„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

neue Heimat

Die ersten Monate meines Auslandsjahres würde ich vielleicht mit dem Begriff Slumleben umschreiben.

Mein Leben in meiner zweiten Gastfamilie wird ein grundlegend anderes sein. 

Irgendwie könnte man die folgende Zeit mit dem Ausdruck „survival oft the Fittest“ umreisen. 

 

Ich wohne ein paar Kilometer abseits vom Dorf „Cerro Punta." Mein neues, recht großes und schönes Zuhause liegt ein wenig über 2000 Meter über dem Meeresspiegel.

 

Wenn ich aus dem Haupteingang des Hauses herausgehe, breitet sich vor mir die riesige Pferderanch, in der meine Gasteltern arbeiten, aus. Dieser unglaublich große Komplex aus Weiden und Stallungen beherbergt einige der erfolgreichsten Vollblüter weltweit (durch die gemäßigten Temperaturen und der niedrigen Luftdichte entwickeln diese hier eine enorm hohe Lungenkapazität).

Auf der anderen Seite des Gestüts beginnt der Urwald.

- Ich, auf einem Pferd reitend, das öfters Wettkämpfe in den USA absolviert.-
- Ich, auf einem Pferd reitend, das öfters Wettkämpfe in den USA absolviert.-

 

„Hinter“ dem Haus erstreckt sich die Talamanca-Gebirgskette und dahinter Costa Rica.

 

 

Meine Gasteltern heißen Miguel Gutierrez (Familienname) und Silvia Santiago*. Meine Geschwister Luis, Paco und Alejandra.  (*Meine Gastmutter ist gebürtige Mexikanerin).                                                                       

Entgegen der allgemeinen Vorstellung von einer südamerikanischen Familie ist der familieninterne Umgang hier sehr kalt, elitär und von gegenseitigen Erwartungen geprägt. 

In Panama spricht man Dinge generell nicht gerne offen an. Und so kommt es, dass mir immer wieder indirekt aber unmissverständlich signalisiert wird, dass ich eine weitere Belastung bin und diese durch meine Arbeitskraft doch wieder wett zu machen habe. 

Zweitwohnsitz

Meine Familie besitzt noch ein zweites, wenngleich auch um einiges kleineres und heruntergekommeneres Haus, in dem wir manchmal mehrere Wochen lang leben.            

Hier befinden wir uns irgendwo im Nirgendwo – die nächsten Menschen wohnen einen guten Tagesmarsch entfernt von uns.

Während der Zeit, in der wir in dieser Art „Zweitwohnsitz“ leben, versorgen wir uns selbst.           Tagsüber helfe ich meiner Gastfamilie bei der Arbeit auf ihren anliegenden Kuhweiden und Fincas („Plantagen“). Wir leben also fast vollkommen autark.

 

Neben diesem Haus verläuft eine Straße, deren Mittelstreifen die Grenze zu Costa kennzeichnet.

- Hier stehe ich mit einem Fuß in Panama und mit dem anderen Fuß in Costa Rica. –
- Hier stehe ich mit einem Fuß in Panama und mit dem anderen Fuß in Costa Rica. –

Durch meine Arbeit komme ich hier „sehr viel rum“ und durfte dadurch bereits Faultiere, Waschbären und riesige Echsen sehen.

- Der Affe auf dem Bild ist eine Art Haustier von Bekannten, die irgendwo zwischen unserem Haupt-und Zweitwohnsitz wohnen. Leider ist er den ganzen Tag lang an dem Baum rechts angekettet. -
- Der Affe auf dem Bild ist eine Art Haustier von Bekannten, die irgendwo zwischen unserem Haupt-und Zweitwohnsitz wohnen. Leider ist er den ganzen Tag lang an dem Baum rechts angekettet. -

Schule & persönliche Wandlung

 

Ich gehe auf eine Privatschule in Volcán. Die Stadt Volcán ist nach dem nahegelegenen, ruhenden Vulkan Volcán Barú benannt und nicht ganz 15 Kilometer von Cerro Punta entfernt.                                                                    

 

Die Schule ist sehr elitär. Jeden Montag früh hören wir Schüler eine anormal aggressive Rede, meist von unserem Rektor mit Megafon. In dieser macht er uns immer wieder deutlich, wie "zu schlecht" wir doch sind und versucht seine Schüler durch Furcht vor Misserfolg zu motivieren.

