„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Verlässlichkeitstheorie des Wissens

Die Standardanalyse des Wissens besagt, dass Wissen gerechtfertigtewahre  Meinung ist. D.h. ein Subjekt S weiß, dass p, gdw.:

W1:    p wahr ist (Wahrheit).

W2:    S glaubt, dass p (Überzeugung).

W3:    S hat gute Gründe zu glauben, dass p (Rechtfertigung).

Edmund Gettier entwarf jedoch zwei sog. Gettier-Fälle, in denen ein Subjekt S die gerechtfertigte, wahre Meinung hat, dass p, jedoch nicht weiß, dass p.

Beispiel: Der Unternehmer Smith hat zwei zuverlässige Angestellte Meier und Müller. Smith sieht, wie Meier aus einem Ford steigt und Meier erzählt Smith, dass er gerade einen Ford gekauft hat. Smith ist also gerechtfertigt anzunehmen:

(a) Meier besitzt einen Ford.

Und folgert daraus deduktiv:

(b) einer meiner Angestellten besitzt einen Ford.

Tatsächlich ist es aber Müller und nicht Meier, der einen Ford besitzt. Meier hat Smith ausnahmsweise angelogen. Der Satz (b) ist aber dennoch wahr. Somit besitzt Smith die wahre, gerechtfertigte Überzeugung, dass (b). Smith scheint aber trotzdem nicht zu wissen, dass (b), da (b) aus (a) deduziert wurde und (a) unwahr ist. Wenn das zutrifft, dann ist die Standardanalyse unzureichend.

Darauf kann man nun verschiedenartig reagieren:

1. bestreiten: Man bestreitet, dass die Gettier-Fälle Gegenbeispiele sind.

2. ergänzen: Man akzeptiert die Gettier-Fälle als Gegenbeispiele. Und man versucht die Standardanalyse durch eine weitere Bedingung W4 zu retten.

3. ersetzen: Man akzeptiert die Gettier-Fälle als Gegenbeispiele. Und man versucht die Standardanalyse durch eine andere Bedingung W3´ zu retten.

Die Verlässlichkeitstheorien des Wissens folgen der dritten Strategie. D.h. sie akzeptiert die Standardanalyse als Gegenbeispiel und meint, dass die Rechtfertigungsbedingung W3 durch eine andere ersetzt werden muss.

Ein konstitutiver Aspekt aller Gettier-Fälle scheint zu sein, dass es in ihnen keinen adäquaten Zusammenhang zwischen W2 und W3 bzw. zwischen der wahren Überzeugung und der Tatsache, die diese Überzeugung wahr macht, gibt.

Die Verlässlichkeitstheorien versuchen diesen Zusammenhang zu sichern:

S weiß, dass p, gdw:

S weiß genau dann, dass p, wenn gilt:
W1: p wahr ist,
W2: S glaubt, dass p, und
W3V: S’ Überzeugung, dass p, auf einem verlässlichen Prozess zur Erzeugung von Überzeugungen beruht.

Diese Analyse scheint zumindest unser anfängliches Beispiel zu entkräften: Gemäß der Verlässlichkeitsheorie weiß Smith nicht, dass (b), da (b) aus (a) abgeleitet wurde und offenkundig nicht auf einen verlässlichen Prozess beruht.

Aber was ist ein verlässlicher Prozess? Die einfache Verlässlichkeitstheorie meint, dass ein Prozess M zur Erzeugung von Überzeugungen verlässlich ist, wenn M immer oder häufig zu wahren oder korrekten Überzeugungen führt.

Aber angenommen, meine wahre Überzeugung, dass es 08:00 Uhr ist, beruht auf dem verlässlichen Prozess, dass ich auf meine Schweizer Uhr schaue. Dann instantiiert dieser Prozess eine Vielzahl an unterschiedlichen Prozesstypen:

· (a) auf die Uhr schauen
· (b) auf eine Armbanduhr schauen
· (c) auf eine korrekt gehende Uhr schauen
· (d) auf eine Schweizer Uhr schauen
· (e) auf eine korrekt gehende Armbanduhr schauen
· (f) auf eine korrekt gehende Schweizer Armbanduhr schauen; usw.

