„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Hamed Abdel-Samad, Mouhanad Khorchide: Ist der Islam noch zu retten?

Dieses Buch ist eine faszinierende Lektüre. Man sollte es lesen, weil es erstens einen tiefen Einblick in den zeitgenössischen Islam eröffnet und zweitens von zwei Wissenschaftlern geschrieben wurde, deren Grundpositionen zum Islam nicht kontroverser sein könnten.

Hamed Abdel-Samad ist Politikwissenschaftler, in Ägypten aufgewachsen und traditionell islamisch erzogen, hat er sich später ganz vom Islam abgewandt und bezeichnet sich heute als Atheist. Er hat zahlreiche Artikel und Bücher zum Islam und zur Integrationsfrage veröffentlicht, zuletzt "Integration-Projekt eines Scheiterns".

Seine scharfe Islamkritik löste feindselige Reaktionen in der islamischen Welt und in Europa aus. Wegen offener Morddrohungen und Todesfatwen kann er heute nur unter Polizeischutz leben.

Mouhanad Khorchide kommt aus einer palästinensischen Familie, die in den Libanon geflüchtet war und dann nach Saudi Arabien ging. Dort ist er zur Schule gegangen, lernte Deutsch und studierte später in Wien Soziologie. Nach einem Fernstudium erwarb er an der Beiruter Universität Imam al-Auzāʿī den Abschluss in islamischer Theologie. Gegenwärtig ist er Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sein erstes Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ (2012), in dem er einen aufgeklärten, „humanistischen“ Islam vertrat, löste bei den konservativ-fundamentalistischen Muslimverbänden heftigen Protest aus. Er wurde der „Unwissenschaftlichkeit“ sowie der Abweichung von islamischen Kernaussagen bezichtigt und zur „Reue“ aufgefordert. Doch er stand zu seinen Positionen und so steht er weiterhin in der Kritik aus konservativen und vor allem islamistischen Kreisen. Auch er erhielt Morddrohungen.

Abdel-Samad und Khorchide sind einer größeren deutschen Öffentlichkeit durch Auftritte in Talkshows bekannt, wo sie häufig ihre Klingen kreuzten. Aus diesen Streitgesprächen entstand das Projekt, ihre Kontroversen in „95 Thesen“ vor- und auszutragen. So gehen sie große Themen und heiße Eisen mit Offenheit und Leidenschaft an: Reform oder Unmöglichkeit von Reform des Islam, Gottesbild, Menschenbild, Frauenfrage, Gewaltfrage, Scharia und säkularer Staat. Es werden Argumente ausgetauscht, Wissen ausgebreitet, Bewertungen gegeben und Urteile formuliert. Das wird gelegentlich etwas redundant, aber beide finden doch immer wieder zur grundlegenden und klaren Kontrastierung ihrer gegensätzlichen Standpunkte zurück. Die leitende Fragestellung, im dramatischen Titel des Buches ausgedrückt, wird im Blick auf die verschiedenen Themen durchgehalten: Ist der Islam reformierbar, d.h. kann er sich in einen säkularen Staat und eine offene, demokratisch-pluralistische Gesellschaft integrieren? An dieser Frage scheiden sich bis heute die Geister.

Abdel-Samad beginnt, wie nicht anders zu erwarten ist, mit einem Paukenschlag. Er zeichnet ein düsteres Bild: Der Islam sei „immun gegen Reformversuche“, weil es „mehrere unüberwindbare Mauern“ (17) gebe, die eine Reform verhinderten: die Unantastbarkeit des Koran (als ewig gültiges unmittelbares Wort Allahs) wie auch die des Propheten Mohammed als „absolut gesetztes religiöses, moralisches und auch politisches Vorbild für Muslime jenseits von Zeit und Raum“ (18). Weitere „Mauern“ sind die Macht der alten Gelehrten, die diese Unantastbarkeiten bis heute stützten und das Interesse von autoritären politischen Eliten in der islamischen Welt, mit ihrer Hilfe ihre diktatorischen Regime aufrechtzuerhalten. Die Reform des Islam müsste also auf eine Trennung von Religion und Politik zielen, doch dies sei unter den gegebenen Umständen nicht möglich. Der Islam verlange Unterwerfung und Hingabe der Gläubigen, nicht aber mündige Menschen, die ihre Zweifel und Kritik an Religion und Politik zum Ausdruck brächten. Im Verein mit religiösen Institutionen hätten die politischen Eliten in der islamischen Welt ein „Klima der Angst“ ( 21) geschaffen: „Nirgendwo auf der Welt werden Menschen heute so oft verfolgt wegen einer abweichenden Meinung wie in der islamischen Welt. Es wird nicht diskutiert, es wird stigmatisiert und gemauert.“ (22). Derzeit sei keiner in der Lage, diese Mauern der Angst zu durchbrechen. Auch die im Westen lebenden muslimischen Migranten klammerten sich eher an die identitätsstiftende Tradition als dass sie reformerischen Ideen Raum geben wollten. Und viele verantwortliche Politiker im Westen schreckten vor „einer ehrlichen, ergebnisorientierten und islamkritischen Debatte zurück – aus Angst vor den Keulen der Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz und aus Furcht vor einem Erstarken rechter Parteien“ (24). Sie suchten nicht den Dialog mit den Reformern, sondern mit „reaktionären und konservativen Islamverbänden“, doch diese Politik verstärke die gegen Integration wirkenden „mainstream“ Trends von Radikalisierung und der Entwicklung von Parallelgesellschaften. (25).

