„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Trieblehre

Nach Sigmund Freud sind Triebe physische Kräfte, die meist aus einem Mangel heraus entstehen und dann eine psychische Repräsentation (den Drang) hervorrufen. Sie bilden somit einen Schnittpunkt zwischen Körperlichem und Psychischem. Die zeitliche Abfolge einer Triebhandlung lässt sich formal wie folgt kategorisieren: 1. Quelle (immer physisch) - 2. Drang (z.B.: Sexualtrieb) – 3. Objekt (z.B.: Nachbarin; kann sehr häufig variieren) – 4. Ziel (Sex). Der berühmte Terminus Libido ist Freuds Bezeichnung für die Energie des Sexualtriebes und findet in der Alltagssprache eine Verwendung, die gleichbedeutend mit sexuellem Begehren ist.

Ein weiteres wichtiges Konzept bei Freud ist der Eros, der Lebenstrieb, dessen Ziel die Art- und Selbsterhaltung ist.

Aus reduktionistischer Grundhaltung heraus versuchte Freud die Vielzahl der Triebe auf möglichst wenige zurückzuführen. Zunächst subsumierte er alle Triebe unter dem Selbsterhaltungstrieb und dem Sexualtrieb, später unter dem Lebens- und Todestrieb.

Um die tatsächliche Existenz eines menschlichen Todestriebes ist eine Kontroverse, u.a. mit Marxisten, entstanden. Dies und viele weitere Aspekte seiner Theorie brachte Freud über die Zeit hinweg viele Kritiker ein, die u.a. meinten, er vereinfache zu stark, wenn er das gesamte Seelenleben sexualisiere. Darunter waren auch viele Kritikpunkte nicht rational, sondern persönlich oder religiös motiviert. Die vielseitige Kritik an Freud reicht bis in die Gegenwart, wobei ihm einige große Verdienste kein ernstzunehmender Kritiker absprechen wird. So zum Beispiel die Erkenntnis, dass bereits Kleinkinder eine gewisse Sexualität besitzen.

Genauso wie Wittgenstein, so meine persönliche Meinung, hat auch Freud die enorme Bedeutung eines in seiner Geisteswissenschaft bisher weitgehend unbeachteten Aspektes entdeckt. Beides war revolutionär: Bei Wittgenstein die Sprache für die Philosophie, bei Freud der Trieb für die Psychologie, beziehungsweise allgemeiner die menschliche Triebhaftigkeit. Aber genauso wie auch Wittgenstein mit der Sprache hat auch Freud die Bedeutung des Triebes für die menschliche Psyche gleichsam überschätzt, als er sie als zentralen Angelpunkt seiner Disziplin postulierte. Der Mensch ist eben weder a priori nur der Copilot einer ES-gesteuerten Psyche, wie es Freud übertrieben formuliert annahm, noch per se ein rein vernunftbegabtes Wesen, wie Kant das in etwa meinte.

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