„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Nach 2 weiteren Tagen (und einer weiteren schlaflosen Nacht) mit AFS trennt sich die bunte Mischung angehender Austauschschüler aus aller Welt schlussendlich auf.

Für jeden von uns geht es von nun an „alleine“ weiter - zu unseren Gastfamilien!

 

Am „Terminal de David“ lerne ich meine Gastfamilie, eine alleinstehende Frau (Lehrerin) und meine Gastschwester, 15 Jahre alt, kennen. Zuhause angekommen mache ich noch Bekanntschaft mit unseren 5 Hunden, unserem Papagei und den unzähligen Hühnern.

 

Wir wohnen in Bugaba (in der Nähe von David), in der Provinz Chiriqui.

Bugaba gehört zu den ärmsten Gegenden in Panama. Meine neue Heimat sieht aus, wie man sich in Deutschland wohl ein Slum vorstellt. (Nur mit riesigen Palmen und sonderbaren Pflanzen.)

 

Ein paar Tage nach meiner Ankunft höre ich, wie eine Panamaerin Bugaba als „segundo São Paulo“, zu Deutsch: “zweites São Paulo" bezeichnet. (São Paulo ist als eine der gefährlichsten Städte der Welt bekannt.)

Spaßeshalber erwidere ich, dass Atlantis die einzige Stadt sei, die dazu verdammt ist, auf ewig Untergrund zu bleiben und in mir seit je her ein unverbesserlicher Optimist steckt (- was stimmt).

 

Doch sie wird mit ihrer Bezeichnung nicht ganz Unrecht behalten. Die Umstände, in denen ich von nun an lebe sind wahrhaftig sehr hart:

Umstände

Neues Zuhause:  Ein Weg aus Sand und Matsch führt zu unserem Haus.

Eine Art Wellblechhütte, die aus ein paar wenigen Zimmern besteht und von Stacheldraht umgeben ist. Mein Zimmer gefällt mir. Es ist nach den Farben der jamaikanischen Nationalflagge bestrichen und ein Bob Marley Poster hängt an der Wand.

 

 

Sprache: Meine Gastmutter spricht genauso Englisch, wie ich anfangs Spanisch – gar nicht. Zum Glück lerne ich Paola kennen. Sie ist eine lebensfrohe, 24-jährige Studentin und meine beste Freundin hier. Ich unternehme viel mit ihr und kann mit ihr Spanisch lernen. Im Gegenzug dazu helfe ich ihr, ihr Englisch zu verbessern. Wenn mein Spanisch besser ist, wird mich Paola mal auf dem Radiosender in David, bei dem sie jobbt, interviewen.

 

 

Gastfamilie: Auf dem AFS-Papier habe ich eine Gastmutter und eine Gastschwester.

Diese sind jedoch ständig außer Haus, ohne mir vorher Bescheid zu geben, zu sagen, wann sie denn wieder kommen oder mich über sonstwas in Kenntnis zu setzen.

Ohne mit mir über irgendwas zu reden.            

Die Zeit, in denen sie da waren blockierten sie  geradezu meine Versuche Kontakt zu knüpfen. Exemplarisch sei hier genannt, dass ich es nach 2 Tagen in Bugaba bereits irgendwie komplett alleine und quasi ohne Sprachkenntnisse arrangieren muss, nach David zu kommen um mir dort eine Schuluniform zu kaufen, die ich an meinem ersten Schultag nun mal brauche. Ich frage mich des Öfteren, weshalb meine Gastmutter überhaupt einen Austauschschüler aufgenommen hat.      

Da wir kein Auto haben, fährt uns meist mein Gastonkel in die Schule. Dieser gibt regelmäßig einem Mann, der in immer dergleichen Gasse wartet, relativ viel Geld. Daraufhin ist er oft verängstigt und möchte nicht darüber reden, was soeben war. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es Schutzgeld sein könnte..

 

 

Hygiene: In der Theorie habe ich (eiskaltes) Wasser. Was mir nicht viel bringt, da in der Praxis die meiste Zeit keines aus dem Hahn kommt. Somit heißt es, den nächsten Regen abwarten. Mit dem gesammelten Regenwasser werden dann Kleider, Geschirr und Körper gewaschen.                                                                                                                              

# Ich habe mir aber vorgenommen, dass dies hier mein Jahr wird. Und kann mittlerweile selbst darüber lachen, wenn ich mir sage dass ich nun schon kein Gel mehr brauche, um meine Haare zu verschmieren.