Khorchide hält dagegen, dass man im Blick auf die von Abdel Samad aufgezeigten Probleme, nicht von „dem Islam“ reden könne. In Geschichte und Gegenwart sei der Islam sehr differenziert zu betrachten. Da es keine „zentrale autoritäre Institution“ im Islam gebe, die festlege, was der Islam sei, müsse man „viele unterschiedliche Diskurse und Schulen“ (26) berücksichtigen und fragen „welches Verständnis sich in welchem Kontext durchgesetzt hat und durchsetzt“ (27). Khorchide nimmt Abdel Samads Kritik an den „Mauern“ im Islam auf und hält dagegen, dass diese sich nur gegen ein bestimmtes traditionelles Islamverständnis richte. Mit einer Reihe von Kritikpunkten ist er sogar einverstanden, möchte aber zeigen, dass Traditionskritik möglich sei, weil der Islam selbst eine ständige Erneuerung der Religion verlange. Dies habe schon Mohammed gefordert (er zitiert ein Hadith) und dies sei auch muslimischen Gelehrten „von Anfang an bewusst“ gewesen (Kronzeuge ist für ihn der Philosoph al-Ghazali aus dem 11. Jahrhundert)(27/28). Im Gegensatz zu Abdel Samads Charakterisierung des Islam als Religion der Hingabe und Unterwerfung, versteht Khorchide „den Islam als eine Einladung, sein Leben in Freiheit auf Gott als Quell der Liebe und Barmherzigkeit hin auszurichten“ (33). Der Koran rufe „an Hunderten von Stellen zum kritischen Reflektieren und Hinterfragen auf“ (33). Er wirft Abdel Samad vor, nur die negativen Entwicklungen zu sehen und die positiven Potenziale auszublenden. So sei doch z,B. Indonesien ein positives Beispiel für die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie. (Das würde Khorchide heute wahrscheinlich nicht mehr so sagen).

Im Verlauf des Streitgesprächs zeigt sich häufig Übereinstimmung in der Kritik an spezifischen Erscheinungsformen eines überwiegend konservativen und fundamentalistischen Islam. Doch bei jedem Thema, das die Kontrahenten anschneiden (wie oben zitiert), treten ihre kontroversen Grundpositionen deutlich hervor. Während Abdel Samad den Islam aufgrund der behaupteten Reformunfähigkeit und seinen, auf Koran und Sunna fußenden, politischen Herrschaftsansprüchen aus dem öffentlichen Raum verbannen und privatisieren will, beharrt Khorchide auf einer möglichen Reform des Islam. Der Islam müsse zu einer historisch-kritischen Interpretation des Koran und der Traditionen finden und die Mündigkeit und Selbstständigkeit der Gläubigen fördern. Es geht Khorchide, wie anderen Reformern auch, um die Neuentdeckung und Freilegung des spirituell-ethischen Kerns des Islam. Von dieser Position aus lassen sich seiner Meinung nach die anstößigen Teile des Islam (z.B. Dschihad, Gewalt) im metaphorischen, allegorischen Sinne deuten und dürfen nicht literalistisch-(buchstäblich) dogmatisch verstanden werden. Der Islam habe, gerade auch im Rückgriff auf eine reiche, rationalistische Philosophietradition, intellektuelles Reformpotential. So könne ein neuer Islam entstehen, der friedlich sei und „mit sich, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt im Einklang“ stehe (281): „Ein so verstandener Islam muss sich für Gerechtigkeit, für Freiheit, für die Gleichberechtigung aller Menschen, für die Bewahrung der Menschenwürde und der Schöpfung einsetzen.“ (288). Abdel-Samad, der den Islam „als spirituelle Kraft nicht beseitigen“ will, ja ihn durchaus als „gewinnbringend für Muslime“ bewertet (298), sieht dagegen keine Chance einen in Geschichte und Gegenwart mit politischen Macht- und Herrschaftsansprüchen auftretenden Islam reformieren zu wollen. Für ihn gibt es nur die Option verstärkter Säkularisierung und Laisierung sowie den Rückzug des Islam (und aller Religionen) aus der Politik.

Fazit: Auch für den mit der Materie nicht vertrauten Leser, bietet das Buch eine Fülle von Argumenten für die Zukunft des Islam im Allgemeinen und das pro und contra eines Reformislam im Besonderen. Die thematisch gute Gliederung erlaubt auch die selektive Konzentration auf einzelne Streitfragen (Thesen) und ist m.E. gerade für die Erwachsenenbildung gut geeignet. Die Lektüre führt zu einer anhaltenden Spannung beim Leser und motiviert ihn zur Formierung eines Standpunktes. Manche werden sich auf die eine oder andere Seite schlagen. Oder in einem unentschiedenen „sowohl als auch“ beharren. Im Blick auf die gravierende Polarisierung unserer Gesellschaft und Politik („Gehört der Islam zu Deutschland?“) ist dieses Buch eine Anleitung, wie substantielle kontroverse „Islamdiskurse“ jenseits von platten Verallgemeinerungen, Vorurteilen und Verfeindungen geführt werden sollten. Das ist ein Hoffnungszeichen. Nur in einer offenen, freien und demokratischen Gesellschaft kann ein solches Buch erscheinen und ist eine solche Streitkultur möglich. Diese mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu verteidigen, sollte Aufgabe und verbindliche Verpflichtung aller sein. Darin sind sich Mouhanad Khorchide und Hamed Abdel-Samad einig.

Gastbeitrag von: Dr. Johannes Kandel

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