„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Evolutionskritik

"Nichts in der Biologie macht Sinn, außer im Licht der Evolution!"
-
Theodosius Dobzhansky (Biologe)

Dieser Aufsatz hat die Argumente und Argumentationsweisen der Kritiker der Evolutionstheorie zum Thema. (1.) Als erstes werden die häufigsten Argumente der Evolutionskritiker vorgestellt und kritisch analysiert. (2.) Im zweiten Teil widmet sich der Aufsatz den Argumentationsfehlern, denen Evolutionskritiker gerne unterliegen.

1. Evolutionskritische (Schein-)Argumente

Oder: Wie man mit Argumenten gegen Evolution umgehen sollte.

Evolutionsgegner verfügen über ein umfangreiches Repertoire an Argumenten, die in der Evolutionskontroverse nach einem mehr oder minder standardisierten Schema abgerufen werden. Wer sich mit den Aussagen des Kreationismus (im weitesten Sinne) gegen die Evolutionstheorie auseinandersetzen will oder muss, sollte daher die gängigsten Einwände kennen und gegen sie gewappnet sein. Wir wollen daher im Folgenden die 10 gängigsten Einwände stichwortartig wiedergegeben und kurz besprechen. Die Liste lässt sich beliebig erweitern. Für eine gründlichere Auseinandersetzung seien dem Leser die im Text genannten Artikel und Internetseiten anempfohlen.

1.1. "Die Evolutionstheorie enthält Postulate, die nicht naturwissenschaftlich erforschbar (unbeweisbar) sind."

Diesen und ähnlichen Behauptungen liegt die wissenschaftstheoretische Annahme zugrunde, daß sich Naturwissenschaft nur und ausschließlich mit dem direkt Beobachtbaren oder mit experimentell zugänglichen Erkenntnisgegenständen zu beschäftigen habe. Da vergangene Entwicklungsabläufe und "Makroevolution" weder experimentell nachweisbar noch direkt beobachbar sind, müßte die Abstammungshypothese und damit die umfassende Evolutionstheorie aus den Naturwissenschaften herausfallen. Dies ermöglicht es den Antievolutionisten, ihren Schöpfungsmythos als gleichberechtigte Alternative dem Evolutionsgedanken entgegenzusetzen:

"In diesem Sinne sind allgemeine Evolutions- und Schöpfungsvorstellungen vergleichbar, und zunächst ist keine der beiden 'wissenschaftlicher' als die andere. Beide Sichtweisen enthalten letztlich Grenzüberschreitungen, weil ihre Grundlagen außerwissenschaftlicher (metaphysischer, philosophischer, weltanschaulicher, religiöser) Art sind (...) Auf Ursprungsfragen sind naturwissenschaftliche Erkenntnismethoden nur beschränkt anwendbar."

(JUNKER und SCHERER, 1998, S. 20)

Gegenargumente:

 

Wäre die erkenntnistheoretische Richtung des Empirismus (derzufolge sich Wissenschaft nur mit dem direkt Beobachtbaren und jederzeit Feststellbaren beschäftigen darf), richtig, dürfte sich Naturwissenschaft nicht nur nicht mit den historisch vergangenen und unbeobachtbaren Aspekten der Evolution, sondern auch nicht mit Disziplinen wie der Kosmologie, der Geologie oder aber mit unbeobachtbaren Objekten wie Schwarzen Löchern, Elementarteilchen oder Atomen beschäftigen.

 

Weisen Sie darauf hin, daß auch Experimente, wie etwa das Klicken im Geigerzähler oder die Gesetzmäßigkeiten chemischer Reaktionen niemals sichere "Beweise" für postulierte Fakten, wie den Kernzerfall oder die Existenz von Atomen liefern, sondern immer nur im Rahmen vorgefasster Theorien interpretiert und gedeutet werden können. Betonen Sie, dass kein Mensch auf die Idee käme, die Atomtheorie (nur weil Atome nicht beobachtbar sind) als "außerwissenschaftliche Vorgabe einer Teilchenvorstellung" und die Experimente, die den Erwartungen der Atomtheorie entsprechen, als "Deutungen im Rahmen einer Grenzüberschreitung" zu bezeichnen. Naturwissenschaft ist gerade die Wissenschaft vom Unbeobachtbaren, das durch Theorienbildung und Dateninterpretation erschlossen wird. Wissenschaft kann niemals nach sicheren "Beweisen" und Wahrheiten, sondern immer nur nach (fehlbaren) Belegen und Erklärungen suchen!

Wissenschafts- und erkenntnistheoretische Grundlagen                           

(!!!) Wichtiger Hinweis:
Argumentieren Sie nicht, Evolution sei eine "gesicherte Tatsache" und durch viele Beobachtungen "bewiesen". Direkt nachweisen kann man immer nur Evolution, die sich auf demselben Komplexitätsniveau abspielt ("Mikroevolution"). Evolution als Gesamtprozeß ist dagegen nicht beobachtbar und keine "gesicherte Tatsache". Das gilt wie betont natürlich auch für praktisch alle anderen Erkenntnisgegenstände der Naturwissenschaft, wie Atome, Schwarze Löcher, nichteuklidische Räume, Elementarteilchen usw. Daher lässt sich aus der Feststellung, dass Evolution keine "gesichterte Tatsache" ist, der Evolutionstheorie kein wissenschaftstheortischer Strick drehen.

1.2. "Man kann Beobachtungen nicht nur im Lichte der Evolutionstheorie, sondern auch zugunsten der Schöpfungstheorie interpretieren. Evolution ist nur eine Deutungsmöglichkeit, keine Deutungsnotwendigkeit."

Gegenargumente:

 

Natürlich kann man grundsätzlich für jede nur denkbare Beobachtung übernatürliche Ursachen annehmen. So kann man etwa die Ähnlichkeit zwischen den Arten als Hinweis auf ein "göttliches Baukastenprinzip" werten, genauso gut aber auch den gegenteiligen Befund (die vollkommene Unähnlichkeit der Arten) mit der "Phantasie des Schöpfers" erklären. Entsprechend kann man mit der Schöpfungsthese den systematischen, gleichzeitig auch und den denkbaren Fall des völlig unsystematischen Verlaufs der Geschichte des Lebens erklären. Mit Schöpfung lässt sich eine ganz junge Erde (JUNKER und SCHERER), gleichermaßen aber auch eine alte (LÖNNIG) in Einklang bringen. Selbst wenn im Experiment die Höherentwicklung der Arten nachgewiesen wäre, ließe sich immer behaupten, dass der Schöpfer nach demselben Prinzip die Arten erschaffen habe. Und wenn der ganze Stammbaum auf dem Kopf stünde und sich alles vom Komplexen hin zum Primitiven entwickelt hätte, wäre das kein "Problemfall", der nicht im Lichte der Schöpfungstheorie gedeutet werden könnte.

 

Kurzum: Die Daten können aussehen wie sie wollen, nichts widerspricht Schöpfung. Theorien, die aber einen Fall A und den gegenteiligen Fall Nicht-A gleichermaßen problemlos erklären, erklären gar nichts. Deshalb ist Schöpfung zwar immer eine logisch-attraktive Denkmöglichkeit, aber keine wissenschaftliche Alternative zur Evolutionstheorie (vgl. MAHNER, 1986; KANITSCHEIDER, 2000).

1.3. "Viele Aussagen der Evolutionstheorie, wie etwa die Abstammungshypothese, sind nicht widerlegbar. Beobachtungen, die nicht ins Konzept der Evolutionstheorie passen, führen nicht zur Widerlegung, sondern zur Modifikation derselben."

Gegenargumente:

 

Hier muß zwischen der Falsifizierbarkeit (Widerlegbarkeit) von Theorien in der Praxis und der prinzipiellen (logischen) Widerlegbarkeit von Theorien unterschieden werden (MAHNER, 2001; POPPER, 1994). Wissenschaftliche Theorien sind zwar prinzipiell zu widerlegen aber kaum in der Praxis.

 

Eine Hypothese oder Theorie gilt dann als prinzipiell falsifiziert, wenn es Beobachtungen gibt, die im Widerspruch zu ihr stehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Beobachtung je machbar ist, sondern nur, dass sie denkbar ist. Nur Theorien, die prinzipiell widerlegbar sind, können wissenschaftlich sein. Schöpfungstheorien sind nicht wissenschaftlich, weil keine Beobachtung mit der Schöpferthese im Widerspruch steht (siehe oben). Dahingegen wäre die Abstammungshypothese ("Makroevolution") prinzipiell widerlegt, wenn man völlig unähnliche Arten fände oder die Formen im Fossilienbefund unsystematisch aufeinanderfolgten (das wäre etwa der Fall, wenn man ein Säugetier in einem Sediment fände, in dem es noch keine Reptilien gab). Auch der Nachweis der gleichzeitigen Entstehung aller Tier- und Pflanzengruppen würde die Evolutionstheorie logisch widerlegen.

 

Eine logische Falsifikation führt aber nicht unbedingt zur praktischen Verwerfung einer wissenschaftlichen Theorie, denn für eine Falsifikation kann ja auch eine falsche Hilfsannahme oder die irrige Interpretation einer Beobachtung verantwortlich sein. Auch wenn die Theorie selbst für die Falsifikation verantwortlich ist, führt dies in der wissenschaftlichen Praxis fast nie zu deren Aufgabe. Wissenschaftlicher Fortschritt ist ja nur dadurch möglich, dass Theorien, die logisch falsifiziert worden sind, nicht verworfen, sondern schrittweise modifiziert und abgeändert werden, so dass sie mehr erklären als die "älteren" Versionen.

So hat beispielsweise die logische Falsifikation des "Rutherfordschen Atommodells" nicht zur völligen Aufgabe der Atomvorstellung geführt, sondern zu deren Modifikation, die in der Entwicklung des "Bohrschen Atommodells" gipfelte. Dessen Falsifikation führte wiederum zur Entwicklung des "wellenmechanischen Atommodells" (weitere Beispiele benennt CHALMERS, 2001).

Wissenschafts- und erkenntnistheoretische Grundlagen                           

1.4. "Es gibt so viele offene Fragen und Probleme, so dass Evolution insgesamt als zweifelhaft oder widerlegt gilt."

Gegenargumente:

 

Es wird hier vergessen, dass die Evolutionstheorie aus zwei Bereichen besteht, zum einen aus der Deszendenz- (Abstammungs-) Hypothese, welche die Verwandtschaft der Lebewesen, also deren Abstammung von einer oder einigen wenigen Stammarten lehrt, sowie aus verschiedenen Kausaltheorien, welche die Ursachen und Mechanismen evolutiver Veränderung zum Thema haben. Beide Bereiche sind insofern logisch unabhängig, als beispielsweise, selbst wenn sich alle Kausaltheorien (wie etwa die Selektionstheorie) als falsch herausstellen würden, nicht folgte, dass damit die Deszendenzhypothese falsch wäre. Daher können Kritiker aus der Feststellung, dass dieser Mechanismus oder jener Entwicklungsschritt noch nicht gelöst oder aber unzureichend zur Erklärung dieser oder jener Anpassung sei, die umfassende Evolution nicht infragestellen, für die ja unabhängig von der Kausalfrage eine Unzahl an Belegen spricht. Kurzum: Ursachenfragen bilden nicht die Grundlage der Abstammungshypothese und der Vorstellung von der Evolution allgemein, die es immer wieder neu zu begründen gälte. Offene Detailfragen über den Ablauf und die Triebkräfte der Evolution sind mit anderen Worten Antrieb der Evolutionsforschung. Stellen Sie allgemein fest, dass die Grundfrage der Evolution vom Stand der Ursachen- und Historienforschung logisch unabhängig ist! (vgl. REMANE et al., 1973, S. 10; GÜNTHER, 1967; MAHNER, 1986).