 

Viel Liebe erfahre ich also nicht. Im Gegenteil. Von Anfang an habe ich das Gefühl, dass meine Mitmenschen mich ausnahmslos meiden wollen. Man behandelt mich merkwürdig, geradezu abschätzend.                          

Später erfahre ich über Michael*, dass Señora Sarina ihnen noch vor meiner Ankunft viele (falsche!) Dinge über mich erzählt hat. (*Pseudonym)

Mit dem Wissen um diese Gerüchte wundert es mich nicht mehr, dass man nichts mit mir zu tun haben möchte. (Mehr dazu später.)

Die gesamte Situation tut mir sehr weh. 

Ich bin oft alleine und noch öfter einsam. Alles, was mir je was bedeutet hat habe ich 8.000 Kilometer hinter mir gelassen.

Ich werde weitgehend gehasst. Und das lassen sie mich hier auch spüren.

 

# Ich fühle mich wie das ungewollte Kind dieser Erde.

Über Monate hinweg..

 

 

-

Manchmal halte ich einen Vortrag oder muss etwas an die Tafel schreiben. Da ich ansonsten aber ausgegrenzt werde, (und das Bildungsniveau trotz der  Angstreden relativ niedrig ist) fange ich an während des Unterrichtes viel zu lesen                                

 - unter anderem die ganze Bibel.

Damals war ich noch herzensüberzeugter Christ. [Ein Grund hierfür lässt sich unter „Du wirst bald sterben nachlesen.]

                                       
Nicht nur als Christ, sondern auch aus eigener Überzeugung möchte ich gleiches nicht mit gleichem vergelten. Ich möchte auch den Leuten mit Liebe begegnen, die mich hassen.

Will Señora Sarina verzeihen, sie in ihrer Situation verstehen (siehe „Verständnis“) und als Menschen mögen (hier bleibe ich leider lange hinter meinen Erwartungen zurück.)
Oft jogge ich (Training für einen Marathon, die dünne Luft macht mir zu schaffen) und schreie dabei inbrünstig gen Himmel – zu Gott, dass ich ihn preise, liebe - und brauche.

 

Ich suche Gott von ganzem Herzen und mit der selbstverständlichen Überzeugung, dass es ihn gibt – doch finde ihn nicht. Ich flehe zu Gott. Doch es kommt kein rettender Gedanke. Kein Gefühl von Trost. Nichts.

Ich suche Zuflucht in meinem Glauben – doch auch hier finde ich ihn nicht.

(Meine Kritik am allgemeinen Gottesglauben können sie unter „Contra“ nachlesen. Explizit sei in diesem Kontext auf den Punkt „Offenbaren“ hingewiesen.)

 

Es ist das erste Mal, dass ich die Bibel lese - und wird wohl das letzte Mal bleiben.

Denn es beschleichen mich immer mehr Zweifel. An allem – auch an meinem einst felsenfesten Glauben. „Das“ einschneidende Erlebnis wird nicht kommen. Und ich werde mich während meiner Zeit in Cerro Punta auch immer als Christ bezeichnen.

 

# Aber ab nun beginnt ein Prozess in mir,  hin zu einer

über große Teile grundlegend anderen Persönlichkeit.

 

*Eine lebensfrohe Natur war ich schon immer. Und ethische Ansprüche an mein Handeln auf dieser Welt hatte ich zum Beispiel auch schon seit ich denken kann. Doch ich werde u.a. selbstbewusster, überlegter und stärker durch die gesamte Situation.

