„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Gene vs. Umwelt-Debatte

Intelligenz ist, je nachdem welche Schätzung man heranzieht, zu 50 bis 80 Prozent erblich bedingt. Der Rest, 20 bis 50%, geht auf Eigeninitiative (Intelligenz ist steigerbar!) und Umwelteinflüsse zurück.

1. Zwillingsstudien

Nicht zuletzt durch Thilo Sarrazin kochte die Kontroverse um die Frage, inwieweit Intelligenz vererbbar, d.h. auch genetisch determiniert ist, wieder hoch. Sie hat die Mitte der Gesellschaft erreicht. Dort angekommen wird die Frage nun leider wieder Mal sehr emotional und ideologisch geführt.

Die beiden eineiigen Zwillinge Marian und Vivian Brown.
Die beiden eineiigen Zwillinge Marian und Vivian Brown.

In den Wissenschaften indessen, allen anderen voran in der Intelligenzforschung und in der Verhaltensgenetik, geht man dieser uralten Frage mit kühlerem Kopf nach. Um herauszufinden, wieviel von der menschlichen Intelligenz auf das Konto der Gene und wieviel auf die Umwelt geht, greift die Wissenschaft u.a. auf sog. Zwillingsstudien zurück. Mit Hilfe dieser Zwillingsstudien möchte man die Einflussfelder Gene und Umwelt auf unsere Intelligenz auseinanderdividieren

Dabei macht man sich das Wissen zunutze, dass sich eineiige Zwillinge genetisch zu 100%, zweieiige zu 50% gleichen. Wenn sich nun eineiige Zwillinge, bei stets vergleichbaren Umwelteinflüssen (Familie, Bildung usw.), intelligenzmäßig mehr ähneln als zweieiige, so muss das am Faktor Gene liegen. Ist die Differenz hingegen nicht so groß, oder variiert sie mit den Umwelteinflüssen (getrennt aufwachsende Zwillinge usw.), so liegt Intelligenz eher am Faktor Umwelt.

2. Heritabilität

Dieses Prinzip ist auf alle Fragen anwendbar, die im Rahmen der Gene-Umwelt-Debatte diskutiert werden: Wenn ein Merkmal X (wie bspw. die Intelligenz) stark genetisch bedingt ist, darf man erwarten, dass die Korrelation bezüglich dieses Merkmals X bei eineiigen Zwillingen sehr viel größer ausfällt als bei zweieiigen Zwillingen. Im Mittelpunkt steht also das Verhältnis der Korrelationen zwischen genetischem- und Umwelteinfluss - bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Das wissenschaftliche Maß für dieses Verhältnis ist die sog. Heritabilität.

Der durch die Heritabilität angegebene Prozentsatz wiederspiegelt den prozentualen Anteil an der Gesamtvarianz eines bestimmten Merkmals innerhalb einer Population, der auf genetische Unterschiede zurückgeht. Ist also z.B. die Varianz für ein bestimmtes Merkmal zu 70% durch die Gene zu erklären, so beträgt die Heritabilität dieses Merkmals 70%. Und logischerweise liegt ein solcher H-Wert stets zwischen 0% und 100%. Bei einem H-Wert von 50%, wie wir ihn vorher für die Intelligenz angenommen haben, sind 50% der gesamten Varianz (also der Streuung) der menschlichen Intelligenz (wofür stellvertretend eine Stichprobe herhalten muss) den genetischen Unterschieden zwischen den Menschen zuzuschreiben. Oder anders ausgedrückt: Dann hängen 50% der IQ-Unterschiede innerhalb der gemessenen Menschengruppe mit den genetischen Unterschieden der Gruppenmitglieder zusammen. Die Betonung liegt hierbei auf IQ-UNTERSCHIEDE. Es geht nicht um die absoluten Intelligenzquotienten von Individuen, sondern um den relativen Unterschied zwischen den Intelligenzquotienten. Merken Sie sich das für den nächsten Punkt.

Nun sind Zwillingsstudien zugegebenermaßen umstritten, es gibt aber noch andere Methoden, mit denen Wissenschaftler die Heritabilität von menschlicher Intelligenz nachgehen. Und alle kommen sie auf doch recht einheitliche H-Werte: 50-80% Gene, 20-50% Umwelt.

