„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Pressefreiheit

Die Welt ist unheimlich komplex geworden. Tagtäglich passiert so vieles, doch der interessierte Bürger hat nicht die Kapazitäten all das zu recherchieren und zu deuten. Er kann nicht nach Syrien reisen und sich gleichzeitig noch mit dem Zusammenhang von Aktienkurse und Leitzins auseinandersetzen. Das geht beim besten Willen nicht.

Aus diesem Grund gibt es Medien. Es ist eine der obersten Aufgaben der Medien, Informationen zu sammeln und verständlich an die Öffentlichkeit zu bringen. In diesem Sinne sind Medien eine Art Informationsschnittstelle zwischen Geschehen und Bürger, die selektiv arbeitet. Das bedeutet, Medien sollen Wichtiges von Unwichtigem und Wahres von Falschem trennen. Hiermit bieten sie uns ein Orientierungspunkt in der heutigen Informationsflut.

Nicht zuletzt übernehmen Medien eine Kontrollfunktion in unserer Gesellschaft. Als publikes Korrektiv verschaffen sie Oppositionellen ein breites Gehör, bringen Missstände ans Tageslicht und zwingen damit die Verantwortlichen einzugreifen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von den Medien als die Vierte Gewalt im Staat.

Eine mündige Gesellschaft ist somit auf eine funktionierende, investigative Medienlandschaft angewiesen. Anders kann sie in einer komplexer werdenden Zeit nicht mehr den Überblick behalten. Damit Medien aber derart funktionieren können, müssen sie unabhängig bzw. frei sein.

Wahrheit ist die wahre Währung einer Demokratie, der Rest bleibt dem Volk überlassen. Wer aber liefert uns die Wahrheit? Freiheit allein ist noch kein Garant für die Zuverlässigkeit einer Information. Im Internet etwa ist jeder frei, seine Ansichten zu einem Thema zu publizieren, und sei er auch noch so dumm oder unqualifiziert dafür. Natürlich ist der allgemeine Meinungspluralismus, der mit dem Internet einhergeht, zu begrüßen, keine Frage. Aber er verstärkt auch die Verunsicherung des Individuums bezüglich guter, medialer Informationsquellen.

Im Rahmen einiger gesetzlicher Vorschriften und auf dem Papier darf hiernach die deutsche Presse schreiben, was immer sie für richtig oder wichtig hält. Darüber können wir wirklich sehr froh sein. Praktisch jedoch kann eine Presselandschaft nie ganz frei sein, da stets äußere Kräfte versuchen werden, in ihre Einfluss- und somit Freiheitssphäre einzugreifen, neue Abhängigkeiten zu schaffen, oder vorhandene auszunutzen.

Tatsächlich rangiert Deutschland in Sachen Pressefreiheit weltweit „nur“ auf Platz 14. Spätestens ab hier müssen wir uns jetzt selbst Gedanken machen. Denn die Presse schreibt, wie Erfahrung und Logik zeigen, selbst nichts über die Unfreiheiten der Presse. Irgendetwas aber muss in der deutschen Presselandschaft nicht stimmen, ansonsten würden wir in den internationalen Vergleichen besser abschneiden.

Wir sollten uns ganz allgemein wieder mehr eigene Gedanken machen, finde ich. Wann haben Sie sich das letztes Mal gefragt, wieviel von der Meinung, von der Sie glauben, dass es Ihre ist, auch tatsächlich die Ihrige ist? Haben Sie sich das überhaupt schon einmal gefragt? Wieviel davon ist übergenommene Meinung, aus irgendwelchen Gazetten und Nachrichten? Würden Sie denen auch einfach nachplappern, wenn sie morgen etwas ganz anderes erzählen? Stelle dich der Frage, wie du zu deinem Standpunkt gekommen bist. Durch eigene Initiative und Gedankenschritte, oder hat man dich dort hingeführt? Welche Interessen könnte wer daran haben, dass du nun dort stehst? Und willst du dort überhaupt stehen?

# VERöffentliche Meinung.

Wir haben Meinungsfreiheit, doch unsere Meinungen sind nicht frei. Wir haben Pressefreiheit, doch unsere Presse ist nicht frei. Presse kann nämlich auch manipulativ wirken. Und sie ist, nicht nur hierzulande, unheimlich mächtig. Ganze Bundespräsidenten können von ihr abgeschrieben werden. Zwei Gründe also, weshalb man ihre Verflechtungen hinterfragen sollte, wie sie und man auch die Politik anderer Teile der Gesellschaft hinterfragt.

