„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Richard David Precht über Digitalisierung und Massenarbeitslosigkeit

Richard David Precht und Yuval Harari berufen sich in ihren Büchern und Vorträgen v.a. auf: Frey und Osborne: The Future of Employment (2013).

Aufgrund dieser Studie argumentieren sie für eine, durch die Digitale Revolution induzierte, drohende Massenarbeitslosigkeit.

Das ist aber ein Non Sequitur: Frey und Osborne sagen zwar einen hohen Verlust an Arbeitsplätzen im Zuge der Digitalisierung voraus. Sie berücksichtigen aber nur die Beschäftigungsverluste, nicht die kompensatorischen Beschäftigungszuwächse. Es handelt sich also, genau wie bei Dengler und Matthes (2015), um eine reine Bruttoverluststudie. Aus einem Bruttoverlust folgt aber noch kein Nettoverlust an Arbeitsplätzen.

Die meisten Nettoverluststudien prophezeien mittelfristig keine drohende Massenarbeitslosigkeit durch die Digitalisierung. Laut Alfred Garloff et al., S. 3 neigt „die Mehrzahl der Gesamtstudien […] auf Basis der bisherigen Entwicklung zu eher optimistischen Schlussfolgerungen für die Zahl der Beschäftigten insgesamt“. Volker-Ludwig et al. prognostiziert für Deutschland sogar einen Netto-Beschäftigungsgewinn durch Digitalisierung von ca 250.000 Arbeitsplätzen.

Das Problem liegt woanders: Die Bruttoverluste betreffen vor allem Routinetätigkeiten, da diese sich leicht kodifizieren und durch Computer automatisieren lassen. Solche Tätigkeiten werden meistens von mittleren Einkommensgruppen, wie bspw. Fließbandarbeitern, Sachbearbeitern oder Buchhaltern, ausgeführt. Nichtroutinetätigkeiten lassen sich hingegen noch nicht automatisieren. Diese Tätigkeiten finden sich sowohl in niedrigen, als auch in hohen Einkommensgruppen wider und umfassen einerseits manuelle Tätigkeiten, wie beispielsweise Friseur, Putzkraft oder Kellner, die allesamt ein komplexes und situativ-angepasstes Verhalten erfordern. Andererseits umfassen sie kognitive Tätigkeiten, welche Problemlösungskompetenzen und Flexibilität erfordern, wie beispielsweise Manager, Chirurg oder Staatsanwalt.

Falls also tatsächlich vor allem Berufe mit mittlerer Entlohnung leicht substituierbar sind, dann wird die Digitalisierung zu einer zunehmenden Beschäftigungs- und Lohnpolarisierung und damit zu einer weiteren sozioökonomischen Spaltung der Gesellschaft führen.

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