„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Karin Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis

Was beschreiben Wissenschaften eigentlich? Wenn es nach dem Objektivismus geht, dann besteht die Welt aus Fakten, die von den Wissenschaften beschrieben werden. Der Anti-Objektivismus hält dem entgegen, dass diese "Fakten" erst durch historische und soziale Umstände geschaffen und nicht etwa entdeckt werden. Im Kern dreht sich die Debatte also um die Frage, ob wissenschaftliches Wissen deskriptiv oder konstruktiv ist bzw. ob Menschen oder ob die Welt wissenschaftliches Wissen konstituieren. Karin Knorr-Cetina geht im ersten Kapitel ihres Buches "Die Fabrikation von Erkenntnis" kurz auf einige wichtige Argumente in dieser Debatte ein. Für den Objektivismus spricht beispielsweise, dass wenn er nicht wahr wäre, der offensichtliche praktische und prognostische Erfolg der Wissenschaften nur durch ein Wunder zu erklären wäre. Für den Anti-Objektivismus spricht hingegen, dass Beobachtungssprache immer schon theorienbeladen und damit nicht-objektiv zu sein scheint.

Knorr-Cetina argumentiert im Folgenden für eine pragmatische Ausrichtung des Anti-Objektivismus. Sie betont dabei neben dem konstruktiven vor allem auch den kontextuellen Aspekt wissenschaftlicher Tätigkeit. Wenn eine Arbeitsgruppe im Labor eine Hypothese testen möchte, spielen beispielsweise weniger objektive Kriterien wie "Realität" oder "Wahrheit" eine Rolle. Vielmehr fragen die Gruppenmitglieder sich: "Welche Untersuchungsmethode ist die kostengünstigste?", oder: "welche Untersuchung und welche Untersuchungsergebnisse bringen uns wohl am meisten Reputation oder Forschungsgelder ein?". Wissenschaftliche Projekte unterlaufen somit zunächst einer Selektion, die, ähnlich wie die Selektion der biologischen Arten, nicht auf Fortschritt, sondern auf einer Anpassung an gegebene äußere Umstände beruht. Welche Projekte dabei selektiert werden, hängt wiederum davon ab, welche Projekte sich früher als kontextuell überlebensfähig erwiesen haben. "Die Auswahl einer bestimmten Methode reproduziert [also] diese Methode und macht sie für die laufende Forschung präsent. Sie erhöht damit die Chancen auf deren weitere Selektion." (S. 31 – 32).

Das alles erscheint soweit plausibel, hat aber erschreckende Konsequenzen: Wenn die aktuelle Forschung von kontingenten Faktoren abhängt, die ihrerseits wieder von kontingenten Faktoren abhängen, dann ist sie selbst hochgradig kontingent. Wenn es beispielsweise im 19. Jahrhundert keine Probleme mit der Beschreibung des Lichts oder der Aufbau der Materie gegeben hätte, dann hätte Max Planck um 1900 wohlmöglich nie seine berühmte Hypothese aufgestellt. Und ohne diese wäre es nicht (auf derselben Art) zu der Entwicklung der Quantenmechanik gekommen und wir würden heute nicht (auf derselben Weise) an einer Quantenfeldtheorie oder Quantengravitationstheorie forschen.

Aber ist das etwas Negatives? In der biologischen Evolution können zufällige Mutationen dazu führen, dass eine Art "besser an die sich wandelnden Umweltbedingungen angepaßt ist als die ursprüngliche Population. Die Art »reorganisiert« sich selbst, indem sie den Zufallsfehler, der das Ordnungsmuster der einfachen Duplikation gestört hat, integriert." (S. 34). Ähnlich hat die zufällige Entdeckung des Wirkungsquantums zu einer fulminanten Theorie geführt, die besser an unsere Testbedingungen angepasst ist als jede andere mikroskopische Theorie. Knorr-Cetina legt also ein Wissenschaftsbild nahe, bei dem es nicht um "Wahrheit", sondern um "empirische Adäquatheit" und "Dinge zum Laufen bringen" (S. 24) geht.

Über weite Teile scheint dieses Wissenschaftsbild auch angemessen. Einige Passagen erregen dennoch Widerspruch. Etwa diese hier: "So finden wir zum Beispiel nirgends im Laboratorium die »Natur« und die »Realität«, die von so kritischer Bedeutung für das deskriptive Modell ist. Das meiste, mit dem Wissenschaftler im Labor zu tun haben, ist hochgradig vorstrukturiert, wenn nicht zur Gänze artifiziell" (S. 23). In Laboratorien erforscht man sehr wohl die »Natur«, nur ist diese manchmal so komplex, dass man viele ihrer Aspekte ausklammern muss, um zumindest einen annähernd verstehen zu können. Dies ist gerade der Sinn und Zweck von Experimenten und Modellen und macht deren Untersuchungsgegenstände keineswegs »artifiziell«.

Besonders fruchtbar scheint mir hingegen Knorr-Cetinas Unterscheidung zwischen sensitiven und frigiden Methodologien (S. 43 f.). Denn wenn wissenschaftliche Erkenntnis sozial konstruiert ist, wie Knorr-Cetina annimmt, dann sollten wir uns dafür sensitiv zeigen, anstatt sie distanziert wie etwas bloß objektiv-Gegebenes zu analysieren. Das heißt "zunächst einmal herauszufinden, wie die Teilnehmer die Welt ihrer Erfahrung strukturieren, und die entsprechenden Konstrukte in der Übersetzung in die Wissenschaftssprache zu konservieren" (S. 45). Interessanterweise sollen die Teilnehmer Konstruktivität auf diesem Weg aber nicht eliminieren, denn das geht gar nicht, sondern sie derart "dezentrieren, daß die für die Beschreibung konstitutiven Restriktionen möglichst weitgehend von den Phänomenen selbst bestimmt werden." (S. 47). Um es kurz zu machen: Die unweigerliche Konstruktion wissenschaftlicher Erkenntnis sollte allen Teilnehmern bewusst sein und dann eher von den Forschungsobjekten als von den Forschungssubjekten ausgehen.

Literatur

Karin Knorr-Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaft, Kapitel 1

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