Ich möchte dabei drei Aspekte gesondert beleuchten:

·         Die äußere Pressefreiheit in Deutschland.

·         Die innere Pressefreiheit in Deutschland.

·         Die mentale Pressefreiheit in Deutschland.

Von allen drei Seiten widerfahren der deutsche Presse, wie wir noch sehen werden, erhebliche Freiheitsangriffe. Oft sind dabei die Redakteure auch selbst nicht ganz unschuldig. Sie legen sich quasi von selber in die Ketten von Mammon und Macht.

1. Äußere Pressefreiheit

1.1. Mediale Lobbyarbeit

Eine große Gefahr für den unbefangenen, deutschen Journalisten sind die sich ihm darbietende, außerdienstlichen Verdienstmöglichkeiten. An für sich ist es ok, wenn der i.d.R. schlechtbezahlte Journalist sein Gehalt neben dem eigentlichen Beruf ein wenig aufbessern möchte. Nur ist der Geldgeber eines Journalisten nun kein reiner Wohltäter, sondern möchte eine Gegenleistung für seine finanziellen Zuwendungen.

Nicht selten wird an dieser Stelle mediale Lobbyarbeit betrieben. Man versucht also, sich durch Geld Einfluss auf die Schreibarbeit eines Journalisten zu erkaufen. Der Journalist selbst sieht sich dann in einem dilemmatischen Interessenskonflikt zwischen Moneten und der eigenen Integrität. Wenn er sich für die Moneten entscheidet, gibt er damit einen Teil der Freiheit seiner Pressearbeit auf.

Kaum jemand ist dabei so unverschämt, dem Journalisten direkt 4.000€ für eine bestimmte Berichterstattung in die Hand zu drücken. Der Deal läuft subtiler ab, wird nie als solcher benannt und kann so geschickt eingefädelt sein, dass der Journalist selber ihm nicht bewusst wird. Wie soll das gehen?

Stellen wir uns vor, Sie selbst wären ein angesehener Journalist. Eine parteinahe Stiftung, etwa die Konrad-Adenauer-Stiftung, lädt sie nun für nächste Woche ein, einen Vortrag zu halten. Für fünfzehn Minuten Vortrag versprechen sie Ihnen ein staatliches Honorar von eben 4.000€. So, jetzt denken Sie kein Lobbygeld, sondern Geld, das sich noch steuerlich absetzen lässt, für etwas, was eigentlich jeder in der Zeitung lesen kann, bekommen zu haben. Ihr Gewissen ist rein. Bewusst oder unbewusst haben Sie jetzt aber das Gefühl, der Partei etwas zu schulden und genauso wissen Sie auch, dass Sie wohl nicht mehr geladen werden, wenn Sie schlecht über die CDU schreiben.

Außerdem würde es Ihnen jetzt viel schwerer fallen, kritisch über diese Menschen zu berichten, die Sie nun persönlich kennen. Und irgendwie gefällt Ihnen ja auch das Gefühl, offenbar wichtig und interessant zu sein. Das ist der psychologische Effekt hinter der ganzen Geschichte. Man möchte meinen und hoffen, der deutsche Journalist hätte genug Charakter, um sich einer solchen Prozedur zu entziehen. Aber weit gefehlt. Es ist Gang und Gebe, dass große Namen wie Ulrich Wickert (erster Moderator d. Tagesthemen), Tom Buhrow (ehem. Tagesthemen), oder Claus Kleber (Heute-Journal) für zehntausende Euro von Politik und Wirtschaft reden.

Sie haben sich schon mehrfach gefragt, warum Nachrichtenmoderatoren so hohe Rednerprovisionen erhalten? Darum. Vom Prinzip ist es das Gleiche, wenn unsere städtische Bausparkasse den damaligen Wirtschaftsminister Philipp Rösler für einige Tausend bei sich reden lassen hat. Nicht, weil er ihnen das Bausparen erklären könnte, sondern, weil sie auf das (auf lange Sicht sicher falsche) Pferd Rösler in Bundestag und Ministerium gesetzt haben.

