„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Saul Kripke: Name und Notwendigkeit

Name und Notwendigkeit (im Original: Naming and Necessity) ist eines der Hauptwerke des US-amerikanischen Philosophen Saul Aaron Kripke und gleichzeitig eines der meistrezipierten Werke der Analytischen Philosophie.

Kripke verfolgt in "Name und Notwendigkeit" zwei Hauptziele: 

1. Die Formulierung einer eigenen Theorie der Eigennamen.

2. Die Abgrenzung der beiden Begriffe "Notwendigkeitund "Apriorität".

Das 2. Hauptziel mündet schließlich in einem Kritikpunkt an der Identitätstheorie.

1. Eigennamen

Saul Kripke entwickelt seine Theorie der Eigennamen in Auseinandersetzung mit seiner Kritik an der Kennzeichnungstheorie der Eigennamen.

Diese trat nach Kripke bisher in zwei Formen auf:

Die erste Form steht in der Tradition von Gottlob Frege und Bertrand Russell, die Kripke zufolge Eigennamen als "abgekürzte oder verkleidete Kennzeichnungen" (S. 36) auffassen. Der Eigenname "Morgenstern" sei also beispielsweise eine Abkürzung für den Ausdruck "derjenige Stern, der morgens als letzter noch am Himmel zu sehen ist". Im Falle von vielen Eigennamen, insbesondere im Falle von berühmten Persönlichkeiten wie Aristoteles, ist es jedoch schwierig, eine solche Beschreibung anzugeben. Soll dieser nun mit "Lehrer Alexanders des Großen", "berühmteste Schüler Platons" oder "Autor der "Metaphysik"" synonym sein?

Angesichts dieses Problems entwickelten John Searle und – nach Kripke – auch Ludwig Wittgenstein die zweite Form der Kennzeichnungstheorie der Eigennamen. In dieser werden Eigennamen nicht länger mit einer einzelnen Kennzeichnung, sondern mit einem "Bündel" (cluster) von Kennzeichnungen gleichgesetzt (S. 39 f.). Von diesen Kennzeichnungen müssen nicht alle, aber doch hinreichend viele auf die entsprechende Person zutreffen. Die verbesserte Bündel-Kennzeichnungstheorie löst nach Kripke die folgenden Probleme (S. 37f.):

1. Sie erklärt, wieso es "informative Identitätsaussagen" geben kann. "Der Morgenstern ist der Abendstern" ist beispielsweise zu übersetzen mit "Derjenige Stern, der morgens als letztes am Himmel steht, ist mit demjenigen Stern identisch, der abends als erstes am Himmel steht". Diese Analyse macht klar, worin der informative Gehalt dieser Aussage liegt.

2. Sie erklärt die Bedeutung von negativen Existenzaussagen. "Moses hat nicht existiert" ist beispielsweise zu übersetzen mit "Es gab keinen Führer der Israeliten aus Ägypten". Diese Analyse  macht klar, dass wir die Existenz von Mose nicht erst unterstellen müssen, um sie verneinen zu können.

3. Sie erklärt die Referenzfestlegung. "Platon" wird bspw. nicht mehr nur gleichgesetzt mit "der Lehre von Aristoteles". Denn diese Kennzeichnung könnte in einer möglichen Welt nicht zutreffen und damit kontingent[1] sein. Stattdessen wird ein hinreichendes Bündel an Eigenschaften angegeben, sodass man die Person Platon aus allen potentiellen Referenten herausgreifen kann.

Der dritte Punkt ist aber nicht unstrittig. Kripke fragt: Soll die Kennzeichnung die Bedeutung des Eigennamens bestimmen oder (nur) seine Referenz festlegen? Um diese Unterscheidung zu verstehen, muss man von den Modalitäten "notwendig", "möglich" bzw. vom modalen Werkzeug der "möglichen Welt" Gebrauch machen. Wenn die Kennzeichnung wirklich die Bedeutung festlegt, dann müssen die Kennzeichnung und der Eigenname notwendig - d. h. in allen möglichen Welten - auf dasselbe Ding referieren. Dient sie jedoch nur dazu die Referenz festzulegen, dann genügt es, dass Kennzeichnung und Eigenname tatsächlich - in dieser Welt - auf dasselbe Ding referieren.