 

Im Übrigen sind unvollständig erklärte und unvollständig beschriebene Sachverhalte der Normalfall in der empirischen Wissenschaft (Beispiel Physik). Offene Fragen kann man nicht für die Widerlegung einer Theorie halten. Man muss sie im Rahmen eines Forschungsprogramms klären und die Theorie sukzessive modifizieren. Nicht anders funktioniert Wissenschaft.

(!!!) Wichtiger Hinweis:

Lassen Sie sich in der Auseinandersetzung mit Antievolutionisten nicht auf Diskussionen ein, in denen Sie aufgefordert werden, diesen oder jenen Entwicklungsschritt in der Evolution zu erklären! Angesichts der Existenz von über 2 Millionen rezenten Arten wird es einem sachlich kundigen und uneinsichtigen Evolutionskritiker niemals an Beispielen mangeln um zu zeigen, daß viele Schritte in der Entstehung eines bestimmten Merkmals noch nicht geklärt wurden. Wer sich dennoch für die zweifelhaften Behauptungen, die Evolutionsmechanismen und Fossilien seien ungeeignet, um "Makroevolution" zu erklären und die entsprechenden Gegenargumente interessiert, der sei auf die folgenden Internetseiten und Artikel verwiesen (VOLLMER, 1986, S. 20 ff.):

Über die Systemtheorie der Evolution, "Makroevolution" und Evolutionsmechanismen

 

Die Rekonstruktion der Stammesgeschichte: phylogenetische Systematik, Fossilien, Übergangsformen und Artbildung

1.5. "Makroevolution ist aus wahrscheinlichkeitstheoretischen Gründen unglaubhaft."

Gegenargumente:

 

Es lässt sich zeigen, dass man mit dieser Argumentation alle Ereignisse beliebig unwahrscheinlich machen und sie als nichtrealisierbar ausgeben könnte. Ein Beispiel: Man denke sich einen Spieler, der die Aufgabe bekäme, hundertmal in Folge zu würfeln und die Zahlen der Reihe nach auf ein Blatt Papier zu schreiben. Jetzt lässt sich feststellen, dass die Wahrscheinlichkeit, die realisierte Zahlensequenz zu bekommen (1/6)100, also "fast Null" beträgt. Der Auffassung des Kreationismus entsprechend muss nun der Schluss gezogen werden, dass die Entstehung solcher Zahlenreihen "außerhalb des Bereichs der Wahrscheinlichkeit der sich auf unserer Erde abspielenden Zufallsprozesse" liege.

 

Der Fehler liegt darin, dass Wahrscheinlichkeitsberechnungen die Prämisse zugrunde liegt, ganz bestimmte Ereignisse reproduziert zu bekommen. Weder beim Würfeln noch in der Evolution müssen jedoch konkrete Konfigurationen realisiert werden, denn es reicht ja bereits, wenn einem System durch Modifikation irgendein beliebiger Überlebensvorteil erwächst. Die Frage kann also nicht lauten "Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine bestimmte Menge von selektionspositiven Veränderungen im Organismus eintritt?", sondern es muß gefragt werden "Wie wahrscheinlich ist die Entstehung irgendeiner vorteilhaften Systemveränderung?".

 

Es ist aber nicht bekannt, welche Biomoleküle unter welchen Bedingungen einem Organismus einen Überlebensvorteil bescheren können, welche Gene wie miteinander verschaltet werden können, damit sich eine vorteilhafte Genwirkkette bildet, wie viele Möglichkeiten es gibt, um irgendeine Struktur sinnvoll mit irgendeiner anderen zu kombinieren, wie viele Mehrfachfunktionen ein Organ ausüben kann, wie viele Möglichkeiten es gibt, um überhaupt Leben zu erschaffen usw. Dass solche Randbedingungen viel zu wenig erhellt sind, ist ein unstrittiges Faktum. Mit diesem Nichtwissen im Rücken lässt sich keine Evolutionskritik und Wahrscheinlichkeitsanalyse betreiben, denn die Richtigkeit der von Evolutionsgegnern erhobenen "Minimalforderungen" ist damit kaum nachweisbar.

(vgl. auch: MAHNER, 1986; RIEDL, 1990, S. 176 und 352 und folgende Internet-Seite:)

1.6. "Fehlende Übergangsformen zwischen den hierarchischen Kategorien und die unsystematische (mosaikartige) Verteilung von Merkmalen sprechen gegen Makroevolution."

Gegenargumente:

 

Die Fossilisation ist von einer Vielzahl günstiger Umstände abhängig. Im Regelfalle werden tote Tierkörper und Pflanzenreste schnell der Verwesung preisgegeben. Hartschalige Überreste sind, insbesondere in ehemals marinen Habitaten, häufiger anzutreffen, was allerdings voraussetzt, dass Ablagerung und nicht Abtragung dominiert. Des Weiteren dürfen die in Sedimente eingebetteten Überreste nicht im Laufe der Erdgeschichte infolge des Kontakts mit Magma im Erdmantel, hoher Drücke oder durch Erosion zerstört werden, was oft der Fall ist. Und schließlich müssen Fossilien erst einmal gefunden werden, bevor man sie paläobiologisch einordnen kann. Argumentieren Sie deshalb, dass der Fund eines Fossils ein echter Glücksfall darstellt. Dies verdeutlicht auch folgende Relation: In allen Museen der Welt hat man bis heute nicht mehr als ca. 250.000 Arten ausgestellt, die einen Zeitraum von ca. 600 Millionen Jahren repräsentieren. Allein die Zahl der heute lebenden Arten übersteigt diesen Wert aber bereits um rund das zehnfache, was eindrucksvoll die Existenz von Überlieferungslücken belegt!

 

Weisen Sie außerdem darauf hin, dass auch "systematische Lücken" zu einem großen Teil Trugbilder sind, die ihre Wurzel in deren Einordnung in die fiktiven Schubladen der hierarchischen Kategorien (Gattungen, Familien, Ordnungen, Klassen usw.) haben:

"Wenn man sich Kunstgebilde herstellt, wie es die Typen des Systemes sind, wenn man das tierische System in die 'Zwangsjacke der Typenlehren' (Groß) steckt, dann kann man sich schließlich nicht wundern, 'daß die Lückenhaftigkeit der Überlieferung ausgerechnet immer nur diese Generationenfolgen zwischen den Bauplänen' betrifft."

(HEBERER, 1943, S. 251)

Stellen Sie des Weiteren fest, dass sich die Fossilien - wie evolutionstheoretisch zu erwarten ist - systematisch verändern und sich mit abnehmendem Alter in ihrer Form immer mehr den heute lebenden Arten angleichen. Fragen Sie bei der Gelegenheit auch, wie eine Fossilienreihe aussehen müsste, damit die Schöpfungsidee prinzipiell widerlegt wäre. Es zeigt sich, dass die Behauptung, Fossilien würden auf eine Schöpfung hindeuten, prinzipiell nicht widerlegt werden kann. Die Schöpfungsalternative erklärt so gesehen überhaupt nichts: Was man auch immer in der Natur findet, alles lässt sich mit der "Phantasie des Schöpfers" erklären (zu all dem vgl. MAHNER, 1986, S. 60; MAYR, 1967, S. 465 f.; REMANE et al., 1973, S. 32).

 

Schließlich ist die erhobene Forderung, dass die Merkmale bei fossil überlieferten Übergangsformen nicht mosaikartig verteilt sein dürften, sondern in allen Charakteren eine Mittelstellung zwischen den zu überbrückenden Organismengruppen einnehmen müssen, unsinnig (MAYR, REMANE et al.). Artspaltung und die unterschiedlichen Evolutions-geschwindigkeiten der Merkmale haben ja gerade den Mosaikmodus der Evolution zur Folge. Evolution verläuft also nicht, wie der Antievolutionist irrigerweise glaubt, über ein lückenloses Formenkontinuum, sondern mosaikartig.

Die Rekonstruktion der Stammesgeschichte: Fossilien, Übergangsformen und Artbildung

1.7. "Im Experiment lassen sich immer nur Mutationen nachweisen, die zur Variation von bereits bestehenden Bauplänen führen. Echte Höherentwicklung ist nicht nachweisbar und derzeit auch nicht mechanistisch erklärbar."

Gegenargumente:

 

Es kann im Experiment kaum gelingen, Höherentwicklung ("Makroevolution") nachzuweisen, weil wir die Daten gleichsam immer nur aus der "Mausperspektive" beurteilen und einen viel zu kurzen Zeitabschnitt empirisch direkt verfolgen können, als dass etwas anderes als "Mikroevolution" zu beobachten wäre.

 

Schließlich fehlen den Biologen auch geeignete Selektionsmechanismen um entscheiden zu können, welche Merkmale "erfolgversprechend" sind, um einen neuen Typ aufzubauen. Man kann gewiss willkürlich neue Phänotypen heranzüchten und gezielt sein Augenmerk auf ein bestimmtes Merkmal richten. Um einen völlig neuen "Organisationstyp" herauszupräparieren, müssen aber neue Gewebsstrukturen auf- oder angebaut werden, die auch im Hinblick auf das "Binnenmilieu" hinreichend stabil sind und dem Organismus eine größere Komplexität und neue Eigenschaften verschaffen. Solche kleine erfolgversprechende phänotypische Veränderungen (die sich zunächst einmal auf der molekularen, zellulären oder organischen Ebene abspielen), werden im Ansatz entweder gar nicht erkannt oder aber irrtümlicherweise als "Missbildungen" verkannt werden. Es ist dagegen kaum zu vermeiden, dass der Experimentator immer wieder Mutanten auswählt, die aufgrund innerer Missbildungen und ungünstiger Genkombinationen untüchtiger sind als deren Vorgänger. Im Laufe der Zeit werden sich auch immer mehr unsichtbare Mutationen aufsummieren, die sich zunehmend ungünstig auf die Fitness der Mutanten auswirken.

 

Hier wird besonders deutlich, dass sich Naturwissenschaft nicht auf das direkt beobachtbare beschränken darf, sondern über den Tellerrand unserer beschränkten Erkenntnisfähigkeit hinauszublicken hat. Auch die Behauptung, dass die Mechanismen noch nicht nachgewiesen werden konnten, welche die Entstehung von etwas grundsätzlich Neuem erklären könnten, ist anfechtbar und wurde insbesondere von den Verfechtern der Systemtheorie der Evolution infragegestellt. An dieser Stelle können wir hier nicht auf Details eingehen und nur auf den folgenden Essay verweisen:

Über die Systemtheorie der Evolution, "Makroevolution" und Evolutionsmechanismen

1.8. "Die Evolutionstheorie widerspricht den Aussagen der Bibel und lässt sich nicht mit dem Glauben vereinbaren."

Gegenargumente:

 

Die Evolutionstheorie widerlegt weder die Existenz eines Schöpfers noch lässt sie sich nicht mit dem Glauben vereinbaren. Die meisten Christen (und selbst der Papst!) sind von der Richtigkeit des Evolutionsgedankens überzeugt, weil sie annehmen, dass Gott ein Universum geschaffen hat, das sich von selbst (naturalistisch) entwickelt. Wird die Bibel jedoch nicht als metaphorisches Zeitdokument, sondern wortwörtlich verstanden, muss man annehmen, dass das Universum 6000 Jahre als sei, in 7 Tagen erschaffen wurde und dass ein Schöpfer beständig in die Entwicklung der Welt eingegriffen hat. Eine derart archaische Glaubensvorstellung lässt sich in der Tat nicht mit der Evolutionstheorie unter einen Hut bekommen.