Ein besonders dreistes Fallbeispiel, das sich auch wirklich so zugetragen hat, dreht sich um die Zigarettenfabrik Reemtsma. Seit 2007 vergibt dieses Unternehmen den sog. Liberty-Award für besonders guten Journalismus. Vorgeblich für guten Journalismus. Schaut man einmal genauer hin, kommt man nicht umher, eine ganz andere Intention hinter diesem Preis zu vermuten. Für Tabakware darf man in den Medien nämlich keine Werbung mehr schalten. Aber wenn man jetzt einem einflussreichen Journalisten wie Konrad Schuller von der FAZ den Preis verleiht, kommt der Name des Tabakkonzerns wieder in den Medien. Ein bisschen Geld für eine löbliche Erwähnung, Reemtsma betreibt Imagepolitur, Werbung auf einer neuen Art.

Aber das war erst der Anfang. Die US-Botschaft in Berlin bietet direkt und unmissverständlich bis zu 20.000 US-Dollar, für Journalisten, die positiv über das Freihandelsabkommen TTIP berichten. Siehe hier und hier. Das ist eine unverhohlene Frechheit, Journalisten Unsummen anzubieten, wenn sie sich im amerikanischen Sinne äußern - und noch dazu so unverhohlen! Wir sind jedoch keinen Deut besser. Im Rahmen ihrer Förderbestimmungen bezahlt die Europäische Union Journalisten ebenso für eine positive Berichterstattung. Es ist eine Schande für unsere „Wertegemeinschaft“.

Für gewöhnlich gibt man sich aber mehr Mühe, das Ideal des parteilosen Publizisten nicht ganz so offensichtlich mit Füßen zu treten. Etwa indirekt über Organisationen wie die Atlantik Brücke. Und eines kann ich ihnen vorneweg versprechen: Gegen das, was jetzt kommt, war alles, was Sie bis dato gelesen haben, ein Furz in den Wind.

1.2. Think Tanks

Institute wie die Atlantikbrücke, das Aspen Institute oder der German Marshall Fund wurden überwiegend von den Amerikanern (u.a. durch die Familie Rothschild) nach Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet. Folgerichtig sind diese ganzen Denkfabriken auch proamerikanisch eingestellt. Aus damaliger Sicht war die Gründung solcher Organisationen durch die US-Ägide auch notwendig. Sie dienten u.a. der Entnazifizierung. Heute sieht man in der ihr inhärenten Nähe zwischen Presse, Politik, Militär und Wirtschaft, und der mangelnden Transparenz eine Gefahr für die Demokratie.

Viele, viele Journalisten sind in solchen Netzwerken tätig und damit voreingenommen. Da können sie erzählen, was sie wollen.

That´s embedded journalism at it´s best. Nehmen wir nur einmal diejenigen Journalisten in der Atlantikbrücke. Zu ihnen gehören u.a. Jörg Schönenborn vom ARD, Theo Koll vom ZDF, Kai Diekmann von der Bild, Jochen Bittner von der Zeit, Nikolas Busse von der FAZ, Stefan Kornelius von der Süddeutschen, Christiane Hoffmann vom Spiegel, Katja Gloger vom Stern, Michael J. Innacker vom Handelsblatt und Hunderte andere.

Eine wirklich nur rudimentäre Übersicht findet sich auf Wikipedia. Im Jahresbericht der Atlantisbrücke hingegen sind die Mitglieder aufgelistet. Der Vorwurf, die Atlantikbrücke sei eine Art konspirative Geheimgesellschaft  , ist also absurd, denn seit wann ziert es sich für eine Geheimgesellschaft, ihre Mitglieder mitsamt einem Jahresbericht zu veröffentlichen? Ergo, liebe alternative Medien, begnügt euch doch bitte mit dem, was ist, ihr müsst da keine extra Geschichten dazu erfinden. Die Realität ist auch so schon spannend und erschreckend genug.

Man kann sich nicht jahrelang in diesen NATO-affinen Milieus bewegen, sich einladen und beraten lassen, ohne nicht von selbst eine klebrige Nähe zu diesen zu entwickeln. Unzählige Leute fragen mich, weshalb die Mainstreammedien oft so gleichgeschaltet wirken. Triftige Gründe dafür heißen Trilaterale Kommission, Bilderbergtreffen usw.

