„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Lehramt in Peru

Zwischen Abitur und Studium werde ich ehrenamtlich eine Lehramtstelle für Sport und Englisch an einer öffentlichen Schule im Norden Perus wahrnehmen. Meine Schule trägt den Namen „Colegio Santa Isidro“ und liegt im Surferparadies Pimentel, 15 Minuten von der nächstgrößeren Stadt Chiclayo entfernt.

Dieser Aufsatz gleicht einem rudimentären und geschwärzten Live-Bericht. Ich schreibe euch also live und direkt einiges, aber nicht alles von meinen Erlebnissen und Eindrücken in Peru / Pimentel. Dies geschieht mit dem Mobiltelefon, anstatt wie üblich auf dem Laptop, was Rechtschreib- und Formatierungsfehler nach sich ziehen könnte. Jetzt bin ich selbst gespannt, was mich im Land der Inkas und Alpakas erwartet. ¡Vamos!

 

Cut. Zumindest war das so geplant. Nun habe ich auch lange nach meiner Zeit in Peru nichts zu dieser veröffentlicht, weil hier Sachen passiert sind, die:

a) In der unmittelbaren Zeit danach nicht an die Öffentlichkeit sollen

b) Unerlässlich sind, um inhaltlich und nicht nur formal Peru-Erlebnis zu verstehen.

Gerade sitze ich mit starkem Kopfweh vorm Laptop und tippe diesen Bericht ein, der erst in ein paar Jahren online erscheinen wird. Kopfweh habe ich seit Huaraz, was mir nach über 2 Monaten zum ersten Mal die Zeit schenkt über alles Vergangene nachzudenken und zu schreiben. Ich stehe hier nämlich unter Dauerstrom, schlafe oft nicht mehr als 3 Stunden und bin am Tage davon nicht mal mehr beeinträchtigt. Aber Eines nach dem Anderen. Geschichten erzählen sich am besten von früher nach später, weil spätere Zustände aus früheren hervorgehen und sich so auch erst richtig verstehen lassen:

1. Lima

Alles beginnt in Lima. Ich war im Vornherein noch schlau genug den Hinflug eine Woche vor meinen Einzug in Pimentel zu legen und habe so Zeit mir ein Hostal in Lima zu suchen und die Tag- und Nachtkultur der Hauptstadt Perus kennenzulernen. Ein Hostal ist auch schnell gefunden, nur kenne ich niemanden hier, der mit mir die Stadt erkunden würde. Eigentlich kenne ich hier gar niemanden. Und alleine ist alles doof. Und noch während ich das denke und mein Zimmer beziehen möchte, schlendern mir zwei Argentinier entgegen. Man wechselt ein paar Worte, die beiden sind auf Durchreise, wollen sich gerade die Innenstadt ansehen und fragen, ob ich mitwill. Ein Wink des Schicksals und ich folge, werfe mein Koffer in das Zimmer und verbringe die nächsten 4 Tage mit zwei echt coolen Argentiniern.

Wir schauen uns die Altstadt, Museen und vor allem den älteren Part Limas an. Bei einer Zeremonie haben wir sogar das Glück den Präsidenten vor seinem Palast zu sehen (wenn auch aus großer Ferne). Die ersten drei Nächte sind wir in Diskotheken feiern, in der vierten müssen Claudio und Santiago, so heißen die Argentinier nämlich, ihre Koffer packen. Für sie geht es am nächsten Morgen weiter zum Machu Picchu, aber auch das passt wieder, denn so lerne ich eine interessante Argentinierin kennen, die von ihrem Mann verlassen wurde und sich seitdem ohne festen Wohnsitz, aber mit Kind - und mit unniederringbarem Lächeln - durch die Welt schlägt.

