„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Gene vs. Umwelt-Debatte

Intelligenz ist, je nachdem welche Schätzung man heranzieht, zu 50 bis 80 Prozent erblich bedingt. Der Rest, 20 bis 50%, geht auf Eigeninitiative (Intelligenz ist steigerbar!) und Umwelteinflüsse zurück.

1. Zwillingsstudien

Nicht zuletzt durch Thilo Sarrazin kochte die Kontroverse um die Frage, inwieweit Intelligenz vererbbar, d.h. auch genetisch determiniert ist, wieder hoch. Sie hat die Mitte der Gesellschaft erreicht. Dort angekommen wird die Frage nun leider wieder Mal sehr emotional und ideologisch geführt.

Die beiden eineiigen Zwillinge Marian und Vivian Brown.
Die beiden eineiigen Zwillinge Marian und Vivian Brown.

In den Wissenschaften indessen, allen anderen voran in der Intelligenzforschung und in der Verhaltensgenetik, geht man dieser uralten Frage mit kühlerem Kopf nach. Um herauszufinden, wieviel von der menschlichen Intelligenz auf das Konto der Gene und wieviel auf die Umwelt geht, greift die Wissenschaft u.a. auf sog. Zwillingsstudien zurück. Mit Hilfe dieser Zwillingsstudien möchte man die Einflussfelder Gene und Umwelt auf unsere Intelligenz auseinanderdividieren

Dabei macht man sich das Wissen zunutze, dass sich eineiige Zwillinge genetisch zu 100%, zweieiige zu 50% gleichen. Wenn sich nun eineiige Zwillinge, bei stets vergleichbaren Umwelteinflüssen (Familie, Bildung usw.), intelligenzmäßig mehr ähneln als zweieiige, so muss das am Faktor Gene liegen. Ist die Differenz hingegen nicht so groß, oder variiert sie mit den Umwelteinflüssen (getrennt aufwachsende Zwillinge usw.), so liegt Intelligenz eher am Faktor Umwelt.

2. Heritabilität

Dieses Prinzip ist auf alle Fragen anwendbar, die im Rahmen der Gene-Umwelt-Debatte diskutiert werden: Wenn ein Merkmal X (wie bspw. die Intelligenz) stark genetisch bedingt ist, darf man erwarten, dass die Korrelation bezüglich dieses Merkmals X bei eineiigen Zwillingen sehr viel größer ausfällt als bei zweieiigen Zwillingen. Im Mittelpunkt steht also das Verhältnis der Korrelationen zwischen genetischem- und Umwelteinfluss - bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Das wissenschaftliche Maß für dieses Verhältnis ist die sog. Heritabilität.

Der durch die Heritabilität angegebene Prozentsatz wiederspiegelt den prozentualen Anteil an der Gesamtvarianz eines bestimmten Merkmals innerhalb einer Population, der auf genetische Unterschiede zurückgeht. Ist also z.B. die Varianz für ein bestimmtes Merkmal zu 70% durch die Gene zu erklären, so beträgt die Heritabilität dieses Merkmals 70%. Und logischerweise liegt ein solcher H-Wert stets zwischen 0% und 100%. Bei einem H-Wert von 50%, wie wir ihn vorher für die Intelligenz angenommen haben, sind 50% der gesamten Varianz (also der Streuung) der menschlichen Intelligenz (wofür stellvertretend eine Stichprobe herhalten muss) den genetischen Unterschieden zwischen den Menschen zuzuschreiben. Oder anders ausgedrückt: Dann hängen 50% der IQ-Unterschiede innerhalb der gemessenen Menschengruppe mit den genetischen Unterschieden der Gruppenmitglieder zusammen. Die Betonung liegt hierbei auf IQ-UNTERSCHIEDE. Es geht nicht um die absoluten Intelligenzquotienten von Individuen, sondern um den relativen Unterschied zwischen den Intelligenzquotienten. Merken Sie sich das für den nächsten Punkt.

Nun sind Zwillingsstudien zugegebenermaßen umstritten, es gibt aber noch andere Methoden, mit denen Wissenschaftler die Heritabilität von menschlicher Intelligenz nachgehen. Und alle kommen sie auf doch recht einheitliche H-Werte: 50-80% Gene, 20-50% Umwelt.

3. Obacht vor Fehlschlüssen!

Man darf somit davon ausgehen, dass die Zahlen 50-80% Gene und 20-50% Umwelt nicht ganz falsch sind. Wo man allerdings aufpassen muss, ist bei der Interpretation dieser Zahlen!

