„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Saul Kripkes Argument gegen die Identitätstheorie

Saul Kripke entwickelte in einigen Vorlesungen aus dem Jahre 1970 - die später unter dem Titel "Name und Notwendigkeit" abgedruckt wurden - ein vielbeachtetes Argument gegen die Identitätstheorie:

René Descartes hat folgendes Argument für seinen Substanzdualismus und damit gegen die Identitätstheorie entwickelt:

P1. Der Geist könnte ohne den Körper existieren.
K1. Also: Der Geist ist vom Körper verschieden.

Der Identitätstheoretiker könne nun bestreiten, dass:

Strategie 1: die Prämisse P1 wahr ist.

Strategie 2: die Konklusion K1 daraus folgt.

Kripke versucht beide Strategien und damit die Identitätstheorie zurückzuweisen:

Strategie 2

Strategie 2: Der Identitätstheoretiker kann die Prämisse P1 akzeptieren und nur bestreiten, dass die Konklusion K1 aus ihr folgt.

Der Identitätstheoretiker behauptet, dass Mentale Eigenschaften M mit Neuronalen Eigenschaften N a posteriori identisch sind (M = N).

Nach dem Begründer der Identitätstheorie John Smart handelt es sich dabei aber nur um eine "kontingente Identität". Denn es gibt eine mögliche Welt, in der M ≠ N, dies ist wie wir empirisch herausfinden können, aber nicht unsere Welt.

Also ist P1 (in einer Welt) wahr, es folgt daraus (in unserer Welt) aber nicht (K1).

Kripkes KritikOffensichtlich geht Smart davon aus, dass die Begriffe "Kontingenz" und "A Posteriorität" extensionsgleich sind, d.h., dass gilt:

  • a ist kontingent wahr  a ist a posteriori wahr.

"Kontingenz" ist aber eine metaphysische und "A Posteriorität" eine epistemische Kategorie und die können sehr wohl auseinander fallen!

A1: "Das Urmeter in Paris zum Zeitpunkt t ist ein Meter lang"

A2: "Tiger sind Katzen"

Die Aussage A1 gilt beispielsweise a priori, weil wir die Referenz von "ein Meter" entsprechend definiert haben. A1 gilt aber nicht notwendig, da mögliche Welten denkbar sind, in denen der Stab zu t eine andere Länge als ein Meter hat.

Die Aussage A2 gilt hingegen nicht a priori, da ihre Wahrheit erst empirisch erkannt werden muss. A2 gilt aber notwendig, da, sobald wir ihre Wahrheit erst einmal empirisch erkannt haben, keine mögliche Welt mehr denkbar ist, in der "Tiger" keine Katzen bezeichnet. D.h. "Tiger" ist ein starrer Designator.

Für Kripke sind mentale Eigenschaften wie "x hat Schmerz" und neuronale Eigenschaften wie "x hat feuernde C-Fasern" ebenfalls starre Designatoren.

Dann kann die Identitätsbehauptung M = N aber nur wahr sein, wenn sie in allen möglichen Welten wahr ist. Denn entweder der starre Designator "x hat Schmerz" bezeichnet in allen möglichen Welten eine neuronale Eigenschaft, oder in keiner.

Die Strategie 2 ist also zum Scheitern verurteilt: (P1) folgt doch aus (K1)!

Denn wenn (P1) wahr ist, dann ist M = N nicht notwendig und somit überhaupt nicht wahr und es folgt die Unwahrheit der Identitätstheorie, das heißt: M ≠ N.

Strategie 1

Strategie 1: Der Identitätstheoretiker kann bestreiten, dass (P1) wahr ist.

Kripkes Kritik: Smart selbst sagt, dass der Geist (in einer anderen Welt) ohne den Körper existieren kann. Aber wenn es sein kanndass nicht-p, dann ist möglich, dass nicht-p. Wenn es aber möglich ist, dass nicht-p, dann ist p zumindest nicht-notwendig. Da die Identitätsbehauptung M = N aber nur wahr sein kann, wenn sie notwendig wahr ist, gilt also tatsächlich: M ≠ N.

Aber: Kripke selbst schreibt, dass sich herausstellen könnte, dass Wasser ≠ H20 ist. Andererseits ist er aber von der notwendigen Wahrheit von Wasser = H20 überzeugt. Er scheint also selbst nicht so recht hiervon überzeugt zu sein:

  • Es kann sich herausstellen, dass p  Es ist möglich, dass p.

Kripke: "Es könnte sich herausstellen, dass Wasser ≠ H20", ist so zu verstehen:

A3: Es gibt mindestens eine mögliche Welt, in der sich überall dort, wo x in unserer Welt H20 ist, x ein anderer Stoff ist, der dieselben Makroeigenschaften, aber eine andere Mikrostruktur als Wasser hat.

Aus der Wahrheit dieser Aussage folgt dann aber nicht, dass W = H nicht notwendig wahr ist. Kripkes Rettungsversuch funktioniert hingegen nicht für die Identitätstheorie. Denn wenn wir die Aussagen (B*) "Es könnte sich herausstellen, dass Schmerz nicht das Feuern von C-Fasern ist" so umformulieren wollen, wie (A*) in (A), ergibt sich:

A4: Es gibt mindestens eine mögliche Welt, in der wir immer dann, wo x in unserer Welt Schmerzen hat, x in einem anderen Zustand ist, der sich aber genauso schmerzhaft anfühlt wie Schmerzen.

Aussage (B) ist für Kripke aber Unsinn. Denn es ist zwar möglich, dass ein x dieselbe Oberflächeneigenschaften et cetera hat wie Wasser, x aber nicht Wasser ist. Es ist aber unmöglich, dass x eine Eigenschaft hat, die sich für x genauso anfühlt wie Schmerz, aber nicht gilt M "x hat Schmerzen". Denn jede Eigenschaft, die sich so anfühlt wie Schmerz, ist qua definitionem Schmerz. Von daher ist P(M) = P(N) nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich kontingent und deswegen falsch.

Wikimedia Commons: Dnalor_01 (CC-BY-SA 3.0)

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