 

 

Internet:  Habe ich in der Theorie auch. Jedoch versagt hier die Theorie wieder mal in der Praxis. Ein paar (wenige) Male habe ich Internet. In der Regel funktioniert es jedoch schlichtweg nicht.

# Ich habe mir aber vorgenommen, dass dies hier mein Jahr wird. Dass ich hier gezwungenermaßen „offline“ bin, hält mich davon ab allzu stark in der „alten Welt“ zu verweilen. Und wenn was Wichtiges anliegt (z.B.: Rundbrief schreiben), gibt es ja ein Internetcafé in der Nähe.

 

 

Essen / Haushalt:  Waschen, kochen, bügeln, rauswischen, einkaufen usw. muss ich selbst. Frühstück gibt es grundsätzlich nicht und man erwartet nun bereits nach geringer Zeit von mir, dass ich selbst zu Mittag koche. Bis jetzt werden immer Reis mit Bohnen und Leitungswasser erwartet. Im Kühlschrank gibt es Leitungswasser und Milchpulver, mehr  nicht. AFS untersagt es uns, von dem Leitungswasser hier zu trinken. Da ein ungewohnter, europäischer Magen für gewöhnlich Durchfall und Magenschmerzen davon bekommen soll.  Doch ich habe keine große Wahl, denn irgendwas muss ich trinken. Und es bekommt mir glücklicherweise recht gut.

Gegen Ende der ersten 2 Monate gibt es jeweils 2 und 3 Tage kein Essen im Haus. 

Mir wird gesagt, dass die Familie schlichtweg kein Geld mehr übrig habe.

# Ich habe mir aber vorgenommen, dass dies hier mein Jahr wird. Von ein paar Tagen ohne Essen komme ich (noch) nicht um.    

Und so tröste ich mich damit, dass ich wohl zu der Minderheit gehören werde, die während ihres Auslandsaufenthaltes nicht zunimmt.

  

                                         

Fitnessstudio: An meinem ersten Tag bekomme ich Amphetamine und Steroide angeboten. Ich lehne ab und meine Entscheidung wird akzeptiert.

 

 

Kampfsportart: Unbedingt will ich in meinem Auslandsjahr wieder anfangen, eine Kampfsportart auszuüben. In meiner Nähe ist eine sehr heruntergekommene Kampfsportschule und so gehe ich von Taekwondo über Kickboxen zu UFC über.

Bei den Kämpfen stecke ich ungleich mehr ein, als ich gegenüber meinen durchweg über 23 Jahre alten und oft kriminellen Trainingspartnern austeile.

# Ich habe mir aber vorgenommen, dass dies hier mein Jahr wird. Und es gibt nun mal keine bessere Motivation, als bessere Gegner und bittere Niederlagen. Also sage ich meinen Trainingspartnern bewusst, dass sie keine Rücksicht auf mein Alter nehmen sollen und mache mir mit gezeigter Härte immer mehr Freunde.                                                               Zumal so ein Kampf angesichts allen Belastungen und Strapazen etwas sehr befreiendes ist:

 

 

„Wenn der Kampf vorbei war, war nichts gelöst, aber nichts war von Bedeutung.“

- Fight Club

 

 

 

Schule: Wenn die Englischlehrerin so viele Fehler in einen Satz verstaut, dass es selbst mir auffällt oder der Klassenlehrer meint, in Deutschland leben nur Nazis, beiße ich mir auf die Zunge. (Ich wurde auch bereits mit dem Hitlergruß begrüßt. Komischerweise werde ich aufgrund dieser Vorurteile jedoch nicht komisch behandelt.)

Das Niveau des Unterrichtsstoffes ist relativ niedrig angelegt. Ich habe das Gefühl, dass die Jugend hier primär auf ein humanes Sozialleben, und nicht auf ein erfolgreiches Berufsleben vorbereitet werden soll. Ein sozialer Treffpunkt, damit kein (noch größerer) sozialer Brennpunkt entsteht – wenn man denn so will.

Und diesen Ansatz kann ich nur befürworten! Einem Mitschüler fehlen 4 Finger und Teile des Muskelgewebes seiner rechten Brust. Ich spreche ihn darauf an und er meint leise und ängstlich zu mir, dass er den falschen Leuten unter den falschen Umständen begegnet ist. Ein paar Schüler aus anderen Klassen sind vor kurzem mit Waffen in die Schule gekommen

Mich belastet es sehr, soviel Leid zu sehen und dabei so hilflos zu sein. Ich könnte versuchen Kinder, die vor meinen Augen am Straßenrand elend zu Grunde gehen, durch zu ernähren. Doch spätestens in einem Jahr, wenn ich zurück nach Deutschland muss, wird wieder alles beim alten sein. Ich kann lediglich Auswirkungen bekämpfen, keine Ursachen.