 

Während dieser Zeit bin ich mir selbst ein sehr guter Freund und Weggefährte geworden.    Da ich lange sehr verlassen von allen und allem war,

habe ich gelernt mir selbst im Zweifelsfall „genug zu sein.“

Nun bin ich nicht mehr so einsam, auch wenn ich alleine bin.

(Allein-Sein ist ein objektiver Zustand. Einsamkeit ein subjektives Empfinden. Man kann sich auch unter tausenden Menschen einsam fühlen.)

 

 

 

Genaueres zu der geschilderten „Problematik“ – wie und warum es dazu kam

und wie sie sich genau geäußert hat  - finden sie bei dem gleichnamigen Unterpunkt in diesem Text „segunda familia“.

Der Vorweggriff ist beabsichtigt. Ansonsten könnte ein falscher Eindruck entstehen, wenn sie nun von einigen „Höhen“ während der Zeit in meiner zweiten Gastfamilie lesen.

 

 

 

Geburtstag

Als ich meinen 16.ten Geburtstag in Serbien gefeiert habe, hielt ich es für unwahrscheinlich, dass dieser so schnell zu toppen wäre. Jetzt – genau 1 Jahr später – bin ich vom Gegenteil überzeugt.

Ich stehe mit ca. 2 Dutzend anderen Austauschschülern auf einer Tanzfläche in einer mittelgroßen Stadt nahe dem Pazifik, deren „Kommune“ sich derzeit selbst feiert.

Tagsüber haben wir am Strand gefeiert und vor kurzem haben wir einen Stierkampf besucht.     

 

Es bedurfte viel Zeit, Versprechungen und Überredungskunst die Erlaubnis meiner Gasteltern für diesen Trip zu erlangen. In 4 Tagen fährt unser Busfahrer wieder zurück. Wo wir bis dahin schlafen oder essen wollen, weiß keiner aus der Gruppe.

Einfach rauskommen - Alles Mal Sein lassen. Dieses - zugegebenermaßen Recht gefährliche – Unterfangen tut uns allen jedoch ersichtlich gut.

Dschungel,..

Da er quasi vor der Haustür liegt, bin ich recht oft und lange im Dschungel unterwegs.

Oft mit 2 Straßenjungen aus Cerro Punta. Keiner von beiden besucht die Schule (beides Analphabeten). Womit oder wie sie den morgigen Lebensunterhalt bestreiten wollen, wissen sie heute noch nicht.

Auf einer gewissen Weise beneide ich sie..

 

Im Folgenden werde ich den Verlauf 2er besonderen Touren genauer schildern – meine zwei „persönlichen Highlights aus dem Dschungel.“

..die 1.te

Es ist früh am Morgen, als wir schließlich an den Mammutbäumen ankommen. Allmählich bahnen sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg durch die hohen Baumwipfel runter zu uns. Der schwache Wind spielt mit dem bunten Schwanzgefieder der Vögel, die sich ihre Behausungen in die massiven Stämme geschlagen haben.

Ein leichter Nebel zersetzt die Landschaft.

Begleitet wird das Ganze von immer mehr zarten Vogelgesängen – was die mystisch, schöne Atmosphäre perfekt macht.

Mirador Barranco
Mirador Barranco

Nach nicht mal einen Tag erreichen wir einen 2500 Meter hohen Berg.

Wir holen die nötige Ausrüstung aus dem Gepäck und klettern den teilweise fast senkrechten Berghang hinauf.

Als wir den Berggipfel erreichen, bietet sich uns ein Ausblick, der alle vorrangegangenen Strapazen wettmacht.

Hier ruhen wir uns erst mal eine Zeit lang aus. Dann beginnen wir mit dem Abstieg – an dem gegenüberliegenden, flacheren Hang.

 

Unten angekommen finden wir uns im tiefsten Dschungel wieder.

Auf unseren Touren lerne ich, wie man im Dschungel sicher nächtigt, Wunden desinfiziert, mit Stöcken und Lianen Knochenbrüche bandagiert und eine Blattfalttechnik kennen, um Wasser zu filtrieren (ob letzteres tatsächlich klappt, weiß ich nicht genau. Magenbeschwerden habe ich jedoch echt nie.)