Am nächsten Morgen kann ich zum ersten Mal ausschlafen. Sonderlich erholsam soll man sich aber auch das nicht vorstellen, in meinem kleinen, heißen und stickigen Schlafzimmer. Allgemein ist das Hostal ziemlich heruntergekommen, liegt aber im wohlhabenden Viertel Miraflores. Und lieber in einem schlechteren Hostal innerhalb einer sicheren Gegend wohnen als andersherum. Heute treffe ich mich mit zwei Peruanerinnen, die ich in einer Diskothek kennengelernt habe an einer Strandbar. Es wird ein toller Tag und viel gelacht, auch wenn ich leider feststellen muss, dass die Menschen, die es sich leisten können hier in eine Diskothek zu gehen, sich auch (zumindest in diesem Fall!) etwas darauf einbilden und so zu unangenehmen Zeitgenossen werden.

Kurz nachdem ich wieder im Hostal eintreffe, sind auch schon zwei neue Gäste eingecheckt, die auch deutsch sind und auch in am Wochenende nach Chiclayo fahren. Eine der beiden führt uns zu einem ihrer ehemaligen Klassenkameraden, der gebürtig aus Peru kommt, gerade hier lebt und er uns ein wenig durch Miraflores und die Pazifikküste entlang. Die Zeit fliegt, bald sitzt man schon im Bus nach Chiclayo – Pimentel und blickt auch noch ein wenig auf Lima zurück: Es war eine großartige Zeit und ein verheißungsvoller Start in eine ganz sicher spannende Zeit.

Fällt Ihnen am vorletzten Bild etwas auf? Die Flagge der peruanischen

Region Cusco ist optisch äquivalent zur internationalen Gay-Pride Flagge.

2. Sprachschule

2.1. Residence

Frühmorgens komme ich in Chiclayo an und suche mir ein Taxi nach Pimentel. Der Minutenzeiger springt dann noch etwa vierzig Mal zur Seite, bis ich gespannt vor meinem zukünftigen Wohnort stehe - und ich werde nicht enttäuscht: Meine Mitbewohner sind genau wie ich ausländische Jugendliche, die temporär in Peru leben und unsere Bleibe (es wird englisch geredet) bezeichnen sie hier alle als „student residence“. Das trifft es ganz gut, ähnelt der Komplex doch tatsächlich einer Art kleinem Studentenwohnheim: Drei Stöcke mit je vier 1er bis 6er Zimmern, in denen feierwütige Menschen aus aller Welt eine Nacht bis über ein Jahr wohnen. Ich selbst wohne im dritten Stock, alleine, weil hier Geschlechtertrennung herrscht und von knapp 40 Mitbewohnern/-innen nur noch einer mein Geschlecht teilt. Mir kommt das ehrlich gesagt sehr gelegen, mein Zimmer nicht mit einer zweiten Person teilen zu müssen, weil ich in ihm so ein Raum und eine Zeit für mich finden kann und wenn ich unter Leute und Trubel sein möchte ja nur den Fuß vor die Zimmertür setzen muss. Außerdem habe ich nur für ein Mehrfachzimmer gezahlt und bekomme glücklicherweise dennoch ein Einzelzimmer (wenn auch kein Einzelzimmer, ich schlafe in einem Doppelbett).

Aber nun gut, ich verzettele mich. Im ersten Stock wird gekocht und es ist schön zu sehen, wie - alles in allem - gut die Eigenorganisation auch hier klappt und unsere Küche nicht im Chaos versinkt. Selbst bekoche ich mich im Schnitt etwa einmal täglich, zweimal esse ich, bleibt also noch einmal essen außer Haus. Das kann man sich auch leisten, weil ein billiger Mittagsteller im Restaurant nur 7 Solels, das sind gerade 2€, kostet und es da gar kein Ersparnis mehr ist sich selbst etwas zuzubereiten. Wer trotzdem die Eigeninitiative präferiert, etwa weil gesund essen gehen echt schwer ist, kann im Stadtmarkt Obst, Gemüse und Tierprodukte direkt vom Produzenten kaufen. Eine Möglichkeit für private Partys bietet uns die ausladende Dachterrasse („cuarto piso“), wovon ich weniger Gebrauch mache, der Grund dafür … :

2.2. ???

...