Kripke kritisiert beide Ansätze – und damit die moderne Bündel-Kennzeichnungs-theorie – anhand eines bekanntgewordenen Beispiels (S. 67 f.): Die Länge "ein Meter" wird als die Länge des Urmeters, also eines bestimmten Stabes, zu einem bestimmten Zeitpunkt t definiert. Damit ist die Länge von einem Meter festgelegt, nach Kripke sind aber die Bezeichnungen "ein Meter" und "die Länge des Stabes zu t" nicht synonym, denn dazu müssten die beiden Bezeichnungen in allen möglichen Welten dasselbe meinen. Es sei aber möglich gewesen, dass der Stab zu t eine andere Länge gehabt habe, d. h., es gibt eine mögliche Welt, in der eine andere Länge hatte. Nach Kripke ist der Ausdruck "ein Meter" ein "starrer Bezeichnungsausdruck" (rigid designator) (S. 59), d. h., er bezeichnet in jeder möglichen Welt dasselbe (nämlich diese bestimmte Länge). Der Ausdruck "die Länge des Stabes zu t" wird dazu verwendet, seine Referenz festzulegen, aber nicht dazu, seine Bedeutung zu bestimmen. Dies wird dadurch klar, dass in Bezug auf eine andere Welt, in der der Stab zu t eine andere Länge hatte, gelten würde, dass der Stab nicht ein Meter lang war, und nicht, dass der Stab dort zwar ein Meter lang war, aber ein Meter dort eine andere Länge ist als in dieser Welt.

Das Beispiel zeigt also, dass Kennzeichnungen nicht dazu dienen, die Bedeutung eines Eigennamens festzulegen. Der Grund liegt darin, dass Eigennamen (wie "ein Meter") starre Designatoren sind, sie bezeichnen in jeder Welt dasselbe. Kennzeichnungen (wie "die Länge des Stabes zu t") bezeichnen jedoch idR. nicht in jeder Welt dasselbe. Bedingung für Synonymie wäre jedoch, dass Bezeichnungsgleichheit in jeder möglichen Welt besteht. Gleichzeitig ist das Urmeter ein Beispiel dafür, wie über eine Kennzeichnung die Referenz des Eigennamens festgelegt wird: Dass der Stab in dieser Welt zu t die Länge ein Meter hat, bestimmt die Referenz dieses Ausdrucks in allen möglichen Welten.

Nach Kripke legen Kennzeichnungen aber auch nicht unbedingt die Referenz von Eigennamen fest. Es gibt zwar solche Fälle, wie das Urmeter zeigt, aber sie sind nicht die Regel. Um dies zu zeigen, konstruiert Kripke ein weiteres Beispiel (S. 98 f.): Die meisten Menschen verbinden "Gödel" mit der Kennzeichnung "derjenige, der die Unvollständigkeit der Mathematik entdeckte". Dass diese Kennzeichnung nicht die Bedeutung des Eigennamens "Gödel" bestimmt, ist nach dem Gesagten klar, dann müsste es nämlich unmöglich sein, dass Gödel die Unvollständigkeit nicht entdeckt hätte, was offensichtlich nicht der Fall ist. Dient aber die Kennzeichnung wenigstens (wie im Fall des Urmeters) dazu, die Referenz festzulegen, d. h., wird die Kennzeichnung dazu verwendet, wenigstens in dieser Welt den Bezugsgegenstand von "Gödel" zu bestimmen?

Kripke konstruiert den Fall, dass Gödel sein Manuskript von einem unbekannten (und mittlerweile vertorbenen) Mathematiker namens "Schmidt" abgeschrieben hätte. In Wirklichkeit wäre dann also nicht Gödel, sondern Schmidt der Entdecker der Unvollständigkeit. In diesem Fall hätten wir, die wir glauben, dass Gödel die Unvollständigkeit bewiesen habe, jedoch eine falsche Meinung über Gödel, nicht eine richtige über Schmidt. Der Name "Gödel" würde also unter diesen Umständen immer noch auf Gödel referieren und nicht auf Schmidt. Dieses "das "Gödel-Schmidt-Beispielzeigt daher, dass die Kennzeichnung nicht einmal dazu dient, die Referenz festzulegen, dass es also Kennzeichnung und Eigenname nicht einmal unbedingt in dieser Welt auf dasselbe referieren.

