„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Immanuel Kant über den Außenweltskeptizismus

Der Außenweltskeptizismus zweifelt:

1. ontologisch: an der Existenz der Außenwelt, oder
2. epistemisch: an der Erkennbarkeit der Außenwelt.

Entgegen einer verbreiteten Irrmeinung hat Immanuel Kant nicht die These 1., sondern nur die These 2 vertreten. Er ist sogar explizit davon ausgegangen, dass es Dinge an sich gibt (These 1), wir sie nur nicht erkennen können (These 2×).

Er teilte dabei die folgende Grundidee mit Hilary Putnam und Donald Davidson:

  • Wir können den Außenweltskeptizismus a priori widerlegen.

Denn: Wir besitzen transzendentale Gründe dafür, dass die Außenwelt auf eine bestimmte Weise beschaffen sein muss und wir uns deshalb nicht in einem skeptischen Szenario befinden können.

In diesem Sinne argumentiert Kant in seiner "Widerlegung des Idealismus" in der Kritik der reinen Vernunft für den folgenden ‚Lehrsatz’:

„Das bloße, aber empirisch bestimmte, Bewusstsein meines eigenen Daseins beweiset das Dasein der Gegenstände im Raum außer mir.“ (KrV B 275)

Kants ‚Beweis’:

„Ich bin mir meines Daseins als in der Zeit bestimmt bewußt. Alle Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus. Dieses Beharrliche aber kann nicht etwas in mir sein; weil eben mein Dasein in der Zeit durch dieses Beharrliche allererst bestimmt werden kann. Also ist die Wahrnehmung dieses Beharrlichen nur durch ein Ding außer mir und nicht durch die bloße Vorstellung eines Dinges außer mir möglich. Folglich ist die Bestimmung meines Daseins in der Zeit nur durch die Existenz wirklicher Dinge, die ich außer mir wahrnehme, möglich. Nun ist das Bewußtsein in der Zeit mit dem Bewußtsein der Möglichkeit dieser Zeitbestimmung notwendig verbunden: Also ist es auch mit der Existenz der Dinge außer mir, als Bedingung der Zeitbestimmung, notwendig verbunden; d.i. das Bewußtsein meines eigenen Daseins ist zugleich ein unmittelbares Bewußtsein des Daseins anderer Dinge außer mir.“
Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft (B275‐276)

Kants transzendentales Argument für die Existenz der Außenwelt lautet also:

(P1) Ich bin mir des Umstands bewusst, dass ich in der Zeit existiere.
(P2) Wenn ich mir des Umstands bewusst bin, dass ich in der Zeit existiere, dann muss es Dinge der Außenwelt geben, die ich wahrnehme.

(K1) Es gibt Dinge der Außenwelt, die ich wahrnehme.

Formal sieht ein transzendentales Argument so aus:

(P1) Ich habe Erfahrungen der Art X (z.B.: meines Daseins in der Zeit, von einer durch Gesetze geordneten Welt etc.)

(P2) Wenn ich Erfahrungen der Art X habe, dann muss auch die transempirische Behauptung Y wahr sein.
(K1) Y ist wahr (Gott / die Außenwelt / das Fremdpsychische etc. ist real).

Solche Argumente sind transzendental. Transzendentale Argumente beruhen auf Annahmen über Vorbedingungen ("Bedingungen der Möglichkeit von…").

Kants Argument beruht auf Annahmen über die notwendigen Vorbedingungen von Erfahrungen. Bzw. von den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis.

Frage: Was ist von Kants Argument zu halten?

P1: ist eine empirische Prämisse. Sie beschreibt einen empirischen Umstand E, von dem wir a priori Kenntnis haben können. Das ist relaitv unkontrovers.

P2: ist eine a priori Prämisse. Sie behauptet einen notwendigen Zusammenhang zwischen meinen Erfahrungen und der Welt.

Genauer: Die Existenz der Außenwelt sei eine notwendige Vorbedingung für den Umstand, dass ich mir darüber bewusst sein kann, dass ich in der Zeit existiere.

KritikBarry Stroud meint, dass (P2) einen doxatisch notwendigen Zusammen-hang ("Ich kann nicht anders als zu glauben, dass das der Fall ist"), aber keinen  alethisch ("Das muss der Fall sein") notwendigen Zusammenhang beschreibt. 

Prämisse 2 muss also eigentlich so gelesen werden:

(P2*) Wenn ich mir des Umstandes bewusst bin, dass ich in der Zeit existiere, dann kann ich nicht anders, als zu glauben, dass es Dinge in der Außenwelt gibt, die ich wahrnehme.

Formal:

(P2*) Wenn ich Erfahrungen der Art X habe, kann ich nicht anders als zu glauben, dass die transempirische Behauptung Y ebenfalls wahr ist.

Wir müssen also notwendig davon ausgehen, dass wir nicht in einem skeptischen Szenario sind, wenn wir glauben, dass wir irgendwas wissen. Sonst würden wir im Alltag auch verrückt werden! Aber das heißt nicht und daraus folgt auch nicht, dass wir tatsächlich Wissen haben oder nicht in einem skeptischen Szenario sind.

Beispiel: Selbst wenn jemand beweisen könnte, dass der Glaube an Gut und Böse (psychologisch) notwendig den Glauben an einen Gott voraussetzt, folgt daraus nicht, dass wenn jemand an Gut und Böse glaubt, Gott existieren muss.

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