2.3. Sprachschule

Während meines ersten Monates in Pimentel besuche ich eine Sprachschule, das zweistöckige Lehrgebäude liegt etwa 500m von der Residence entfernt und bietet mir die Möglichkeit mein Spanisch aufzubessern, bevor ich vor meine Schüler trete. Ich habe im Vornherein habe viel Schlechtes über die „Academia de Idiomas“ gelesen, sie sei zu elitär und unorganisiert, kann rückblickend aber keinen dieser beiden Vorwürfe bestätigen. Natürlich, ich habe nur 4 Wochen am Unterricht teilgenommen und kann nur für diese begrenzte Erfahrung sprechen. Persönlich habe ich die Bildungseinrichtung aber weder als so elitär, dass es kein Spaß machen würde, noch als zu leger, sodass man nichts lernen würde, erfahren. Falls ich dahingehend etwas bemängeln sollte, würde ich den Unterricht sogar eher als zu bequem bezeichnen, man will ja auch was lernen. Das hängt aber natürlich von den eigenen Vorlieben und Vorstellungen ab. Ebenso wenig habe ich die Leute bei AdI als extrem unorganisiert erlebt (zumindest nicht für peruanische Verhältnisse). Einmal trat ich bspw. mit dem recht ungewöhnlichen Wunsch einer Teilnahmebestätigung an sie heran, macht sich ja vielleicht mal gut in einer Bewerbung der Wisch und mittlerweile habe ich ihn auch offiziell bestempelt und beglaubigt in einer Glassichtfolie im Zimmer liegen. Ich würde zusammenfassend keine unbedingte Empfehlung für die Sprachschule abgeben, für die Bestätigung musste ich doch auch mehrmals nachhaken und kam mehrmals nach ausgemachten Aushändigungsterminen mit leeren Händen nachhause, aber ganz so schlecht wie sie gemacht wird ist sie sicherlich nicht. Und sie ist billig. Und hat einen Pool. ;-)

2.4. Cajamarca

Über Ostern reise ich nach Cajamarca. Zusammen mit drei deutschen Mädchen, die ich in Pimentel kennen gelernt habe, nehmen wir einen Reisebus und suchen uns spontan vor Ort ein preisgünstiges Hostal. Cajamarca wird nicht umsonst als „die peruanische Schweiz“ angepriesen, die wunderschöne Stadt liegt mitten in den Bergen, pflegt eine große Milchwirtschaft und ihre Bewohner oft ein inniges Verhältnis zur Natur. Dementsprechend schön ist auch meine Zeit dort, wir besuchen die Baños del Inca (Inkabäder),  die Ventanillas de Otuzco (Felsengräber) und den Silla del Inca (Thron des letzten Inkakönigs). Etwas Essentielles, unbedingt Erwähnenswertes, bringt sie aber nicht mit sich.

2.5. Zwischenfazit

Ich bin jetzt erst 4 Wochen in Peru und muss sagen, es war die beste Zeit seit gefühlten Ewigkeiten. Mir ist, als ich hätte ich kurz Luft geholt, wäre in eine neue Welt eingetaucht und nach einem genussvollen Atemzug ist der erste Monat in Pimentel auch schon vorbei. Man taucht auf und denkt darüber nach, was doch alles außerhalb und in einem passiert ist.

Ich habe mich in eine wundertolle Frau verliebt. Nun ist Liebe eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für Partnerschaft und Glück, hinreichend wird es, wenn sie zurückliebt (einseitige Liebe heißt einseitige Abhängigkeit und endet meist grausam) und du auch fernab dieses starken emotionalen Herzengefühls das Bauchgefühl hast, es mit einem Menschen zu tun zu haben, auf den du guten Vertrauens dein Lebensglück aufbauen kannst. Und ja, sie liebt mich auch und ja, es fühlt sich richtig an -nicht alles, aber alles in allem. Und deshalb sind wir ein Paar.

Ein positiver Nebeneffekt in unserer Beziehung ist, dass sie keine zwei Wörter Englisch, geschweige denn Deutsch spricht und ich so „gezwungen“ bin, alles auf Spanisch zu sagen. Und da wir uns seit Tag 1 kennen, verbessert sich mein Spanisch sehr.