 

 

Hier in Panama lerne ich nichts für die Schule.

Doch so viel für´s Leben!

 

 

Nach geraumer Zeit kommen wir in zu einem riesigem Sumpfgebiet. Man erklärt mir, wohin ich meine Schritte getrost setzen kann und welcher Schritt mein letzter sein könnte. Ich habe die Indikatoren im Kopf und überlege mir vorsichtig jeden Schritt genau.  

Dennoch bin ich mehr als froh, als wir heil aus diesem Sumpfgebiet herauskommen.

 

 

Wir hacken uns mit dem Buschmesser die letzten Meter durch den dichten Dschungel, bis wir schlussendlich an unserem großen Reiseziel ankommen: Ein relativ imposanter Wasserfall, der bei den Ureingeborenen hier einen heiligen Status innehat. 

Nun heißt es die gleiche Strecke, wenngleich auf einem etwas anderem Weg, noch einmal zurück laufen. Zurück nach Cerro Punta..

..die 2.te

Mit der linken Hand taste ich nach meinem Handywecker und schalte ihn aus. 3 Stunden nach Mitternacht. Ich und Lukas haben bereits in der nötigen Kleidung geschlafen und so müssen wir nur noch nach unseren Rucksäcken greifen und springen mit meinen Gastgeschwistern schon auf den Jeep, der vor dem Haus wartet.

 

Wir fahren nach Penonomé, der wunderschönen Hauptstadt Coclé´s und von da aus irgendwo ins Nirgendwo.

Hier lässt uns der Fahrer des Jeeps aussteigen. Wir laufen über eine Brücke gen Dschungel. Unser Ziel ist es heute noch über die bergige Dschungellandschaft vor uns nach Cerro Punta zu kommen.

 

Wir hangeln uns an senkrechten Wänden aus Stein entlang, überbrücken Flüsse, sehen riesige Schlangen, eine Vogelspinne und werden von Affen mit Nüssen und Stöcken attackiert (generell sind die Affen  hier uns Menschen jedoch wohlgesinnt.)

 

 

Als wir, um uns ein paar Höhenmeter zu ersparen trotz eines Warnschildes durch eine Höhle steigen – und das macht diesen Trip besonders – treffen wir auf einen schlafenden Puma. Voller Adrenalin schleichen wir uns möglichst unauffällig zurück zum Höhleneingang.                 

 

Isla Coiba

Die Zeit auf Isla Coiba ist bisher eines meiner, wenn nicht gar mein schönste Erlebnis in Panama. Der Nationalpark Coiba liegt relativ weit entfernt von der Westküste Panamas mitten im Pazifik und ist nach der gleichnamigen Insel benannt. Isla Coiba ist die größte amerikanische Insel im Pazifik und mit den weiteren 38 Inseln noch ein kleines Paradies.

 

Ein Paradies, wie man es sich schöner wahrlich schwer vor zu stellen vermag. Als wir mit dem Schnellboot auf Isla Coiba ankommen, erwartet uns ein nahezu endlos-und weißer Strand, von dem uns in unseren Schlafhütten nur die Palmen trennen.

Inmitten der Insel befindet sich eine Art kleiner Tümpel, in dem ein Krokodil „ungesichert“ wohnt. Dieses dürfen und sollten wir füttern.  Denn Appetit hat es immer, wirklich Hunger sollte es eigentlich nie bekommen.

 

Mit unseren Booten gelangen wir auf viele kleinere Inseln, für die mir die Worte fehlen.

 

Wir gehen sogar Korallrifftauchen. Ich ertauche stundenlang das 335 Hektar große Bahia Damas Riff und lebe zwischen den wunderschönsten Fischen, Korallen und anderen Lebewesen, die man sonst nur vom Fernsehen kennt.

