„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Epistemische Asymmetrie

Die "Fido"Fido Theorie behauptet, dass sich die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks in dessen Bezugsobjekt, d.h. in dem von ihm bezeichneten Sachverhalt erschöpft. Und laut Rudolf Carnap drücken zwei Prädikate genau dann dieselbe Eigenschaft aus, wenn sie synonym (bedeutungsgleich) sind. Wenn die Fido-Fido-Theorie und Carnap Recht haben, dann sind zwei Ausdrücke α und β also dann synonym, wenn sie auf dasselbe Bezugsobjekt referieren.

Dann wäre die Identitätstheorie sicher falsch. Die Identitätstheorie behauptet, dass mentale Prädikate dasselbe Bezugsobjekt haben wie bestimmte physische Prädikate. Jedoch gibt es zu manchen mentalen Prädikaten kein synonymes physisches Prädikat. Das mentale Prädikat "Ich habe Kopfverschmerzen" kann beispielsweise in kein bedeutungsgleiches physisches Prädikat übersetzt werden.

Dass sowohl Carnaps Vorstellung von Synonymie als auch die "Fido"Fido Theorie unzureichend sind, zeigte Gottlob Frege in seinem eindrucksvollem Aufsatz "Über Sinn und Bedeutung". Frege entwickelt darin das "Argument vom Erkenntniswert", dass sich so formalisieren lässt:

(1) Die Eigennamen "Morgenstern" und "Abendstern" referieren beide auf dasselbe Bezugsobjekt (die Venus). D.h. gemäß der "Fido"-Fido-Theorie und Carnap müssten beide Ausdrücke und somit auch diese beiden Sätze synonym (bedeutungsgleich) sein:

        (A) "Der Morgenstern = Der Morgenstern"
        (B) "Der Morgenstern = Der Abendstern"

(2) Die Sätze (A) und (B) haben aber offenkundig einen unterschiedlichen Erkenntniswert. Jeder, der (A) versteht, weiß sofort, dass der Satz tautologisch und damit trivialerweise wahr ist. (A) ist uninformativ, notwendig, analytisch und apriori wahr. Dahingegen kann man (B) verstehen, ohne zu wissen, dass der Satz wahr ist. (B) ist potentiell informativ, kontingent, synthetisch und aposteriori.

(3) Es besteht ein Widerspruch zwischen (1) und (2). Wir können nicht behaupten, es gäbe keinen semantischen Unterschied zwischen (A) und (B) und gleichzeitig behaupten, (A) zu verstehen sei etwas anderes als (B) zu verstehen.

(4) Der unterschiedliche Erkenntniswert von (A) und (B) und die Bezugsgleichheit von "Morgenstern" und "Abendstern" sind evident, d.h. (P2) ist  sicherlich wahr. Also muss (P1) unwahr sein. Die "Fido"Fido Theorie und Carnap liegen also falsch. Bedeutung erschöpft sich offenkundig nicht in Bezugsobjekten und Ausdrücke sind nicht zwangsläufig synonym, nur weil sie bezugsgleich sind. Denn "Morgenstern" und "Abendstern" sind bezugsgleich, sind aber weder semantisch äquivalent noch synonym.

Frege meinte, dass ein sprachlicher Ausdruck neben seinem Bezugsobjekt (der fregeschen Bedeutung) noch die weitere semantische Eigenschaft der Gegebenheitsweise (der fregesche Sinn) hat. "Morgenstern" und "Abendstern" haben zwar dasselbe Bezugsobjekt, aber eine andere Gegebenheitsweise. Der Eigenname "Abendstern" präsentiert denjenigen Himmelskörper, der am Abendhimmel und der der Eigenname "Morgenstern" denjenigen Himmelskörper, der am Morgenhimmel zu sehen ist. Durch die unterschiedliche Gegebenheitsweise bzw. die Sinnverschiedenheit der beiden Wörter erklärt sich die unterschiedliche Bedeutung und der unterschiedliche Erkenntniswert (A) - (B).

Was Frege mit Eigennamen und Bezugsobjekten gemacht hat, lässt sich für unsere Zwecke auch auf Prädikate und Eigenschaft anwenden. In der folgenden Tabelle stehen links und rechts jeweils Prädikate, die dieselbe Eigenschaft ausdrücken, die aber nicht bedeutungsgleich sind:

Die obige Tabelle widerlegt Carnaps Vorstellung, dass zwei Prädikate genau dann dieselbe Eigenschaft ausdrücken, wenn sie bedeutungsgleich sind. Zwei Prädikate können nämlich sehr wohl bedeutungsungleich sein und dennoch dieselbe Eigenschaft ausdrücken,- wenn sie einen anderen Sinn haben!