Ansonsten sind es die Kleinigkeiten in Pimentel, die das Leben hier so lebenswert machen. Ich sehe jetzt schon vor mir, wie ich während des anstehenden Studiums vor einem dicken Wälzer sitze und es vermissen werde, bei heißem Sonnenschein und obenohne die Flecken aus meinen Kleidern zu schrubben, Bob Marley aus blechernen Lautsprechern zu hören und spontane Wasserschlachten zu starten. Es ist generell überraschend, dass unsereins mehr auf W-Lan (was wir hier haben), denn auf eine Waschmaschine (die ich nicht gegen meine Waschbürste eintauschen wöllte) angewiesen sind. Aber auch W-Lan braucht man ja eigentlich nicht unbedingt.

Überhaupt frage ich mich des Öfteren, wo der Mehrwert liegt, der rechtfertigt, dass wir im Westen so viel und hart arbeiten. Ich habe ihn bis heute nicht gefunden, auch die Peruaner haben etwas zu essen, Strom, fließend Wasser und ein Dach über den Kopf, was den qualitativen Lebensqualitätszuwachs ausmacht, für den wir uns regelmäßig in den Burnout schaffen, erschließt sich mir nicht. Aristoteles meinte, Glück sei das eigentliche Ziel hinter allem, was wir tun. Der Wunsch Karriere (Anerkennung, Geld, Frauen) zu machen ist dann nur der oberflächliche Ausdruck eines tieferliegenden Glückwunsches. Ich denke, dass wir Deutschen immer nur Dingen hinterherlaufen, von denen wir uns später mal Glückseligkeit versprechen und dabei ganz vergessen einfach mal jetzt glücklich zu sein. Das können wir von den Peruanern lernen.

Was mir zu dem Thema noch ein- bzw. aufgefallen ist: Es ist doch ein Unding, von einer Lebenserwartung zu sprechen, also von dem, was einer vom Leben zu erwarten hat, wenn wir doch nur die Lebensdauer meinen? Was man wirklich vom Leben erwarten kann, lässt sich nicht quantitativ in Jahre oder BIP bemessen.

3. Englisch- und Sportlehrer

Nach den 4 Wochen Sprachschule gehe ich in eine öffentliche (d.h. ärmliche) Schule und unterrichte dort Englisch, aber vor allem auch Sport. Zuerst die Formalien: In der Schule werden Kinder im Alter von 5 bis 14 Jahren unterrichtet, die Klassengröße schwankt zwischen 15 und 40 Schülern, wobei ich mir die größeren Klassen mit Greta teilen kann. Greta kommt auch aus Deutschland und unterrichtet hier schon seit August letzten Jahres dieselben Fächer wie ich jetzt. Sie kennt den Laden daher mittlerweile und hilft mir freundlicherweise immer wieder, wenn ich bspw. nicht weiß, wie ich mit Schulschwänzern umgehen soll. Geschwänzt wird wenn, dann eigentlich nur Englisch, für den Sportunterricht stehen mir zwei geteerte Felder und die Staubflächen dazwischen, Basketballkörbe, Fußballtore, 2 Rutschen und ein paar kleinere Utensilien wie Sprungseile, an denen sich die Kinder dann austoben können, zur Verfügung.

Hier seht ihr Greta und mein Standardenglischklassenzimmer.  Für meine Stimme am Ende entschuldige ich mich ;-)

Für den Englischunterricht verwende ich vor allem die Tafel, die mit Edding statt mit Kreide beschriftet wird und englische Lernlieder (siehe Video oben). Die Südamerikaner liiiieeeebbbbeeennn es zu singen. Die Englischkenntnisse meiner Schüler sind erwartungsgemäß niedrig, aber dass man sich selbst mit den anderen Englischlehrern nicht auf Englisch unterhalten kann, erschreckt mich dann schon. Ich fange also bei Null an, bringe den Kids Buchstaben und Haustiere auf Englisch bei und versuche den Unterricht so zu gestalten, dass die Kinder Spaß dabei haben. Das scheint mir außerordentlich gut zu gelingen, schnell werde ich zum Liebling der Schüler, die mich  sobald sie mich sehen in den Arm nehmen, mich nie mehr loslassen wollen und liebevoll „Papi“ nennen.

