„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Akteurskausalität und Ereigniskausalität

Klassische Ereigniskausalität liegt vor, gdw ein Ereignis ein anderes verursacht.

Libertarische Akteurskausalität liegt dahingegen vor, gdw. ein Subjekt ein Ereignis wie eine Entscheidung oder Handlung direkt verursacht. Das heißt:

(1) nicht durch ein anderes Ereignis (nicht-ereigniskausal).

(2) nicht auf einer alternativlosen Weise (nicht-determinierend).

Das Hauptproblem der Akteurskausalität ist die fehlende Abgrenzbarkeit zum bloßen Zufall.
Das Hauptproblem der Akteurskausalität ist die fehlende Abgrenzbarkeit zum bloßen Zufall.

1. Einleitung

1.1. Ereigniskausalität

Wenn Naturwissenschaftler, Naturalisten, Kompatibilisten und nicht-libertaristische Inkompatibilisten von Kausalität sprechen, meinen sie gemeinhin klassische Ereigniskausalität:

·        (i) Der Blitzschlag führt (ii) das Umfallen des Baumes herbei.

·        (i) Das Umfallen des Baumes führt (ii) das Einstürzen des Hauses herbei.

·        (i) Das Einstürzen des Hauses führt (ii) den Tod meines Bruders herbei.

·        Usw.

Hier haben wir es jeweils mit zwei Ereignissen zu tun, das erste (i) ist die Ursache und das zweite (ii) die Wirkung. Der Blitzeinschlag war beispielsweise die Ursache des Baumfalls und der Baumfall umgekehrt eine Wirkung des Blitzeinschlages.

Eine ereigniskausale Ursache ist dabei in der Regel hinreichend für ihre Wirkung.

Daraus ergibt sich eine deterministische Ereignis-Kausalkette:

1.2. Akteurskausalität

Wenn wir im Alltags sprechen, reden wir aber häufig so, als würden Ereignisse durch Dinge (anstatt durch Ereignisse) verursacht:

·        Der Blitz (anstatt der Blitzeinschlag) verursacht das Fallen des Baumes.

·        Der Baum (anstatt der Baumfall) verursacht das Einstürzen des Hauses.

·        Das Haus (anstatt der Hauseinsturz) verursacht den Tod meines Bruders.

·        Usw.

Insbesondere reden wir auf diese Weise auch von Subjekten, die Ereignisse verursachen:

·        Brutus (anstatt die Dolchstiche) tötete Cäsar.

·        Ich (anstatt die feuernden Neuronen in meinem Gehirn) entscheide etwas.

Bei den letzten beiden Fällen handelt es sich um (echte) Formen von Akteurskausalität. Akteurskausalität liegt also vor, gdw. ein Ereignis nicht naturgesetzlich determiniert stattfindet, sondern vom Handelndem selbst hervorgerufen wird. Freie Entscheidungen sehen für den Libertarier also so aus: Wenn ich vor der Entscheidung stehe, ob ich A oder B tun soll, habe ich in der Regel für beide Alternativen gute Gründe. Aber weder diese Gründe noch andere Umstände determinieren meine Entscheidung. Meine Entscheidung geschieht aber auch nicht zufällig. Vielmehr bin ich es, der sich angesichts der Gründe für A oder für B entscheidet. Und nichts im vorherigen Weltlauf determiniert, wie ich mich entscheide. Wenn ich mich für A entscheide, könnte ich mich unter exakt denselben Bedingungen auch für B entscheiden.

Daraus ergibt sich eine indeterministische Akteurs-Kausalkette:

Für Libertarier setzt Willensfreiheit also voraus, dass es neben der "normalen" Ereigniskausalität noch eine zweite Art von Kausalität gibt: Akteurskausalität. Willensfrei ist für Libertarier ein Subjekt folglich dann, wenn es ein Ereignis  direkt verursachen kann, d.h. (1) ohne dass dieses Ereignis wiederum durch andere Ereignisse verursacht wurde, das Subjekt ist sozusagen ein unbewegter Beweger und (2) dass dieses Ereignis wie eine Entscheidung oder Handlung unter denselben Umständen durch meinen Willen auch anders hätte ausfallen können.

