„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Politisches Spektrum

Das Politische Spektrum umfasst die Gesamtheit aller politischen Positionen. Eine politische Partei oder eine Ideologie kann mittels einer n-dimensionalen Systematik im politischen Spektrum lokalisiert werden.

Das klassische, eindimensionale rechts-links Schema entstammt der Anfangszeit der französischen Revolution bzw. der ersten Nationalversammlung. Damals saßen die Monarchisten rechts vom Rednerpult und die Sozialisten links. Dieses einfache „Links-Rechts-Denken“ wird vielerorts kritisiert, da es offensichtlich zu undifferenziert ist. Wo  beispielsweise sollte man die NPD verordnen? Sicher rechts, da sie autoritär ist, irgendwie aber auch links, da sie sich für einen starken Sozialstaat starkmacht. Deshalb operieren Politikwissenschaftler heute auch mit weitaus mehr Unterscheidungen: konservativ-progressiv, elitär-egalitär, nationalistisch-internationalistisch, kollektivistisch-individualistisch usw.

Die deutschen Parteien im politischen Spektrum. Klassischerweise liegen Parteien umso weiter außen, desto radikaler bzw. extremer sie programmatisch aufgestellt sind. Zwischen den einzelnen Achsen liegt die politische Mitte bzw. das Zentrum.
Die deutschen Parteien im politischen Spektrum. Klassischerweise liegen Parteien umso weiter außen, desto radikaler bzw. extremer sie programmatisch aufgestellt sind. Zwischen den einzelnen Achsen liegt die politische Mitte bzw. das Zentrum.

1. Geschichte

Das Aufkommen der Links-Rechts-Unterscheidung im Sinne politischer Richtungsbegriffe wird auf den Ursprung der Französischen Nationalversammlung in der verfassunggebenden Nationalversammlung (Konstituante) von 1789 zurückgeführt [1]. Dadurch blieb die Sitzordnung nicht länger das Spiegelbild festgefügter gesellschaftlicher Hierarchien wie in der Versammlung der feudalen Generalstände, sondern brachte bald die Dynamik politischer-ideologischer Auseinandersetzungen zum Ausdruck. Es entstand eine Auffächerung der politischen Orientierungen in der Nationalversammlung in ein Meinungsspektrum zwischen zwei Extremen: Die linke Seite "le côté gauche" kennzeichnete eine revolutionäre, republikanische Stoßrichtung, während „le côté droit“ mehr zurückhaltende, der Monarchie freundlich gesinnte Vorstellungen vertrat. Bald wurden die räumlichen Adjektive "links" und "rechts" substantiviert und man sprach nun einfach von „la droite“ und „la gauche“. Innerhalb dieser Lager bildeten sich wiederum sehr rasch Flügelgruppen: "l’extrémité gauche" und "l’extrémité droite".

 

Von Frankreich aus breitete sich die Links-Rechts-Unterscheidung in ganz Europa aus. In Deutschland konstituierte sich das Paulskirchenparlament von 1848 nach ihrem Muster. Hier saßen die republikanischen Abgeordneten, die einen sofortigen Sturz der damaligen Monarchie forderten, links und die Befürworter einer konstitutionellen Monarchie rechts.

2. Typische Interpretationen

Der Gegensatz links-rechts steht im allgemeinen Verständnis stellvertretend für die nachfolgend beschriebenen Gegensätze.

a. Egalitär – Elitär

Ausgehend vom Gleichheitspostulat (Egalité) der französischen Revolution sind egalitäre politische Ansätze zentral für das Selbstverständnis der „Linken“. Diese richtete sich gegen Benachteiligungen bestimmter Bevölkerungsgruppen. Dies betraf zunächst die materiell schlechter gestellten Schichten (Arbeiterklasse), wurde später aber auch auf religiöse oder ethnische Minderheiten, Frauen, ältere Menschen, Behinderte, Homosexuelle und andere Bevölkerungsgruppen angewandt. Der Kampf für politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung galt den Linken als Teil eines fortschrittlichen Strebens nicht nur nach Gleichheit, sondern auch nach Freiheit. Daher ist der Begriff der Emanzipation als Bezeichnung für die Befreiung und Selbstbestimmung benachteiligter Gruppen für das Selbstverständnis linker Gruppen und Organisationen ein wichtiger Bezugspunkt.

 

Die "Rechte" rechtfertigt die Notwendigkeit einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Ungleichheit. Die Gründe dafür werden entweder in der Natur des Menschen (Begabung, Befähigung) gesehen oder die Ungleichheit wird auf gesellschaftliche Nützlichkeitserwägungen (Leistungsanreiz) zurückgeführt. In diesem Zusammenhang wird die Herausbildung von Eliten befürwortet, aus denen sich das Führungspersonal gesellschaftlich bedeutsamer (politischer, kultureller, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher) Einrichtungen rekrutiert. Dagegen gelten linke/egalitäre Konzepte als "Gleichmacherei" und werden als Eingriffe in individuelle Freiheitsrechte und Entfaltungsmöglichkeiten oder in die hergebrachte Gesellschaftsordnung abgelehnt.