Die anderen Lehrer sind gewohnt unbeliebt und das ehrlich gesagt auch nicht ganz zu Unrecht, zwar ist hier keiner wirklich gemein, dafür aber fast alle antriebslos. Als ich mit Greta und einer Reihe von Schülern auf der tristen Schulfläche ein Garten anlegen oder meine Kinder zu einem Schulmarathon anmelden möchte, schlägt mir folglich keine Begeisterung entgegen. Trotzdem kriege ich beides durch und wir ein wenig guten Schwung in diese Schule.

Jeden Morgen um 6 Uhr schrillt mich mein Wecker aus den Federn. Nachdem ich mich gerichtet habe, laufe ich bei einer älteren Frau vorbei, die morgens Brot an der Straße verkauft, frühstücke dürftig und nehme einen der regelmäßig fahrenden Combis, um zur Arbeitsstelle zu gelangen. Mein Arbeitstag beginnt um 7.30 Uhr, montags bis donnerstags unterrichte ich 5 Stunden Sport und 2 Englisch, freitags alle 7 Stunden Sport. Mit 7 Arbeitsstunden am Tag (zzgl. Vorbereitung der Stunden) arbeite ich nach deutschem Maßstab Teilzeit. So steht es zumindest auf dem Papier.

Was nicht drauf steht, ist: Nachmittags greife ich meiner Freundin noch zusätzlich bei ihrer Arbeit als Kinderanimateurin unter die Arme. Die letzten Wochen waren es durchschnittlich 5 Tage in der Woche, in denen ich ihr geholfen habe, wohlgemerkt nachdem ich bereits 5 bis 7 Stunden Sportunterricht in der senkenden Mittagssonne gegeben habe. Das alles macht mein Leben natürlich ungeheuer aufzerrend, aber auch wunderschön: Vormittags darf ich Kindern mit Bildung das Tor zu einem besseren Leben öffnen, und nachmittags der Frau, die ich liebe, und somit auch indirekt ihrer armen Familie, behilflich sein. Meine Unterstützung an ihr äußert sich in der Mitent- und Mitabwicklung der Show, bei der Organisation und der Erledigung des Papierkrams, bei der Hilfe des schnellen Kleiderwechsel, die so eine Show erfordert. Vieles nehme ich auch auf Video auf, bearbeite es, lade sie auf YouTube hoch und betreibe auf diesem Weg sogar ein wenig Merchandise für sie. Die Arbeit mit S. dauert noch einmal 3 bis 5 Stunden, was insgesamt 10 bis 12 fordernde Arbeitsstunden macht.

Nach alldem gehen wir oft noch in der Diskothek Magno tanzen, oder in die Rustica-(Karaoke)Bar unsere alten Lieder trällern (den Ort unseres ersten Kusses), so haben wir noch ein wenig Zeit füreinander. Meist wird es 2 Uhr nachts, bis ich erschöpft, aber tiefglücklich ins Bett falle. S. kann morgens ausschlafen und wir haben nur nachts Zeit füreinander, deshalb wird es auch unter der Woche immer dermaßen spät bzw. früh. Man könnte annehmen, dass ich mit 4 Stunden Schlaf gegenwärtig sehr müde bin und ich hätte dasselbe erwartet. Glücklicherweise macht es mir aber kaum etwas aus so wenig zu schlafen, zwar bin ich kurz nach dem Aufwachen immer saumüde, jedoch dann folgt ein Sog aus tollen und herausfordernden Dingen, die ich nur für eine begrenzte Zeit wahrnehmen darf und mich meine Müdigkeit vergessen lassen. Erst dann, wenn ich abends wieder im Bett liege, merke ich erneut, wie müde ich eigentlich bin - und dann schlafe ich auch schon ein.

3.1. Huaraz & Chan-Chan

3.2. ??

...

3.3. Surfen

Gegen diese Geschichte wirkt natürlich alles andere wie eine Kleinigkeit. Trotzdem möchte ich kurz noch auf den Surfausflug eingehen, der am Morgen nach diesem „Happening“ seinen Anfang fand. Wir sind 28 Leute, etwa die Hälfte davon peruanischer Herkunft und mit zwei Combis unterwegs. In den Kleinbussen fahren wir die Pazifikküste entlang, angefangen in Pimentel und gen Süden. Tagsüber sind wir an den besten Surfstränden Perus, grillen, feiern und vor allem sind wir am Surfen, nachts zelten wir am Strand, fahren am Tag darauf zum nächsten Spot und surfen weiter.