 

Betonen Sie, dass hier der wortwörtliche Bibeltext mit praktisch allen wissenschaftlichen Disziplinen, Theorien und Erkenntnissen auf dem Kriegsfuß steht! Hätte die Bibel nämlich Recht, dann wäre nicht nur die Evolutionstheorie falsch, sondern auch alle Theorien, auf die sie zurückgreift. Entsprechend müsste nicht nur die Evolutionstheorie völlig umgeschrieben werden, sondern auch die gesamte Erdgeschichte. Zuerst käme die Geologie und Paläontologie dran. Weil die Geologie auf radiometrische Altersbestimmungen zurückgreift, müssten auch die entsprechenden physikalischen und chemischen Theorien, die diese zum Inhalt haben, falsch sein. Selbstverständlich bräuchten wir dann auch keine Biogeographie mehr, und auch die Theorie der Plattentektonik fiele unter den Tisch. Noch schlimmer erginge es den kosmologischen und astrophysikalischen Theorien, denn innerhalb der sich nach Jahrmilliarden bemessenden Zeiträume ginge es auch in der Entstehung und Entwicklung des Universums mit "rechten Dingen" zu. Schließlich könnte man auch behaupten, dass die Experimente in der Physik und Chemie von einem Schöpfer gesteuert würden.

 

Eine Theorie, die jedoch alle neuen Erkenntnisse leugnet und praktisch alle Theorien der modernen Wissenschaft über den Haufen fegt, kann selbst weder rational begründbar noch wissenschaftlich, geschweige denn erkenntnistheoretisch wertvoll sein. Stellen Sie fest, dass insbesondere die radioaktiven Zerfallsgesetze empirisch (!) feststellbar sind und damit auch das Alter der Erde, das nach der äußerst zuverlässigen Isochronmethode zu 4,55 Milliarden Jahre bestimmt wurde. Es gibt keine einzige Evidenz für eine "junge Erde", geschweige denn für eine Sintflut.

1.9. "Die Wissenschaft schließt - trotz der Existenz von Erklärungsproblemen - Schöpfung als Erklärungsursache aus. Sie ist daher dogmatisch naturalistisch ausgerichtet."

Gegenargumente:

 

Naturwissenschaften können prinzipiell nur naturalistisch operieren, das heißt, sie müssen Schöpfung als Erklärung methodisch ausschließen. In diesem Sinne sind sie nicht "methodisch atheistisch", sondern generell streng asupernaturalistisch ausgerichtet. Diese Ontologie liegt nicht nur allen experimentell zugänglichen Disziplinen und Theorien zugrunde, sondern auch allen historisch-theoretischen Ansätzen. Wissenschaft kann schlicht und ergreifend keine Aussagen über einen empirisch durch nichts zu widerlegenden Schöpfer machen, sondern nur auf die ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zurückgreifen.

 

Um überhaupt eine Beobachtung erklären zu können, müssen gesetzmäßige Aussagen formuliert werden. Nur Gesetzesaussagen kann man prüfen und prinzipiell widerlegen. Ein Schöpfer unterliegt jedoch keinen gesetzesmäßigen Zwängen, weil er "allmächtig" ist. Folglich lässt sich jede nur denkbare Beobachtung auf die freie Entschlusskraft eines Schöpfers zurückführen, und es ist einfach nicht mehr entscheidbar, welche Daten die Revision der Schöpfungsthese notwendig machen könnten. Unter solchen Voraussetzungen wäre kein wissenschaftlicher Fortschritt möglich, denn er setzt ja voraus, dass Theorien überprüft (oder eingeschränkter: logisch widerlegt) und gehaltsvermehrend überarbeitet werden können.

 

In jedem Falle ist nichts erklärt, wenn man eine bislang ungelöste Frage durch den bekannten "Lückenbüßergott" ausfüllt. Wer anhand eines offenen Problems einfach behauptet "ein Schöpfer war am Wirken", weicht dem Problem aus, denn anstelle einer Erklärung wird einfach nur der unerklärte Ratschluss eines Schöpfers bemüht. Da Wissenschaft aber nach nichts anderem sucht als nach Erklärungen, kann sie mit einer übernatürlichen Wesenheit als "erklärendes" Agens nichts anfangen.

 

Außerdem versperrt ein Schöpfer jeder weiteren Forschung den Weg. Wenn man alle bestehenden Fragen einfach durch einen "Schöpfer" ausfüllen wollte, bliebe nichts mehr übrig, was man erklären und erforschen könnte. Die Schöpfungsidee macht also Wissenschaft überflüssig, ja sogar unmöglich. In diesem Sinne ist der Naturalismus nicht einfach eine dogmatische Gegenposition zur supernaturalistischen Schöpfungsidee, sondern erkenntnistheoretisch und methodologisch begründet. Dass es der Wissenschaft gelungen ist, ein in sich stimmiges Theoriennetzwerk zu konstruieren, macht den Naturalismus zu einer überaus heuristisch fruchtbaren Ontologie.

1.10. Der größte Irrtum im Antievolutionismus

Der wohl größte Irrtum in der antievolutionistischen Argumentation liegt in der originären Zielsetzung ihrer Adepten. Die Evolutionskritik kann im Rahmen der Schöpfungsidee nur dann überhaupt einen Sinn machen, wenn die vermeintliche Fragwürdigkeit des Evolutionskonzepts in Argumente für die Schöpfungsvorstellung umgemünzt werden. Stellen Sie fest, dass man, selbst wenn es gelungen wäre, die Evolutionsvorstellung komplett zu widerlegen, kein einziges Argument in Händen hielte, das die Idee von dem "intelligenten Programmierer" evident erscheinen ließe. Argumentieren Sie daher, dass, man aus der Falschheit des Evolutionsgedankens nicht die Existenz eines Schöpfers ableiten kann.

 

Wie wir gesehen haben, ist die Schöpfungsidee nicht einmal im Prinzip widerlegbar. Man bekommt demzufolge durch keine spezifische Beobachtung einen wirklichen Hinweis auf die Existenz eines Schöpfers. Dieses methodologische Dilemma ist der Hauptgrund für die heuristische Unfruchtbarkeit und Unwissenschaftlichkeit der Schöpfungsvorstellung. Weisen Sie unbedingt darauf hin, dass es den Schöpfungstheoretikern prinzipiell nicht gelingen kann, ihre Postulate durch Beobachtungen zu bereichern, weshalb sie auf die Destruktion der transspezifischen Evolutionsidee ausweichen müssen. Betonen Sie, dass kein Schöpfungsgläubiger zur Klärung der Frage, ob ein Schöpfer existiert, jemals einen profunden Beitrag hat leisten können.

1.11. Literaturhinweise:

Chalmers AF (2001) Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie. Springer, Berlin, 5. Auflage

 

Gassner T (2001) Kladistik und die phylogenetische Systematik. Internet-Beitrag, http://www.dinosauria.de/kladistik.html

 

Günther K (1967) Zur Geschichte der Abstammungslehre. - In: Heberer G (ed.) (1967) Die Evolution der Organismen, Bd. I. S. 3-60

 

Heberer G (1943) Experimentelle Phylogenetik und Typensprunglehre. Stellungnahme zu dem vorstehenden Aufsatz von O. H. Schindewolf: Zur Frage der sprunghaften Entwicklung. Der Biologe, 12, S. 248-255

 

Junker R, Scherer S (1998) Evolution - Ein kritisches Lehrbuch, Weyel

 

Kanitscheider B (2000) Wissen und Religion. In: Spektrum der Wissenschaften, Januar-Heft 2000. S. 8 f.

 

Mahner M (1986) Kreationismus - Inhalt und Struktur antievolutionistischer Argumentation. Berlin

 

Mahner M, Bunge M (2000) Philosophische Grundlagen der Biologie, Springer-Verlag, Berlin

 

Mahner M (2001) Stichwort: Falsifizierbarkeit. Naturwissenschaftliche Rundschau, 54. S. 677-678

 

Mayr E (1967) Artbegriff und Evolution. Berlin, Hamburg, Parey. S. 465 f.

 

Popper KR (1994) Zwei Bedeutungen von Falsifizierbarkeit. In: Seiffert H, Radnitzky G (Hrsg.) (1994) Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. dtv, München

 

Remane A et al. (1973) Evolution. Tatsachen und Probleme der Abstammungslehre. München

 

Riedl R (1990) Die Ordnung des Lebendigen. Systembedingungen der Evolution. Parey-Verlag

 

Vollmer G (1986) Kann es von einmaligen Ereignissen eine Wissenschaft geben? In: Was können wir wissen? Bd. 2 die Erkenntnis der Natur, Hirzel, Stuttgart

2. Evolutionskritische Argumentationsfehler

Nachdem wir in den vorangegangenen Abschnitten die gängigen Argumente der Evolutionskritik aus biologisch-inhaltlicher Sicht besprochen haben, wollen wir uns abschließend der Struktur evolutionskritischer Argumentation zuwenden und sie hinsichtlich ihrer logischen Mängel beschreiben. Dazu seien im Folgenden einige der bekanntesten informellen Fehlschlüsse angeführt, die den Anschein eines Arguments erwecken und aus rhetorischen Gründen Verwendung finden. (Zur Systematik der Fehlschlüsse siehe CURTIS 2008.)

2.1. Der Fehlschluss des argumentum ad ignorantiam

Ein Argument gegen (oder für) eine bestimmte Theorie, das auf mangelndem Wissen zugunsten dieser Theorie (oder gegen sie) beruht, wird gemeinhin als ar-gumentum ad ignorantiam (lat. für: Argument, das an das Nichtwissen appel-liert) bezeichnet (WALTON 1999) bezeichnet. Aus diesem Argument bezieht die Evolutionskritik ihre eigentliche Legitimation: Mangels Belegen für die eigene (kreationistische) Weltsicht setzen die Evolutionsgegner alles daran, zu demonstrieren, wie wenig wir derzeit noch über die Evolution wissen. Es soll dadurch der Eindruck entstehen, die Evolutionstheorie verliere so an Plausibilität, woran die Hoffnung geknüpft wird, Intelligent Design werde im Gegenzug der Rücken gestärkt. Um mit JUNKER zu sprechen:

Je häufiger sich Fehlschläge bei den Bemühungen um ausschließlich natürliche Erklärungen einstellen, desto unplausibler wird ein solcher Weg (JUNKER 2005a, 30).

Dieses Argument beruht jedoch auf einem Fehlschluss. Erstens folgt aus dem Mangel an Belegen zugunsten einer Theorie kein Argument gegen sie. Zwar wird der Naturwissenschaftler Forschungsprogramme, die über einen langen Zeitraum hinweg keinerlei Erkenntnisfortschritte hervorbringen, irgendwann einstellen und die ihm zugrunde liegende Theorie verwerfen. Dabei kann es sich allerdings um kein systematisches Argument handeln. Aus der Tatsache etwa, dass über Jahrhunderte vergeblich versucht wurde, der Natur eines Gewitters oder den Prinzipien chemischer Reaktionen mit naturalistischen Beschreibungsmitteln auf die Spur zu kommen, folgte zunächst einmal nur, dass der Wissenshintergrund noch viel zu lückenhaft war. Eine natürliche Erklärung wäre nur dann unplausibel, wenn positive Befunde dagegen sprächen (s. dazu beispielsweise SUKOPP 2006, 92ff). Und genauso verhält es sich auch mit der Evolutionstheorie.