Kripke setzt der Kennzeichnungstheorie der Eigennamen nun die "Kausale Theorie der Eigennamen" entgegen: "Sagen wir, es wird jemand geboren, ein Baby: seine Eltern rufen es mit einem bestimmten Namen. Sie reden mit ihren Freunden über es. Andere Leute kommen mit ihm zusammen. Durch verschiedene Arten von Rede wird der Name von Glied zu Glied verbreitet wie durch eine Kette ... Eine bestimmte Kommunikationskette, die letztlich bis zu dem [Baby] selbst zurückreicht, erreicht den Sprecher. Er referiert dann auf [das Baby] ... " (S. 107). Derjenige, den ich mit dem Namen "Gödel" meine, ist also derselbe, den diejenigen meinten, von denen ich den Namen gehört habe. Diese meinten wiederum denjenigen, den diejenigen meinten, von denen sie den Namen gehört haben usw. Irgendwann führt diese Kette auf Personen zurück, die mit Gödel unmittelbare Bekanntschaft hatten. Durch die Anfangsglieder wird letztendlich die Referenz des Namens "Gödel" bestimmt.

Eine Schwäche der kausalen Theorie liegt darin, dass sie keine gute Erklärung für negative Existenzaussagen hat: Wie soll "Moses" in der Aussage "Moses hat nicht existiert" analysiert werden? Wenn Moses tatsächlich nicht existiert hat, dann kann es auch keine kausale Kette, die bis auf ihn zurückweist, geben.

2. Essentielle Eigenschaften und Natürliche Arten

Saul Kripke argumentiert für die Existenz von essentiellen Eigenschaften. D.h. Eigenschaften, die einem Gegenstand notwendig zukommen. So sei es beispielsweise essentiell für einen bestimmten Menschen, dass er aus der Ei- und Samenzelle hervorgegangen ist, aus der er tatsächlich hervorgengen ist. Wir können uns keine mögliche Welt vorstellen, in der der Mensch aus anderen Zellen entstanden ist, selbst wenn wir uns vorstellen können, dass dies vielleicht für einen anderen qualitativ aber nicht numerisch identischen Menschen mit  Eigenschaften gilt (S. 130). Ebenfalls können wir uns, wenn wir feststellen, dass ein Gegenstand aus einem bestimmten Material besteht, nicht vorstellen, dass er aus einem anderen Material besteht. Nach Kripke können wir uns zwar vorstellen, dass ein bestimmter Tisch, der aus Holz zu bestehen scheint, tatsächlich aus Eis besteht, das geschickt geformt und bemalt ist. Besteht der Tisch aber tatsächlich aus Holz, dann können wir uns nicht mehr vorstellen, dass er tatsächlich aus Eis bestünde, es wäre dann nicht mehr derselbe Tisch (S. 131). Das Material, aus dem Gegenstände bestehen, ist also ebenfalls eine essentielle Eigenschaft.

Nicht nur Eigennamen, sondern auch natürliche Arten haben bei Kripke essentielle Eigenschaften. Natürliche Artbezeichnungen wie "Tiger" sind nach Kripke auch, genau wie Eigennamen, starre Bezeichnungsausdrücke. Nachdem wir einmal festgelegt haben, dass Tiger Katzen sind, können wir uns keine mögliche Welt mehr vorstellen, in dem Tiger eine ganz andere biologische Mikrostruktur haben. Selbst wenn sich herausstellt, dass etwas mit der selben Makrostruktur wie ein Tiger in Wirklichkeit ein Roboter ist, wäre es kein "Tiger" mehr. Denn die weil die Referenz des Ausdrucks "Tiger" durch unsere Bekanntschaft mit wirklichen Tigern in dieser Welt festgelegt wurde und nun für alle Welten dieselbe ist. Hieraus ergibt sich auch, dass Tiger notwendigerweise Katzen sind. Dass Tiger Katzen sind, ist jedoch eine naturwissenschaftliche Entdeckung. Nach Kripke weisen die Naturwissenschaften, indem sie die innere Struktur von Arten untersuchen, ihre essentiellen Eigenschaften auf. In demselben Sinne ist die Ordnungszahl 79 auch eine essentielle Eigenschaft der natürlichen Art Gold. Die Farbe golden ist hingegen keine essentielle Eigenschaft.

