triebanspruch. Er resultiert aus der allgemeinen Bekanntschaft mit dem Kakaoerzeugnis und dem akuten Hunger danach. Dann empfinden Sie eine gewisse Unruhe, die Triebenergie - Sie wollen jetzt eine Schokolade essen. Aber vielleicht machen Sie ja gerade eine Diät und wollen keine so kohlenhydratreichen Produkte wie Schokolade mehr zu sich nehmen, womit Sie in einem Zwiespalt zwischen Triebenergie und einem persönlichem Ziel, abnehmen, stehen. Im Regelfall müssten sie sich nun bewusst für eine der beiden Seiten entscheiden: Entweder abnehmen, oder leckere Schokolade. Aber was hieße es nun, rein theoretisch, diesen Triebanspruch nach Schokolade zu verdrängen? Sie würden zwar einerseits das Verlangen nach Schokolade nicht mehr kennen, aber trotzdem weiterhin eine subtile Unruhe o.ä. verspüren.

Zu verdrängen ist also nicht immer die bessere Wahl. Stellen Sie sich die freudsche Psyche wie ein Dampfkessel vor, wobei der Dampf die Triebenergie symbolisiert. Manchmal kann es besser sein, den Dampf bzw. Triebanspruch zurückzuhalten. Tut man das jedoch zu lange, oder in falschen Fällen, kann das gehörig nach hinten losgehen. Weil dem Druck, der vom Dampf erzeugt wird, der normale Weg (Schokolade essen, mit Elternteil schlafen) versperrt ist, sucht er einen anderen Ausweg. Dieser kann sich in Ängsten oder Depressionen und Burnout, was quasi dem Explodieren des Kessels gleicht, manifestieren.

Selbstverständlich werden die wenigsten Depressionen von Schokoladenentzug oder dem Fehlen einer inzestuösen Beziehung hervorgerufen. Aber jeder von uns hat irgendetwas, das er anderen und nicht einmal sich selbst eingestehen möchte. Was denken Sie, könnte es bei Ihnen sein? Wenn es Sie zu sehr belastet, sollten Sie einen Psychologen, oder auch einfach zunächst einmal einen guten Freund aufsuchen. Nur Mut!

Einige würden Ihnen davon abraten, einen Psychoanalytiker, statt einen herkömmlichen Psychologen um Hilfe zu fragen. Auch ich. Doch wie würde ein Psychoanalytiker auf ihr Bitten reagieren? Aus Deutungen von Träumen, gedankenlosen Assoziationen, Hypnose und weiteren Methoden wird er versuchen, ihre verdrängten Vorstellungen ans Tageslicht zu bringen. Mit der Bewusstwerdung des Verdrängten sollten dann auch die Symptome, die eben durch die Verdrängung hervorgerungen wurden, verschwinden. Die Verdrängung und all ihre negativen Begleiterscheinungen seien so zu beenden, so zumindest die psychoanalytische Heilsversprechung.

Über Freud hinaus

Heute bedeutet Verdrängung etwas anderes. Eingeführt wurde der Begriff in seinem psychologischen Sinne von Freud aber erstmals. Die Öffentlichkeit übernahm ihn und veränderte zu einem Allerweltswort. „Die 0:6 Pleite gegen die Bayern habe ich verdrängt“, bedeutet für uns sich nicht erinnern wollen, nicht sich es nicht können (man redet ja schließlich vom genauen Ergebnis).

Aber auch habilitierte Psychologen und Psychotherapeuten verstehen unter Verdrängung nicht immer das, was Freud darunter verstand. Für die heutige, wissenschaftliche Psychologie ist Verdrängung meist die Verdrängung eines belastenden, angsteinflößenden Ereignisses. Wohingegen bei Freud in jedem Triebanspruch das Potential liegt, verdrängt zu werden.

Verweise

  • Falsifikationismus: Was ist Verdrängung? Und gibt es sie überhaupt so, wie Freud sich das vorgestellt hat? Ihre Umschreibung ist bildhaft, und somit leicht verständlich, aber auch sehr vage. Wonach sollen Neurowissenschaftler suchen, wenn die Rede von Verdrängung ist? Solange wir keine Antwort auf diese Frage haben, solange sich keine empirisch falsifizierbaren Vorhersagen aus Freuds Theorie ableiten lassen, ist das Postulat „Verdrängung“ zwecklos für die empirischen Wissenschaften.

  • Selektion: Wer verdrängt, vergisst nicht einfach alles, was innerhalb einer gewissen Zeitspanne passiert ist. Er schiebt selektiv die Erinnerungen, die er als unangenehm erachtet, in das kognitive Hinterstübchen namens Unterbewusstsein.

  • Stefan: Leute, die sich zu Kindern sexuell hingezogen fühlen. Man redet oft darüber, selten aber mit diesen Menschen.

Stand: 2015

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