Damit behauptet der Libertarier zweifelsohne eine stärkere Form der Willensfreiheit als der Kompatibilist. Denn aus (1) ergibt sich, dass meine Entscheidung selbst nicht determiniert ist, dass ich also neue Kausalketten in die Welt setzen kann und echter Letzturheber (anstatt nur Urheber) meiner Handlungen und Entscheidungen bin. Und aus (2) ergibt sich, dass meine Entscheidungen auch nicht zufällig sind, sondern von mir willentlich so-oder-so herbeigeführt werden können, dass ich also echte Alternativität unter gleichen Umständen (anstatt nur Alternativität unter anderen Umständen) habe.

"Das metaphysische Problem der menschlichen Freiheit kann folgendermaßen zusammengefaßt werden: Menschliche Wesen sind verantwortliche Handelnde; aber diese Tatsache scheint einer deterministischen Sicht des Handelns zu widerstreiten – der Sicht, daß jedes Ereignis, das zu einer Handlung gehört, durch ein anderes Ereignis verursacht ist. Und sie scheint auch der Sicht zu widerstreiten, daß einige der Ereignisse, die für die Handlung wesentlich sind, überhaupt nicht verursacht sind. […] Die Möglichkeit, die also bleibt, ist diese: Wir sollten sagen, daß mindestens eines der Ereignisse, die an der Handlung beteiligt sind, nicht durch irgendwelche anderen Ereignisse, sondern statt dessen durch etwas anderes verursacht ist. Und dies andere kann nur der Handelnde sein – der Mensch."
- Roderick Chisholm: "Die menschliche Freiheit und das Selbst", S. 71 – 76

Wenn eine Handlung derart durch einen Akteur verursacht wurde, dann ist sie nicht in dem Sinn durch andere Ereignisse determiniert, der Freiheit ausschließt. Und wenn eine Handlung so durch einen Akteur verursacht ist, ist sie nicht in dem Sinne zufällig, der Verantwortung ausschließt. Akteurskausalität löst scheinbar also das zentrale Dilemma zwischen Zufall und Determination. Und die libertarische Freiheitskonzeption entspricht ganz nebenbei auch dem Selbstverständnis des Menschen als freies und selbstbestimmtes Wesen und scheint deshalb vielen von uns intuitiv naheliegend. Nichtsdestotrotz hat die libertarische Position mit vielen sehr schwerwiegenden Problemen zu kämpfen:

2. Kritiken an der Akteurskausalität

2.1. Verständlichkeit

Viele haben die Frage gestellt, ob der Begriff der Akteurskausalität überhaupt verständlich ist. Diese Frage mag auf den ersten Blick befremdlich erscheinen. Wir haben eine klare Vorstellung davon, was es heißt, als Akteure Ereignisse in Gang zu setzen, und begreifen uns auch selbst als solche Akteure. Beim näheren Hinsehen ist die Bedeutung von "Akteurskausalität" aber doch nicht so klar.

Der Begriff der Ereigniskausalität lässt sich noch einfach analysieren: Was unterscheidet den Fall, dass das Ereignis B einfach nur zeitlich auf das Ereignis A folgt, von dem Fall, dass A B verursacht? Wenn A B verursacht, gilt:

(a) Auf Ereignisse vom Typ A folgen immer Ereignisse vom Typ B;

(b) Wenn A nicht stattgefunden hätte, hätte B wahrscheinlich auch nicht stattgefunden.

(c) Wenn A die Ursache von B ist, kann ich B herbeiführen, indem ich dafür sorge, dass A der Fall ist.
(d) Wenn das Ereignis A das Ereignis B verursacht, dann erklärt der Zeitpunkt, zu dem A stattfindet, den Zeitpunkt, zu dem B stattfindet.