 

Der Aufenthalt auf der ehemaligen „Gefängnisinsel“ ist ein ganz besonderes Erlebnis. Von 1918 an war dies hier eine Strafkolonie mit zwischenzeitlich bis zu 3.000 Gefangenen. Die immer noch um der Insel herum lebende Haischwärme (der Nationalpark Coiba zählt 33 Haiarten) sicherten das relativ gitterfreie Arbeitslager.

 

Abends feiern wir mit unseren Reise(beg-)leitern und Discounter-Wein aus dem Tetrapack.

 

Einzig unser Walwatching ist ein wenig enttäuschend, da erfolgslos.

 

Trotz des heftigen Unwetters halten unsere Reiseleiter am geplanten Datum der Rückfahrt fest. Und so springt der gesamte Bootskörper aufgrund der hohen Wellen und schnellen Temperatur immer wieder auf´s neue weit über dem Wasserstand in die Luft. Irgendwie kommen wir schließlich aber doch heil an der Pazifikküste Chiriquis an.

 

 

Hätte ich Lukas und mich auf Isla Coiba erlebt, ich hätte uns wahrscheinlich für verrückt oder sonst was gehalten. Für eine kurze Zeit waren alle Probleme vergessen und wir fanden uns in einer gesunden, aber enorm freudigen Naivität wieder.

weitere Erlebnisse

 

Es ist Wochenende und Lukas und ich wollen mit 2 Freundinnen die Sauna eines Hotels besuchen. Ein bekanntes Paar fährt heute sowieso am Hotel vorbei und ist so nett uns an der Straßen neben dem Hotel aussteigen zu lassen. Sodann stehen wir zu 4 vor dem Eingang des Badebereichs des Hotels und bemerken, dass dieser heute geschlossen hat. Während die 2 Mädchen den nächsten Bus nach Volcan nehmen, entschließen wir die Strecke nach Cerro Punta per Fuß zu bewältigen (Handynetz haben wir keins und nach Cerro Punta fahren so gut wie nie Buse).

 

Nach ein paar Kilometer müssen wir feststellen, dass uns ein für diese Gegend typischer Erdrutsch einen Strich durch die Rechnung macht. Wir laufen an einem Straßenrand, rechts von uns geht es senkrecht nach oben, links von uns senkrecht nach unten und nun hat sich vor uns ein riesiger Felsbrocken quer in die Straße geschlagen.  Nach vorne geht es nicht mehr weiter und ganz zurück laufen ist auch nicht mehr (wohin?). Das derzeitige Wetter bedingt solcherlei Erdrutsche, weswegen das Paar heute auch nicht mehr zurück fährt und wir von Hang und Straße verschwinden sollten.

 

Also laufen wir eine gute Strecke wieder zurück, bis der linksgelegene Hang niedrig genug ist, um ihn hinunter in den unten gelegenen Fluss zu steigen. Die Strömungen sind reisend und tückisch und so schwimmen und ziehen wir uns immer wieder weiter, bis wir auf größeren Steinen zu stehen kommen. Da weder Handynetz noch Aufstiegsmöglichkeit in Sicht sind, gehen wir immer weiter und fangen an ein paar Wanderlieder anzustimmen.

 

Wir finden eine Aufstiegsmöglichkeit. So kommen wir nach 11 Stunden bei meiner (wütenden) Gastfamilie an und blicken auf einen aufregenden, aber auch freudvollen Tag zurück.

 

 

 

Ich könnte ihnen noch vom Besuch der Ruinen einer untergegangen Hochkultur (ich meine, es waren die Inka), vom Klippenspringen, meinem Versuch mit Lasso und Pferd Kühe einzufangen oder dem Blitz, der direkt neben uns und einer Tankstelle einschlug erzählen.

Doch ich glaube, ich belasse es hierbei.

Problematik

 

„Im tiefsten Winter begriff ich endlich,

dass ich einen unbesiegbaren Sommer in mir trug.“

- Albert Camus

 

 Eine schöne Zeit ist es in meiner zweiten Gastfamilie nie. Die Umstände sind konstant miserabel, doch wie gut ich mit diesen zurechtkomme schwankt von Zeit zu Zeit.

