„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

John Smarts dritter, vierter und fünfter Einwand gegen die Identitätstheorie

John Smart war nicht nur einer der Begründer der Identitätstheorie, er brachte auch fünf Einwände gegen sie hervor und nahm sie so seinen Kritikern vorweg.

Der dritte Einwand lautet:

„Das Nachbild befindet sich nicht im physikalischen Raum. Der Gehirnprozess befindet sich im physikalischen Raum. Also ist das Nachbild kein Gehirnprozess.“

- J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, S. 61

Der vierte Einwand lautet:

„Man kann sinnvollerweise von einer molekularen Bewegung im Gehirn sagen, sie sei langsam oder schnell, gerade oder kreisförmig, aber es ist nicht sinnvoll, dies von der Erfahrung, etwas Gelbes zu sehen, zu sagen.“

- J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, S. 62

Smarts Erwiderung auf den von ihm selbst vorgeschlagenen dritten Einwand lautet: „Dies ist eine ignoratio elenchi. Mir geht es nicht darum, zu zeigen, dass das Nachbild ein Gehirnprozess ist, sondern dass die Erfahrung, ein Nachbild zu haben, ein Gehirnprozess ist.“ Selbst wenn der dritte Einwand stichhaltig wäre, würde er also nur zeigen, dass Nachbilder nicht mit Gehirnprozessen identisch sind. Smart behauptet aber nicht, dass Nachbilder mit Gehirnprozessen identisch sind, sondern dass die mentalen Zustände, die im Haben von Nachbildern bestehen, Gehirnprozesse sind. Und das ist etwas ganz anderes.

Man kann den dritten Einwand aber auch noch modifizieren:

(P1) Die mentalen Zustände, die im Haben von Nachbildern bestehen, befinden sich nicht im physikalischen Raum.
(P2) Gehirnprozesse befinden sich im physikalischen Raum.
(K1) Also sind die mentalen Zustände, die im Haben von Nachbildern bestehen, keine Gehirnprozesse.

In dieser Form ist der dritte dem vierten Einwand sehr ähnlich. Beide sind Anwendungen des Leibniz-Prinzips, das heißt, sie unterstellen, dass Gehirnprozesse Eigenschaften haben, die mentale Zustände nicht haben, und schließen daraus, dass mentale Zustände keine Gehirnprozesse sind.

Der fünfte Einwand geht sogar noch einen Schritt weiter: Er besagt nicht nur, dass Gehirnprozesse Eigenschaften haben, die mentale Zustände nicht haben, sondern dass sie Eigenschaften haben, die mentale Zustände nicht haben  können. Die Schlussfolgerung des fünften Einwandes ist schärfer: Die Identitätshtheorie ist nicht nur falsch, sie beruht auf einem Kategorienfehler.

Smarts Erwiderung auf den vierten Einwand:

„Bisher haben wir der Redeweise, Erfahrungen seien schnell oder langsam, gerade oder kreisförmig, noch keinen Sinn verliehen. ¼ Ich sage lediglich, dass es sein kann, dass sich ‘Erfahrung’ und ‘Gehirnprozess’ de facto auf dasselbe beziehen. Und wenn das so ist, dann können wir leicht eine Konvention akzeptieren (die keine Veränderung, sondern eine Ergänzung unserer augenblicklich für Erfahrungsworte geltenden Verwendungsregeln wäre), derzufolge es sinnvoll wäre, über Erfahrungen in der für physikalische Prozesse angemessenen Weise zu sprechen.“
- J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, S. 62

Eine alternative Erwiderung: Das Problem liegt darin, dass Smart unvorsichtiger Weise behauptet, mentale Zustände seien mit Gehirnprozessen identisch. Damit provoziert er den Vorwurf eines Kategorienfehlers. Denn Zustände und Prozesse gehören zu verschiedenen ontologischen Kategorien.

Diese Unachtsamkeit ist jedoch, wie schon Thomas Nagel in seinem Aufsatz "Physicalism" (1965) bemerkt hat, schnell behoben. Man braucht nur - wie ich es im grundständigen Aufsatz getan habe - die ursprüngliche Formulierung die die These zu ersetzen: Mentale Eigenschaften (Zustände) sind identisch mit physischen Eigenschaften (Zuständen) des Körpers eines Menschen.

„Statt Gedanken, Empfindungen, Nachbilder und dergleichen mit Gehirnprozessen zu identifizieren, schlage ich vor, das Haben einer Empfindung durch eine Person damit zu identifizieren, dass sich der Körper dieser Person in einem bestimmten physikalischen Zustand befindet oder dass in ihrem Körper ein bestimmter physikalischer Prozess abläuft. Man beachte, dass beide Ausdrücke in dieser Identitätsaussage zum selben logischen Typ gehören, nämlich (um es terminologisch neutral auszudrücken) dass ein Subjekt ein bestimmtes Attribut besitzt. Die Subjekte sind die Person und ihr Körper (nicht ihr Gehirn), und die Attribute sind psychologische und physikalische Zustände, Ereignisse, etc.“

- Thomas Nagel Physicalism, S. 216

Dieser Schachzug liefert auch eine ebenso einfache wie elegante Erwiderung auf den dritten und vierten Einwand: Die physischen Eigenschaften (Zustände) eines Menschen sind ebenso viel oder ebenso wenig im Raum wie seine mentale Eigenschaften (Zustände). Und es hat ebenso wenig Sinn, zu sagen, dass der mentale Zustand, der darin besteht, dass ich einen stechenden oder bohrenden Schmerz empfinde, selbst stechend oder bohrend ist, wie es Sinn hat, davon zu sprechen, dass ein Gehirnzustand langsam, schnell, gerade oder kreisförmig ist.

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