Wie kann Akteurskausalität analysiert werden? Was unterscheidet den Fall, dass das Ereignis B einfach in Anwesenheit des Akteurs H erfolgt, von dem Fall, dass H B verursacht? Wie wir noch sehen werden, ist eine Begriffsanalyse wie bei der Ereigniskausalität hier nicht möglich. Und deshalb ist der Begriff "Akteurskausalität" so rätselhaft.

2.2. Erklärbarkeit durch Gründe

Was soll Akteurskausalität also sein? Offenbar ein Geschehenmachen von Ereignissen. Im Allgemeinen kann man jedoch nur etwas geschehen machen, indem man etwas anderes tut. Ich lasse den Speichervorgang beispielsweise geschehen, indem ich auf "Speichern" drücke. Wie kann ich aber meine Entscheidung, auf "speichern" zu drücken, geschehen machen, ohne dass ich etwas anderes tue, das meine Entscheidung geschehen lässt?

Ich kann meine Entscheidung im Libertarismus nicht aufgrund von Gründen, Überlegungen oder Prinzipien geschehen machen. Denn das würde erstens gegen das libertarische Prinzip der Letzturheberschaft verstoßen, nach dem meine Entscheidungen durch nichts bestimmt sein dürfen sondern ganz neue Kausalketten in die Welt setzen. Zweitens würde es Akteurskausalität auf Ereigniskausalität zurückführen.

Wenn meine Entscheidung im Libertarismus aber nicht durch Gründe, Überlegungen oder Prinzipien geschehen, ist es schwer vorstellbar, dass ich für sie verantwortlich gemacht werden kann. Denn wenn ich zwar Gründe für die Entscheidungen A und B habe, meine Wahl zwischen A und B aber nur von "mir" und nicht von meinen Gründen und auch nicht von meinen Überlegungen oder meinen Prinzipien abhängt, dann sind sie willkürlich.

2.3. Zufälligkeit

Die Akteurskausalität wurde eingeführt, um verantwortliches von bloß zufälligem Handeln zu unterscheiden. Und um damit das Zufallsproblem und letztendlich das Dilemma zwischen Zufall und Determiniertheit zu lösen. Diesem Anspruch wird sie aber nicht gerecht: Stellen wir uns vor, alle meine Gründe sprechen und alle meine Überlegungen weisen ausnahmslos auf die Entscheidung A hin, ich entscheide mich im akteurskausalen Sinne aber für die Entscheidung B. Warum tue ich das? Meine akteurskausale Entscheidung für B ist offensichtlich unbegründet und damit unerklärlich, denn ich könnte mich aufgrund von exakt denselben Gründen und Vorüberlegungen sowohl für A als auch für B entscheiden. Wenn aber die libertarische Entscheidung für B weder von meinen Gründen oder Vorüberlegungen noch von noch Irgendetwas abhängt, das mich ausmacht, dann kann es auch nicht "meine" Entscheidung sein.

Und was noch wichtiger ist: Die Entscheidung für B ist auch mit Akteurskausalität zufällig, denn etwas ist genau dann zufällig, wenn es unter exakt identischen Bedingungen manchmal eintritt und manchmal nicht. Das Dilemma bleibt also bestehen:

Dies scheint mir das stärkste Argument gegen die prinzipielle Möglichkeit von Willensfreiheit, wie wir sie im Alltag verstehen und wie der Libertarier sie verstanden haben möchte: Entweder meine Entscheidungen sind determiniert, dann können sie intelligibel sein, weil sie auf Gründen und Überlegungen beruhen können, sie können dann aber nicht frei sein, weil sie mit (naturgesetzlicher) Notwendigkeit passieren. Oder "meine" Entscheidungen sind indeterminiert, dann lassen sie Alternativität zu, weil sie unter denselben Umständen auch anders hätten ausfallen können, sie sind dann aber nicht intelligibel, weil sie auch nicht durch meine Gründe oder Überlegungen verursacht sein können. Der Clou ist jetzt, dass der Intelligibilitätseinwand auch und insbesondere auf den akteurskausalen Libertarismus zutrifft. Der Libertarier kann seine Freiheitskonzeption nicht aufrechterhalten, weil Indeterminismus Zufall bedeutet und weil Zufall nicht Willensfreiheit ist, sondern Willensfreiheit ausschließt.