# Ich habe mir aber vorgenommen, dass dies hier mein Jahr wird. Und so geselle ich mich zu in den Schulpausen zu den Außenseitern unserer Schule und habe stets ein offenes Ohr für sie. Und bin nun mit Paola in der städtischen Gemeinde tätig, innerhalb derer ich mit Tafeln, Unterkünften und Leseunterricht den Ärmsten hier im Rahmen meiner Möglichkeiten zu helfen versuche.

nach 2 Wochen spanisch "durfte" ich mich dann vor  der kompletten Schule vorstellen.
nach 2 Wochen spanisch "durfte" ich mich dann vor der kompletten Schule vorstellen.

 

Notfall: 

Theorie: Falls größere psychische oder physische Probleme auftreten, sollen wir uns als letzte Hilfe jederzeit und immer an die jeweilige Provinzverantwortliche wenden können.

Praxis: Die meiste Zeit über habe ich kein Handynetz. Um das Haustelefon benutzen zu dürfen muss ich vorher fragen und für jede telefonierte Minute einen bestimmten Betrag bezahlen.

Meine Gastmutter und die zuständige Provinzverantwortliche sind sehr gut miteinander befreundet. Wenn ich nun berichte, dass ich seit Tagen nichts zu essen habe oder dass ich auf der Straße mit einem Messer bedroht wurde, leugnet meine Gastmutter das dem so sein kann.

So glaubt die Provinzverantwortliche eher ihrer guten Freundin, als mir verwöhnten Europäer.

Oft entstehen dabei auch Geschichten über mich, die schlichtweg falsch sind.

# Ich habe mir aber vorgenommen, dass dies hier mein Jahr wird..

  

ein exemplarisches Erlebnis:

Schlussendlich zeigen meine Überredungsversuche Wirkung und meine Gastmutter erlaubt mir Lukas in Rio Sereno zu besuchen. Ich bin froh, auf dem über 80 km langem Fahrweg stets richtig und rechtzeitig um zu steigen. Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden könnte, wenn ich mich nachts irgendwo unbekanntes wiederfinden würde.

 

Als ich in Rio Sereno ankomme, treffe ich Lukas in einer Art Jugendraum. Mit feuchten Augen liegen wir uns in den Armen. Es gibt viel zu erzählen..

 

Am darauffolgenden Tag springen wir noch vor Sonnenaufgang auf den Hinterlader eines Jeeps. Wir wollen Tagelöhnern – großteils Indos – bei der Bananenernte helfen. Bezahlt werden diese vom Landbesitzer – Lukas Gastonkel – der unseren Jeep fährt.   Nach einer langen Fahrt kommen wir zu der Unterkunft der Arbeiter. Diese gleicht einem Rohbau, da selbst Tische und Betten einzig und allein aus Beton bestehen. Wasser, Strom oder dergleichen gibt es nicht. Als wir hinein gehen treffen wir auf sehr viele „Ureingebohrene“, die hier während der Erntezeit allesamt auf engstem Raum ihr Dasein fristen.                                                       

(Dabei waren diese Menschen mal frei und glücklich. Jetzt werden sie behandelt wie Tiere. Dieser Umstand ist wichtig, um ihre radikale Vorgehensweise bei den Aufständen nachvollziehen zu können. Mehr zu diesen unter „tercera familia“.)

 

Mit dem Buschmesser gehen wir durch die Plantagen, hacken die Bananenstauden ab und schmeißen diese auf die Straße zu Haufen, die vom Jeep regelmäßig abgeholt werden.

Auf diversen anderen Plantagen ernten wir noch die ausgefallensten anderen Dinge.

Gegen Nachmittag bieten die Indos uns an, uns als Dank für unsere Hilfen durch den Dschungel zu führen, der direkt an den Plantagen angrenzt.

Durch ihr wahres Zuhause.-

 

 

Es ist genauso wie im Film. Mit Buschmessern hacken wir uns durch Holz und Liane, während sich über unseren Köpfen Affen zwischen den Baumwipfeln entlang schwingen. 

 

- ich mit Buschmesser. -
- ich mit Buschmesser. -
- Lukas. -
- Lukas. -
"Spätzlespresse."
"Spätzlespresse."

Nachdem wir für Lukas Gastfamilie noch Linsen und „Spätzle“ (schwäbisch-kulinarische Spezialität) gekocht haben, gehen wir zur späten Nacht auf ein Dorffest. Dieses ist genauso faszinierend, wie man sich Süd/mittelamerikanische Feste vorstellt. Wir erleben exotische Tänze, viel Feuerwerk und eine sinnlose, aber hochansteckend gute Laune der Teilnehmer, die nicht allein von ihrem enormen Alkoholkonsum hehr rührt.