3. Obacht vor Fehlschlüssen!

Man darf somit davon ausgehen, dass die Zahlen 50-80% Gene und 20-50% Umwelt nicht ganz falsch sind. Wo man allerdings aufpassen muss, ist bei der Interpretation dieser Zahlen!

Sagen wir, 50% der Intelligenz seien erblich und 50% das Ergebnis der Umwelt. Jetzt könnte man meinen, dass bei einem durchschnittlichen IQ von 100 50 IQ-Punkte von den Genen und 50 von der Umwelt kommen. Rechnerisch ist das natürlich auch richtig, nur die Herangehensweise ist grottenfalsch. Denn die Prozentangaben zur erblichen Intelligenz beziehen sich selbstverständlich nicht auf die individuelle Intelligenz eines Einzelnen, sondern auf die in einer Gruppe gemessenen Intelligenzunterschiede. Daher sagt die Erblichkeit von Intelligenz auch fast nichts über die kognitiven Gaben von Einzelpersonen aus. Es ist klar, dass wenn alle Individuen einer Gruppe von der Wiege bis ins Grab den gleichen Umweltbedingungen ausgesetzt wären, dann auch alle Intelligenzdifferenzen innerhalb dieser Gruppe genetisch bedingt wären. Jedoch könnte man selbst dann nicht einen einzelnen Menschen aus der Gruppe herausgreifen und behaupten, seine Intelligenz sei zu 100% vererbt.

Verweise

a) Der Umweltpart

  • Flynn-EffektEin bedeutsamer Teil der Intelligenzunterschiede in unserer Gesellschaft ist durch Umwelteinflüsse zu erklären. So hat ein adoptierter Junge, der in einer Akademikerfamilie und mit guter Schulbildung aufwächst, eine bessere Chance auf einen hohen IQ, als sein Zwillingsbruder, der noch immer ohne Schulbildung in der dritten Welt lebt. Umso ähnlicher die Umweltbedingungen, desto mehr entscheidet der Genanteil. Ein eindrucksvolles Phänomen, dass zeigt, wie sich über die Zeit hinweg die Intelligenz mit den Umweltbedingungen ändern, ist der Flynn-Effekt: Spätere Geburtsjahrgänge schneiden in IQ-Tests besser ab als vorausgegangene. Der weltweite, durchschnittliche IQ wächst also. Und das so schnell, dass es nicht mehr mit genetischen Änderungen zu erklären ist, denn Gene brauchen immer so ihre Zeit. Der Flynn-Effekt muss also mit der zeitlichen Veränderung der Umwelt, wie beispielsweise verbesserte schulische Bildung oder Ernährung, zusammenhängen.

b) Der Genpart

  • Notwendige und hinreichende Bedingung: Unsere Gene sind gewissermaßen das Grundkapital, das uns mit unserer Geburt mitgegeben wurde. Umso mehr Glück wir dort hatten, desto größer sind unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, der gemeinhin nach oben hin für intelligentere Menschen durchlässiger ist. Eine entsprechend „intelligente“ Genetik ist somit eine notwendige, jedoch nicht eine hinreichende Bedingung für einen smarten Charakter. Intelligenz in den Genen ist ein Potential, wird es nicht ausgeschöpft, liegt es brach und ist vollkommen nutzlos. Es bedarf also entsprechender Gene plus dem Ansporn und die Möglichkeiten, diese zu entfalten (einzeln notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen), um einen pfiffigen Charakter zu formen. Je besser man das genetische Startkapital einsetzen kann und einzusetzen weiß, desto mehr kann man daraus machen. Das bedeutet aber auch, dass die Chancen, einmal „smart“ zu werden, von vornerein nicht gleich verteilt sind. Nimmt man zwei Menschen her, die gleich motiviert sind und die gleichen schulischen Rahmenbedingungen erfahren haben, werden sich dennoch Unterschiede finden lassen. Dieser Unterschied ist dann durch die Genetik der beiden Personen bestimmt. Diese genetische Ungleichheit wird zusätzlich noch dadurch verstärkt, dass Menschen mit „höherem Startkapital“ meist die Kinder von reicheren bzw. gebildeteren Eltern sind. D.h. Menschen, die aufgrund ihrer Genetik bessere Startvoraussetzungen haben, werden zudem noch häufiger in gebildetere Elternhäuser hineingeboren, was noch ein weiterer Vorteil ist. Das ist das Matthäusprinzip: Wer hat, dem wird gegeben.