Die verbesserte Verlässlichkeitstheorie besagt also: Wenn jemand auf eine bestimmte Weise M zu einer Überzeugung kommt, dann ist die Bedingung W3V´ erfüllt, wenn es irgendeinen verlässlichen Prozesstyp gibt, den M instantiiert.

Dabei sind nicht alle Prozesstypen gleich verlässlich. Die Instatiierung (c) führt beispielsweise häufiger zu einer wahren Überzeugung als die Instatiierung (a).  Die Wahrheitshäufigkeit eines bestimmten Prozesstyps lässt sich als Grad der Wahrscheinlichkeit angeben, mit der dieser zu einer wahren Überzeugung führt. 

Die Wahrheitshäufigkeit W einer Überzeugung p relativ zum Prozesstyp m ist zum Beispiel 0.5, wenn 50% aller Überzeugungen, die sich auf m stützen, wahr sind:

W(p/m) = 0,5

Eine Wahrheithäufigkeit von W = 0,5 reicht für Wissen in der Regel nicht aus. Die Verlässlichkeitstheorie muss also fordern, dass m mit einer hinreichend hohen Wahrheitshäufigkeit W zu einer wahren Überzeugung p führt.

a. Contra-Argumente

Wenn jemand auf eine bestimmte Weise m zu einer wahren Überzeugung kommt, dann gibt es immer einen verlässlichen Prozesstyp, für den gilt: W = 1.

Beispiel: Max Uhr ist vor t Stunden stehengeblieben. Dann gelangt Max mit einer Wahrheitshäufigkeit von W = 1 zu einer korrekten Überzeugung p, wenn er nach t + 24 Stunden auf seine Uhr sieht. Dieser Prozess fällt unter die folgenden Typen:

· (a) auf die Uhr schauen
· (g) auf eine stehengebliebene Uhr schauen.
· (h) genau zu der Zeit auf eine stehengebliebene Uhr schauen, zu der sie stehengeblieben ist.

Offensichtlich ist der letzte Prozesstyp auch nach der neuen Verlässlichkeits-theorie zuverlässlich. Denn er führt mit w= 1 zu einer wahren Überzeugung.  Kritiker finden dieses Urteil fragwürdig, da (h) paradigmatisch nicht-verlässlich sei. Zu paradigmatisch nicht-verlässlichen Prozesstypen gehören:

· (i) die Uhrzeit raten.
· (j) Kaffeesatzlesen.
· (k) die Karten befragen.

Zu den paradigmatischen verlässlichen Prozesstypen gehören dahingegen:

· (e) auf eine korrekt gehende Armbanduhr schauen.

· (l) auf die Cäsium-Atomuhr CS2 in Braunschweig schauen.

Laut den Kritikern muss ein Prozesstyp also paradigmatisch-verlässlich sein.

Die nochmals verbesserte Theorie müsste also eigentlich lauten:

S weiß, dass p, gdw:

S weiß genau dann, dass p, wenn gilt:
W1: p wahr ist,
W2: S glaubt, dass p, und
W3V´´: S’ Überzeugung, dass p, auf einen Prozess, der auf einen paradigmatisch verlässlichen Prozesstyp m zur Erzeugung von Überzeugungen beruht.

Dagegen lässt sich dieses Beispiel anführen: Der Person "Truetemp" wird bei einem neurochirugischen Eingriff ein kleines Gerät eingesetzt, dass sehr genau die Uhrzeit wiedergibt und Truetemps Überzeugungen über die Uhrzeit erzeugt. Truetemps Überzeugungen über die Uhrzeit sind also wahr und beruhen auf einem paradigmatisch verlässlichen Prozesstyp. Trotzdem weiß Truetemp nichts über das Gerät in seinem Kopf oder woher seine Uhrzeitüberzeugungen kommen.

Ist es dann angemessen zu sagen, dass Truetemp weiß, wie viel Uhr es ist?

Cäsium-Atomuhr CS2 in Braunschweig, Brunswyk (CC BY-SA 3.0 DE)
Cäsium-Atomuhr CS2 in Braunschweig, Brunswyk (CC BY-SA 3.0 DE)

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Sonntag, 02 Dezember 2018 22:44)

    https://plato.stanford.edu/entries/reliabilism/


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