„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Franz Brentano über Intentionalität

Der Begriff der Intentionalität ist ein geistesphilosophischer Fachterminus und weder mit dem alltäglichen Begriff der Intention im Sinne von Absicht, noch mit dem semantischen Begriff der Intension gleichbedeutend. Die klassische Begriffsbestimmung geht auf Franz Brentano zurück:

„Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter / hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches.“
- Franz Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkte, S. 124

Franz Brentanos erste These lautet also, dass die Intentionalität eine  Eigenschaft des Mentalen ist, die mit den Phrasen "Beziehung auf einen Inhalt" oder "Richtung auf ein Objekt" beschrieben werden kann. Das Objekt eines intentionalen Zustandes muss dabei nicht zwangsläufig raumzeitlich  existieren, es kann auch eine abstrakte Entität (rechnen mit Zahlen) sein. Es kann sich sogar, wie beim Wunsch Harry Potter zu sein, um eine nicht-existente Entität handeln. Diese Besonderheit nannte B. "intentionale Inexistenz".

Bretanos zweite These lautet, dass Intentionalität das definierende Merkmal des Mentalen (Geistigen) ist. Alles Mentale wäre intentional und alles Intentionale auch mental. Das Physische dahingegen sei wesenhaft kausal. Wenn Johannes denkt, dass Herodot ein Historiker war, dann bezieht sich sein Gedanke auf Herodot. Erst durch diese Inbezugnahme wird sein Gedanke wahrheitsfähig. Sein damit einhergehender neuronaler Zustand bezieht sich aber auf nichts, er ist ein Glied aus einer Kette von kausal wirksamen Ereignissen.

Ich halte Bretanos zweite These für falsch. Wenn Johannes sich unwohl fühlt oder

nervös, erfreut, erschöpft ist, dann haben diese mentalen Zustände zwar in der Regel eine Ursache, sie sind aber auf nichts gerichtet. Es gibt also sehr wohl nicht-intentionale mentale Zustände. Allerdings sind alle aufgezählten Zustände phänomenal, das heißt es fühlt sich für Johannes auf eine bestimmte Weise an nervös, erfreut oder erschöpft zu sein. Umgekehrt scheinen auch alle nicht-phänomenalen mentalen Zustände intentional zu sein. Daher denke ich, dass Intentionalität und Qualia jeweils hinreichend, aber nicht notwendig für die Existenz des Mentalen sind. Und dass jeder mentale Zustand entweder intentional oder phänomenal ist. Ein jedes mentales Wesen ist immer entweder denkend oder erlebend.

Franz Brentano
Franz Brentano

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