Einem guten Kumpel und unheimlich talentierten Surfer zerbricht das Surfbrett, als sich während der ersten Fahrt die Halterung löst und sich alles Gepäck auf und neben der Straße verteilt. Mir schlägt ein Brett vom vorderen Bus direkt vor die Seitenscheibe und ich bin heilsfroh, dass das Glas standhält. Dazu kommen wir auch noch in einen riesigen Sandsturm, der mich wieder zu einem Halten und gespannt abwarten zwingt. Die restlichen Tage verlaufen dann aber ungefährlicher. Immer wieder lassen sich Geisterstädte beobachten, halbfertige Gebäude, an denen keiner mehr weiterbaut und in denen keiner lebt.

Ich habe bereits vor und werde noch nach dem Surftrip regelmäßig am Pimenteler Strand surfen gehen. Für mich klang auf einem Stück Polyester über das Wasser zu fahren immer wie ein Wunderding, bis ich das erste Mal auf einem Brett stand, über das Wasser fuhr und bemerkte, wie leicht es vom Prinzip eigentlich ist. Man liegt sich mit dem Bauch auf das Surfbrett und schwimmt aufs Meer hinaus, immer schön entgegen der Stromrichtung, weil man sonst unmerklich abtreibt und völlig verwundert 2 Kilometer weiter nördlich (so geht der Strom hier) an Land geht (ich spreche aus Erfahrung ;-)). Dabei gilt es zu beachten, dass man den Kopf immer geradeaushält und nur mit den Händen, nie mit den Füßen paddelt.

Mit der Zeit hat man ein Gefühl dafür, wann die richtigen Wellen kommen. Dann paddelt man für kurze Zeit nur mit einer Hand und dreht das Brett so um 180° gen Strand. Bis jetzt war alles ein Kraftakt, jedoch ein sehr unkomplizierter. Jetzt kommt der entscheidende und einzige anspruchsvolle Teil, sobald dich die nächste Welle erfasst stellst du dich im richtigen Moment blitzschnell auf das Brett und fährst bestenfalls durch die nächsten Tube (den Wellentunnel). Als Anfänger kannst du auch einfach geradeaus fahren, bis du an Schwung verlierst und ins Wasser plumpst. Dann kannst du wieder zur nächstbesten Welle rausfahren und der Spaß beginnt von neuem. Wenn die Muskelkraft nachzulassen scheint, kompensiere sie durch Willenskraft. Bis man irgendwann körperlich wirklich geschafft, aber innerlich hundsglücklich zurück an den Strand geht.

Technisch ambitionierter wird es, wenn man mit schmaleren Brettern auf höheren Wellen reitet, aber vom Prinzip ist Surfen wie gesagt nicht schwer. Ich selbst habe sehr schnell gelernt, was vielleicht auch einfach daran liegt, dass ich bereits wakeboarden war.

3.4. Zurückkommen

"Immer überall, aber nie ganz da."
Sierra Kid

Auch die schönste Zeit hat einmal ein Ende. Und leider Gottes gehen derart glückliche Lebensabschnitte gefühlt auch am schnellsten vorbei. Irgendwie kommt es einem dann stets so vor, als wenn man gerade erst hier angekommen wäre, aber im Kalender ist der Rückflug bis auf ein paar Tage hervorgerückt. Und das Traurigste: It's time to say Goodbye - ohne mit Gewissheit sagen zu können, ob es nur für vorübergehend oder für immer ist.

Als erstes ist meine Schule an der Reihe, die ich bereits 10 Tage vor meinem Rückflug verlasse. Diese 10 Tage brauche ich, um mir meine Sprachschul- und Lehramtszeit zertifizieren zu lassen, mein Zimmer abzubeziehen und mein Wohnort abzumelden, natürlich für SIE und weil ich meine letzten 3 Tage in Peru in einem Hostal in Lima, nahe dem Airport verbringen werden. Obwohl mir die Kinder wirklich ans Herz gewachsen sind, fällt mir der Abschied zunächst leichter als erwartet. Dann jedoch fangen ein paar meiner Schüler an zu weinen und sagen mir, dass ihr „Papi“ nicht gehen soll – das berührt mich.

