„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Crispin Sartwell über die Standardanalyse des Wissens

Die Standardanalyse des Wissens besagt, dass Wissen gerechtfertigtewahre  Meinung ist. D.h. ein Subjekt S weiß, dass p, gdw.:

W1:    p wahr ist (Wahrheit).

W2:    S glaubt, dass p (Überzeugung).

W3:    S hat gute Gründe zu glauben, dass p (Rechtfertigung).

Edmund Gettier entwarf jedoch zwei sog. Gettier-Fälle, in denen ein Subjekt S die gerechtfertigte, wahre Meinung hat, dass p, jedoch nicht weiß, dass p.

Die Standardanalyse des Wissens ist also unzureichend.

Nach dem Philosophen Crispin Sartwell ist sie darüber hinaus auch inkohärent.

Denn nach allgemeiner Lehrmeinung ist Rechtfertigung wahrheitsförderlich.

Rechtfertigung ist also ein Mittel, mit dem wir Wahrheit erreichen oder ein Kriterium, mit der wir herausfinden, ob wir Wahrheit erreicht haben.

Wahrheit allein ist aber das Ziel all unserer Erkenntnisbemühungen.

Wenn man Wissen also als gerechtfertigte, wahre Meinung definiert, so definiert man es einerseits mit dem Ziel, andererseits mit dem Mittel oder Kriterium unserer Erkenntnisbemühungen. Das ist nach Sartwell aber illegitim.

Denn prinzipiell ist es nicht statthaft, das Ziel und die Kriterien, mit denen wir überprüfen, ob das Ziel erreicht ist, in diesselbe Begriffsdefinition reinzupacken.

Deshalb sollten wir uns von unserem alltagssprachlichen Wissensbegriff verabschieden und durch eine theoretisch motivierten Wissensbegriff ersetzen.

Nach Sartwell lässt sich Wissen so analysieren: Wissen ist wahre Meinung.

Dagegen hat William Lycan folgendes Argument entworfen:

P1. Ein Subjekt S weiß, dass p, gdw. S glaubt, dass p und p ist wahr.

P2. Crispin Sartwell glaubt, dass P1.

K1. Crispin Sartwell weiß, dass P1.

P3. Wenn S sich bewusst ist, dass es p glaubt, dann glaubt S, dass es p glaubt.

P4. Wenn S glaubt, dass p, dann glaubt S auch, dass p wahr ist.

P5. Wenn S glaubt, dass p, und dass p = q, dann glaubt S auch, dass q. 

K2. Wenn S sich bewusst ist, dass es p glaubt, dann glaubt es auch, p zu wissen.

K3. Alle Subjekte glauben alles zu wissen, was sie glauben.

Reductio ad absurdum: K3 scheint absurd, weswegen P1 falsch sein muss.

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