„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Identität und reduktive Erklärbarkeit

Joseph Levines Argument der Erklärungslücke besagt, dass eine vollständige epistemologische Reduktion von mentalen Eigenschaften M mit subjektivem Erlebnisgehalt auf physikalische Eigenschaften P scheitern muss. Denn für keine P-Eigenschaft folgt aus den allgemeinen Naturgesetzen, dass sie sich auf eine bestimmte Weise anfühlt. Die Identitätstheorien behaupten dahingegen, dass M-Eigenschaften mit bestimmten P-Eigenschaften aposteriori identisch sind.

Über eine lange Zeit wurde die Erklärungslücke als ein Argument gegen die Identitätstheorie angesehen. Gegen diese Sichtweise wehrten sich in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche Autoren. Kein Wunder: Schließlich ist die Erklärungs-lücke epistemisch und die Identitätstheorien sind ontologisch motiviert!

David Papineau argumentiert in "Mind The Gap" (1998), dass eine mentale Eigenschaft M sehr wohl auch dann mit einer physikalischen Eigenschaft P identisch sein kann, wenn nicht aus den grundlegenden Gesetzen der Physik folgt, dass alle Gegenstände, die die Eigenschaft P besitzen, die Analyse von M erfüllen. Identitäten bestehen oder sie bestehen nicht. Es hat keinen Sinn zu fragen, warum zwei Dinge oder Eigenschaften identisch sind. Und deshalb spielt es für die Frage, ob M und P identisch sind, auch keine Rolle, ob wir verstehen, wie P M hervorbringt. Identische Eigenschaften bringen einander nicht hervor, sie sind einfach identisch. Fragen kann man nur, was dafür spricht, dass M und P identisch sind. Und auf diese Frage ist nach Papineau die beste Antwort, dass M und P dieselben Ursachen und Wirkungen haben.[1]

Wie Papineau kritisieren auch Ned Block (*1942) und Robert Stalnaker (*1940) die Annahme, Physikalisten seien auf die These festgelegt, dass mentale Eigenschaften reduktiv erklärbar sind. In ihrem Aufsatz "Conceptual Analysis, Dualism, and the Explanatory Gap" (1999) vertreten sie die Auffassung, dies könne gar nicht so sein. Denn reduktive Erklärbarkeit setze voraus, dass das zu erklärende Phänomen F so analysiert werden könne, dass in dieser Analyse nur Begriffe verwendet werden, die auch in den allgemeinen Naturgesetzen vorkommen. Genau dies sei im Allgemeinen aber nicht möglich, und schon gar nicht bei mentalen Phänomenen. Reduktive Erklärungen müssten daher in der Regle fehlschlagen. Daraus ergebe sich jedoch kein Argument gegen den Physikalismus. Denn der Physikalist sei nur auf eine Identitätsbehauptung festgelegt; und mentale Eigenschaften könnten auch dann mit physikalischen Eigenschaften identisch sein, wenn sie nicht reduktiv erklärt werden können.

Wie findet man heraus, dass zwei sprachliche Ausdrücke für dasselbe stehen? Block und Stalnaker erläutern das am Beispiel zweier Historiker, von denen der eine, A, seit Jahren das Leben von Mark Twain erforscht, während der andere, B, eine Arbeit über das Leben von Samuel Clemens schreibt. Durch eine Ungeschicklichkeit fällt As Mappe mit den Unterlagen über Mark Twain zu Boden; B hebt die Mappe auf und bemerkt plötzlich: Das ist ja merkwürdig, Mark Twain ist im selben Jahr in derselben Stadt geboren wie Samuel Clemens, sie sind beide zur selben Zeit auf dieselbe Schule gegangen, beide waren zuerst Setzerlehrlinge, dann Lotsen auf dem Mississippi, dann Goldgräber und dann Journalisten. Eigentlich ist das nur möglich, wenn es sich bei Mark Twain und Samuel Clemens um dieselbe Person handelt. An diesem Beispiel wird nach Block und Stalnaker zunächst einmal Folgendes deutlich: Identität ist keine analysierbare Relation; sie besteht oder besteht nicht; Dinge müssen nicht bestimmte Kriterien erfüllen, um identisch zu sein. Und deshalb müssen mentale Eigenschaften auch nicht reduktiv erklärbar sein, um mit physischen Eigenschaften identisch zu sein. Und deshalb müssen mentale Eigenschaften auch nicht reduktiv erklärbar sein, um mit physischen Eigenschaften identisch zu sein. Das Beispiel zeigt aber auch, wie wir Identitätsannahmen begründen. Wir nehmen an, dass x und y identisch sind, wenn dies die beste Erklärung für die von uns beobachteten Phänomene ist. Ebenso wie Papineau vertreten Block und Stalnacker also folgende Position:

1.    Identität und reduktive Erklärbarkeit haben nichts miteinander zu tun; Eigenschaften können auch dann identisch sein, wen die eine nicht reduktiv auf die andere zurückgeführt werden kann.

2.    Physikalisten sind nur auf die These festgelegt, dass mentale Eigenschaften mit physischen Eigenschaften identisch sind, und nicht auf die These, dass mentale Eigenschaften reduktiv erklärbar sind.

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