Bildquelle: Marian und Vivian Brown 

Stand: 2015

Kommentare: 7
  • #7

    WissensWert (Samstag, 19 August 2017 00:38)

    "Das ist jedoch zurückzuführen auf die prä- und postnatale Ernährung und nicht auf genetische Differenzen."
    Ich muss Jonas hier widersprechen, es gibt ein Experten-Survey von 2015 zu genau dieser Frage und die Forschung ist hier hochgradig gespalten:
    sub-Saharan Africa has the lowest student test results (in participating countries), a finding confirmed by psychometric IQs and Piagetian tasks (Lemos, 1974; Hallpike, 1978; Rindermann, 2013; Rindermann et al., 2014b). Similar to discussions of low intelligence in the US, the findings for sub-Saharan Africans are highly contentious, especially when factors other than the environment are examined (e.g., Segerstråle, 2000; Nyborg, 2003). Factors that have been implicated in the low results include health, wealth, evolution, political problems (corruption affecting educational means), modernization, and education (e.g., Lynn, 1990; Glewwe and Kremer, 2006). Measurement issues were also mentioned (e.g., Wober, 1969; Wicherts et al., 2010). In the current study, experts attributed the low results in sub-Saharan Africa to genetic-evolutionary factors (18.58%), followed by educational quality (12.27%), health (11.73%), and educational quantity (11.60%). The two educational factors together had the strongest rating (23.87%), and health had a high rating compared to other regions and countries (12%). While genes were rated as the most important single factor, there was considerable diversity of opinion: 10 of 60 experts gave genes a rating of zero (17%), and the standard deviation in ratings for genes was the highest of all factors (SD = 24.88; all other factors: SD < 10). Similar to other countries and regions, sub-Saharan Africa had low ratings for discrimination and methodological problems (sampling error, test bias, test knowledge).
    (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4804158/)
    Es erscheint mir plausibel, dass die Schwierigkeiten weite Teile Afrikas aus der Armut herauszubringen zumindest teilweise auf evolutionäre Gründe zurückzuführen sind und es wäre in der Tat zu begrüßen, wenn man darüber mittelfristig besser diskutieren und forschen könnte. Gleichzeitig ist es aus nachvollziehbaren Gründen akademischer und politischer Selbstmord dieses Thema in den Fokus zu nehmen. Sich über die Möglichkeit bewusst zu sein, dass es aber eine Rolle spielen könnte, ist sicherlich aus epistemisch-rationaler Sicht zu befürworten.

  • #6

    Siegfried Marquardt (Montag, 19 Juni 2017 11:58)

    Ein Mittelwertvergleich der IQs der Zwillingspaare mit dem t-Test ergibt folgendes Resultat (siehe Formel 3):

    11,1
    tg = ≈ 7,23. (3) 3789 - 22*11,1²
    22 * 21



    Es liegen also eindeutig signifikante Differenzen zwischen den IQs der Zwillinge vor! (tg=7,23 >t0,05;21= 2,08). Damit dürfte aufgrund des Materials von Greul (2013) und den Ergebnissen der anderen Datenanalysen (Marquardt, 2000) mit dem unseligen Zwillingsparadigma endgültig aufgeräumt worden sein und somit für immer und ewig beerdigt sein!

    Siegfried Marquardt, Königs Wusterhausen

  • #5

    Siegfried Marquardt (Montag, 19 Juni 2017 08:00)

    Greuel (2013) berichtete zu der Nichtübereinstimmung der IQs von 22 Zwillingspaaren, dass es zwar eine relativ hohe Korrelation (r=0,6 > r0,05;22=0,4) zwischen den IQs von 22 Zwillingspaaren gibt, aber keinen direkten Zusammenhang von IQ1 zu IQ2 der Zwillinge! Lediglich bei zwei Zwillingspaaren war eine Übereinstimmung zu konstatieren (bei einem Paar belief sich der IQ auf 100 und beim zweiten Paar auf jeweils 120). Die Differenz betrug hingegen in einem Fall sogar 27 IQ-Punkte (110 -83). Bei über der Hälfte der Zwillingspaare lag die Differenz der IQs bei über 10 Punkte. Ferner beträgt der Zentralwert Z=12 und der Modalwert der Differenzen ebenfalls m=12 Damit dürfte aufgrund des Materials von Greul das Zwillingsparadigma für immer und ewig beerdigt sein!
    Siegfried Marquardt, Königs Wusterhausen