 

Zweitens könnten die Evolutionsgegner noch so viele Evolutionsmodelle widerlegen ohne dass ihre Theorie vom intelligenten Design davon profitieren würde. Bereits der Wissenschaftstheoretiker Karl POPPER wies darauf hin, dass es keine Möglichkeit gibt, durch schrittweises Eliminieren von Theorien auch nur die „wahrscheinlich richtige“ zu bestimmen (POPPER 1984, 434). Der Grund liegt darin, dass zur Erklärung eines Sachverhalts in der Regel nicht nur zwei oder drei Alternativtheorien denkbar sind, wonach durch Widerlegung einer Theorie die übrig gebliebenen Theorien an Plausibilität gewönnen. Vielmehr lassen sich in der Regel sehr viele verschiedene Theorien und von jeder Theorie wiederum unendlich viele beliebig voneinander abweichende Versionen zur Erklärung eines Sachverhalts erstellen – zumindest im Prinzip. Wird nun eine Theorie-Version widerlegt, rücken unzählig viele denkbare Alternativ-Versionen als potenziell „wahre“ Kandidaten nach, so dass der Plausibilitätsgewinn für jede der verbliebenen Theorien praktisch null ist.

 

Auf die Evolutionskritik gemünzt bedeutet das: Die Widerlegung der DARWINschen Vererbungstheorie schwächt nicht den WEISMANNschen Neodarwinismus, und die (in Teilen berechtigte) Kritik an der Einfachheit der Synthetischen Theorie der Evolution trifft nicht die modernen Theorien der Evolution. Und selbst wenn sich alle Evolutionstheorien als falsch erwiesen hätten, wäre Intelligent Design längst noch nicht die erste Wahl; es wären immer noch mehrere Alternativen denkbar. Eine Alternative wäre z. B. die „Ewigkeitshypothese“, wonach das Leben schon immer existiert hat. Eine andere Möglichkeit wäre, dass es die Arten aus einem Paralleluniversum durch quantentheoretische Tunneleffekte in unsere Welt verschlug (eine These, die sicher nicht spekulativer ist als Intelligent Design) usw. – der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Kurzum: An den Grenzen unseres evolutionären Verständnisses beginnt nicht Intelligent Design, sondern das Nichtwissen.

 

Im Übrigen folgt aus der Tatsache, dass es offene Fragen in der Evolutionsbiologie gibt, keinesfalls, dass die Bemühungen um ausschließlich natürliche Erklärungen fehlgeschlagen sind. Im Gegenteil, unser Wissen über die Ursachen der transspezifischen Evolution wächst seit DARWIN kontinuierlich. Folglich sind die offenen Fragen keine Fehlschläge, sondern einfach Fragen auf der jeweils nächsten Ebene der Erkenntnis (s. Kap. VI). Die grobe Vereinfachung der Evolutionsgegner wird, wie so oft, dem Status evolutionärer Forschungsprogramme nicht gerecht.

2.2. Fehlschluss der Doppeldeutigkeit (Äquivokation)

Dieser Fehlschluss kommt dadurch zustande, dass ein Begriff verschiedene Bedeutungen hat, die Mehrdeutigkeit des Begriffs aber nicht erkannt wird. Wird ein Satz, in dem das Wort in der einen Bedeutung vorkommt, zur Begründung eines Satzes verwendet, in dem das Wort eine andere Bedeutung hat, ist das Ergebnis eine Äquivokation (VOS SAVANT 1996, 76). Ein simples Beispiel ist die Aussage, bei der Eheschließung handele es sich um eine gewichtige Entscheidung im Leben der Partner, woraus gefolgert wird, die Eheleute nähmen an Gewicht zu. Der Begriff „Gewicht“ hat im einen Fall eine metaphorische, im anderen Fall eine physikalische Bedeutung, so dass die Folgerung unsinnig ist.

Ein weniger offensichtliches Beispiel ist der Schluss von der zweck-mäßigen Ordnung der belebten Natur auf einen Zwecksetzer, einen Schöpfer. So meint z. B. der Evolutionskritiker M. RAMMERSTORFER:

Der Schluss von Planmäßigkeit, Zielgerichtetheit, wie sie in der Natur überall zu finden ist, auf einen Planer, ist ganz einfach der naheliegendste Schluss (zit. nach JUNKER 2004, 9).

Etliche Biologen sprechen tatsächlich von einer zweckgerichteten Ordnung in der Natur. Die Rede von „Zwecken“ und „Zielen“ ist in der Biologie jedoch zunächst nur eine metaphorische Sprechweise, die deshalb verführerisch ist, weil wir aufgrund unserer anthropomorphen Denkweise mit intentionalen Begriffen vertraut sind. Wenn z. B. gesagt wird, dass eine Blüte einer Biene Nektar anbiete, handelt es sich um ein rhetorisches Stilmittel und nicht etwa um die Beschreibung einer echten zweckgerichteten Handlung, weil Blumen mangels kognitiver Fähigkeiten weder Ziele verfolgen noch in der Zukunft liegende Entwicklungen antizipieren können. Folglich ist der Schluss auf eine echte Planmäßigkeit ebenso unzulässig wie der Schluss auf einen Planer.
(Aus diesem Grund wird in der Biologie häufig der Begriff „Teleonomie“ verwendet, um dem Fehlschluss der Äquivokation (hier: dem Schluss auf eine echte Planmäßigkeit) begrifflich vorzubeugen.)

Dieses für die Teleologie typische Problem wird seit der Antike als Stolperstein teleologischer Erklärungen gesehen. Aus Sicht des Naturwissenschaftlers kommt es zur Bestäubung der Blüte, eben weil eine günstige Prädisposition (die Absonderung zuckerhaltiger Substanzen) zufällig Insekten anlockt. Die Annahme, dass die Blüte Nektar absondert, damit Insekten die Blüte bestäuben, ist dagegen empirisch unbegründet. Anders ausgedrückt: Dass biologische Funktionen und Selektionsvorteile tatsächlich echte Zwecke sind, die auf einen Plan zurückgehen, müsste unabhängig von rhetorischen Sprachspielen belegt werden.

2.3. Falsche Kausalbeziehung (Non causa pro causa)

Dieser Fehlschluss tritt dann auf, wenn ein Sachverhalt irrtümlicherweise als Ursache eines anderen Sachverhaltes angegeben wird.

 

Dieser Kategorie lassen sich unter anderem die folgenden Fehlschlüsse unterordnen:

2.3.1 Fehler im Analogieschluss

Um die Plausibilität von Intelligent Design zu unterstreichen, wird in aller Regel mit Analogieschlüssen gearbeitet. Im allgemeinen haben Analogieschlüsse folgende Struktur: Aus der Beobachtung, dass ein Objekt A eine Eigenschaft P hat und dass ein anderes Objekt B ‚irgendwie’ dem Objekt A ähnelt, wird geschlossen, dass B ebenfalls die – in diesem Falle nicht direkt feststellbare – Eigenschaft P aufweist (MAHNER 2007). Das Design-Argument der Evolutionsgegner beruht zum Teil auf einem solchen Analogieschluss, wonach festgestellt wird, dass sich biologische Merkmale und die Erzeugnisse menschlicher Ingenieurskunst z. B. hinsichtlich Funktionalität, Komplexität oder „Genialität“ ungemein ähneln. Im Hinblick auf die Planmäßigkeit von Artefakten wird daher auf eine ebenso planmäßige Konstruktion von Biosystemen (einen Schöpfungsakt) geschlossen:

Wenn schon vergleichsweise einfache synorganisierte technische Systeme bekanntermaßen nur durch Designer entstehen, dann gilt dies erst recht für die viel komplizierteren Lebensstrukturen. So gesehen erscheint es fast pa-radox, dass bei den Lebewesen überhaupt der Ansatz verfolgt wird, ihre Ent-stehung unter Ausschluss von Design erklären zu wollen (JUNKER 2004, 4).

Nun sind Analogieschlüsse allerdings nur dann zulässig, wenn der analoge Sach-verhalt in den für den Vergleich relevanten Eigenschaften tatsächlich mit dem zu erklärenden Sachverhalt übereinstimmt. Dies ist bei den hier miteinander verglichenen Objekten jedoch keinesfalls zutreffend. Die Bausteine von Artefakten wie Computern, Uhren, Automobilen und dergleichen können weder abiotisch entstehen, noch besitzen sie elementare autokatalytische Eigenschaften, die es ihnen ermöglichen könnten, sich zu evolutionsfähigen Systemen zu organisieren. Insbesondere kommen die emergenten Eigenschaften lebendiger Systeme, wie die Fähigkeit zur Fort-pflanzung, Mutabilität und natürliche Selektion Werkzeugen, Maschinen und Sprachen eben nicht zu, wodurch jede Analogie, die sich auf die-se Eigenschaften zu beziehen hat, entwertet wird (MAHNER 1986, 75). Die Fähigkeit zur Vermehrung und Mutabilität sind nun einmal elementare Voraussetzungen für den Evolutionsprozess!

Um diesen Einwand zu entkräften, nützt es dem Evolutionsgegner zunächst einmal nichts, darauf hinzuweisen, dass eine zur Selbstreproduktion befähigte Maschine erst recht als planerischer Geniestreich angesehen würde. Man könnte ja allenfalls eine Maschine mit der Fähigkeit ausstatten, eine neue Maschine zu konstruieren, nicht aber, einen natürlichen Wachstumsprozess (eine Keimes-entwicklung) zu durchlaufen. Genau hier liegt das Problem, die Sprache zeigt es auf: „Kunstdinge, Artefakte, werden von einem anderen gemacht; Naturdinge, Lebewesen wachsen dagegen, sie entwickeln ihre Form aus sich selbst“ (KUMMER 2009, 163). Gäbe es eine „Biologie der Maschinen“, ginge die Entwicklung von Maschinen durch Wachstum und ohne erkennbaren planerischen Eingriff vonstatten, dann wäre das Design-Argument natürlich auch in der Technik wertlos. Auch die Feststellung, dass sich Biosysteme und Artefakte hinsichtlich anderer Eigenschaften wie Funktionalität und „irreduzibler Komplexität“ ähneln, ist wenig hilfreich. Sie enthielte nur dann ein Argument, wenn der Evolutionsgegner nachweisen könnte, dass Funktionalität und eine in irgendeiner Weise spezifizierte Komplexität tatsächlich die relevanten Schlüsselindikatoren bei der Identifikation von Artefakten sind. Aber inwieweit ist dies der Fall?

