„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Vergeblichkeits-Illusion

Solche Argumente hört man in politischen oder ethischen Diskussionen öfters:

„If we want to stop the defence industry operating in this country, we can do so. The result incidentally would be that someone else supplies the arms that we supply.  

 Tony Blair, The Mirror (25. Juli 2002)

„"Bei einem Verbot würden die Brütereien in Deutschland schließen und ins Ausland abwandern." Dort würden Kücken ebenfalls geschreddert.

Christian Schmidt, Süddeutsche Zeitung (31. März 2016)

Beide Argumente haben das gleiche Argumentationsschema:

Person A argumentiert:

(P1) Die Handlung X von Y1 hat das Ergebnis Z.
(P2) Z ist ethisch verwerflich o.ä.

(K1) Y1 sollte die Handlung X einstellen.

Woraufhin Person B erwidert:

(P4) Wenn Y1 die Handlung X einstellt, wird sie von Y2 ausgeführt.
(P5) Die Handlung X von Y2 hat ebenfalls das Ergebnis Z.
(K2) Die Einstellung von X durch Y1 macht keinen Unterschied.
(P6) Wenn die Einstellung von X durch Y1 keinen Unterschied macht, dann gibt es für Y1 keinen moralischen Grund X einzustellen.
(K3) Es gibt für Y1 keinen moralischen Grund X einzustellen.

Die Erwiderung von Person B wird in der englischen Literatur auch "The Futility Illusion" oder "The Futility Thesis" genannt (Hirschman 1991) oder mit ´If i don´t do it somebody else will´ umrissen.

Kritik

Zunächst ist zu beachten, dass Person B (P2) gar nicht bestreitet. Sie greift das Argument von Person A also nicht direkt an, sondern behauptetet zweierlei:

K2:    Die Einstellung der Tätigkeit X macht keinen Unterschied.

K3:    Folglich gibt es keinen Grund X einzustellen.

Person A kann nun so gegen die Erwiderung von Person B vorgehen:

1.    Sie bestreitet, dass K2 wahr ist.

2.    Sie bestreitet, dass K3 wahr ist.

Die 1. Vorgehensweise beruht auf rein empirischen Gründen und ist daher argumentationstheoretisch uninteressant. Die 2. Vorgehensweise ist dagegen prinzipiell und abhängig davon, welche normative Ethik man anwendet. Sie impliziert, dass es für Y1 moralische Gründe geben kann X einzustellen, obwohl das Ergebnis Z ungeachtet dessen eintreffen wird, d.h. dass (P6) nicht wahr ist.

Die Gründe, (P6) für falsch zu halten, lassen sich u.a. so systematisieren:

Der (a1) Handlungsutilitarist könnte praktische Gründe anführen: (P4) schließt bspw. nicht aus, dass gilt:

(P4*) Wenn Y1 die Handlung X nicht einstellt, wird sie auch noch von Y2 ausgeführt.

Wenn Y1 die Handlung X also nicht einstellt, werden Y1 und Y2 beide X vollführen. Dann würde die ethisch verwerfliche Konsequenz z doppelt eintreten, weshalb Y1 X lieber einstellen sollte. Der Handlungsutilitarist kann K3 aber nicht mehr bestreiten, wenn (P4*) nicht gilt.

Aus diesem Grund sind die meisten Utilitaristen keinen Handlungs- sondern (a2) Regelutilitaristen. Für Regelutilitaristen sind nicht die Konsequenzen von einzelnen Handlungen, sondern von allgemeinen Regeln von Belang. Es gilt also:

(P6*) Wenn die allgemeine Befolgung der Regel "Unterlasse die Handlung X" zu einer Reduzierung der unerwünschten Konsequenz z führt, dann sollte Y1 X einstellen, selbst wenn (P4*) nicht gilt.

Auf die eingangs genannten Beispiele bezogen:

·        Wenn alle Kriegsgüter produzieren würden, hätte das verheerende Folgen.

·        Wenn alle Küken schreddern würden, wäre das nicht hinnehmbar.

Deshalb sollte Großbritannien seine Waffenexporte und Deutschland das Kükenschreddern einstellen, selbst wenn dann Russland seine Waffen exportiert und in Polen die Küken geschreddert werden.

Aber warum sollten sie das? Warum sollte Y1 die Regel "Unterlasse die Handlung X" einhalten, auch wenn (P4*) nicht gilt? Bzw. warum sollten Deutschland und Großbritannien Wettbewersvorteile in Kauf nehmen, selbst wenn dadurch kurzfristig wahrscheinlich wirklich nicht weniger Leid in die Welt kommt? Weil große Veränderungen dadurch induziert werden können, dass wenige mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn wir diese Erkenntnis nicht verinnerlichen, werden wir auf supranationaler Ebene immer in diesem Dilemma stecken bleiben:

A.    Y1 sagt, dass wenn (P4*) nicht gilt, es nichts bringt, wenn er als einzelner Akteur X unterlässt, insofern nicht alle Betroffenen Yn X unterlassen.

B.    Die Betroffenen Yn sind alles einzelne Akteure und argumentieren wie Y1, weshalb überhaupt nichts geschieht und die moralisch verwerfliche Konsequenz Z fortbesteht.

Bildurheber: Fitzcarmalan (Creative Commons 1.0.)
Bildurheber: Fitzcarmalan (Creative Commons 1.0.)

Der Syrienkrieg wurde durch ethisch verwerfliche Waffenexporte

an das Regime und an oppositionelle Gruppen in die Länge gezogen. 

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