„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Kausale Rolle im Funktionalismus

Laut dem Funktionalismus sind mentale Zustände funktionale Zustände und damit vollumfänglich durch ihre kausale Rolle bestimmt.

Was eine kausale Rolle ist, lässt sich an einem einfachen Beispiel erläutern:

Einwurf      //       Zustand

X1

X2

1 Euro

Flasche Bionade

(X1)

50Cts, Flasche Bionade (X1)

50 Cents

(X2)

Flasche Bionade (X1)

Jeder Zelle dieser Matrix entspricht ein Verhaltensgesetz:

(1) Wenn der Automat im Zustand X1 ist und eine Euromünze eingeworfen wird, wirft er eine Bionade-Flasche aus und bleibt im Zustand X1.
(2) Wenn der Automat im Zustand X1 ist und ein 50-Cent-Stück eingeworfen wird, geht er in den Zustand X2 über.
(3) Wenn der Automat im Zustand X2 ist und eine Euromünze eingeworfen wird, wirft er eine Cola-Dose und ein 50-Cent-Stück aus und geht zurück in den Zustand X1.
(4) Wenn der Automat im Zustand X2 ist und ein 50-Cent-Stück eingeworfen wird, wirft er eine Bionade-Flasche aus und geht zurück in den Zustand X1.

Jede Kausale Rolle lässt sich prinzipiell in Form von Verhaltensgesetzen ausdrücken.

D.h. wenn ein Zustand Z allein durch eine Reihe von Verhaltensgesetzen charakterisiert ist, aus denen hervorgeht,

· wie ein System in diesen Zustand kommt,
· wie es sich verhält, wenn es in diesem Zustand ist, und
· wie dieser Zustand mit anderen Zuständen kausal interagiert,

dann ist Z ein funktionaler Zustand – ein Zustand, der allein durch seine kausale Rolle charakterisiert ist.

Und da in den Verhaltensgesetzen (1) – (4) die kausalen Rollen der Zustände X1 und X2 beschrieben werden, sind X1 und X2 funktionale Zustände.

Die Idee des Funktionalismus ist es nun, dass mentale Zustände auf solche funktionalen Zustände reduziert werden können.

Als ich das erste Mal von dieser Idee gehört habe, erschien sie mir äußert plausibel, u.a. weil kausale Rollen unabhängig von der ontologischen Realisierung eingenommen werden können. Ein Transistor (Siliziumbasis) kann eine kausale Rolle genauso gut spielen wie ein Neuron (Kohlenstoffbasis). Wenn der Funktionalismus wahr ist, können also auch Roboter Bewusstsein erlangen.

Allerdings könnte auch ein chinesischer Staatsbürger die gleiche kausale Rolle ausfüllen wie ein Transistor oder ein Neuron. Angenommen also, wir drücken jedem Chinesen ein spezielles Funkgerät in die Hand und koordinieren ihr Kollektivverhalten über Scheinwerferprojektionen am Himmel. Wenn wir damit für den Bruchteil einer Sekunde denselben funktionalen Zustand realisieren können, den auch ein Gehirn bei einer Schmerzempfindungen einnimmt, so gehen wir trotzdem nicht davon aus, dass die chinesische Staatsbevölkerung ein kollektives Schmerzerleben herausbildet (Vgl. Ned Block: "Troubles with Functionalism").

Also ist die funktionale Charakterisierung nicht hinreichend. Denn durch sie kann der phänomenale Gehalt von einigen mentalen Zuständen wie Schmerz-empfindungen nicht hinreichend erklärt werden (siehe auch: Erklärungslücke).

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.