Auf diesen Treffen könnten ranghohe Militärs und Alphajournalisten beispielsweise die mediale Vorbereitung eines Krieges diskutieren. Unter Ausschluss der unbedarften Öffentlichkeit natürlich, die Ziel dieser Propagandaattacke ist und nichts von alldem ahnt. Oder man kann, wie Klaus-Dieter Frankenberger es tat, die Trilaterale Kommission am 23. März 2013 zu ihrem Vierzigsten in höchsten Tönen loben, ohne darauf zu verweisen, dass er selbst deren Mitglied ist. Ein Journalist des Instituts X schreibt nicht gerne schlecht über das Institut X, so einfach ist die Rechnung.

Auch Begrifflichkeiten, die von jetzt auf nachher in den Medien grassieren, stammen wohl, viele ehemalige Teilnehmer berichten davon, zuhauf aus diesen Think Tanks. Wenn plötzlich all diejenige, die nicht in die amerikanische Kriegsrhetorik einstimmen, Putinversteher geschimpft werden, können wir uns denken, woher dies kommt. Aus proamerikanischen Denkwerkstätten, die so subtil eine Volksstimmung gegen ihren politischen Gegner zu erzeugen vermögen. Der Bürger, der wie gesagt viel zu wenig selber denkt, liest diese Wörter in Zeitungen und registriert, dass Putin und alle, die versuchen ihn zu verstehen, schlecht sind. So schreibt man Diplomatie aus den Köpfen des Volkes. So betreibt man Kriegspropaganda heute.

Ein äußerst wichtiges Video, oder? Der Zeit-Herausgeber Josef Joffe und der Zeit-Redakteur Jochen Bittner, beide werden im Video erwähnt, waren da aber ganz anderer Meinung. Mittels einer einstweiligen Verfügung wollten die beiden diese Sendung aus der Mediathek entfernen lassen. Inzwischen ist der entsprechende Clip auch kommentarlos aus der ZDF-Mediathek gelöscht wurden. Wohlmöglich auch deshalb , weil der ZDF-Verwaltungsdirektor Rudi Sölch selbst Teil der Atlantikbrücke ist?

Über den Bericht, über die unzweideutige Zensur und über die Verflechtungen von Medien und Macht im Allgemeinen findet man erschreckend wenig in die Zeit oder anderen Medien. Man liest in der Mainstreampresse eigentlich nie etwas zu dem brisanten Thema Presseunfreiheit, oder? Da sehen wir, wie sehr man hinter den Redaktionsstellen an Aufklärung und einer öffentlichen Debatte tatsächlich interessiert ist. Und wie sehr es jetzt an uns liegt, uns auf eigene Faust zu informieren und eine eigene Meinung zu bilden.

Auf diesem Wege möchte ich Ihnen noch eine Auseinandersetzung mit den Medienforschern Uwe Krüger und Marshall McLuhan, und den Eiligeren ein Telepolis-Interview ans Herz legen.

1.3. Leitmedien

Dann möchte ich noch eines thematisieren. Wir bereits den Begriff Alphajournalismus kennengelernt. Alphajournalisten schreiben nicht nur über den Wochenendsport oder in einem Lokalblatt mit 600 Lesern. Nein, sie initiieren die Titelstorys großer Zeitungen, sprechen die Kommentare der Tagesschau und exerzieren somit eine breite Masse. Claus Kleber ist sicher ein Alphajournalist, oder Günther Nonnenmacher, auch Frank Plasberg. Der größte Alphajournalist aber, und einer der allermächtigsten Menschen im ganzen Land, ist aber der Chefredakteur der Bild, Kai Diekmann.

Leitmediensind nun sozusagen die Alphajournalisten unter den Medien. Sie konstituieren und konstruieren gesellschaftliche Debatten, Eindrücke und Wirklichkeit. Aber nicht nur das, sie sind auch ein Grund für die augenscheinliche Gleichgeschaltetheit der Medien. Damit fungieren sie auch nicht selten als corpus delicti des medialen Massenversagens. Wie das? Ganz einfach, kleine Blätter recherchieren viele Geschichten oft gar nicht mehr selbst. Dafür kann man ihnen in einigen Fällen auch gar keinen Vorwurf machen, in Zeiten einbrechender Umsatzzahlen bei konventionellen Zeitschriften fehlt es ihnen oft schlichtweg an Geld, Zeit und redaktionellen Kapazitäten. Stattdessen schauen sie, was die Leitmedien schreiben und übernehmen das einfach. Wenn nun aber ein Leitmedium Humbug schreibt, steht dieser sobald überall.