Wir hatten es in Kap. II bereits besprochen: All jene Beispiele, die Evolutionsgegner aus der Technik anführen, sind trivial. Es handelt sich um menschliches oder menschenähnliches Design, von dem wir bereits aus Erfahrung wissen, dass es auf Planung beruht. Eine Gesundheitsbehörde, die es z. B. mit einer Milzbrand-Epidemie zu tun bekäme, wird, so lesen wir bei RAMMERSTORFER (2006, 112), hinter diesem Ereignis mit einiger Wahrscheinlichkeit einen intelligent geplanten terroristischen Anschlag vermuten. Aber basiert diese Erkenntnis nun in irgendeiner Weise auf der Suche nach „Designsignalen“ im Sinne von M. BEHE oder W. DEMBSKI? Keineswegs. Sie gründet vielmehr in dem Wissen, dass Milzbrand-Erreger in den Laboratorien der Militärs bereits gezielt zu diesem Zweck proliferiert wurden. Dort, wo dieses Wissen fehlt – z. B. beim Vogelgrippe-Virus –, käme niemand auf die Idee, einen Planungsakt hinter einer Epidemie zu vermuten. Wir sehen: Spezifizierte oder irreduzible Komplexität ist, wie es scheint, gar nicht die relevante Analogie, die den Schluss auf Design rechtfertigt, sondern Erfahrungswissen. Dieses für den Schluss auf eine Planung erforderliche Wissen ist in der Biologie nirgendwo vorhanden – Lebewesen sind weit mehr der Natur (einem sich selbst organisierenden System) als einem Artefakt analog:

Eine Holzfigur ist kein leibhaftiger Mensch, ein Artefakt kein Lebewesen! Wenn du dennoch den Analogieschluss ziehst, übergehst du diesen Unter-schied und stülpst dem Naturding ein Artefakt-Gewand über. In dieser Ver-kleidung taugt es natürlich für den Schluss, aber eben nur dem Schein nach, und damit ist nichts gewonnen. Du erklärst das Naturding zum herge-stellten Gegenstand und holst dann, welch Wunder, den Hersteller, sprich intelligenten Designer, aus der Natur hervor wie der Zauberer das Kanin-chen aus dem Zylinder. Das beweist aber gar nichts, weil du nur hervor-holst, was du vorher schon hineingesteckt hast (KUMMER 2009, 163).

2.3.2 Die klassischen Evolutionsbelege – eine petitio principii?

Die Tatsache der transspezifischen Evolution wird durch eine ungeheure Fülle an Daten belegt. Beispielsweise gibt es zahlreiche Fossilien, die vor dem Hintergrund einer begründeten Evolutionslinie genau so gebaut sind, wie es das evolutionäre Modell erwarten lässt. Das Auftreten bestimmter „Primitivstadien“ in der Keimesentwicklung deutet ebenfalls auf die stammesgeschichtliche Verbundenheit der Arten hin; es handelt sich dabei um „Reste“ ursprünglicher Entwicklungsprogramme, die historisch geworden und in der Ontogenese daher noch ablesbar sind. Die verblüffenden Koinzidenzen zwischen Stammbäumen und dem Fossilienbefund sind ein weiteres gewichtiges Indiz zugunsten der Evolutionstheorie; sie sind anders als durch gemeinsame Abstammung nicht sinnvoll erklärbar. Unser Wissen über die ontogenetische „Plastizität“ und die Mechanismen genetischer Variation vervollständigt dieses Bild.

All diese (und noch viel mehr) Befunde lassen an der Evolution keine begründeten Zweifel mehr zu. Da sie sich in jedem Evolutionslehrbuch nachlesen lassen, sollen sie hier nicht weiter thematisiert werden. Worum es uns hier geht, ist die Art und Weise, wie Evolutionsgegner auf die Vorführung solcher Belege reagieren:

Ist es vernünftig zu sagen, es müsse eine Evolution gegeben haben, weil sich die Lebensformen fein säuberlich nach ihrer Ähnlichkeit aufreihen las-sen? Fragt man nach den Beweisen, wird einem wiederum die Ähnlichkeit vor Augen geführt (oft in beeindruckenden Skelettreihen in Museen oder Sachbüchern). Nur wenigen fällt der Zirkelschluss auf: die Hypothese stützt sich auf eine Beobachtung und dieselbe Beobachtung soll die Hypothese be-weisen. In jedem Gerichtsverfahren würde der eine solche Beweisführung in der Luft zerrissen (ISAU 2008; Fehler im Original). 

Es geht also im Kern um die keineswegs originelle Behauptung, der Evolutionsbiologe begründe die abgestufte Ähnlichkeit der Arten mit Evolution und die Evolution wiederum mit der abgestuften Ähnlichkeit der Arten. Eine solche Argumentation, wonach die zu beweisende Folgerung stillschweigend bereits in den Prämissen voraussetzt wird, bezeichnet man als fatalen Zirkelschluss (circulus vitio-sus) oder als petitio principii

Nun liegt im Falle der Begründung der Evolutionstheorie ein solcher Zirkel-schluss aber gar nicht vor. Das Missverständnis der Evolutionstheorie durch ihre Gegner beruht vielmehr auf einer Verwechslung von Erkenntnis- und Erklärungsgrund (MAHNER 1986, 72ff). Wenn z. B. gefragt wird, warum das Wetter schlecht wird und es wird geantwortet: „weil das Barometer fällt“, dann handelt es sich beim Fallen des Barometers bzw. des Luftdrucks um eine spezifische Symptom-konstellation (Erkenntnisgrund), anhand der wir auf eine Wetterverschlechterung schließen. Die Wetterverschlechterung ist dagegen der Erklärungsgrund für das Fallen des Barometers. Durch Verwechslung der beiden Kategorien lässt sich jede empirisch überprüfbare These in eine scheinbar zirkelschlüssige Form gießen.

Beispiel:

 

Warum wird das Wetter schlecht? Weil das Barometer fällt. Warum fällt das Barometer? Weil das Wetter schlecht wird. 

Diese Form der Aussage ist nicht zirkelschlüssig, weil eben auf die erste Frage unter Nennung des Erkenntnisgrunds und auf die zweite unter Nennung des Erklärungsgrunds geantwortet wird. Analog verhält es sich mit der Evolutionstheorie: Die abgestufte Ähnlichkeit der Arten ist der Erkenntnisgrund, die Symptomkonstellation, die auf eine Evolution schließen lässt, weil sich die Konstellation aus der Evolutionstheorie schlussfolgern lässt. Demnach ist Evolution der Erklärungsgrund.

2.3.3 Die Verwechslung ultimater und proximater Ursachen

Wie oben betont zählt das Auftreten ontogenetischer „Entwicklungsprogramme“, die in Auszügen archaische Organisationsmuster rekapitulieren, oder Missbildungen, die in struktur- und lageähnlicher Weise schon bei entsprechenden Ahnenformen in Erscheinung getreten sind (so genannte Atavismen), zu den wichtigsten Belegen der DARWINschen Abstammungstheorie. Wie alles, was eine Geschichte durchlaufen hat, so können auch Lebewesen auf „historische Reste“ hin untersucht werden, die sich häufig noch aufgrund ihrer Form, Lage und Primär-funktion erschließen lassen. Die Evolutionsgegner (z. B. JUNKER/SCHERER 2006, Kap. V) halten dagegen, solche Phänomene könnten aus den ontogenetischen Ursachen vollständig erklärt werden, ohne dass dazu eine Reaktivierung evolutionär erworbener Muster als Ursache angenommen werden müsse. Letztlich zeigten „Versuche, die [...] Ontogenese bzw. einzelne embryonale sowie fetale Organanlagen oder nachgeburtliche Reaktionen unter Rückgriff auf die Abstammungslehre besser zu verstehen, [...] keinen Erfolg“ (JUNKER/SCHERER 2006, 211).

 

Diese Argumentation zeugt jedoch von einer Verwechslung zweier Ursachenebenen, die bei der Erklärung strikt auseinander gehalten werden müssen. Es ist unbestritten richtig, dass sich die Bildung bestimmter Muster aus funktionellen und ontogenetischen Prinzipien ableiten lässt: Das „ontogenetische Pro-gramm“ steuert unmittelbar die Embryonalentwicklung der Lebewesen (proximate Ursache). Die Frage aber, weshalb das ontogenetische Programm gerade so und nicht anders beschaffen ist, lässt sich nicht durch entwicklungsbiologische oder funktionelle Betrachtungen, sondern nur vor dem Hintergrund seiner Ge-schichte (ultimate Ursache) beantworten.

 

Betrachten wir beispielsweise die Zahnanlagen, die in der Embryonalent-wicklung der Wale kurzzeitig auftauchen und wieder verschwinden: Wenn gefragt wird, weshalb diese Strukturen entstehen, lässt sich argumentieren, dass sie zur Formbildung des Kiefers benötigt werden und daher funktionell notwendig sind (proximate Ursache). Daraus erklärt sich aber nicht, weshalb bei den Walen aus-gerechnet Zahnanlagen bei der Ausformung des Kiefers eine Rolle spielen (ob-wohl sie doch nur wieder verschwinden und sich nicht zu Kauwerkzeugen entwi-ckeln), warum nicht andere, weniger umständliche Wege zur Formbildung des Kiefers angelegt sind. Die Evolutionsgegner geraten denn auch in erhebliche Ar-gumentationsprobleme, was die Interpretation derartiger Befunde anbelangt. Die Merkmalskonstellationen ergibt eben nur dann einen Sinn, wenn man davon aus-geht, dass die landlebenden Vorfahren der Wale einst über Zähne verfügten, de-ren Anlagen zu einem späteren Zeitpunkt der phylogenetischen Entwicklung ihre „prospektive Bedeutung“ (Primärfunktion) abhanden kam. Wird dagegen die his-torische Entwicklung geleugnet, bleibt die Existenz der Zahnanlagen unverständ-lich.
(
Ein besonders schönes Beispiel diskutiert HEMMINGER (1988, 23ff). Es handelt sich um den für Affenbabys charakteristischen Klammerreflex, mit dem sich die Neugeborenen im Fell der Mutter festhalten. Dieser Reflex, bei dem nacheinander alle Finger in die charakteristische Greifposition einlaufen, findet sich in exakt derselben Ausprägung auch bei menschlichen Neugeborenen, obwohl er dort keine Primärfunktion mehr hat. Leugnet man die gemeinsame Stammesgeschichte von Mensch und Affe, bleibt auch diese Tatsache unerklärbar.)

 

Die bequeme Allzweck-Antwort, der Schöpfer habe mit seinem Handeln eben bestimmten ontogenetischen Erfordernissen Rechnung getragen, erklärt also nichts, sondern verlagert die Erklärung lediglich einen Schritt nach hinten. Auf die Frage, warum der Schöpfer ontogenetischen Zwängen in einer Weise unterworfen sein soll, dass er diesen Entwicklungswegen auf dieselbe Art folgt (folgen muss?), wie man es vom Evolutionsprozess her erwartet, hat der Kreationist keine Antwort.

2.4. Schluss vom bedingt Gesagten zum schlechthin Gesagten 

Bei diesem Fehlschluss (lat. fallacia a dicto secundum quid ad dictum simpliciter) wird eine unter bestimmten Bedingungen oder zu einer bestimmten Zeit gültige Hypothese verwendet, um nahe zu legen, dass sie unter allen Bedingungen bzw. zu allen Zeiten gültig ist (MAHNER 1986, 79). Dieser Schluss verletzt den Satz vom zureichenden Grund und ist daher unzulässig. So behauptet beispielsweise RAMMERSTORFER:

Intelligent-Design-Theoretiker wollen [...] auch eine Theorie aufstellen, die sich mit der Realität verträgt. Und Realität ist heute, dass Pasteurs Satz ‚omne vivum ex vivo’ [Alles Leben kommt aus dem Leben; M.N.] bestens gefestigt ist nachdem Gegner dieses Satzes selbigen jahrzehntelang gefes-tigt haben [...] (RAMMERSTORFER 2003). 