Sagen wir, 50% der Intelligenz seien erblich und 50% das Ergebnis der Umwelt. Jetzt könnte man meinen, dass bei einem durchschnittlichen IQ von 100 50 IQ-Punkte von den Genen und 50 von der Umwelt kommen. Rechnerisch ist das natürlich auch richtig, nur die Herangehensweise ist grottenfalsch. Denn die Prozentangaben zur erblichen Intelligenz beziehen sich selbstverständlich nicht auf die individuelle Intelligenz eines Einzelnen, sondern auf die in einer Gruppe gemessenen Intelligenzunterschiede. Daher sagt die Erblichkeit von Intelligenz auch fast nichts über die kognitiven Gaben von Einzelpersonen aus. Es ist klar, dass wenn alle Individuen einer Gruppe von der Wiege bis ins Grab den gleichen Umweltbedingungen ausgesetzt wären, dann auch alle Intelligenzdifferenzen innerhalb dieser Gruppe genetisch bedingt wären. Jedoch könnte man selbst dann nicht einen einzelnen Menschen aus der Gruppe herausgreifen und behaupten, seine Intelligenz sei zu 100% vererbt.

Verweise

a) Der Umweltpart

  • Flynn-EffektEin bedeutsamer Teil der Intelligenzunterschiede in unserer Gesellschaft ist durch Umwelteinflüsse zu erklären. So hat ein adoptierter Junge, der in einer Akademikerfamilie und mit guter Schulbildung aufwächst, eine bessere Chance auf einen hohen IQ, als sein Zwillingsbruder, der noch immer ohne Schulbildung in der dritten Welt lebt. Umso ähnlicher die Umweltbedingungen, desto mehr entscheidet der Genanteil. Ein eindrucksvolles Phänomen, dass zeigt, wie sich über die Zeit hinweg die Intelligenz mit den Umweltbedingungen ändern, ist der Flynn-Effekt: Spätere Geburtsjahrgänge schneiden in IQ-Tests besser ab als vorausgegangene. Der weltweite, durchschnittliche IQ wächst also. Und das so schnell, dass es nicht mehr mit genetischen Änderungen zu erklären ist, denn Gene brauchen immer so ihre Zeit. Der Flynn-Effekt muss also mit der zeitlichen Veränderung der Umwelt, wie beispielsweise verbesserte schulische Bildung oder Ernährung, zusammenhängen.

b) Der Genpart

  • Notwendige und hinreichende Bedingung: Unsere Gene sind gewissermaßen das Grundkapital, das uns mit unserer Geburt mitgegeben wurde. Umso mehr Glück wir dort hatten, desto größer sind unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, der gemeinhin nach oben hin für intelligentere Menschen durchlässiger ist. Eine entsprechend „intelligente“ Genetik ist somit eine notwendige, jedoch nicht eine hinreichende Bedingung für einen smarten Charakter. Intelligenz in den Genen ist ein Potential, wird es nicht ausgeschöpft, liegt es brach und ist vollkommen nutzlos. Es bedarf also entsprechender Gene plus dem Ansporn und die Möglichkeiten, diese zu entfalten (einzeln notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen), um einen pfiffigen Charakter zu formen. Je besser man das genetische Startkapital einsetzen kann und einzusetzen weiß, desto mehr kann man daraus machen. Das bedeutet aber auch, dass die Chancen, einmal „smart“ zu werden, von vornerein nicht gleich verteilt sind. Nimmt man zwei Menschen her, die gleich motiviert sind und die gleichen schulischen Rahmenbedingungen erfahren haben, werden sich dennoch Unterschiede finden lassen. Dieser Unterschied ist dann durch die Genetik der beiden Personen bestimmt. Diese genetische Ungleichheit wird zusätzlich noch dadurch verstärkt, dass Menschen mit „höherem Startkapital“ meist die Kinder von reicheren bzw. gebildeteren Eltern sind. D.h. Menschen, die aufgrund ihrer Genetik bessere Startvoraussetzungen haben, werden zudem noch häufiger in gebildetere Elternhäuser hineingeboren, was noch ein weiterer Vorteil ist. Das ist das Matthäusprinzip: Wer hat, dem wird gegeben.

Bildquelle: Marian und Vivian Brown 

Stand: 2015

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 17 November 2016 15:27)

    https://www.dasgehirn.info/denken/intelligenz/was-uns-schlau-macht-5991/


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