  • #4

    Siegfried Marquardt (Samstag, 17 Juni 2017 09:43)

    Ursachen der Lernbehinderung als Schüssel für die Lösung des Gen-Umwelt-Problems zur Konstituierung der Intelligenz

    Ausgangsbedingungen und Ursachen

    Im Jahre 2000 wurde der Autor mit der Integration von lernbehinderten Absolventen ins Berufsleben vom REHA-Fachbereich der Beruflichen Erstausbildung in einer Überbetrieblichen Ausbildungseinrichtung betraut. Bisher konnten von 511 Absolventen 260 Jugendliche fest integriert werden und über 300 Jugendlichen wurden bis zum 28. Februar 2006 vermittelt – sie waren dabei für mindestens drei Monate im Arbeitsleben. Als Integrationsberater und Diplom-Psychologe schrieb sich der Verfasser mit Beginn der Integrationsarbeit auf die Fahne, die Ursachen für die Lernbehinderung herauszufinden, da bisher nicht in jedem Falle klar war, wo die differenzierten Ursachen der Lernbehinderung liegen. Im Werk „Behinderte Jugendliche vor der Berufswahl“ (Herausgeber: Bundesagentur für Arbeit, 1993) wird lediglich von einem Faktorenbündel gesprochen. Lenz (Lenz, R., 1998) führt hingegen relativ differenziert die Ursachen der Lernbehinderung aus – wenn auch noch stark Lücken behaftet. Nach sechs Jahren Forschungsarbeit durch Vornahme von Differenzialdiagnostik, beruhend auf Befragungen von Eltern, Sozialpädagogen, Ausbildern und Klienten, durch logische Überlegungen, Analyse und Synthese der Symptome konnten für 129 Lernbehinderte von insgesamt 511 Absolventen die detaillierten Ursachen dieses Phänomenbereiches eruiert werden. Dabei reichte das Spektrum der Ursachen der Lernbehinderung von genetischen Defekten, über Chromosomenanomalien bis hin zu Beeinträchtigungen bzw. Schädigungen durch Umwelteinflüsse. Bei den genetischen Ursachen lagen beispielsweise Krankheitsbilder, wie die Phenylketonurie (PKU), die Galaktosämie (beides Eiweisstoffwechselerkrankungen) und die Hypokaliämie (Kaliummangel, so das die Nervenreizleitung in den Nerven verzögert ist) vor. In zwei Fällen konnten Chromosomendefekte diagnostiziert werden. Dabei handelte es sich zum einen um das fragile X-Chromosom und zum anderen um das Splittersyndrom bei der Trisomie 21 (das 21 Chromosom ist zum dritten Mal partiell vorhanden). Bei den Schädigungen bzw. Beeinträchtigungen durch Umwelteinflüsse im weitesten Sinne der Bedeutung dominierten Schädelhirntraumata, Meningitis, Hörbehinderung, Hirnoperationen (bereits 30 g Verlust an Hirnmasse können gravierende Konzentrations- und Lernstörungen hervorrufen), biochemische Störungen des endokrinen Systems (z. B. Dysfunktion der Schilddrüse), Poliomyelitis, Enzephalitis, Epilepsie, Hypoxie (Sauerstoffmangel durch den Geburtenvorgang hervorgerufen), soziale Vernachlässigung, Alkoholabusus, Hirndurchblutungsstörungen und Infektionen während der Schwangerschaft. In zirka 23 Fällen lagen genetische Ursachen vor und 77 Prozent waren durch negative Umwelteinflüsse bedingt.
    Siegfried Marquardt, Königs Wusterhausen

  • #3

    Siegfried Marquardt (Samstag, 17 Juni 2017 09:42)

