„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Laurence BonJours Kohärenztheorie der Rechtfertigung

Der klassische Kohärenztismus besagt, dass eine Überzeugung gerechtfertigt ist, gdw. sie Element eines maximal kohärenten Systems von Überzeugungen ist.

Dabei ist ein System maximal kohärentwenn in ihm so viel wie möglich erklärt wird und nur so viel wie nötig unerklärt bleibt (Schluss auf die beste Erklärung).

Diese Rechtfertigungstheorie besitzt mindestens drei Grundprobleme:

A. Das Problem gleichwertiger und inkompatibler maximal kohärenter Überzeugungssysteme. Aus der Logik weiss man, dass es (beliebig) viele kohärente Systeme von Überzeugungen gibt, die nicht alle wahr sein können, nach dem Kohärentismus aber alle gleichermaßen gerechtfertigt sind.

B. Das Problem des fehlenden Weltbezugs. Gemäß dem Kohärentismus werden empirische Überzeugungen allein durch ihre Beziehungen zu einem System von Überzeugungen gerechtfertigt. Ein solches in sich geschlossenes System von Überzeugungen kann nichts mit der Welt zu tun haben und trotzdem maximal kohärent sein. Denn eshängt an keiner Stelle von  Wahrnehmungs-überzeugungen ab und kann daher auch kein empirisches Wissen konstituieren.

C. Das Problem des Zusammenhangs von Kohärenz und Wahrheit. Nach den klassischen Strategien ist Rechtfertigung wahrheitsförderlich. Kohärenz ist aber nicht wahrheitsförderlich. Märchen z.B. können kohärent, aber unwahr sein.

Laurence BonJour
Laurence BonJour

Laurence BonJour versucht die Kohärenztheorie durch 2 Grundideen zu retten:

1. Auch spontane Wahrnehmungsüberzeugungen müssen durch andere Überzeugungen gerechtfertigt werden.

Beispiel: Die spontane Beobachtungsüberzeugung "vor mir steht ein Laptop", muss durch andere Überzeugungen gerechtfertigt werden:

a. Ich habe diese Überzeugung durch visuelle Wahrnehmung gewonnen.

b. Die Umstände, d.h. die Lichtverhältnisse und meine Sehkraft waren gut.
c. Wenn man außenweltkeptizistische Argumente ausschließt, sind Meinungen durch Wahrnehmung unter günstigen Umständen wahrheitsförderlich.

2. Ein System von Überzeugungen ist nicht statisch, sondern flexibel, d.h. es verändert sich sich ständig u.a. aufgrund von Wahrnehmungsüberzeugungen.

Beobachtungsforderung: Ein System von Überzeugungen muss sich an neue Wahrnehmungsüberzeugungen anpassen können. Dabei werden neue Wahrnehmungsüberzeugungen in der Regel nicht einfach additiv hinzugefügt. Sie können einerseits auch eine Anpassung oder Negation alter Überzeugungen erzwingen, etwa weil sie alte Überzeugungen falsifizieren oder dies die innere Kohärenz des Systems erhöhen würde. Sie können andererseits aber auch abgelehnt werden.

Frage: Löst BonJour die drei Grundprobleme der klassischen Kohärenztheorie?

A. Das Problem gleichwertiger und inkompatibler maximal kohärenter Überzeugungssysteme. Wenn zwei gleich kohärente Überzeugungssysteme existieren, dann ist es zumindest unwahrscheinlich, dass diese unter neuen Wahrnehmungsüberzeugungen gleich kohärent bleiben. A wurde zT. entkräftet.

B. Das Problem des fehlenden Weltbezugs. Dank der Beobachtungsforderung müssen neue empirische Überzeugungen in ein Überzeugungssystem integriert werden. B wurde also gelöst.

C. Das Problem des Zusammenhangs von Kohärenz und Wahrheit. Ist Kohärenz wahrheitsförderlich?

Bonjour: Ja. Nehmen wir an, wir haben ein Überzeugungssystem, das die Beobachtungsforderung erfüllt, vermutlich aber unwahr ist. Dann ist es unwahrscheinlich, dass dieses Überzeugungssystem auch zukünftig kohärent bleibt, wenn es nicht zu gunsten einer größeren Übereinstimmung mit der Realität, das heißt eines höheren Wahrheitsgehalts revidiert wird.

Wenn die fehlende Übereinstimmung mit der Realität Beobachtungstatsachen  betrifft, dann werden neue Beobachtungen entsprechende Beobachtungen Inkohärenzen erzeugen und daher Revisionen erzwingen. Wenn bei diesen Revisionen die Beobachtungsforderung nicht verletzt wird, wird sich das System dabei in Richtung auf eine größere Übereinstimmung mit der Realität bewegen. Wenn die mangelnde Übereinstimmung nichtbeobachtbare Teile der Weltbetrifft, dann gibt es hingegen zwei Möglichkeiten:

(a) Diese Teile haben Wirkungen auf die beobachtbaren Teile der Welt.  Dann wird eine eine vollkommen kohärente Erklärung der beobachtbaren Teile auf lange Sicht auch zu wahren Theorien über die nicht beobachtbaren Teile führen.

(b) Diese Teile haben keine Wirkungen auf die beobachtbaren Teile der Welt. In diesem Fall versagen alle Rechtfertigungstheorien.

"Es ist in hohem Maße unwahrscheinlich, wenn auch nicht unmöglich, dass ein Überzeugungssystem, das mit der Welt nicht übereinstimmt und das die Beobachtungsforderung erfüllt, kohärent wäre und unter dem Einfluss neuer Beobachtungen kohärent bleiben würde, wenn es nicht in Richtung auf eine größere Übereinstimmung mit der Welt revidiert würde."
- Laurence BonJour

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