Auch deshalb fällt es mir schwer, folgende Erlebnisse in Worte zu packen.

 

# Mit einem schlechten Spanisch ließe sich der Name meines neuen Heimatdorfes

ironischerweise mit „Nullpunkt“ übersetzen.

 

Wie bereits im Punkt „Schule“ erwähnt, waren die Gerüchte (von denen, dass ich schwul wäre, noch das „Geringste“ darstellt) schneller als ich. Kein einziger meiner Mitmenschen macht sich die Mühe, sich ein eigenes Bild von mir zu machen. Stattdessen nehmen sie die negative Lügenpropaganda fraglos an. Sogar eine deutsche Austauschschülerin macht mit. Ein gemeinsamer Feind formt Freunde.

Auch nur so etwas Vergleichbares habe ich davor und seitdem kein zweites Mal erlebt.

 

Der Leser mag sich zu Recht fragen, welche Beweggründe AFS, allen voran Señora Sarina für ein solches Handeln hat.

Ein Motiv gegen mich ist sicher, dass ich die deutsche Botschaft in Panama verständigt habe. Durch die Ignoranz und Inkompetenz, die AFS  jedem Austauschschüler zukommen lässt, sind sehr viele von uns in hochgefährliche Situationen geraten. (Im Punkt „Transfer“ werde ich dazu ein persönliches Beispiel anbringen.)

Keineswegs also aus reinem Eigeninteresse setze ich die deutsche Auslandsvertretung über die Missstände der Organisation vor Ort in Kenntnis. Im Gegenteil, nach dieser Kontaktierung schlug die Belanglosigkeit AFS-Panamas´ in regelrechten Hass um.

Wie ich später durch AFS-Deutschland erfahren werde, hat AFS-Panama schwerwiegende Probleme, deren Ursprung wohl ich bin. 

 

Mein Rücken, hinter dem bereits so viel geredet wird, fängt nun auch noch an, wohlmöglich aufgrund meines großen Wachstumsschubs, stark zu schmerzen. Abends kann ich oft partout nicht schlafen, weshalb ich gegen mein Ankämpfen in der Schule einschlafe. Daraufhin bekomme ich einen Schulverweis, woraufhin am nächsten Tag Sarina, eine Lehrerin und meine Gasteltern bei mir im Zimmer sind und mich wütend anschreien. Sie versuchen mich nicht einmal zu verstehen. Als ich mich zu kurz zu Wort melde, will mir niemand meine Rückenschmerzen abkaufen.

(Und das obwohl ich AFS-Deutschland einen ärztlichen Attest über meine akuten Rückenbeschwerden (zum Glück bin ich mittlerweile ausgewachsen) und der Dringlichkeit, dass ich regelmäßig mein Gerätetraining absolvieren kann, wovon AFS-Panama scheinbar nichts weiß, gegeben habe. Auch nachdem wir AFS-Panama diesen auf Spanisch nachschicken, sehen sie darin keine Ausrede. (Nehmen sie diese Ausführung als exemplarisch.)

 

Bevor mir Sarina wahrhaftig unter Androhungen verboten hatte, mich mit Lukas zu treffen, hatte ich hier noch eine menschliche, herzige Bezugsperson. 

 

Schlussendlich stecke ich mich noch mit einem Tropenvirus an. Der Arzt rammt mir regelmäßig eine Spritze irgendwo zwischen Becken und Backen. Der Virus ist eigentlich nur für Costa Rica bekannt und gilt als hochgefährlich (u.U. tödlich), weswegen ich schnellstmöglich von der Grenze verschwinden sollte.

AFS sieht trotz allem kein Grund mich die Familie wechseln zu lassen (falls unsereins frühzeitig nach Hause fliegt, gibt es keine Rückzahlungen und somit einen fetten Gewinn für AFS..).