Nach wenigen Stunden Schlaf wachen wir erneut bereits vor Sonnenuntergang auf.

Mit Lukas Gastcousine gehen wir auf Quadtour.

Zunächst fahren wir nach Volcan, von wo aus eine unvergesslich geniale Tour startet.

Nach geraumer Zeit finden wir uns auf einem schmalen Pfad auf den Bergen Costa Ricas wieder. Die Bergadler fliegen mit uns, während uns seitlich manchmal kein Meter vor einer hunderte Meter tiefen Schlucht trennt.

# Angst um das Leben intensiviert das Lebensgefühl ungemein.

 

Nach vielen Stunden durch die unterschiedlichsten Landschaften sind wir an unserem Ziel angekommen. Der (hier) berüchtigte Affenwald. Unzählige Exemplare dieser Affenart kreischen und hüpfen herum, während wir von den steilsten Hängen in die Flüsse der Täler rein fahren. (Davon existieren noch Videos. Falls ich diese doch noch irgendwie auftreiben kann, lade ich sie hier hoch.)

Ende

Einige Zeit nach meiner Ankunft in Bougaba hat mich Paolas Bruder seinen Onkel vorgestellt. Ich lernte ihn als „Señor Aleman“ kennen. Er arbeitet in einer Modellagentur und Paolas Bruder fungiert als eine Art unbezahlter Modellscout.

Señor Aleman war gleich begeistert von mir und bat mir an für ihn als Modell zu jobben.

 

Ich habe mein Äußeres noch nie als besonders hübsch empfunden und habe eine ganz gesunde Selbsteinschätzung (so schätze ich mich ein..).

Jedoch genügt es in Südamerika bereits weißhäutig, einigermaßen schlank und „blond“ zu sein und das Äußere gilt als ästhetisch (dabei ist jede Haarfarbe blond, die nicht komplett schwarz ist).

Was ich jedoch schon immer war ist dankbar für neue Erfahrungen. So nahm ich dankbar die ersten kleinen Arbeiten auf, lernte Leute kennen und durfte exquisite Partys besuchen (Mehr dazu gleich).


Den Vertrag darf ich nun jedoch nicht unterschreiben, da AFS es untersagt regelmäßige Arbeit gegen Entgeld zu verrichten.

Dieses Wochenende gehe ich mit Paola und ein paar Anderen, die ich über Paolas Bruder kennen gelernt habe, in einer Diskothek in David feiern. 

An manche Dinge gewöhnt man sich. In ein paar Stunden von dem Elend Bougabas in eine dekadente Edeldisko zu kommen, an solche Dinge habe ich mich nie ganz gewöhnt.

Auch das mit schwingende, schlechte Gefühl dabei relativiert sich nicht.

Manchmal denke ich mir, ich könnte ein paar Kindern auf der Straße finanzielle Unterstützung und somit ein besseres Leben bieten. Doch somit könnte ich ihnen lediglich ein Jahr lang helfen und danach würden sie wieder genauso grausam weiter leiden.      

Ich kann hier und jetzt Auswirkungen bekämpfen, jedoch keine Ursachen.  

Einmal mehr fasse ich den Entschluss, mit meinem kurzen Dasein auf dieser Erde meinen kleinen Beitrag für eine bessere Welt leisten zu wollen.

                                        

Wir werden von der Tanzfläche in einen abgesonderten Raum geladen.      

Ich versuche einfach mal ab zu schalten – den Abend zu genießen. Einfach mal sein lassen. Doch ich schaffe es nicht.

Meine „Freunde“ wetten mit Unmengen an Geld um das sportliche Highlight des Jahres in Südamerika – El Clasico: Real Madrid vs. FC Barcelona. Man bekommt ausgefallene Speisen und viel Alkohol aufgetischt und frönt dem promiskuitivem Sexualverhalten.

Einmal mehr merke ich, dass in mir eine tiefere Sehnsucht steckt.

Nach mehr als dies rein oberflächliche, materielle.

Nach mehr..

 

# Dieses Wochenende wird mir in Erinnerungen bleiben.

Es soll das letzte in Bougaba sein.

 

Ich spreche bereits seit mehreren Wochen (im Rahmen des mir möglichen) mit meiner Bezirksverantwortlichen, AFS-Panama und meinen Eltern in Deutschland über meine problematische Situation, die sich in vielerlei Hinsicht mit der Zeit verschärft. Von Seiten meiner Austauschsorganisation habe ich nur immer wieder gehört, ich solle noch ein paar Wochen warten.

