„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

1. Wie es dazu kam

 

Beweggründe:


2011 – ein milder Winterabend. Ich gehe spazieren. „In einem halben Jahr wirst du nun 10 Jahre, mehr oder weniger ununterbrochen, in der Schule verbracht haben“, schießt es mir durch den Kopf. Die Schule bestimmt, wann ich aufstehe, wann ich esse,  und was die richtigen Antworten auf wohl wichtige Fragen sein sollen. Durchdogmatisierte Dauerschleife.


In einem halben Jahr werde ich im gleichen Klassenzimmer auf dem gleichen Stuhl sitzen, wie heute Mittag. Um im Laufe des monotonen Unterrichtsgeschehens wieder Wissen in mich hineinzufressen, dass ich nach der Arbeit Großteils wieder vergessen werde.


Die Schule gibt mir Sicherheiten und nimmt mir Freiheiten. Ein vorhersehbares Alltagsleben im Allgemeinen lässt mich passiv werden. Und die Zukunft unterscheidet sich für einen kaum mehr von Gegenwart und Vergangenheit, wenn sie vorhersehbar wird.


Doch es ist eine Entscheidung (wenn auch meist eine unbewusste) sich leben zu lassen. Man hat die Wahl. Ich will etwas dagegen tun. Irgendwie. Irgendwie ausbrechen..

# die Sehnsucht in ihm wurde wieder wach,
noch einmal voll von Träumen sein, sich aus der Enge hier befrei'n,
er dachte über seinen Aufbruch nach, seinen Aufbruch nach...


(Aufgeführter Gedankengang stellte einen von mehreren Beweggründen dar, aufgrund dessen ich mich überhaupt erst bei der Organisation AFS für ein Auslandsjahr beworben habe.)

Deutschland:


Diese Entscheidung treffe ich nun relativ spät, weshalb ich recht froh sein kann als sogenannter „Late Bird“ noch auf ein  „Auswahlswochenenden“ zu kommen.* Auf diesem ersten Wochenende selektiert AFS durch diverse Verfahren quasi die Menschen aus, die nach der Meinung ihrer Mitarbeiter für ein Auslandsjahr geeignet seien.


Ich werde als geeignet empfunden und gehe daraufhin noch auf 2 weitere „Vorbereitungswochenenden.“


Diese verlaufen ebenfalls glatt und machen allesamt viel Spaß. Was jedoch noch ein Problem darstellt, ist die Frage wie und ob ich die durch das geplante Auslandsjahr entstehenden Unkosten tragen kann.

AFS stellt uns ein zeitliches Ultimatum, bis zu dem wir sicher zusagen oder eben doch noch abspringen sollen. (Was verständlich ist, da bereits im Vorfeld ja noch viel Organisatorisches laufen muss.) Noch wenige Tage, bevor ich AFS diese schriftliche Zusicherung schicken muss, bin ich mir nicht sicher wie ich mein Auslandsjahr finanzieren soll. Doch ein paar Tage vor der großen Entscheidung liegt die Bestätigung der „Baden-Württemberg-Stiftung“ im Briefkasten.                                                

Als einer von nur 2 Menschen im Bundesland darf ich dieses Teilstipendium in Anspruch nehmen.


Glücklicher Zufall oder Wink des Schicksals – die Tore zu meinem Auslandsjahr stehen damit offen.

Tschüss alte Welt:

 

Am 29.Juli 2011 geht meine große Reise dann schließlich los. Um 0:30 Uhr stehe ich auf, lade meine Koffer in unser Auto und fahre mit meiner Familie zum Frankfurter Flughafen. Dort genieße ich noch die vorerst letzten Minuten mit meiner Familie, bis der endgültige, tränenreiche Abschied kommt.

 

Mit meinem guten Kumpel, Lukas Wieth (Spitzname: Lugges), einem lachenden und einem weinenden Auge fliege ich schließlich über Madrid in eine unvorhersehbare Zukunft

- nach Panama.

- Aeropuerto de Madrid Barajas -
- Aeropuerto de Madrid Barajas -

Nachdem es vom imposanten Madrider Flughafen in eine recht komfortable Maschine der spanischen Airline geht, weicht der anfänglichen Aufregung schließlich doch die Ermüdung.  

Mit halb offenen Augen entdecke ich einen 15 seitigen Brief in meiner Jackentasche. Absender: Engel

Während sich der bisherige Flug noch irgendwie wie ein Urlaubsflug angefühlt hatte,  realisierte ich mit dem Lesen von Marleens Zeilen nun die Tragweite meiner Entscheidung.

Gänsehaut und große Emotionen überfallen mich.

Hallo neue Welt:

Wie viel Uhr es ist, als unser Flieger in Panama landet, vermag ich nicht zu sagen (Handy Akku leer, Zeitverschiebung, Jetlag).  Was mir zuerst durch den Kopf geht, als wir aussteigen: „Oh, wie schwül ist Panama.“ Im Laufe meines Auslandsjahres werde ich noch feststellen, dass selbst die meisten Panamaer/innen mit dem tropischen Klima, insbesondere der hohen Luftfeuchtigkeit, zu kämpfen haben.

Nach der durchweg proportionierten Flughafenwelt geht es nun mit dem Bus gen Panama City.

Es dürfte inzwischen nach 18 Uhr sein. Meine Augen schweifen aus dem Busfenster und erspähen ein traumhaftes Bild von Palmen und Meer im Sonnenuntergang.  Dieses weicht allmählich einem Meer von Wellblechhütten, das leider nur für das Auge am Horizont endet. Als wir jedoch Richtung Innenstadt kommen, bietet sich uns ein komplett konträrer Anblick. Eine atemberaubende Skyline schlängelt sich an der Pazifikküste, um die sich der Schleier der Nacht legt, entlang.

„Hier werde ich ein Jahr verbringen.. WOW!“

Hochhäuser, deren Etagen sich um die eigene Achse drehen lassen und Limousinen, die hintereinander im Stau stehen geben mir eine erste Ahnung von dieser „anderen Seite“ Panamas.      Eine Seite, die in einem verschwenderischen Reichtum lebt, den man sich selbst in Deutschland wirklich schwer vorstellen kann. Die Millionenmetropole Panama City, mit ihrem unverkennbaren historisch-amerikanischen Federstrich,  könnte im Vergleich zum Rest des Landes gegensätzlicher wohl kaum sein.

Zwirbeldirbel
Zwirbeldirbel

- Bild entstand erst Monate nach meiner ersten Nacht in Panama.

Nach einer kleinen Rundfahrt kommen wir schlussendlich in ein, auch auf den zweiten Blick, recht anschauliches Hotel. Nachdem wir den nötigen Papierkram mit unseren AFS-Volontären hinter uns bringen, schmeißen  ich und Lugges unsere Koffer ins Hotelzimmer und springen in unsere Badehosen und daraufhin mit den anderen Austauschschülern in den Pool auf dem Dach unseres Hotels.

Meine erste Nacht in Panama feiere ich mit gleichaltrigen aus aller Welt, unter freiem Nachthimmel, mittendrin zwischen den Glaßfassaden der Weltbanken.  

Gelungener Start in das beste und wichtigste Jahr meines bisherigen Lebens!

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