Die Tatsache, dass unter den heutigen Bedingungen Leben nur noch auf biologischem Weg entstehen kann, sagt nichts über die Möglichkeit einer spontanen Lebensentstehung unter den Bedingungen aus, die vor 4 Milliarden Jahren auf der Erde herrschten. Nach allem, was wir wissen, waren die irdischen Bedingungen vor 4 Milliarden Jahren grundlegend anders als heute und prädestinierten geradezu eine generatio spontanea.

2.5. Der Fehlschluss des „red herring“ 

Der Begriff red herring (roter Hering) geht auf das Auslegen geräucherter Heringe zurück, um Spürhunde durch deren Geruch auf eine falsche Fährte zu bringen. Nicht nur bei flüchtigen Delinquenten, auch in der Diskussion war und ist das (bewusste oder unbewusste) Legen falscher Fährten ein beliebtes Mittel. Hierzu zählt jedes Argument, in dem die Prämissen in keiner logischen Beziehung zur Konklusion (Folgerung) stehen. Dies ist ein sehr allgemeines Kriterium, und natürlich gibt es die unterschiedlichsten Methoden, um von etwas abzulenken. Einige davon sollen nun vorgestellt werden.

2.5.1 Das Beeindrucken durch Fachsprache

Eine Strategie besteht darin, Menschen, die den Wahrheitsgehalt fachspezifischer Aussagen nicht beurteilen können, durch Verwendung komplizierter Fachsprache zu beeindrucken, um sie dazu zu bringen, eine bestimmte Schlussfolgerung zu akzeptieren. Auf dieses Stilmittel wird z. B. in JUNKER/SCHERER (2006) zurückgegriffen. Zur Frage, ob das Steißbein als Schwanzrudiment zu interpretieren sei, finden wir folgende Passage (Beispiel aus AUSTERMANN 2008, 86f):

In der 4. Entwicklungswoche wird beim ca. 2,5-4,5 mm großen menschli-chen Embryo die Schwanzknospe sichtbar. Ein stabartiger Auswuchs (Chorda neuralis) des Neuralrohres beginnt ab Höhe des Neuroporus cau-dalis in Richtung der zunächst allein aus mesodermalen Zellen bestehen-den kaudalen Eminenz auszuwachsen. Dabei überwächst die Chorda neu-ralis das untere Ende der Chorda dorsalis […] sowie das Ende des End-darms. Die kaudale Eminenz stellt bis zu der 8. Entwicklungswoche […] das untere Ende des embryonalen Körpers dar.

 

Anders als in den übrigen (kopfwärts gelegenen) Abschnitten entstehen innerhalb der Chorda neuralis durch sekundäre Neurulation die unteren Anteile des Neuralrohres, das nach oben (proximal) Anschluss an den durch die primäre Neurulation gebildeten oberen Anteil des Neuralrohres gewinnt. Damit wird die Chorda neuralis zum Ende des gesamten Neural-rohrs und ist in dieser Phase Hauptbestandteil der Schwanzknospe. Ähn-lichkeiten mit einem adulten Wirbeltierschwanz bestehen weder morpholo-gisch noch funktionell (JUNKER/SCHERER 2006, 207).

 

Man kann sich ausmalen, welchen Eindruck dieser Text bei Schülern hinterlassen muss, an die sich das kritische Lehrbuch in erster Linie richtet: Die durch Fachtermini durchsetzten Aussagen sollen wissenschaftliche Kompetenz signalisieren. Gleichzeitig erschwert die Diktion dieser Passage das Verständnis des beschriebenen Sachverhalts, so dass sich schlussendlich nur die kursiv hervorgehobene Schlussfolgerung einprägt. Dadurch wird ebenfalls geschickt davon abgelenkt, „dass zur Entkräftung des evolutionstheoretischen Arguments nicht gezeigt wer-den muss, dass keine Ähnlichkeit mit einem adulten Wirbeltierschwanz besteht, sondern dass keine Ähnlichkeiten zu den embryonalen Anlagen bei Wirbeltieren vorhanden sind, die noch einen Schwanz ausgebildet haben“ (AUSTERMANN 2008, 87).

2.5.2 Der Appell an Emotionen

Dazu werden mit einer Aussage Emotionen verknüpft, um den Adressaten dazu zu bringen, eine bestimmte Position zu akzeptieren oder abzulehnen. Eine Variante ist der allseits bekannte „Nazi-Vergleich“ (argumentum ad nazium). Man rückt eine Theorie oder deren Anhänger in die geistige Nähe der nationalsozialistischen Ideologie, um zu suggerieren, man leiste dem Bösen Vorschub, wenn man diese Theorie akzeptieren würde. Gerade im Zusammenhang mit der Evolutionstheorie bekommt man es immer wieder mit dieser Strategie zu tun, wie das folgende Zitat belegt:

 

Wenn auch immer wieder bestritten worden ist, dass Darwin und seine Nachfolger den ‚Kampf ums Dasein’ in dieser Weise verstanden [...] so kann uns doch ein Blick ins 3. Kapitel der ORIGIN-Arbeit und in Haeckels Werke von der Richtigkeit des Clarkschen Ansatzes überzeugen [...] Und in ihrer Übertragung auf den Menschen wird diese Auffassung zudem zu einer mör-derischen Philosophie. Sie ist unter anderem der direkte Weg zu Hitlers ‚Mein Kampf’ mit allen Folgeerscheinungen (LÖNNIG 2001).

 

Wie sich aus der Akzeptanz der Evolutionstheorie eine Lizenz zum Töten oder gar der Weg zu HITLER ableiten lassen soll, bleibt unverständlich. Der Begriff vom „Kampf ums Dasein“, den nicht einmal DARWIN wörtlich nahm, wurde längst durch den Begriff der differenziellen Tauglichkeit ersetzt. Dieser „Kampf“ vollzieht sich in aller Regel unblutig, da er nicht zwischen Jäger und Beute, sondern zwischen Artgenossen „ausgetragen“ wird, die von ihren verschiedenen Überlebenschancen nichts ahnen.

 

Solche Aussagen sind nicht nur inhaltlich falsch, sondern implizieren einen Fehlschluss. Denn die Richtigkeit einer Theorie hängt nicht davon ab, was deren Vertreter denken oder glauben, ob sie moralisch integer sind oder nicht, und auch nicht davon, welche Verbrechen im Namen jener Regime begangen wurden, die sich (missbräuchlich) auf diese Theorie berufen haben. Appelle an Emotionen sind, wo eigentlich Sachargumente angebracht wären, klar ein Merkmal pseudowissenschaftlicher Agitation.

2.5.3 Der genetische Fehlschluss

Der so genannte genetische Fehlschluss ist eine falsche Schlussfolgerung von den historischen Begleitumständen hinsichtlich der Entstehung einer Auffassung auf deren aktuelle Geltung. So beschreibt beispielsweise JUNKER das Verhältnis zwischen dem rigoristischen Schöpfungsverständnis und der neuzeitlichen Naturwissenschaft wie folgt:

 

Dass fruchtbare Forschung im Rahmen des Schöpfungsparadigmas über-haupt möglich ist, wird oft bestritten, was insofern paradox ist, als im Rah-men des biblischen Schöpfungsverständnisses die neuzeitliche Naturwissen-schaft überhaupt erst entstanden ist (JUNKER 2005b).

 

Dass bestimmte Aspekte des Christentums, wie z. B. die rationale Diskurstradition, die Entstehung der Naturwissenschaften gefördert haben, ist sicher richtig, zumal es im Abendland Jahrhunderte lang keinen anderen Deutungsrahmen gab. Daraus folgt aber nicht, dass das Schöpfungsparadigma in irgendeiner Weise relevant für die Naturwissenschaft der Neuzeit sei. Im Gegenteil: Die Etablierung der modernen Naturwissenschaften war und ist ein fortwährender Ablöseprozess von religiösen Dogmen und Denkstrukturen, die der kausalen Erklärungsstrategie der Naturwissenschaften entgegenstehen. Die Folge dieser Emanzipation war ein mehrere Jahrhunderte dauernder Streit zwischen der Kirche und den Naturwissenschaften, wie die Fälle Giordano BRUNO und Galileo GALILEI in besonderem Maße beweisen. Ein „biblisches Schöpfungsverständnis“, wie es JUNKER vertritt, steht zum heutigen wissenschaftsorientierten Weltbild im krassen Gegensatz und ist daher ein „wissenschaftshistorischer Atavismus“ (MAHNER 1986, 84).

Um eine ungewöhnliche Meinung zu unterstreichen, ist es in der pseudowissenschaftlichen Literatur sehr beliebt, auf angesehene Persönlichkeiten zu verweisen, welche diese Ansicht teilen. Die Reputation der Personen wird dazu genutzt, den Stellenwert der These auf unzulässige Weise zu steigern. Dieses rhetorische Stilmittel wird als Autoritätsbeweis oder argumentum ad verecundiam bezeichnet. So heißt es beispielsweise bei LÖNNIG:

 

Diese Zitate beweisen, dass auch unter den besten und erfolgreichsten Na-turwissenschaftlern der Welt die Fragen nach einem intelligenten Ursprung des Universums und des Lebens nicht nur niemals verstummt sind, sondern dass eine nicht unbeträchtliche Anzahl dieser Forscher diese Fragen sogar deutlich und unmissverständlich positiv beantwortet! [...] Hier wird gezeigt, dass zur Weltspitze gehörende Naturwissenschaftler die Intelligent-Design-Frage samt positiven Antworten für völlig legitim einstufen und damit ID auch gemäß den besten, erfolgreichsten und genialsten Forschern unseres Zeitalters eindeutig in den Bereich der Naturwissenschaft gehört (LÖNNIG 2005).

 

Nun ist es in wissenschaftlichen Abhandlungen zwar üblich, Behauptungen durch wissenschaftliche Zitate und Querverweise abzusichern. Der Verweis auf Wissenschaftler kann jedoch nicht als Ersatz für eine Begründung dienen oder dazu, die Glaubwürdigkeit ungewöhnlicher Ansichten durch die Verdienste bestimmter Personen zu erhöhen, die derselben Auffassung sind. Wenn sich LÖNNIG mit Blick auf seine „Beweisführung“ etwa darauf beruft, dass die „besten“ und „erfolgreichsten Naturwissenschaftler der Welt“ seine Auffassung teilen, dass ID zur Naturwissenschaft gehöre, besagt dies nicht viel, denn „[...] die Folgerichtigkeit eines Arguments ist nicht von der oder den Personen abhängig, die es vertritt oder vertreten“ (MAHNER 1986, 80f).

