„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Aristoteles´ Ursachenlehre

Aristoteles führt in der Physik, Kapitel II 3, die Unterscheidung von vier Ursachenbegriffen ein:

 

(1)  Formursache (causa formalis)

(2)  Stoffursache (causa materialis)

(3)  Wirkungsursache (causa efficiens)

(4)  Zweckursache (causa finalis)

Beispiel & Begriffsbestimmung

Etwas, eine Ursache, bewirkt etwas anderes. Soweit kennen wir den Ursachebegriff und leuchtet er uns ein, nur, dass der Begriff bei Aristoteles viel umfangreicher war als im heutigen Sprachgebrauch. Was wir heute als Ursache verstehen, war bei Aristoteles nur eine, nämlich die Wirkungsursache, von vieren. Daneben kannte er die Form-, Stoff-, und Zweckursache.

Diese weiteren Vorstellungen darüber, was eine Ursache sein kann, sind uns aber wie gesagt nicht geläufig. Deshalb möchte ich sie am Beispiel einer Statue erläutern, wie es auch Aristoteles selbst verwendete. Das heißt, zuerst gibt es noch keine Statue, zuerst gibt es nur die Idee davon. Die Status muss erst gebaut werden. Was sind die Ursachen für diese Statue? Die Stoffursache ist der Steinblock, aus dem die Statue gehauen wird. Die Idee (z.B. Gedanke oder Plan), nach dem die Statue gehauen wird, ist deren Formursache. Damit sind wir auch schon bei der Wirkungsursache, dem Bildhauer. Er realisiert die Form auf Basis des Stoffes. Und was ist jetzt noch die Zweckursache? Das ist der Zweck, der mit dem Bau der Statue verfolgt wird, zum Beispiel die Huldigung eines Kriegshelden.

Aus diesem Beispiel lassen sich folgende Definitionen erschließen:

1. Formursache

Die Formursache (lateinisch: τ τί ν εναι, οσία) ist die Form, das Urbild oder das Denken von etwas und für die wesentliche Was-es-heißt-dies-zu-sein Bestimmung dieses Etwas verantwortlich. Das, was aus dem Stein gehauen wird, ist eine Statue, weil es seiner Form nach das ist, was es heißt, eine Statue zu sein.

2. Stoffursache

Die Stoffursache, auch Materialursache (lateinisch: τ ξ ο, λη) ist der Stoff oder das Material, d.h. das Gegebene, woraus etwas besteht bzw. zusammen mit den anderen drei Ursachen entsteht. Im Fall der Statue ist die Stoffursache das Gestein.

3. Wirkungsursache

Die Wirkungsursache, auch Bewegungsursache (lateinisch: ὅθεν ἡ ἀρχὴ τῆς κινήσεως) ist die wirkende Ursache, der Impuls, von dem eine Veränderung ursprünglich ausgeht. Der Bildhauer ist die Wirkungsursache für unsere Statue. Nach heutigem Sprachgebrauch würden wir nur die Wirkungsursache als echte Ursache betrachten, alle anderen drücken mehr eine Modalität (wie etwas ist bzw. wird), denn eine Kausalität (warum etwas ist bzw. wird) aus.

4. Zweckursache

Die Zweckursache, auch Zielursache (lateinisch: τὸ τοῦ ἕνεκα, τέλος) ist die Absicht, das Ziel, der Zweck, mit dem etwas geschieht. Wird die erwähnte Statue mit dem Zweck gehauen, nachher einmal einen Kriegshelden zu portraitieren bzw. zu huldigen, ist dies ihre Zweckursache.

Die Vorstellung von der Zweckursache ist für uns heute die befremdlichste, weil in unserem Weltverständnis nur Lebewesen Zwecke im Sinne von Intentionen verfolgen können. Alles andere geschieht einfach. Für die Antiken Griechen jedoch war die Welt noch teleologisch gestrickt, d.h. alles in ihr geschah aus einem Zweck und Ziel heraus.

Eine Büsten-Statue des Aristoteles.
Eine Büsten-Statue des Aristoteles.

Verweise

  • Thales: Mit der Stoffursache stellt Aristoteles eine uralte, philosophische Frage: Woraus besteht das gesamte Sein bzw. ist es entstanden? Thales meinte, alles sei (durch) Wasser.
  • Warum ist etwas?: Einer der ersten und grundlegenden Termini der Philosophie ist die arché, der Urgrund alles Seienden. Für Aristoteleswar die Philosophie selbst die Wissenschaft von den ersten Gründen bzw. Ursachen des Seienden. Die erste aller Ursache sah er im unbewegten Beweger.

Stand: 2015

Kommentare: 1
  • #1

    Kai (Montag, 01 Februar 2016 14:29)

    Hey! Schön erklärt, aber die Originalbegriffe sind griechisch, nicht lateinisch! ;)


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