„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Einzeldisziplinen

Die Aufsatzreihe "Einzeldisziplinen" beschäftigt sich mit den universitären Wissenschaften und deren zentralen Inhalten. Zu Zeiten Platons waren diese Wissenschaften allesamt noch unter dem Begriff der "Philosophie" beheimatet (Platonische Akademie). Im Laufe der Geschichte konnten viele damals philosophische Fragen jedoch "gegenständlicher" (etwa: empirisch) untersucht werden. Dies führte zu der Genese heutiger Wissenschaftsdisziplinen aus der früheren Philosophie:

Naturphilosophie à Naturwissenschaften
Erkenntnistheorie, Ästhetik
à Kognitionswissenschaften
Rechtsphilosophie
à Rechtswissenschaften

Philosophie des Geistes
à Bewusstseinsforschung, T.d. Neurowissenschaften

Politische Philosophie à Politikwisenschaften
Philosophische Anthropologie
à Evolutionsbiologie, Soziologie usw.
Metaphysik (Ontologie)
à
wurde als unwissenschaftlich zurückgewiesen.

Inwiefern die wissenschaftlichen die philosophischen Disziplinen ersetzt, oder doch nur ergänzt haben, ist jeweils strittig. Sicher aber besitzt die Philosophie nicht mehr die allumfassende Bedeutung von einst. Dabei könnte sie einen Teil ihrer Bedeutung wiedererlangen, wenn sie es wieder schafft, die Rolle einer "Metadisziplin" auszufüllen.

Eine solche ist dringend nötig! Denn wir leben in einer Expertokratie, in der es für alles irgendwelche Experten gibt. Zu jedem wichtigem Thema (dem Wesen des Geistes, Bildung, die Zukunft der Menschheit usw.) gibt es in dutzenden Disziplinen Experten, mit einer jeweils ganz eigenen, wichtigen Perspektive. Doch irgendwie ist keiner mehr dafür zuständig, einen Überblick zu behalten und all das Expertenwissens zusammenzufügen. Das Weltwissen zerfällt in lauter kleine Fragmente und wenn die Philosophie im universitären Betrieb wieder von Belang sein möchte, sollte sie es sich zur Aufgabe machen, diese Fragmente zusammenzufügen und damit wissenschaftlich fundierte Bilder vom Großen und Ganzen zu zeichnen. Die Universitäten sind diszipliniert, die Welt ist es nicht.

Der Experte kann das aus Kapazitätsgründen nicht leisten. Der Neurophysiologe kann beispielsweise unheimlich viel über die neurophysiologischen Vorgänge hinter bestimmten Bewusstseinszuständen wissen, seine Kompetenz schwimmt dabei aber in einem Meer von Inkompetenz. Was der Psychologe, Physiker oder Kognitionswissenschaftlicher zum Thema Bewusstsein zu sagen haben, kann der Neurophysiologe nicht überblicken. Diese Lücke könnte die Philosophie überbrücken und eine neue Kompetenz hierin finden: vernunftgeleitete interdisziplinäre Inkometenzkompensationskompetenz.

Die Philosophie kann aber nicht nur Inkompetenzen kompensieren, sie kann auch eigene, fruchtbare Gedanken in die Diskussionen miteinbringen. Zur Bewusstseinsdebatte kann der Phänomenologe eine ganz andere, neue Sicht auf die Dinge darlegen, der Wissenschaftsphilosoph kann methodische Schwierigkeiten bei der Bewusstseinsforschung aufzeigen, für die Nicht-Philosophen gemeinhin nicht sensibilisiert sind, und die Philosophen des Geistes kann auf eine über 2.000 Jahre alte Tradition zurückblicken und viele, viele heute noch aktuelle Überlegungen und Gedanken beisteuern.

Das alles kann Philosophie (wieder) leisten, da bin ich mir sicher! – Jedoch nur, wenn sie aus ihrem Elfenbeinturm kommt und wieder mehr produktiven Kontakt mit den anderen Wissenschaften, ihren großgewordenen Kindern, pflegt.

Stand: 2017

Kommentare: 1
  • #1

    Bra (Freitag, 24 Februar 2017 21:16)

    Informatik?


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