    Der klassische Ansatz – das Zwillingsparadigma

    Von den bürgerlichen Theoretikern der Psychologie und Medizin wird auf der Grundlage des klassischen Zwillingsparadigmas durch Varianzanalysen (spezielles mathematisch-statistisches Verfahren) der IQ-Leistungen von eineiigen Zwillingen (monozygote Zwillinge – MZ), die getrennt und zusammen aufwuchsen, der Hereditätskoeffizient H (Vererbungskoeffizient) ermittelt. Anderseits werden MZ mit DZ (dizygote Zwillinge) miteinander vom kognitiven Status her verglichen (zirka nach der Diktion von Burt und Jensen, 1958 und 1969: H = genetische Varianz: phänotypische Varianz – übrigens stammt diese Formel ursprünglich pikanterweise aus der Rinderzüchtung zur Berechnung der Milchleistung von Kühen). Danach sollen 75 bis 80 Prozent der kognitiven Leistungen, die mittels Intelligenz-Test gemessen wurden, durch genetische Faktoren bedingt sein. Gerade einmal 20 bis 25 Prozent schrieben diese Autoren den Umwelteinflüssen zu. Nach dieser methodologischen bzw. methodischen Vorgehensweise, dem Zwillingsparadigma wird übrigens bis dato verfahren (siehe hierzu Mackintosh, 1995, Matthias, D., 2002, Dzieyk, M., 2006). Der Verfasser hatte dieses fragwürdige „Forschungsresultat“ schon immer angezweifelt. Warum? Weil seiner Ansicht nach die Umwelt immer dominantere Wirkungen auszuüben vermag, als das Gensubstrat selbst. Anderseits stammt ja das Substrat „Gene“ philosophisch und wissenschaftlich betrachtet selbst aus der Umwelt im weitesten Sinne der Bedeutung, und die Umwelt wirkt kontinuierlich auf die Gene, Chromosomen, auf die Spermien, Ovarien und die Zygote. Und: Im Mutterleib sind die MZ kontinuierlich der Umwelt der Plazenta ausgesetzt: Jede Bewegung, jeder emotionale und jeder kognitive Akt der Mutter kann sich durch differente Durchblutung und Veränderung des Hormonstatus der beiden MZ manifestieren und so eine differente Entwicklung in kognitiver Hinsicht der MZ bewirken.
    Mitte der achtziger Jahre begingen materialistisch-dialektisch orientierte Autoren einen anderen Weg und ermittelte einfach die Korrelationskoeffizienten der Testleistungen über Stichproben von eineiigen und zweieiigen Zwillingen zum IQ bei diversen Testanforderungen. Die Differenz von jeweils beiden Stichproben sollte dann den Umweltanteil ausmachen (h2 = rMZ-rDZ). In diversen Vergleichsstudien ergab sich dann eine genetische Komponente von 20 bis 30 Prozent (siehe Friedrich und vel Job, 1986). Hier kam man also faktisch zu inversen Resultaten!
    Siegfried Marquardt, Königs Wusterhausen

  • #2

    Siegfried Marquardt (Samstag, 17 Juni 2017 09:40)

