„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Digitalisierung und Wachstum

Während die industrielle Revolution heute im Wesentlichen durch eine lange Periode außergewöhnlichen wirtschaftlichen Wachstums definiert wird, gehen die Wachstumsraten der OECD-Länder in der Digitalen Revolution zurück.

Warum ist das so?

Darauf gibt es verschiedene Antworten: Zum einen kann die Digitale Revolution in der Produktionstechnik als Versuch verstanden werden, angesichts gesättigter Massenmärkte und hoher Rohstoff- und Energiekosten (Ölpreiskrisen 1973 und 1979/80) sowie sinkender Kapitalrenditen auch in Hochlohnländern flexibler, kundenorientierter, material- und energieeffizienter und damit arbeits- und kapitalsparend zu produzieren und gleichzeitig rascher auf neue Bedürfnisse zu reagieren. Das ist durchaus mit einer sinkenden Investitionsquote vereinbar: Weltweit sank diese bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt von etwa 23–25 % in den 1970er Jahren auf unter 20 % nach 2008, was dennoch zu höheren Unternehmensprofiten führte.

Zum anderen werden viele Leistungen der digitalen Wirtschaft nicht vollständig in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung abgebildet, u. a. die Arbeit der Kunden, die bei der Leistungserstellung immer stärker kostenlos mitwirken (z. B. bei einer Flugbuchung, bei Umfragen, auf Onlineportalen oder bei der Konfiguration von Produkten). Hinzu kommen die sinkenden Distributionskosten für digitale Produkte über Netze, die tendenziell gegen Null gehen. Alle diese Faktoren tragen zur Erhöhung der Unternehmensgewinne trotz relativ sinkender Wachstumsraten bei. Auch der (Gratis-)Nutzen der von privaten Akteuren preisgegebenen Informationen und von ihnen erstellten Wissensbasen im Netz (z. B. der Nutzen dieser Website) wird in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht abgebildet.

Drittens berührt die Digitale Revolution – anders als die industrielle Revolution mit ihren langfristigen Auswirkungen auf Städtebau, Hygiene, Arbeitsschutz usw. – die Gesundheit und Lebenserwartung der Menschen bisher kaum in direkter Form; sie ist auch mit einer stagnierenden oder schrumpfenden Bevölkerungsentwicklung und in deren Folge mit demographisch bedingten geringeren wirtschaftlichen Wachstumsraten vereinbar (z. B. mit einer langjährigen Dauerstagnation in Japan trotz fortschreitender Digitalisierung).

Schließlich werden durch die Substitutionskonkurrenz der digitalen Branchen traditionelle Branchenstrukturen und vor allem viele nur lokal operierende Unternehmen zerstört; deren Umsätze gehen schneller verloren als in den neuen Branchen Umsatz und vor allem Gewinn generiert wird. Wichtige Akteure dieser Entwicklung sind vor allem rasch expandiere Born Globals, die durch das Internet die Möglichkeit haben, ihre Aktivitäten und Marktanteile auch ohne internationale Niederlassungen global auszuweiten und so Investitionsrisiken, Mobilitäts- und Vertriebskosten zu senken.

All das entspricht durchaus dem Schumpeterschen Modell einer schöpferische Zerstörung, führt jedoch nicht mehr zwingend zu messbarem volkswirtschaftlichen Wachstum, sondern vor allem zu massiven Strukturverschiebungen, die in ihrer Reichweite vermutlich mit dem Übergang von der agrarischen zur industriellen Gesellschaft vergleichbar sind. Zugespitzt kann man sagen, dass die Digitale Revolution dazu führt, dass aufgrund einer zunehmenden Entmaterialisierung der Produktion und vor allem von Dienstleistungen Unternehmensgewinne auch ohne gesamtwirtschaftliches Wachstum steigen können. Sie wirkt also dem von Karl Marx angenommenen Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate entgegen und führt weiterhin dazu, dass die Lohnquote seit Mitte der 1980er Jahre sinkt, da durch Verbilligung der Investitionsgüter die Schwellen für die Ersetzung von Arbeitskraft durch digitale Technologie gesunken sind. Eine Aufteilungsquote von 70 % Lohneinkommen zu 30 % Kapitaleinkommen war viele Jahre lang bis in die 1970er Jahre konstant. John Maynard Keynes sprach in diesem Zusammenhang von einem „ökonomischen Wunder“. Diese Aufteilungsregel gilt heute nicht mehr: Derzeit (2015) beträgt die weltweite Lohnquote nur noch 58 %, was begleitet ist von einer Schwächung der Angebotsposition der Arbeitnehmer. Ein Gesamtbild muss jedoch alle Sektoren der Gesellschaft in den Blick nehmen und fragen, wie deren Entwicklung mit der Digitalen Revolution verknüpft ist.

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