 

Zudem hat ein Naturwissenschaftler, der auf seinem Gebiet Großes leistet, in anderen naturwissenschaftlichen Bereichen nicht unbedingt etwas Originäres zu sagen. Wenn beispielsweise ein Mediziner oder Physiker über die chemische oder biologische Evolution urteilt, dann verhält es sich so, wie wenn sich ein Mutationsgenetiker über die „Kambrische Explosion“ oder über die neuesten Er-kenntnisse auf dem Gebiet der Quantenkosmologie auslässt: Ihre Urteile müssen nicht falsch sein, aber sie urteilen als interessierte Laien und keineswegs als Experten, die Informationen aus erster Hand liefern. Und so ist es tatsächlich auch bei dem von LÖNNIG erwähnten Personenkreis: Unter den rund 40 „genialsten“ Naturwissenschaftlern, die LÖNNIG zu Wort kommen lässt, sind Biologen nur in verschwindend geringer Zahl darunter. Mehr als die Hälfte sind Physiker und ein weiteres Viertel Mediziner, rund 13 Prozent sind Chemiker. Das heißt, mehr als 90 Prozent der von LÖNNIG zitierten Autoritäten haben zur biologischen Evolution oder zur naturwissenschaftlichen Bedeutung von Intelligent Design nie etwas Originäres publiziert! Schlimmer noch: Ausgenommen einer Handvoll Mediziner und Physiker, einem Chemiker sowie einem Biologen vertritt keine der von ihm zitierten Personen eine dezidiert evolutionskritische Position! Die meisten vertreten nur allgemein gehaltene religiöse Ansichten (z. B. im Sinne eines Idealismus oder Pantheismus) oder sie glauben an die Erschaffung des Universums durch ein höheres Wesen – Ansichten, die mit dem Anspruch des intelligenten Designs auf eine wissenschaftliche Welterklärung und dessen scharfer Kontrastierung zur Evolutionstheorie nicht das Geringste zu tun haben und die sie auch strikt aus ihren wissenschaftlichen Publikationen heraushalten. Wenn also LÖNNIG jedwede religiöse Position für seinen Standpunkt des Intelligent Designs vereinnahmt, so ist dies purer Etikettenschwindel. Um ein Argument zu formulieren, bedarf es einer Begründung und keiner Anbiederung an Autoritäten! Gerade „der üppige Verweis auf Titel und Meriten ist ein beliebtes Mittel in der pseudowissenschaftliche Literatur, sich Begründungen zu ersparen“ (MAHNER 1986, a.a.O.).

2.5.5 Der auf den Menschen gerichtete Beweis (argumentum ad hominem)

Hierbei handelt es sich um eine Stilfigur, die mit dem argumentum ad verecundi-am verwandt ist. Während der Autoritätsbeweis die positiven Eigenschaften von Personen hervorhebt, um deren Ansicht zu stärken, wird beim argumentum ad hominem der Gegner in ein ungünstiges Licht gerückt, um ihn und dessen Auffassung zu diskreditieren. Man unterstellt der Person beispielsweise, sie sei ideologisch verblendet oder ihr fehlten in einem bestimmten Bereich das entsprechende Fachwissen und die wissenschaftlichen Referenzen, um auf diese Weise ihre Schlüsse allgemein zu entwerten. Doch wie ein Mensch denkt oder handelt und welche Ausbildung er genoss, entwertet nicht per se sein Argument oder die Weltanschauung, die er vertritt. Und auch wenn ein Mensch schon zehn Mal Unsinn behauptet hat, entwertet dies nicht seine 11. Aussage, die ja auch einmal richtig sein könnte (MAHNER 1986). Auch der Hinweis darauf, dass jemand Kreationist sei und keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen in renommierten Fachzeitschriften vorzuweisen habe, entwertet nicht automatisch seine Argumentation.

 

In Deutschland zeichnen sich vor allem die Schriften des Antievolutionisten W.-E. LÖNNIG durch ein bemerkenswert hohes Maß an Aggressivität gegenüber Menschen aus, die seine kreationistische Weltanschauung auf naturwissenschaftlicher Ebene kritisieren und die seiner jahrelangen Methode, Intelligent Design über wissenschaftliche Einrichtungen, wie das Max-PLANCK-Institut, zu propagieren, auf gesellschaftlicher Ebene entgegen wirkten. In zahlreichen Pamphleten untergräbt LÖNNIG die moralische Integrität seiner Gegner und stellt diese in wechselnder Abfolge als böswillig, dogmatisch, in ihrem intellektuellen Vermögen beschränkt, intolerant oder unwissend dar (s. NEUKAMM/BEYER 2007). Diese Strategie zielt darauf ab, einerseits von der Inkonsistenz seiner eigenen Standpunkte abzulenken und andererseits fälschlicherweise zu suggerieren, es gäbe zu seiner Kritik an der Evolutionstheorie keine Gegenargumente (AUSTERMANN 2008, 88ff). Gleichzeitig wird nichts unversucht gelassen, sich selbst als Opfer einer Diffamierungs- und Hetzkampagne zu stilisieren. Es ist sicher völlig zutreffend, wenn Hansjörg HEMMINGER, der Weltanschauungsbeauftragte der Evangelischen Lan-deskirche Württemberg, zu dem Ergebnis gelangt: „Seine [LÖNNIGs] Schriften erreichen nirgends ein Niveau, das eine wissenschaftliche Diskussion möglich machen würde und zeichnen sich durch besondere Häme gegen andere Wissenschaftler aus“ (HEMMINGER 2007, 25).

2.5.6 Argumente vom Typ „Tu quoque 

Argumente vom Typ „tu quoque“ (lat.: Du auch) lassen sich logisch dem argumentum ad hominem unterordnen. Darunter versteht man ein rhetorisches Stil-mittel, wonach jemand einen berechtigten Einwand gegen seine Position dadurch abwehrt, indem er entgegnet, derselbe Einwand treffe auch die Position seines Kontrahenten. Wird z. B. gegen den Wissenschaftsanspruch von Schöpfungslehren der Einwand vorgebracht, die Schöpfungsthese sei nicht überprüfbar (oder eingeschränkter: nicht widerlegbar), ist es in kreationistischen Kreisen sehr beliebt, zu entgegnen, dies gelte „ebenso für die Evolutionslehre“. Doch selbst wenn die Entgegnung richtig wäre (was nicht zutrifft)*, änderte sie nichts am Vorwurf, die Schöpfungsthese sei grundsätzlich unwiderlegbar und daher wissenschaftlich wertlos.
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*Gäbe es beispielsweise keine Fossilien oder nur Lebewesen, die von der molekularen bis zur morphologischen Ebene völlig verschieden wären – wäre der Mensch gar das einzige Lebewesen auf diesem Planeten und weit und breit kein Indiz dafür in Sicht, dass jemals eine Entwicklung vom Einfachen zum Komplexen stattgefunden habe, dann wäre der Entwicklungsgedanke widerlegt, ja, er wäre aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht erst entstanden.

2.5.7 Der „GISH-Galopp“

Darunter versteht man eine kreationistische Diskussionstechnik, die darin besteht, ständig von einem Punkt zum nächsten zu wechseln und den Evolutionsbiologen mit einer Flut von Fragen und (fragwürdigen) Behauptungen einzudecken, um ihn ständig unter Erklärungszwang zu halten. Wann immer es dem Evolutionswissenschafter gelingt, ein gegnerisches Argument zu entkräften oder eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten, wird einfach die Diskussionsebene gewechselt oder gesagt „das ist nicht wahr“. Es obliegt dann dem Wissenschaftler, eine Menge Zeit darauf zu verschwenden, zu erklären, warum das Gesagte doch wahr ist. Dabei wird nicht die Aussage des Naturwissenschaftlers hängen bleiben, sondern die des Kreationisten. Benannt wurde diese Technik nach dem amerikanischen Kreationisten Duane T. GISH (* 1921), der dafür bekannt war, seine Gegner auf diese Weise rhetorisch zu entwaffnen. Doch er war, und das ist das Problem an dieser Taktik, noch weit weniger (bzw. gar nicht) imstande, die Fragen im Rahmen seiner eigenen Theorie auch nur halbwegs zureichend zu beantworten.

2.5.8 Der Gebrauch so genannter Besserwisser-Killerphrasen

Darunter versteht man Scheinargumente, die dazu dienen, Konzepte mit dem Gestus intellektueller Überlegenheit als ungeeignet darzustellen, ohne sie angemessen zu diskutieren (MÜLLER 2003). So ist es in der Evolutionskritik gang und gäbe, evolutionäre Modelle damit zu kontern, es handele sich dabei lediglich um phantasievolle Geschichten („storytelling“), um sie als wissenschaftliche Erklärung zu entwerten (z. B. RAMMERSTORFER 2006, 61). Solche Einwände sind inhaltlich leer und werden meist angebracht, wenn Sachargumente fehlen. Modelle lassen sich nicht rhetorisch, sondern nur durch Widerlegung entwerten – vorausgesetzt, sie sind ordentlich begründet und überprüfbar. Es müsste also nachgewiesen werden, dass das in Frage stehende Modell nicht im Einklang mit dem Hintergrundwissen steht oder dass die in ihm enthaltenen Hypothesen beliebig sind.

2.6. Literatur

AUSTERMANN, C. (2008) Die Evolutionstheorie im Spannungsfeld zwischen modernen Naturwissenschaften und religiösen Weltanschauungen. Marburger Schriften zur Lehrerbildung, Bd. 1. Marburg.

 

CURTIS, G.N. (2008) Logical fallacies: the fallacy files. www.fallacyfiles.org. Stand: September 2008.

 

HEMMINGER, H. (1988) Kreationismus zwischen Schöpfungsglaube und Naturwis-senschaft. EZW Orientierungen und Berichte Nr. 16, Stuttgart.

HEMMINGER, H. (2007) Mit der Bibel gegen die Evolution. Kreationismus und „in-telligentes Design“ – kritisch betrachtet. EZW-Text Nr. 195, Stuttgart.

 

ISAU, R. (2008) Sieben Irreführungen, um Kritiker zum Schweigen zu bringen. www.isau.de/id/irrefuehrungen.html. Zugr. a. 20.09.2008. Kapitel X.1: Populäre Fehlschlüsse und rhetorische Stilmittel, pp. 305-320

 

JUNKER, R. (2004) Intelligent Design. www.genesisnet.info/pdfs/Intelligent_Design.pdf. Zugr. a. 20.09.2008.

JUNKER, R. (2005a) Die Frage nach dem Urheber. Factum 7, 28–37.

JUNKER, R. (2005b) Wissenschaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas. www.wort-und-wissen.de/artikel/a02/a02.pdf. Zugr. a. 20.09.2008.

 

KUMMER, C. (2009) Der Fall Darwin. München.

 

LÖNNIG, W.-E. (2001) Die Wirkung des Darwinismus auf die biologische Forschung. www.weloennig.de/mendel05.htm. Zugr. a. 20.09.2008.

LÖNNIG, W.-E. (2005) Nobelpreisträger pro Intelligent Design (ID) des Universums und des Lebens und/oder für einen „religious impulse“ in den Naturwissenschaften. www.weloennig.de/Nobelpreistraeger1a.html. Zugr. a. 20.09.2008.

 

MAHNER, M. (1986) Kreationismus. Inhalt und Struktur antievolutionistischer Argumentation. Berlin.

MAHNER, M. (2007) Intelligent Design und der teleologische Gottesbeweis. In: KUTSCHERA, U. (Hg.) Kreationismus in Deutschland. Münster, 340–351.

 

MÜLLER, M. (2003) Killerphrasen... und wie Sie gekonnt kontern. Frankfurt a. M.

 

NEUKAMM, M./BEYER, A. (2007) Die Affäre Max Planck. Über die fragwürdigen Diskursmethoden eines Evolutionsgegners. In: KUTSCHERA, U. (Hg.) Kreationismus in Deutschland. Münster, 232–276.

 

POPPER, K.R. (1984) Logik der Forschung. Tübingen.

 

RAMMERSTORFER, M. (2003) Eine Theorie zur Signalerkennung und ihre (möglichen) Folgen. members.liwest.at/rammerstorfer/IDTkonseq.htm. Zugr. a. 20.02.2009.

RAMMERSTORFER, M. (2006) Nur eine Illusion? Biologie und Design. Marburg.

 

SUKOPP, T. (2006) Naturalismus. Kritik und Verteidigung erkenntnistheoretischer Positionen. Frankfurt a. M.

