„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Intensionaler Fehlschluss

Ein intensionaler Fehlschluss liegt dann vor, wenn aus der Tatsache, dass ein Ausdruck a in einem intensionalen Kontext nicht wahrheitserhaltend durch einen bezugsgleichen Ausdruck b ersetzt werden kann, geschlossen wird, dass a und b nicht denselben Bezug haben.

Beispiel A:

(i)   "Paul weiß, dass der Morgenstern die Venus ist" ist wahr.
(ii)  "Paul weiß, dass der Abendstern die Venus ist" ist falsch.
(iii) "Morgenstern" und "Abendstern" haben nicht denselben Bezug.

Der Begriff a "weiß" in (i) erzeugt für a "Morgenstern" einen intensionalen Kontext. D.h. eine wahrheitserhaltende Ersetzung des Ausdrucks a ist nur dann garantiert, wenn man a durch einen sinngleichen Ausdruck b ersetzt. (iii) ist daher ein intensionaler Fehlschluss, weil "Morgenstern" und "Abendstern" nur bezugsgleich (sie beziehen sich beide auf die Venus), nicht aber sinngleich sind (siehe: Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung).

Wenn a und b aber bezugs- und sinngleich wären, d.h. wenn sie wahrheitserhaltend durcheinander ersetzt werden könnten, dann stünden sie in einem extensionalen Kontext und 3 wäre ein korrekter Schluss.

Es gilt also: a erzeugt einen intensionalen Kontext und b ist extensionsgleich zu a. Dann kann ein intensionaler Fehlschluss in beiden Richtungen führen:

1.    Entweder man kann folgern, dass wenn eine Person etwas über a weiß, sie dasselbe über den extensionsgleichen Ausdruck b weiß.

2.    Oder man schließt, dass es sich bei a und b nicht um extensionsgleiche Ausdrücke handelt, da sie nicht salva veritate durcheinander ersetzbar sind.

1. Leibniz, Frege und Smart

Dieser Umstand unterminiert gleich zwei Prinzipien, die in der Philosophiegeschichte lange Zeit geradezu den Status von evidenten Überzeugungen hatten:

1. Leibniz Prinzip lautet: 

(L) Wenn zwei Entitäten a und b identisch sind, dann haben a und b alle Eigenschaften gemeinsam.

Damit eng verwandt ist 2. Freges Substitutionsprinzip:

(F) Wenn zwei Ausdrücke a und b denselben Bezug haben, dann sind a und b wahrheitswerterhaltend ersetzbar.

John Smart formulierte dieses Argument gegen die Identitätstheorie, nach der mentale Eigenschaften mit neuronalen Eigenschaften identisch sind.

„Jeder, so ungebildet er auch sein mag, kann völlig problemlos über seine Nachbilder oder Schmerzen reden oder darüber, wie Dinge für ihn aussehen oder sich anfühlen; trotzdem weiß er vielleicht nicht das geringste über Neurophysiologie. Jemand mag wie Aristoteles glauben, das Gehirn sei dazu da, den Körper zu kühlen, ohne dadurch in seiner Fähigkeit wahre Aussagen über seine Empfindungen zu machen eingeschränkt zu sein. Also können die Dinge, über die wir sprechen, wenn wir unsere Empfindungen beschreiben, keine Gehirnprozesse sein.“

- J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, S. 57

Die Struktur dieses Einwands lässt sich wie folgt zusammenfassen. Beispiel (B):

(i)  F weiß alles (eine Menge) über a.
(ii) Es ist nicht der Fall, dass F alles (eine Menge) über b weiß.
(iii) a ist nicht identisch mit b. (
Die Identitätstheorie ist falsch)

Auf den ersten Blick sieht dieses Argument ganz plausibel aus. Denn es beruht auf Leibniz Prinzip (L): Wenn a und b identisch sind, haben sie alle Eigenschaften gemeinsam. Beziehungsweise auf Freges Substitutionsprinzip (F): Wenn a und b denselben Bezug haben, dann sind a und b wahrheitswerterhaltend ersetzbar.

Jedoch ist uns a "Schmerzen" epistemologisch durch die Innenperspektive und  b "Feuern von C-Fasern" ontologisch durch die Außenperspektive gegeben. Ihr fregescher Sinn und somit die Eigenschaften dieser beiden Entitäten sind also verschieden. Trotzdem können a und b denselben Bezug haben, d.h. identisch sein, genauso wie der Morgenstern und der Abendstern identisch sind. Das unterminiert Leibniz Prinzip, nach der identische Entitäten alle Eigenschaften gemeinsam haben.

Siehe auch

zum vorherigen Blogeintrag                                        zum nächsten Blogeintrag 

 

 

Liste aller Blogbeiträge zum Thema "Sprachphilosophie"

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Samstag, 11 August 2018 23:27)

    Im Rahmen der Diskussion zum Leib-Seele-Problem weist Ansgar Beckermann Argumentationen zur Verteidigung der Identitätstheorie einen intensionalen Fehlschluss nach. Ausgehend von dem Fregeschen Substitutionsprinzip, das eine natürliche Erweiterung des Leibnizischen Gesetzes der Ununterscheidbarkeit des Identisches darstellt; gilt: Wenn man in einem Satz A einen Ausdruck a durch einen bezugsgleichen Ausdruck b ersetzt, kann sich der Wahrheitswert dieses Satzes nicht ändern. Freges Prinzip ermöglicht zu beurteilen, ob zwei Ausdrücke a und b bezugsgleich sind. Denn wenn man in einem Satz A den Ausdruck a durch den Ausdruck b ersetzt b ersetzt und wenn dabei ein Satz entsteht, der zumindest einen anderen Wahrheitswert haben kann als A, dann sind a und b nicht bezugsgleich. Das Fregesche Prinzip gilt aber nur in extensionalen Kontexten. Wenn in einem Satz A der Ausdruck a jederzeit durch einen bezugsgleichen Ausdruck b ersetzt werden kann, ohne dass sich der Wahrheitswert ändert, dann erzeugt A für a einen extensionalen Kontext. Wenn dagegen in einem Satz Verben wie „wissen“ und „glauben“ verwendet werden, besteht ein intensionaler Kontext. D.h. wenn a in A bei gleichem Wahrheitswert (d.i. salva veritate) nur durch einen sinngleichen Ausdruck ersetzt werden kann, dann erzeugt A für a einen intensionalen Kontext. Ein intensionaler Fehlschluss liegt dann vor, wenn aus der Tatsache, dass ein Ausdruck a in einem intensionalen Kontext nicht salva veritate durch einen bezugsgleichen Ausdruck b ersetzt werden kann, geschlossen wird, dass a und b nicht denselben Bezug haben. Denn in intensionalen Kontexten ist das Gesetz der Ununterscheidbarkeit des Identischen nicht anwendbar.


Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.