3. Notwendigkeit und Apriozität

Kripkes Ausführung zu Eigennamen dienen ihm gleichzeitig auch dazu, zwei traditionsreiche Begriffe der Philosophie genauer voneinander abzusetzen: den der Notwendigkeit (also der Wahrheit in allen möglichen Welten) und den der Apriorität (also der Wahrheit unabhängig von aller Erfahrung). Traditionell war man davon ausgegangen, dass notwendige Wahrheiten gleichzeitig auch apriorische Wahrheiten sind und umgekehrt. Kant z.B. hat das vertreten und später auch die Mitglieder des Wiener Kreises, nach denen es nur analytische und empirische Wahrheiten gab. Kripke kritisiert diese Ansicht. Nach ihm ist der Begriff der Apriorizität einer der Erkenntnistheorie und der der Notwendigkeit einer der Metaphysik. Wobei hier Metaphysik im nichtspekulativen Sinne und eher im Sinne einer "analytischen Ontologie" gemeint ist. Und es wäre schon seltsam, wenn beide zusammenfallen würden.

"Der Urmeter in Paris ist zum Zeitpunkt t ein Meter lang" gilt beispielsweise a priori, weil wir die Referenz von "ein Meter" dementsprechend definiert haben. Sie gilt aber nicht notwendig, da eine mögliche Welt denkbar ist, in der der Urmeter zum Zeitpunkt t eine andere Länge hatte. "Dieser Tisch ist aus Holz" oder auch "Tiger sind Katzen" sind hingegen Beispiele für den umgekehrten Fall. Denn um festzustellen, dass dieser Tisch aus Holz ist bzw. dass Tiger Katzen sind, muss eine empirische Untersuchung durchgeführt werden, die Aussagen sind also nicht a priori. Sie gelten jedoch dennoch notwendig, denn haben wir einmal festgestellt, dass dieser Tisch aus Holz ist oder dass Tiger Katzen, ist keine Welt mehr denkbar, in dies nicht der Fall ist. Hieraus ergibt sich ein Viererschema:

 

a priori

a-posteriori

notwendig

"Der Morgenstern ist der Morgenstern."

"Der Abendstern ist der Morgenstern."

Nicht-notwendig

Der Urmeter in ist zum Zeitpunkt t 1 Meter lang.

Tiger haben ein gestreiftes Fell.

4. Kritik an der Identitätstheorie

Aus Kripkes hier entwickelter Methodologie ergeben sich auch Konsequenzen für das Leib-Seele-Problem. Dabei bietet er keine (etwa dualistische) Lösung für dieses Problem an, sondern sein Ziel liegt einfach darin, die sog. Identitätstheorie zu widerlegen. Siehe hierzu:

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Montag, 29 April 2019 00:29)

    Der Name ‚Kolumbus‘ referiert nach der Meinung von vielen Menschen auf diejenige Person, die der Entdecker von Amerika ist. Doch nun ist es wohl in Wirklichkeit so, dass es schon früher jemanden gab, der Amerika entdeckt hat. Da aber nach der Kennzeichnungstheorie die Beschreibung ‚Entdecker von Amerika zu sein‘ referenzfixierend (oder gar synonym) für Kolumbus ist, muss man, wenn man entdeckt, dass Kolumbus nicht der Entdecker von Amerika ist, den Namen ‚Kolumbus‘ für diejenige Person aufgeben, von der wir bisher dachten, dass sie Kolumbus sei. Nach der Kennzeichnungstheorie hieße demnach nicht der von dem wir dachten, dass er Kolumbus sei ‚Kolumbus‘, sondern die Person, die in Wirklichkeit Amerika entdeckt hat. Das aber ist wohl nicht das, was wir tatsächlich sagen würden. Wir würden vielmehr davon ausgehen, dass die Kennzeichnung ‚Entdecker von Amerika zu sein‘ nur eine kontingente Eigenschaft von Kolumbus ist und den Namen ‚Kolumbus‘ immer noch für die historische Person Kolumbus verwenden.


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