 

Im demokratischen Rechtsstaat steht nach erfolgter politischer Gleichberechtigung die Verteilung gesellschaftlichen Reichtums im Zentrum der Auseinandersetzung über egalitäre bzw. antiegalitäre Ansätze. Differenzierungen beim Verdienst (Primärverteilung) werden mit unterschiedlicher "Begabung" und "Leistung" des Individuums begründet. Die Frage nach einer "angemessenen" einkommensabhängigen Steuerbelastung (Sekundärverteilung) ist ein bedeutenderer Streitpunkt in der politischen Auseinandersetzung, da die Besteuerung im unmittelbaren Zugriff der Gesetzgebung liegt.

 

Willkürliche Ungleichbehandlung (Diskriminierung) aufgrund von Sprache, Geschlecht, "Rasse", Herkunft, Religion, politischer Anschauungen oder Behinderungen sind in demokratischen Rechtsstaaten geächtet. Umstritten ist jedoch, ob und in welchem Umfang der Staat Maßnahmen zum Ausgleich von Benachteiligungen ergreifen soll und inwiefern der Staat Diskriminierung im gesellschaftlichen Bereich entgegentreten soll. Dabei wird zwischen Gleichstellung und Gleichbehandlung unterschieden. So werden von Teilen der heutigen Linken zur Durchsetzung gesellschaftlicher Gleichstellung Maßnahmen gerechtfertigt, die als Ungleichbehandlung im Sinne einer Besserstellung gesellschaftlich benachteiligter Gruppen konzipiert sind ("umgekehrte Diskriminierung").

b. Progressiv – Konservativ

In der Anfangszeit der westlichen Demokratien, insbesondere im 19. Jahrhundert, bemühten sich die Linken vor allem um die Verbesserung der Lebensbedingungen der unteren Schichten, insbesondere der Arbeiter, um die Durchsetzung der Menschenrechte und damit um eine kontinuierliche Erneuerung der Gesellschaft. Die Linke propagierte dies als gesellschaftlichen Fortschritt (Progressivität). Die Rechten traten hingegen für die Wahrung des Status quo in Bezug auf politische und ökonomische Verhältnisse ein und verwiesen auf "hergebrachte" gesellschaftliche Normen, wodurch sie auch die Bezeichnung "konservativ" ("bewahrend") erwarben.

 

Mehrere Entwicklungen erschweren heute die Einteilung nach den Begriffen konservativ/progressiv: In den westlichen Demokratien nach 1945 haben auch eher rechts stehende Parteien eigenständige programmatische Fortschritts-konzepte entwickelt und eine eigene Politik der technischen wie auch gesellschaftlichen Modernisierung vertreten. Unterdessen ist es innerhalb und zwischen Organisationen mit linkem Selbstverständnis äußerst umstritten, welche Auffassungen und Maßnahmen als „progressiv“ anzusehen sind. Zudem entwickelte sich die Ideologiefigur der "Verteidigung fortschrittlicher Errungenschaften", die als eine linke Variante konservativer Denkansätze angesehen werden kann.

c. Internationalistisch – Nationalistisch

Der egalitären Grundidee entsprechend verfolgte die Linke lange Zeit einen internationalistischen Ansatz, begriff sich als weltweite Bewegung und organisierte sich international. Nach 1945 begriffen allerdings viele linke Gruppierungen ihre Aufgabe als "nationalen Befreiungskampf" und stützten sich dabei auf antiimperialistische Ideologien. Zur Befriedigung patriotischer Emotionen in der Bevölkerung, zur Durchsetzung territorialer Machtansprüche oder als Ausdruck eines antiimperialistischen Weltbildes wurden auch von Regierungen mit linkem Selbstverständnis nationalistische Ansätze vertreten. Im Zusammenhang einer globalisierungskritischen Vorstellungswelt wird heute von Teilen der "Linken" die Souveränität der Nationalstaaten als Voraussetzung für die Absicherungen sozialer Errungenschaften angesehen und gegen eine Internationalität des Kapitalismus gedanklich in Stellung gebracht.

 

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts verfolgte das rechte Lager eine nationalistische Politik und vertritt eine entsprechende Ideologie noch heute. Zugleich versteht sich das "bürgerliche Lager" in Westeuropa – inklusive der Liberalen – aber als treibende Kraft der wirtschaftlichen Globalisierung und verweist auf seinen Beitrag zur europäischen Einigung.

d. Weitere Gegensätze

Während die oben genannten Gegensätze zumindest ursprünglich auf das Links-Rechts-Spektrum abgebildet werden konnten, ist dies bei weiteren Gegensätzen nicht oder nur im Einzelfall möglich. Dies ist auch die Basis für alternative Modelle. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Gegensatz Zentralistisch – Separatistisch. Bei einigen Staaten mit starken Autonomie-Bewegungen, z. B. Spanien, gibt es sowohl im linken als auch rechten Teil des politischen Spektrums zentralistische und separatistische Parteien.