Der Spiegel ist ganz sicher ein Leitmedium. Er wird hauptsächlich von Leuten gelesen, die auf Bildniveau bleiben und sich aber trotzdem intellektuell fühlen wollen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 titelte der Spiegel: Wie gefährlich ist der Islam?, Die Multikulti-Lüge usw. Uns soll es hier gar nicht um den inhaltlichen Wahrheitsgehalt dieser Titelgeschichten gehen. Fakt ist, dass viele Spiegelleser auf Nachfrage damals den Islam und die Islamisierung des Abendlandes als Bedrohung eingeschätzt hätten.

Währenddessen schreiben die deutschen Leitmedien heute, in der Tendenz, das völlige Gegenteil. Islam und Islamisierung seien nur Scheinbproblematiken und wir bräuchten dringend Zuwanderung, auch aus den arabischen Ländern. Selbst die Spitze der einst sehr konservativen CDU meinte jüngst, Angela Merkel, der Islam gehöre zu Deutschland. Sowas hätte sie vor ein paar Jahren nie über die Lippen bekommen.

Und was sagen mir heute die Spiegelleser in meinem Bekanntenkreis, im völligen Kontrast zu allen vorherigen Äußerungen? Dass der Islam bzw. die Islamisierung kein wirkliches Problem in Europa seien. Unabhängig von der Frage, was denn nun stimmt, muss man doch festhalten, dass die Medien hier eine neue Wirklichkeit konstruiert haben. Oder mit anderen Worten: "Und dafür hat man Medien. Da wird die Bevölkerung gefragt, man bekommt ein bestimmtes Ergebnis, man fragt die Bevölkerung wieder und bekommt ein ganz anderes Ergebnis. Man hat sich einfach ein neues Volk gemacht.

2. Innere Pressefreiheit

Haben wir uns bislang nur die äußerlichen Freiheitseinbußen der Presse angesehen, so kommen wir nun zu der inneren Pressefreiheit. Die sogenannte innere Pressefreiheit bezieht sich auf die Strukturen innerhalb eines Pressehauses bzw. auf die Unabhängigkeit von Herausgeber und Verleger.

2.1. Agendasetting

Zum einen Mal ist ein Presseorgan wie bspw. die Süddeutsche Zeitung Teil eines Verlagshauses, das oft wiederum zu einem Medienkonzern gehört. In Konsequenz bedeutet das nicht nur, dass ein Löwenanteil (Bild, Die Welt, Die Zeit, Stern, FTD… RTL, VOX, NTV… Heyne Verlag, Goldmann…) der vermeintlich facettenreichen Presse- und Medienlandschaft in Deutschland in Wahrheit im Besitz von nur zwei Firmen (Bertelsmann, Springer) liegt, die damit eine unheimliche Macht auf Politik und Gesellschaft ausüben.

Nein, es heißt auch, dass unsere Pressehäuser nicht wahrheits- sondern gewinnorientiert arbeiten. Es sind Unternehmen. Zumal in Zeiten einbrechender Werbeeinnahmen und Auflagezahlen, sind sie folglich manchmal auf reißerische Überschriften über berechnende Artikel, die genau das repetieren, was der Leser hören will, angewiesen. Fachsprachlich nennt man ein solches Verhalten auch Agendasetting: Ein ermordeter Karikaturist in Paris füllt alle Schlagzeilen, während ein am selben Tag geschehener Massenmord in Afrika in die Randerwähnung gepresst wird, einfach darum, weil ein Pressehaus für gewöhnlich nach Angebot und Nachfrage schreibt.

2.2. Gatekeeping

Gatekeeping steht in der Nachrichtenforschung für Einflussfaktoren (meist personeller Natur) auf mediale Entscheidungsprozesse. Gatekeeper entscheiden also, was publiziert wird und was nicht. Früher waren die Massenmedien starke Gatekeeper, dieses Nachrichtenmonopol wurde und wird mit dem Aufkommen des Internets (Onlinemagazine, Foren, Blogs etc.) zerschlagen.

