„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Jerry Fodors antireduktionistisches Wissenschaftsbild

Die Identitätstheorie sagt aus, dass mentale Eigenschaften mit neuronalen Eigenschaften a posteriori type-identisch sind. Man sagt auch: Mentale-Eigenschaftstypen sind auf neuronale-Eigenschaftstypen reduzierbar.

Das Multirealisierbarkeitsargument entgegnet, dass M-Typen durch verschiedene N-Typen realisiert und deshalb nicht mit bestimmten N-Typen identisch sein können. Also: M-Typen sind gegenüber N-Typen nichtreduzierbar.

Jerry Fodor hat dieses Ergebnis in "Special Sciences" (1974) generalisiert: Die Eigenschaftstypen, über die Soziologen, Sozialwissenschaftler oder Ökonomen quantifizieren, sind nicht mit bestimmten Eigenschaftstypen aus der Physik identisch. Diese Wissenschaften sind also auf die Physik nicht reduzierbar.

„Die Gründe dafür, dass es unwahrscheinlich ist, dass jede Art einer physikalischen Art entspricht, sind: (a) Häufig kann man interessante Generalisierungen (z.B. Generalisierungen, die kontrafaktische Aussagen stützen) über Ereignisse formulieren, deren physikalische Beschreibungen keine Gemeinsamkeiten aufweisen. (b) Oft ist die Frage, ob die physikalischen Beschreibungen der unter solche Generalisierungen subsumierten Ereignisse etwas gemeinsam haben, offensichtlich vollkommen irrelevant für die Wahrheit dieser Generalisierungen oder für ihre Interessantheit oder für den Grad ihrer Bestätigung oder überhaupt für irgendeine ihrer epistemologisch wichtigen Eigenschaften. Die Einzelwissenschaften beschäftigen sich vorwiegend mit der Formulierung von Generalisierungen dieser Art. Ich gehe davon aus, dass diese Bemerkungen offensichtlich sind bis hin zur Selbstbestätigung; sie springen ins Auge, sobald man den (anscheinend radikalen) Schritt macht, die Existenz der Einzelwissenschaften überhaupt ernst zu nehmen.“
- Jerry Fodor: Special Sciences (1974), S. 141

Beispiel: Betrachten wir den wirtschaftswissenschaftlichen Terminus "Austausch von Zahlungsmitteln". Nach Fodor ist es wahrscheinlich, dass für jedes einzelne Ereignis, das unter diesem Begriff fällt, eine wahre Beschreibung im Vokabular der Physik existiert. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass alle diese Ereignisse unter denselben physikalischen Artbegriff bzw. dasselbe physikalische Gesetz fallen.

Also: Eine Tokenreduktion der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften auf die Physik scheint sehr wohl möglich, eine Typereduktion indes nicht.

Ein Austausch von Zahlungsmitteln z.B. mag darin bestehen:

· dass auf Schnüre aufgereihte Schnecken- und Muschelscheiben (Wampums) den Besitzer wechseln;
· dass 10 Euro-Scheinen den Besitzer wechseln
· dass ein Scheck unterschreiben und überreicht wird; usw.

Es wäre daher schon recht merkwürdig, wenn allen diesen verschiedenen Tätigkeiten etwas physikalisch Interessantes gemeinsam wäre.

Der entscheidende Punkt: Die verschiedenen Arten des Zahlungsverkehrs haben interessante Gemeinsamkeiten und werden deshalb von den Wirtschaftswissenschaften unter denselben Begriff "Austausch von Zahlungsmitteln" subsumiert. Physikalisch gesehen haben die verschiedenen Arten des Zahlungsverkehrs aber keine Gemeinsamkeiten. (Und wenn sie sie hätten, wäre das irrelevant.) Das Bild, das reduktionistisch eingestellte Wissenschaftler vom Verhältnis der Einzelwissenschaften zur Physik haben, müsste folglich grundlegend revidiert werden.

Dem traditionellen Bild zufolge verhält es sich so: Wenn wir in einer Einzelwissenschaft E ein Gesetz haben der Form:

(i) Für alle x: Wenn x F hat, hat x auch F¢,

dann entsprechen den Begriffen F und F¢ von E physikalische Begriffe P und P¢, so dass sich aus der Physik das Gesetz:

(ii) Für alle x: Wenn x P hat, hat x auch P¢

ableiten lässt.

Ein Beispiel: Dem Begriff der Temperatur T der klassischen Thermodynamik entspricht der physikalische Begriff der mittleren kinetischen Energie mv2/3k, so dass zum Gesetz von Boyle und Charles (BC) aus der statistischen Mechanik das Bildgesetz (BC*) abgeleitet werden kann:

(BC) P × V = N × k × T

(BC*) P × V = N × k × mv2/3k

Die verschiedenen Ereignisse, die unter einen einzelwissenschaftlichen Artbegriff F fallen, können auf sehr unterschiedliche Weise physikalisch realisiert sein. D.h., dem Artbegriff F werden viele verschiedene physikalische Begriffe P1, ¼, Pn, ¼entsprechen. Und das Verhältnis zwischen einzelwissenschaftlichen und physikalischen Gesetzen wird sich eher so darstellen:

Angenommen, das Ereignis Fa verursacht das Ereignis F¢a und Fa wird durch das physikalische Ereignis Pia realisiert. Dann gilt folgendes: Pja verursacht ein anderes physikalisches Ereignis P¢ja, das seinerseits eine Realisierung von F¢a ist. Allerdings sind da auch Ausnahmen möglich; d.h., es kann Realisierungen von Fa geben, die keine Realisierungen von F¢a verursachen. Und dies ist der systematische Grund dafür, dass einzelwissenschaftliche Gesetze im Allgemeinen nicht ausnahmslos gelten.

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