2.4. Empirische Befunde

Es sprechen außerdem empirische Befunde gegen Akteurskausalität: Wenn es Akteurskausalität tatsächlich gibt, dann können Akteure (i) entweder auch da kausal eingreifen, wo die Ereignisse ansonsten naturgesetzlich determiniert sind, (ii) oder nur da, wo es in der natürlichen Welt Indeterminiertheitslücken gibt.

(I) Im ersten Fall würden die Naturgesetze nicht ausnahmslos gelten. Wenn "ich selbst" und nicht natürliche Umstände (wie etwa meine Neuronen) festlegen, welche Entscheidung ich herbeiführe, muss ich selbst ein nichtnatürliches Wesen sein. Der erste Fall führt also in einen Körper-Geist-Dualismus. Und genauer in einen Interaktionismus, da ich als entscheidender Akteur von außen in den natürlichen Weltverlauf eingreifen können muss. Das würde aber ein Verstoß gegen die Naturgesetze und Energieerhaltungssätze bedeuten, der empirisch nachweisbar sein muss. Es gibt nicht einmal Indizien für einen solchen Verstoß und Akteurskausalität im Sinne von (I) ist deshalb empirisch höchst unplausibel.  Bisher haben sich keine Abweichungen von den normalen Naturgesetzen empirisch nachweisen lassen. Es wurde auch noch kein neuronales Phänomen beobachtet, das nicht durch natürliche Umstände erklärt werden konnte.

(II) Indeterminiertheitslücken gibt es in der natürlichen Welt wenn überhaupt nur auf mikroskopischer Ebene. Zum einen stellt sich nun die Frage, ob die Wirkungen, die ein Akteur durch mikroskopische Indeterminiertheitslücken hervorbringen kann, ausreichen, um makroskopische Phänomene wie Handlungen herbeizuführen. Wenn sich beispielsweise ein einziges Atom in einem Neuron anders verhält, hat das keinen Einfluss auf das Neuron und erst recht nicht auf eine neuronal verursachte Handlung. Wenn das so wäre, wäre das System viel zu instabil. Zum anderen mögen quantenmechanische Phänomene zwar vielleicht indeterminiert sein, aber Indetermination ist ja keine Willensfreiheit! Der Zerfall eines metastabilen Cobalt-53m Nuklids ist wohlmöglich indeterminiert, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit (98,5 %) entsteht ein Positron und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit (1,5 %) entsteht es nicht. Wenn ich mich aber nicht nach bloßen Wahrscheinlichkeitswerten für Entscheidung A oder für Entscheidung B entscheiden möchte, wenn ich also vernünftig entscheiden möchte, müsste ich diese Wahrscheinlichkeiten und damit wieder die Naturgesetze verändern können.

Es scheint mir also so, als setze echte Akteurskausalität in beiden Fällen ein nicht-natürliches Subjekt voraus, das auf die natürliche Welt einwirkt und die Naturgesetze verletzt. Einige Libertarier argumentieren zwar wacker für eine Kompatibilität zwischen Akteurkausalität und Naturalismus, jedoch konnte mir bisher keiner von ihnen plausibel machen, wie das ontologisch  funktionieren soll.

3. Fazit

Das Konzept der Akteurskausalität ist sowohl a priori (konzeptionell) als auch a posteriori (empirisch) mit so vielen Problemen behaftet, dass es inzwischen von der Mehrheit der Philosophen abgelehnt wird. Die apriorischen Probleme machen es unmöglich, libertarische Akteurskausalität vom absoluten Zufall zu unterscheiden. Und die a posteriorischen Probleme machen es unmöglich, akteurskausale Entscheidungen zu naturalisieren oder zumindest als kausal unwirksames Epiphänomen des Natürlichen zu charakterisieren. All diese Probleme machen die libertarische Freiheitskonzeption in meinen Augen (im Gegensatz zur kompatibilistischen) unhaltbar. Sie entspricht – wie Daniel Dennett sagen würde – einer falschen Intuitionspumpe.

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