Noch berührender ist natürlich die Verabschiedung von S. (In den Parts, die online kommen, schreibe ich ihren Namen nicht aus). Wir wissen (bis heute) nicht, wie und ob es mit uns zweien weitergehen wird und sagen uns das auch so ehrlich. Auf irgendeine Art und Weise finden wir auch ein tolles Ende in Pimentel, auch wenn ein Ende nie nur toll sein kann, weil es immer auch verabschieden und loslassen müssen bedeutet. Und wenn es noch so schmerzhaft ist loslassen zu müssen, spricht dies auch nur für die wunderbaren Geschichten, die man eine Zeit lang miteinander teilen durfte und einem niemand mehr nehmen kann.

# But maybe it´s not about the happy ending.

Maybe it´s because of the story..

Auf jeden Fall geht es für mich wieder zurück nach Deutschland, alleine. Wenn Liebe verrückt macht, will ich nicht wissen, was die Einsamkeit mit einem anstellt. Obwohl es mehr die Gefühle sind, die ich mit ihr verbinde und die ich liebe und vermissen werde, als ihr physisches Ich. Überhaupt ist es immer sinnvoll, sich zu fragen, was man wirklich an einer Person liebt. Wenn man etwa mehr die Erinnerungen an einst, als die Person selbst vermisst, mit der man sie teilt, ist das ein Zeichen dafür, dass es das Ende sein soll(t)e. Ich weiß nicht, ob auch uns das passieren kann, auf jeden Fall werden wir es uns mit aufrichtiger Ehrlichkeit sagen, so wie wir uns immer alles ehrlich gesagt haben.

Rückblickend kann ich sagen, dass mir Peru etwas sehr gutes gegeben hat, mit einer Intensität, wie ich sie viel zu lange nicht mehr erlebt habe.

Verweise

  • Tumor / Segunda FamiliaMein Tumor mit schwerem Verdacht auf Krebs, die bürgerkriegsähnliche Situation in Panama und jetzt der Unfall: Ich scheine eine Begabung dafür zu haben, in schwierige Situationen zu gelangen und – ohne dass das in meiner Hand liegt –heil davon zu kommen.
  • Verständnis: S. versteht, wie ich denke, ohne dass sie versteht, was ich denke. Dass die Menschen einfach glücklich sein sollten, ohne immer unglücklich zu sein, weil sie etwas nicht besitzen / sind / können, wovon sie sich Glück versprechen. Sie wird diesen Gedanken wohlmöglich nie kapieren oder ihn für Geschwätz halten. Aber sie versteht ihn mit jeder ihrer Handlungen mehr, als alle, die ihn nur verstandesmäßig verstehen.
  • Wahre Liebe: Kurz nachdem wir uns im Terminal de Chiclayo das letzte Mal gesehen haben, schrieb meine Partnerin mir u.a.: „Gracias por ser“, was so viel heißt wie: „Danke dir fürs Sein“ (im Sinne von etwas Seiendes sein). Das entspricht dem Deutschen: „Schön, dass es dich gibt“ und wird auch bei uns häufig gesagt. An diesem Tag habe ich diese Worte zum ersten Mal bewusst gelesen und realisiert, dass:
    (1) Es die schönsten Worte sind, die ich kenne,
    (2) weil sie wundervoll bedingungslos sind. In „Danke fürs Sein“ stecken keinerlei Erwartungen, bspw. keine daran, einem bestimmten Schönheitsideal zu genügen oder belastbar sein zu müssen, die man enttäuschen könnte. Es heißt eben Danke fürs Sein und nicht Danke fürs Sosein.
    (3)
    und diese Differenz genau das ausdrückt, was ich in meiner Theorie zur Zwischenmenschlichkeit als wahre Liebe bezeichnet habe.

Stand: 2015

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