 

VOS SAVANT, M. (1996) The power of logical thinking. New York.

 

WALTON, D. (1999) The appeal to ignorance, or argumentum ad ignorantiam. Ar-gumentation 13, 367–377.

Verweise

#Argumentationsfehler #Pappkamerad: Beispiel für einen Pappkameraden:  „Die Evolutionstheorie sagt, dass die Lebewesen sich zufällig so entwickelt haben. Das ist aber extrem unwahrscheinlich und unplausibel. Deshalb ist die Evolutionstheorie falsch und die Schöpfungstheorie richtig.“

Gegenargumente: In der Evolutionstheorie sind nur Mutationen zufällig. Die daran ansetzende Selektion, die letztlich die Richtung der Entwicklung bestimmt, ist absolut nicht-zufällig.

 

Pappkamerad 2: Die Evolutionstheorie sagt, dass eine Art aus einer anderen Art entstehen kann. Man hat aber noch nie beobachtet, dass ein Hund eine Katze zur Welt bringt. Deshalb ist die Evolutionstheorie falsch.

 

Gegenargumente 2: Auch hier sagt die Evolutionstheorie keinesfalls, dass aus einer modernen Form in einem einzigen Schritt eine komplett andere moderne Form entstehen kann. Sie besagt stattdessen, dass Hunde und Katzen gemeinsame Vorfahren hatten, aus denen sich die modernen Formen in kleinen Schritten entwickelt und sich voneinander entfernt haben. Die Erwartung, dass ein Hund eine Katze zur Welt bringen könnte, beruht auf einer Falschdarstellung der Evolutionstheorie.

 

Wer ein Argument der Gegenseite widerlegen will, muss sich schon die Mühe machen, das Argument zu verstehen. Wer es nicht verstehen kann oder will und trotzdem beim Publikum punkten will, greift zum Argument gegen Pappkameraden.

Evolution: Auge:

Gebet: Humans love to be enslaved by their own ideas:

Genetik:

Kreationismus:

Religion: Viele Gläubige können nicht akzeptieren, dass sie das beiläufige Nebenprodukt eines unbeabsichtigten, natürlichen Prozesses sind. Oder dass sie sich aus niedrigeren Tierarten entwickelt haben. Immerhin hat ihre Religion ihnen weisgemacht, sie seien Gottes Lieblinge. Die Tatsachen sind da eine unwillkommene Ernüchterung.

 

Sigmund Freud nennt das eine "Kränkungen der Menschheit". Viele Gläubige können sie noch immer nicht verwinden.

"Es gibt keine Widerlegung der Evolution. Wenn es jemals eine Widerlegung geben sollte,

käme sie von einem Wissenschaftler, nicht von einem Idioten."
~ Richard Dawkins

Stand: 2016

Gastbeitrag von: Martin Neukamm (Buch)

Kommentare: 6
  • #6

    IntellectusCreatur (Donnerstag, 22 Juni 2017 01:11)

    "Es gibt keine Widerlegung der Evolution. Wenn es jemals eine Widerlegung geben sollte,
    käme sie von einem Wissenschaftler, nicht von einem Idioten."
    ~ Richard Dawkins

    Ungeachtet der Tatsache, dass es tausende Wissenschaftler gibt, die die Evolution als widerlegt ansehen, bleibt eine Frage:

    Welche Widerlegung wäre denn notwendig um Evolutionisten, die so tief im Glauben veranktert sind wie etwa Richard Dawkins, zu überzeugen?

    Oder gibt es überhaupt keinen möglichen naturwissenschaftlichen Beweis und kein rationales Argument, welche die Evolution widerlegen könnten?

  • #5

    WissensWert (Dienstag, 13 Dezember 2016 21:59)

    http://www.sapereaudepls.de/sonstiges/evolution-nat%C3%BCrliche/chemische-evolution/

    Viele Evolutionsgegner monieren, die biologische Evolutionstheorie biete überhaupt kei-
    ne Erklärung dafür, wie der erste Ur-Organismus entstanden sei. Auch dieser Einwand beruht
    auf einem Missverständnis, da die biologische Evolutionstheorie diese Frage überhaupt nicht
    behandelt, sondern die Entstehung und Entwicklung der Lebewesenarten ab diesem Zeitpunkt
    zum Gegenstand hat. Über die Entstehung des Ur-Organismus durch chemische Evolution vor
    etwa 4 Milliarden Jahren (unter den damals herrschenden Bedingungen) gibt es zwar mittler-
    weile sehr viele vielversprechende Forschungsansätze,22 eine zufriedenstellende und in der
    Forschergemeinschaft konsensfähige Erklärung wurde aber noch nicht gefunden. Im Kapitel 2
    wird eingehend diskutiert werden, warum es methodisch falsch ist, aus „Wissenslücken“ he-
    raus für einen direkten göttlichen Eingriff zu argumentieren und somit Gott zu einem „Lü-
    ckenbüßer der Wissenschaften“ zu degradieren. Hier kann allerdings der Hinweis genügen,
    dass diese Frage nicht in den Gegenstandsbereich der biologischen Evolutionstheorie fällt und
    diese „Lücke“ daher nicht gegen die Evolutionstheorie eingewendet werden darf. Selbst wenn
    man annimmt, Gott habe (ohne natürliche Ursächlichkeit wie im sonstigen gesamten Naturge-
    schehen) unmittelbar selbst den ersten Organismus aus Nichts erschaffen (zu Problemen eines solchen Standpunktes, vgl. Kapitel 2), sind die aktuell vorhandenen Belege für die biologische
    Evolution ab diesem Zeitpunkt so überwältigend, dass kein Raum für einen begründeten
    Zweifel bleibt.
    -
    21 Vgl. dazu ausführlich: Richard Dawkins, Der blinde Uhrmacher, S. 350-359.
    22 Vgl. Horst Rauchfuß, Chemische Evolution und der Ursprung des Lebens; für einen kurzen Überblick
    über den aktuellen Stand zur Entstehung der ersten sich replizierenden und polymerisierenden Moleküle siehe:
    Jan Zrzavý et al., Evolution. Ein Lese-Lehrbuch, S. 217

  • #4

    WissensWert (Mittwoch, 07 Dezember 2016 04:10)

    In der Arbeit fehlt leider eine Auseinandersetzungen mit den Argumenten, die von Atheisten gegen eine Vereinbarkeit von Evolution und Theismus vorgebracht werden. Ja, diese werden nicht einmal genannt.

    Bereits Darwin hat den zugrundeliegenden Konflikt zwischen Evolution und theistischer Gottes-Annahme erkannt:

    "Ich hatte gar nicht die Absicht, atheistisch zu schreiben. [...] Es scheint mir zuviel Elend in der Welt zu geben. Ich kann mich nicht dazu überreden, dass ein gütiger und allmächtiger Gott mit Absicht die Schlupfwespen erschaffen haben würde mit dem ausdrücklichen Auftrag, sich im Körper lebender Raupen zu ernähren, oder dass eine Katze mit Mäusen spielen soll."
    (Darwin, Brief an Asa Gray, 22.05.1860)

    Wer göttlich gelenkte Evolution postuliert, handelt sich ein Theodizee-Problem in kosmischen Dimensionen ein.

    1. Eine bewusst geplante Evolution wäre die sadistischste Foltermaschinerie, die überhaupt vorstellbar ist. Das Überleben fast aller höheren Spezies hängt davon ab, andere, empfindungsfähige Wesen zu jagen, zu verängstigen, zu foltern, zu fressen und ihre Jungen zu hilflosen Waisen zu machen.

    1924 wurde ein hominides Australopithecus-Fossil gefunden, welches heute unter dem Namen "Kind von Taung" bekannt ist. In den Augenhöhlen fanden sich Frakturen, die nur durch das das Zupacken eines Greifvogels erklärbar sind. Das Kind muss im Stehen von einem großen Adler gegriffen worden sein, der, nachdem er sich in seinen Augenhöhlen festgekrallt hatte, mit dem zappelnden Kind wegflog, um es dann lebend zu zerfleischen.

    Die Angst und die Schmerzen des Kindes sind kaum vorstellbar. Die Verzweiflung seiner Mutter, die sich (primatentypisch) wohl permanent in unmittelbarer Nähe des Kindes aufhielt und das Ereignis miterlebt haben dürfte, ist wohl kaum steigerbar.

    Der Autor beschreibt nüchtern das endlose Grauen des Darwin-Wallace-Prinzips: "Nun werden in einer Population in freier Natur mehr Nachkommen erzeugt als in der Umwelt aufgrund knapper Ressourcen (Raum, Nahrung etc.) und natürlicher Feinde (Raubtiere) überleben können (Überproduktion)." (S.16)

    Wäre die Evolution die Erfindung eines intelligenten Designers, dann könnte das nur ein Sadist oder ein gleichgültiger Psychopath sein. Was wäre das für eine unvorstellbare Heimtücke, einen Prozess absichtlich so zu erschaffen, dass die Spezies Wolf oder T-Rex nur überleben kann, wenn sie täglich tausende empfindungsfähige Individuen mordet, foltert und ängstigt. Ein allmächtiger, intelligenter Designer hätte mühelos leidfreie Evolution erschaffen können. Das mitleidlose Grauen der Evolution deutet auf einen Prozess hin, der ethisch völlig blind ist – auf gottfreie Evolution.

    2. Auf der einen Seite sind Gläubige der Meinung, Evolution sei ein Schöpfungswerkzeug eines barmherzigen Gottes.

    Auf der anderen Seite ist die Evolution (und damit der barmherzige Gott) aktuell am intensivsten damit beschäftigt, Tuberkulose-Erreger und HIV-Viren möglichst effektiv gegen menschliche Versuche ihrer Eindämmung zu beschützen.

    Ist wirklich ein barmherziger Gott aktuell damit beschäftigt, den Menschen die einzigen Waffen im Kampf gegen Tuberkulose aus der hand zu schlagen? Verwendet Gott seine Genialität darauf, raffinierte Resistenzmechanismen von HI-Viren zu entwickeln, um noch mehr Kinder in den Entwicklungsländern zu Waisen zu machen?

    Freilich kann der Gläubige versuchen, einen exegetischen Spagat zu betreiben, der beide Positionen irgendwie miteinander in Einklang bringt. Der Autor kritisiert in seiner Arbeit jedoch Auslegungen, "die nicht mehr auf argumentativer Basis operieren, sondern nur noch auf Grundlage von Satzfetzen, die man „irgendwie“ für eigene Zwecke „passend“ machen kann." (S.79)

    Die alltägliche Beobachtung eines extrem leidvollen, ethisch völlig blinden Evolutionsprozesses ist viel einfacher und eleganter durch die Abwesenheit eines allmächtigen, barmherzigen Gottes in der Evolution erklärbar.

  • #3

    WissensWert (Sonntag, 28 August 2016 14:35)

    Wir stammen nicht "per se" von Affen ab. Die heutigen Affen und Menschen haben einen gemeinsamen Vorfahren.

    Hier näher zu lesen:

    http://scilogs.spektrum.de/von-menschen-und-maeusen/der-mensch-stammt-nicht-vom-affen-ab/

  • #2

    WissensWert (Mittwoch, 03 August 2016 19:27)

    LESENWERT:

    http://www.evolutionskritik.de/schwierigkeiten/index
    http://datei.sektenausstieg.net/literatur/Schoepfung_oder_wie_es_wirklich_war.pdf

  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 03 August 2016 19:24)

    https://manglaubtesnicht.wordpress.com/2015/06/20/1613/


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