Jetzt stehe ich vor meiner Bezirksverantwortlichen, die mir vorwurfsvoll sagt, ich werde die Gastfamilie wechseln und solle in 7 Stunden meine Koffer gepackt haben..

Fazit

Es war wahrlich keine „Liebe auf den ersten Blick“ zwischen mir und meinem neuen Umfeld. Auch der zweite ließ keine Schmetterlinge in meinem Bauch flattern.

 

Da ich nicht bereit war, Raupen zu schlucken, fing ich an diese neue Welt begreifen zu wollen. Zu begreifen, warum sie eben so Handeln und Denken. Was sie zu ihren Werte, Norm und Moralvorstellungen brachte. Das half mir, Verständnis gegenüber der Andersartigkeit auf zu bringen. Und sogar eine Affinität gegenüber der Einzigartigkeit zu entwickeln (siehe „Verständnis“).

 

 

Ich fühlte mich hier manchmal wie in einer anderen Welt. Auch man selbst wird durch die neuen Erwartungen und Umstände, die auf einen einwirken ein Stück weit zu einer anderen Persönlichkeit.

Mit der Zeit habe ich erfahren, was in der westlichen Welt zwar lautstark geäußert wird, aber wonach kaum einer lebt – Geld macht nicht glücklich.                                                                

Ich war gezwungen ohne  gewisse Dinge, die mir zuvor essentiell erschienen, zu leben. Und bald vermisste ich die meisten davon gar nicht mehr. Schlussendlich waren es die ideellen Dinge wie das Gefühl geliebt zu werden oder Verständnis, nach denen ich mich sehnte. Nicht die materiellen.

Der Begriff der Notwendigkeit bekam für mich eine komplett andere, geringere Dimension. 

 

Während der Zeit in Bougaba habe ich viele Erfahrungen machen dürfen, die ich nicht missen möchte.  Aber auch nicht unbedingt noch einmal erleben muss.                                                                                                                                                 

Transfer

Ich lebe mittlerweile bei José David, einem AFS-Mitarbeiter, in einem Haus im Vorort von Panama City. Tagsüber halte ich mich im AFS-Büro auf und gehe ab und zu mal in die Innenstadt. Hier verweile ich, bis eine neue Gastfamilie gefunden ist.

In anderen Ländern hält sich AFS stets Gastfamilien auf „Reserve“ frei.  

AFS-Panama hat kein Maximum an Austauschschülern die aufgenommen werden festgelegt, sodass einige sogar zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in Panama noch ohne Gasteltern waren. Dies spült zwar mehr Geld in die Kassen der Organisation vor Ort, ist für uns Austauschschüler jedoch recht suboptimal.

 

Mir schlägt seitens AFS sehr viel Kälte, bis Ablehnung entgegen. Tagsüber im Büro und dann bei José David.

Dies liegt wohl u.a. daran, dass ich und meine „echten“ Eltern uns aufgrund vieler „asozialen Aktionen“ (auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte) seitens AFS-Panama gegenüber mir und anderen Austauschschülern (die sich jedoch nicht wehren) u.a. bei AFS-Deutschland gemeldet haben.

 

Auch wenn sie es nicht aussprechen, hassen sie mich hier dafür und das lassen sie mich in Kleinigkeiten spüren. Ich versuche dies zu ertragen und schaffe es ihnen gegenüber weiterhin freundlich zu sein. Doch die Situation bedrückt mich sehr.

 

 

Schließlich erfahre ich, dass eine neue Gastfamilie in Cerro Punta gefunden wurde. Wie ich dorthin komme, sei mein Problem. So fahre ich vom Süden Panamas bis in den Norden nach Cerro Punta. Ich bin froh irgendwie immer richtig von Bus zu Bus um zu steigen und nicht beklaut zu werden. Als ich schließlich erschöpft mit meinem Gepäck vor einer Apotheke in Cerro Punta stehe fühle ich mich allein.

Alleingelassen von AFS. Alleingelassen von Señora Sarina, (Bezirksverantwortliche und wohl auch Chefin von AFS-Panama) die mich seit Stunden abholen wollte und nicht an ihr Handy geht. Ich werde nachher noch erfahren, dass sie oberhalb der Apotheke wohnt.

Die Altstadt im Vordergrund und die Skyline des „neuen“ P.C.´s im Hintergrund.
Bild entstand während eines Ausflugs in die Altstadt Panama Citys.
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