 

Die Zeit hier in Cerro Punta schlug tiefe Wunden, deren Narben vielleicht nie ganz verheilen werden. Vieles kam mir früher unbeschwerter, leichter vor.

- Und doch war gerade diese Zeit die wichtigste meines bisherigen Lebens! - 

Sie hat mich grundlegend neu geformt. Lies in mir eine davor unbekannte Stärke erwachsen.

 

"And then something happened. I let go. Lost in oblivion. Dark and silent and complete.                                     I found freedom. Losing all hope was freedom.

- Tyler Durden

 

Ich habe mir vorgenommen, dass dies hier mein Jahr wird und daran halte ich fest! 

Nach alldem scheint es nichts mehr zu geben, dass mich brechen könnte.

das Ende vom Trauerlied

Mein deutscher Hausarzt bekommt über meine leiblichen Eltern von meiner Virusinfektion mit. Da ich noch nicht volljährig bin, besitzt er die Macht mich nachhause zu holen. In einem Schreiben an AFS-Panama droht er schließlich damit, diese Reißleine zu ziehen, falls sie mich nicht schnellstmöglich von der costa-ricanischen Grenze weg verfrachten.

Ich will nicht nachhause. Ich bin so weit gekommen..

 

Die Zeit ist zäh. Über der deutschen Botschaft erfahre ich eines Tages, dass ich die Familie wechseln werde. Ohne den vielseitigen externen Druck wäre es wohl nie so weit gekommen.

 

Ich wohne noch ein paar Wochen bei einer alten, sehr schwierigen Dame (vom Nullpunkt auf kälteste Minusgrade..). Schließlich bekomme ich einen Anruf. Dass ich in 2 Stunden meine Koffer gepackt haben sollte. Den Bus Richtung Panama City nehme.

 

Transfer

 Ich stehe im „Terminal de Panama City“.

AFS hat mir zugesichert, dass mich einer ihrer Mitarbeiter (José David) hier um 17.00Uhr abholen würde. Nun ist es 19.00Uhr und ich stehe immer noch. An meinem Körper mein Reisekoffer, 2 Rucksäcke und meine Laptoptasche. Ich bin müde, ausgelaugt

 

Ich rufe im AFS-Büro an. Anrufbeantworter – sie hätten geschlossen. Eigentlich müssten sie noch offen haben. Ich versuche Plinio, José und andere Mitarbeiter vom Büro an zu rufen. Keiner geht ran. (absichtlich?)

 

Zeit verstreicht. Als Austauschschüler bekommst du von AFS die Nummer eines sog. Notfalltelefons. Wenn alle Stricke reißen, soll man dort 24 Stunden am Tag anrufen können. Tuten. Anrufbeantworter. Zeit verstreicht. Nachts ist Panama-City erst recht eine hochgefährliche Stadt. Ich wünschte, ich hätte nie von den Gangs hier gehört. Ich will mir nicht ausmalen, die Nacht auf den Straßen vor dem Terminal verbringen zu müssen.

Akku fast leer. An einen Ast will ich mich noch klammern:

ich versuche den Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Panama zu erreichen, dessen Nummer im Handy eingespeichert ist. Es klingelt lange. Nervenaufreibende Zeit verstreicht.

Jetzt eine Stimme. „Hallo, hier das Telefon der deutschen Botschaft. Was kann ich für sie tun?“

 

Der zuvorkommende Mann von der Botschaft und seine Frau bieten mir ein Schlafzimmer nebst ihrer Wohnung an. Und so vollbringe ich die Nacht im 40.ten Stockwerk eines Luxushotels.

 

Am nächsten Morgen darf ich sogar in das Fitnessstudio und den Pool auf dem Dach. Von beiden Plätzen hat man einen fantastischen Meeresblick. Nur das Wetter will nicht ganz mitspielen.

Als wir gegen Mittag in das Büro von AFS-Panama fahren, findet der erzürnte Mann von der Botschaft sehr deutliche Worte.

Eine Erklärung bezüglich des ganzen Vorfalls wird mir AFS immer schuldig bleiben.

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