Heute sind die Gatekeeper einzelne Personen und bedrohen die innere, redaktionelle Pressefreiheit. Ein Musterbeispiel dafür ist, sofern seine selbstreferentiellen Ausführungen stimmen sollten, die Geschichte von Harald Schumann. Schumann ist Ex-Autor des Spiegels und berichtet, dass, wenn ein Redakteur oder Reporter beim Spiegel etwas recherchiert oder herausgefunden hat und das wichtig war, es nicht zwangsläufig auch so im Blatt erscheint. Vielmehr hätten er und Kollegen, nach tadelloser Arbeit, vieles einfach nicht schreiben dürfen. Es wurde relativiert, verborgen und zensiert, wie es den Gesinnungen, Interessen und Absichten der Höhergestellten entsprach. Wenn ein Artikel dann überhaupt irgendwie übernommen wird, solle man schon froh sein. Auch in anderen Redaktionen will Schumann Ähnliches erlebt haben.

Als Exempel greift er seine Arbeit im Ressort Energiepolitik auf. Der damalige Chefredakteur des Spiegels habe ein privates Interesse daran gehabt, dass die Windkraft im Land nicht erstarkt. Beispielsweise, weil ein weiterer Ausbau von Windrädern seine Pferdezucht im Landkreis Stade bedroht hätte. Deshalb sollten von nun an alle vom Spiegel gegen Windkraft schreiben. Die potentielle Titelgeschichte von ihm und einem Kollegen wurde dann tatsächlich mit exakt dieser Begründung nicht abgedruckt. Schlimmer noch, anstatt dieser erschien jetzt eine Anti-Windkraft-Titelgeschichte. Herr Schumann empfand diese als doch sehr an den Haaren herbeigezogen und verließ den Spiegel schließlich.

Seiner sei kein Einzelfall, berichtet Schumann. Dass Chefredakteure oder Ressortleiter ihren “Schreiblingen“ vorschreiben, was sie zu tippen haben und was nicht, sei oft traurige Realität in der deutschen Presse (Sicher ist, dass hier einige alarmierende Machtgefälle klaffen). So macht man denkbar junge, gute und investigative Journalisten gefügig und damit überflüssig.

„Journalismus heißt, etwas zu drucken, von dem jemand will,

dass es nicht gedruckt wird. Alles andere ist Public Relations."

George Orwell

2.3. Es gäbe noch so viel zu sagen

Es gäbe noch so viel zu sagen. Zum Beispiel, dass sich der Axel-Springer Verlag u.a. folgende Leitlinie gesetzt hat:Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Artikel gegen den transatlantischen Superpartner würde doch folgerichtig gegen die Unternehmensgrundsätze gehen? Man kann solche Leitlinien finden, wie man möchte - an sich ist ja nichts Schlechtes dabei, die Bündnisse zwischen Deutschen und Amerikanern, oder Deutschen und Juden (eine andere Leitlinie) zu verbessern – „unabhängig. überparteilich“, wie die Bild-Zeitung mit ihrem Slogan für sich wirbt, kann sie spätestens mit diesen Leitlinien grundsätzlich nicht mehr sein.

3. Autozensur

Aber belassen wir es vorerst dabei und kommen noch kurz auf einen psychologischen Effekt zu sprechen. Stellen Sie sich vor, Sie wären damals Journalist beim Spiegel gewesen und hätten Wind davon bekommen, dass ihr Chef Windkraft nicht so toll findet. Würden Sie es sich vielleicht nicht eben deshalb schon zweimal überlegen, ob Sie für Windkraft, oder gegen eine Alternative dazu überhaupt erst recherchieren bzw. schreiben? Beginnt die Beschneidung der Pressefreiheit u.U. nicht bereits in den Köpfen der Journalisten? Um den Arbeitsmarkt des Journalismus ist es schlecht bestellt und um eine Stelle beim Spiegel könnten Sie echt froh sein, müssen Sie wissen.

Pressefreiheit beginnt offensichtlich im Kopf. Denn, hat man als Journalist nicht manchmal Angst, zu investigativ in ein Wespennest zu stechen und sich letztendlich arbeitslos, öffentlich verpönt oder vor dem Richterstuhl vorzufinden? Ist nicht auch ein freier, unabhängiger Journalist in Wahrheit nur so frei und unabhängig, wie er sich das selbst erlaubt zu sein?