Folglich kann die Identitätstheorie doch wahr sein! Mentale Prädikate wie "x hat Kopfschmerzen" und physische Prädikate wie "x hat feuernde C-Fasern" haben eindeutig einen anderen Sinn. Die Kopfschmerzen sind "x" durch seine privilegierte Innenperspektive gegeben, niemand sonst kann die Kopfschmerzen von "x" spüren. Die Feuernden C-Fasern sind dahingegen aus der Dritten-Person-Perspektive gegeben, prinzipiell jeder kann die feuernden C-Fasern von "x" beobachten. Trotzdem können beide Prädikate auf dieselbe Eigenschaft referieren. Die unterschiedliche Gegebenheitsweise von Bewusstseinszuständen durch erste- und dritte PP nennt sich dann "epistemische Asymmetrie".

Zusammengefasst bringt uns die Identitätstheorie einer Lösung des Leib-Seele-Problems einen entscheidenden Schritt näher, da sie als Lösung für das folgende Dilemma aufgefasst werden kann:

1. Einerseits sind mentale und neuronale Prädikate so eng miteinander verknüpft, dass es seltsam wäre, wenn sie nicht auf dieselbe Eigenschaft verweisen würden. Nehmen wir das neuronale Prädikat (PB) "x hat feuernde C-Fasern" und das mentale Prädikat (PA) "x hat Schmerzen". Wenn (PB) ein neuronales Korrelat von (PA) ist, dann gilt: (PB) geht stets auch mit (PA) einher. Und zumindest phänomenologisch scheint auch zu gelten, dass umgekehrt mentale Eigenschaften neuronale Eigenschaften mental verursachen können. Wenn gilt "ein gebildeter Mensch hat Schmerzen", dann hat dieser vielleicht den Eindruck, dass diese mentale Eigenschaft eine neuronale Eigenschaft in ihm verursacht, die ihn letzten Endes aufschreien und eine Salbe holen lässt. 

2. Andererseits drücken mentale und neuronale Prädikate so unterschiedliche Dinge aus, dass es seltsam wäre, wenn sie dieselbe Eigenschaft bezeichnen würden. Mentale Prädikate wie (PA) "x hat Schmerzen" drücken unter anderem einen subjektiven Erlebnisgehalt aus, es fühlt sich für x auf eine ganz bestimmte Weise an, Schmerzen zu haben. Neuronale Prädikate wie (PB) "x hat feuernde C-Fasern" drücken überhaupt keinen Erlebnisgehalt aus, sie beschreiben eine objektive Sachlage.

Die Identitätstheorie zeigt einen Weg auf, wie dieses Dilemma gelöst werden kann, in dem sie mentale und neuronale Prädikate als zwei Seiten einer Medaille charakterisiert. Die eine Seite ist uns durch die Erste-Person-Perspektive gegeben, die andere durch die Dritte-Person Perspektive, der Sinn beider Seiten ist also verschieden (Punkt 2). Und trotzdem gehören beide Seiten ein und derselben Medaille an, mentale und neuronale Prädikate beschreiben also dieselbe Eigenschaft (Punkt 1). Dieser Lösungsversuch wird durch die obenstehende Tabelle plausibilisiert: Die Gegebenheitsweise von (PA) ‚x ist Wasser‘ ist ebenfalls eine andere als die von (PB) ‚X hat die chemische Struktur H20‘. Trotzdem kann man mit Fug und Recht behaupten, dass (PA) = (PB). Auf dieselbe Weise könnte uns ein und dieselbe Eigenschaft einmal subjektiv "x hat Schmerzen" und ein andermal objektiv "Feuern von C-Fasern" gegeben sein.

Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com (CC BY-SA 3.0)

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Kommentare: 2
  • #1

    WissensWert (Sonntag, 30 September 2018 04:19)

    https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/epistemische-asymmetrie/3611

  • #2

    WissensWert (Sonntag, 07 Oktober 2018 01:11)

    Es handelt sich um das Problem, dass wir ein Wissen über Bewusstsein durch zwei grundverschiedene Zugangsweisen erlangen können: von innen und von außen, aus der Perspektive der ersten Person und aus der Perspektive der dritten Person. Wer hat die erkenntnistheoretische Autorität über die Tatsachen des Bewusstseins, das erlebende Subjekt oder die Wissenschaft, die dem Phänomen von außen beizukommen versucht? Die erste Person scheint einen privilegierten Zugang zum phänomenalen Bewusstsein zu haben. Doch der Versuch, zunächst von René Descartes und zuletzt von der Phänomenologie, dem menschlichen Bewusstsein rein aus der Erste-Person-Perspektive begrifflich und erkenntnistheoretisch Herr zu werden, scheiterte daran, dass sich angesichts der Fortschritte der empirischen Psychologie34 die noch von Franz von Brentano vorausgesetzte Evidenz der inneren Wahrnehmung als unhaltbare Grundannahme herausgestellt hat. Aber auch der analytische Behaviorismus von Gilbert Ryle, der das Phänomen „Bewusstsein“ ausschließlich aus öffentlich zugänglichen Daten, zum Beispiel Verhalten, erklären wollte, muss als gescheitert angesehen werden, weil er unter anderem die Prozessualität phänomenaler Zustände nicht erklären kann. Von welcher Perspektive man sich auch dem Bewusstseinsphänomen nähert, es bleibt eine Erklärungslücke, ein „explanatory gap“ bestehen.


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