3. Kritik

a. Starke Vereinfachung

Ein Hauptkritikpunkt ist die extreme Vereinfachung der politischen Landschaft durch die Projektion verschiedener programmatischer Unterschiede auf eine einzige Achse. Darüber hinaus wird kritisiert, dass der Begriff Spektrum eine Kontinuität suggeriert (wie z. B. bei den Farbschattierungen des Lichtspektrums), obwohl auch ideologisch "benachbarte" politische Strömungen klare Bruchlinien aufweisen können und die einzelnen politisch-ideologischen Ausrichtungen keineswegs immer bruchlos ineinander übergehen.

b. Korrelation zwischen Zielen und Methoden

Die Verwendung dieser Attribute stellt indirekt eine positive Korrelation zwischen der Radikalität von Ideen (d. h. wie sehr sie vom Status Quo abweichen) und der Vehemenz, mit der sie vertreten werden (latente oder offene Gewalt gegen Andersdenkende oder den Staat), her. Obwohl diese Korrelation naturgemäß in gewissem Maße gegeben ist (die Parteien der Mitte haben in der Regel die Unterstützung von Exekutive, Justiz und Medien und bedürfen selbst keiner extremen Maßnahmen), ist sie jedoch keineswegs zwingend. So gibt es moderate Gruppierungen mit radikalen Ideen und aggressive Verfechter allgemein akzeptierter Ansichten. Diesen Umstand versuchen linke und rechte Gruppierungen in jüngster Vergangenheit durch den Begriff Mitt-Extremismus (Extremismus der Mitte) zu verdeutlichen.

Analytische Philosophie: Die Linken denken, sie hätten die Moral, und die Liberalen denken, sie hätten die Freiheit gepachtet. Dabei gibt es viele Moraltheorien, unter denen eher der Liberalismus, und etliche (positive) Freiheitskonzepte, unter denen eher linke Politik fällt. Und ach ja - "gerecht" wollen sowieso alle politischen Lager sein.

Gehirn: Politische Orientierung korreliert mit Hirnstrukturen.
Eine Untersuchung am University College London Institute of Cognitive Neuroscience hat ergeben, dass es eine Verbindung zwischen eher links-progressiver und rechts-konservativer politischer Einstellung und bestimmten Hirnstrukturen gibt.
So zeigte sich z.B. dass die Amygdala (Mandelkern) bei eher rechts eingestellten Menschen größer ist. Die Amygdala hat viele Funktionen, vor allem der emotionalen Bewertung, u.a. auch dem Management von Angst, Ekel und Unsicherheit. Sie regelt auch, welchen Abstand zu anderen wir als angemessen empfinden.
Ebenfalls zeigte sich eine Korrelation zwischen politisch eher progressiver Einstellung und der Größe des "Anterior cingulate cortex", dem vorderen Teil eines Bereichs über dem Corpus callosum (Balken, der beide Hirnhemisphären verbindet). Dieser spielt eine Rolle bei der Fähigkeit, Unsicherheit zu tolerieren, mit Konflikten und Fehlern umzugehen und sich zu motivieren und bewusst Schmerz und Mitleid zu empfinden
Man sollte aber vermeiden, aus Korrelation Kausalität zu schließen... ;)
http://www.cell.com/current-%E2%80%A6/fulltext/S0960-9822(11)00289-2

Gregor Gysi (Interview): Die Problemursachenanalysen der Linken sind oft sehr treffend und klug. Nur mit ihren dann folgenden Lösungsvorschlägen muss man meist hadern.

Montagsdemos: Die Querfront war eine unheilsame Allianz in der Weimarer Republik, bei der wie bei den gegenwärtigen Montagsdemos die alte „Rechts-Links Ideologie“ abgelehnt wurde und rechte wie linke Kräfte zuammenfanden, um später einen nationalistischen autoritären Staat zu installieren.
Bestimmte Themen der neuen Bewegungen wie Antiamerikanismus, Nationalismus, Antipluralismus, stereotypes Schwarz-Weiß-Denken, antidemokratisches Denken getarnt als Basisdemokratie wecken unangenehme Erinnerungen.

Sozialismus: Es gibt (fast) nur noch linksgesetzte Tabuthemen. Auf Probleme in Vierteln mit Bewohnern aus vorwiegend arabischen Ländern hinzuweisen wird führt unweigerlich zu Empörung und Nazivorwürfen führen. Aber kaum jemand empört sich mehr, wenn der Sozialismus gefordert wird, der, mit Verlaub, im letzten Jahrhundert mehr Tote gefordert hat als der Nationalsozialismus.

Stand: 2017

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Samstag, 01 April 2017)

    http://www.deutschlandradiokultur.de/politische-lager-politik-jenseits-von-rechts-und-links.1005.de.html?dram%3Aarticle_id=382717


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