    Ein völlig neuer Ansatz

    Im Unterschied zu anderen Autoren schätzte der Verfasser den Anteil der Wirkung von Genen und Umwelt zur Konstituierung der Intelligenz über konkrete Krankheitsbilder ab. Nach den Forschungsergebnissen des Autors überwiegt die Umwelt bei diesem Wechselspiel von Umwelt und Genen bei der Entwicklung und Reduzierung des kognitiven Leistungspotenzials tastsächlich bei weitem. Die Potenzialanteile belaufen sich dabei auf 23 (Gene) zu 77 Prozent (Umwelt) (siehe auch weiter oben). Dies ist auch nicht verwunderlich: Umwelteinflüsse wirken kontinuierlich auf die Gene ein, so dass ständig eine Modifikation durch Mikromutationen erfolgen kann. Erbe und Umwelt bilden somit eine untrennbare dialektische Einheit und bedingen sich gegenseitig. Anderseits wird die Umwelt durch den Menschen modifiziert und die modifizierte Umwelt erzeugt genetische Mikromutationen. Man spricht auch in diesem Zusammenhang von Epigenetik bei der Modifikation der Gene und Chromosomen durch externe Umweltfaktoren – da fragt man sich wirklich, was Erbe und Umwelt sind und jeweils bewirken.
    Wenn die obigen globalen und undifferenzierten Resultate zu den Wirkungsanteilen von Erbe und Umwelt bei der Manifestation der kognitiven Leistungspotenzen über Stichproben abgeschätzt wurden, so hat man sich bei der Analyse des Einflusses von Umwelt und genetischen Faktoren stets einer Einzelfalldiagnostik bzw. Einzelfallmethodik zu bedienen!
    Denn: Die mit der statistischen Analyse zur Wirkung von Genen und Umwelt bei MZ- und DZ-Zwillingspaaren zu Herausbildung der kognitiven Fähigkeiten wird mehr unklar und verwischt, als verdeutlicht. Was soll dann auch noch der Hinweis, dass die Aussagen zu den Varianzanteilen von Umwelt und Gene zum kognitiven Potential sich immer nur auf die Stichproben beziehen (siehe Mackintosh, N. J., 1995). Damit wird mehr verschleiert und unkenntlich gemacht, als transparent. Es kommt, wie gesagt, immer auf den Einzelfall an!
    Diesen Weg beschritt der Autor zunächst einmal bei der Analyse der Übereinstimmung bzw. des Unterschiedes des kognitiven Leistungspotenzials bei eineiigen Zwillingen. Wie extrem die kognitiven Leistungsparameter und das kognitive Potenzial beispielsweise bei monozygoten Zwillingen (MZ) differieren, ja divergieren können, zeigte die Analyse der Daten von drei MZ-Zwillingspaaren mittels Einzelfalldiagnostik bzw. Einzelfallmethodik. Dabei wurden die kognitiven Leistungsdaten jeweils gegenübergestellt. Bei einem Paar traten knappe Differenzen im kognitiven Leistungsbereich beim Intelligenzquotienten auf, die allerdings nicht signifikant waren. Beim zweiten Paar unterschieden sich von 61 Leistungsparametern 38 Wertepaare ganz klar, wobei die Differenz signifikant war. Und beim dritten MZ-Zwillingspaar sah es so aus, dass der Eine eine Lernbehinderung aufwies und der Zweite ein Studium absolvierte. Kommentar überflüssig!
    Ferner hat der Autor erstmals den einzelnen konkreten genetischen Defekten und anderen, durch negativ wirkenden Umweltbedingungen hervorgerufenen intellektuellen Defizite die IQ-Werte den einzelnen Personen zugeordnet, um daraus analytische Schlussfolgerungen zur komplexen Materie von Genen und Umwelt zur Konstituierung der kognitiven Leistungsfähigkeit abzuleiten. Dazu wurde unter anderem von den insgesamt 511 Jugendlichen bei der Datenregistrierung der Intelligenzquotient mittels Mehrwörtertest (MWT A) zur verbalen Begabung (und Allgemeinbildung) erfasst.
    Im Falle der Erbkrankheit Chorea Huntington/Chorea hereditaria, die dominant von der Mutter zur Tochter übertragen wird, kann belegt werden, dass der genetische Einfluss der Verursachung der Lernbehinderung zirka 40 Prozent beträgt, da sich der IQ hier stets auf rund 60 beziffert. Anderseits kann die negative Wirkung von Umwelteinflüssen, beispielsweise aufgrund von Mangelernährung, hier ebenfalls 40 Prozent betragen. Die Phenylketonurie (PKU) und Galaktosämie sorgt auch für einen Abfall des IQ von 40 Messwertpunkten. Die Hypokaliämie (Kaliummangel), der prototypische Fall für die Konstitution einer Lernbehinderung, weil aufgrund von Kaliummangel die Reizleitung in den Neuriten bzw. Axonen (Nervenstränge) extrem verlangsamt ist, reduziert den IQ hingegen nur um zirka 20 Punkte vom Normalbereich. In einem konkreten Falle konnte dokumentiert werden, dass der IQ bis zu 66 Prozent von negativen und positiven Umwelteinflüssen modifiziert wurde. Denn: Bis zum 6 Lebensjahr wurde ein IQ von 50 bei der besagten Person aufgrund von Mangelernährung und sozialer Vernachlässigung gemessen. Ab dem 18. Lebensjahr konnte dann sogar ein IQ von 100 konstatiert und bis zum dreißigsten Lebensjahr ein Intelligenzniveau von 150 IQ-Punkten aufgrund einer intensiven Begabtenförderung gemessen werden.
    Siegfried Marquardt, Königs Wusterhausen

  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 17 November 2016 15:27)

    https://www.dasgehirn.info/denken/intelligenz/was-uns-schlau-macht-5991/


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