„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Rosalind Hursthouses tugendethische Kritik an der Konzeption des moralischen Status als Kritik am Utilitarismus Peter Singers

1. Einleitung

Der Diskurs über den moralischen Status war stets auch ein Diskurs über den moralisch richtigen Umgang mit dem nicht-menschlichen Tier (hiernach: Tier) und reicht bis in das antike Griechenland zurück. Schon um 500 v. Chr. postulierte Pythagoras die moralische Falschheit des Fleischessens, da Tiere als beseelte Verwandte des Menschen nicht zu töten seien (vgl. Bruers, Born free and equal?, S. 1; Herman (Hg.), Plutarchs moralische Abhandlungen, S. 488).

Doch systematische Ausarbeitungen tierethischer Reflexionen entstanden erst in den 1970er Jahren; als Ryder den Begriff des Speziesismus vorstellte und Singer diesen mit der Publikation von Animal Liberation (1975) öffentlich prägte (vgl. Bruers, Born free and equal?, S. 1). Infolgedessen entstand ein mannigfaltiger, jährlich wachsender Diskurs der Tierethik (vgl. Beauchamp, OHAE, S. 3), der im Falle von Peter Singers utilitaristischer Theorie auf einer Konzeption des moralischen Status der Entitäten basiert. 

Demgegenüber vertritt Rosalind Hursthouse eine tugendethische Theorie, die das Konzept des moralischen Status in Gänze verwirft und kontextsensitiv für moralische Berücksichtigung von Tieren argumentiert. „Moral status is a concept that moral philosophy is better off without“ (Hursthouse, VETA, S. 120).

Ebendiese tugendethische Kritik an der Konzeption des moralischen Status bildet das zentrale Thema dieser Arbeit. Ich werde sie über den Kontext der Tierethik hinaus als Kritik am Utilitarismus Peter Singers betrachten und die Frage beantworten, inwieweit Hursthouses Kritik an der Zuschreibung eines moralischen Status zugleich Kritik am Utilitarismus darstellt und ob diese Kritik überzeugen kann. 

Ich werde letztlich zu dem Schluss kommen, dass die tugendethische Statuskritik gleichsam eine überzeugende Kritik am Utilitarismus darstellt.  

Dazu führe ich in Kapitel 2 zunächst in die Konzeption des moralischen Status ein, um dann in Kapitel 3 Singers Präferenzutilitarismus zu umreißen. Nachfolgend werde ich in Kapitel 4 darlegen, wie Singer im Rahmen seines Utilitarismus den moralischen Status einer Entität ermittelt und welche Funktionen er dort erfüllt. In Kapitel 5 werde ich Hursthouses Tugendethik skizzieren und ihre Kritik am moralischen Status in Kapitel 6 folgen lassen. Anschließend werde ich ihre Kritik in Kapitel 7 auf den Utilitarismus beziehen, indem ich einige utilitaristische Probleme, welche sich aus der Konzeption des moralischen Status ergeben, mittels Hursthouses Tugendethik auflöse. Abschließend werde ich in Kapitel 8 meine Evaluation der Hursthouseschen Kritik formulieren und dabei die Leitfrage beantworten.

2. Der moralische Status

Bevor ich zu spezifischen Erläuterungen des moralischen Status im Kontext von Singers Utilitarismus übergehe, ist es sinnvoll, zunächst allgemein über die Konzeption des moralischen Status zu informieren.

Wie schon in der Einleitung angeführt, basiert eine jede utilitaristische, wie deontologische Moraltheorie auf der Konzeption des moralischen Status von Entitäten. Denn erst vermittelst des moralischen Status definiert die Theorie ihren Anwendungsbereich, d.i. die Gegenstände ihrer Anwendung. Der moralische Status stellt somit die Weiche zwischen moralischer Berücksichtigung und moralischer Nichtigkeit. Zur Verdeutlichung eine Illustration:

Sowie ein Beispiel: Zu sagen, dass ein Hund moralischen Status hat, ist zu sagen, dass ein Hund moralische Berücksichtigung verdient. Die Interessen, das Wohlergehen des Hundes sind moralisch relevant und müssen ernstgenommen werden (vgl. DeGrazia, Animal Rights, S. 13). Wie diese Berücksichtigung schließlich ausfällt, bestimmt die jeweilige Moraltheorie. Mehr dazu in Kapitel 4 und 6.

Doch wie ermittelt man den moralischen Status? Die von Jeremy Bentham geprägte und von Singer übernommene Standardmethode dieser Evaluation bildet die Bezugnahme auf eine oder mehrere Eigenschaften der in Frage stehenden Entität. Somit konstituiert der Besitz bestimmter, moralisch relevanter Eigenschaften den moralischen Status, d.i. die moralische Bedeutsamkeit einer Entität.

Einerseits erscheint die Standardmethode, wie auch die Zuschreibung eines moralischen Status, plausibel. Die große Anzahl an Moraltheorien, die sich ebenfalls auf diese Säulen stützen, belegt die Plausibilität.

Andererseits haben diese Theorien Anwendungsprobleme deutlich gemacht (vgl. Beauchamp, OHAE, S. 11) und lassen vermuten, dass die Konzeption des moralischen Status mit Hinblick auf praktische Probleme hinderlich sein könnte.

„ It could be that the objective in theories of moral status of showing which creatures matter morally may not be as fruitful in advancing practical (by contrast to theoretical) issues of how animals should be treated. Perhaps we do not need any kind of account of moral status in order to address the mo-ral problems”

(Beauchamp, OHAE, S. 11).

Ist die Konzeption des moralischen Status nützlich? Darüber Klarheit zu gewinnen, werde ich in den folgenden Kapiteln anstreben und beginne, indem ich zunächst Singers Präferenzutilitarismus umreiße und dann die Funktion des moralischen Status innerhalb seiner Theorie darlege, wie sie in der 2. Auflage seiner Practical Ethics (1993) geschildert wird.

3. Singers Präferenzutilitarismus

Der Präferenzutilitarismus (lt. utilitas: Nutzen, Vorteil) ist eine ethische Theorie, die Handlungen ausschließlich an ihren Konsequenzen bemisst (Konsequenzialismus). Daher ist diejenige Handlung die beste, welche per Saldo die besten Konsequenzen für alle Betroffenen herbeiführt, d.i. den aggregierten Gesamtnutzen maximiert (Nutzenaggregation & -maximierung).

Während die hedonistischen Utilitaristen den Nutzen als “Freude (pleasure) und (…) Vermeidung von Schmerzen bzw. Leid“ (Schroth, Texte zum Utilitarismus, S. 9) definieren, bezeichnet dieser im Falle Singers die Erfüllung von Präferenzen (=Wünsche, Interessen). Das sind alle generellen rationalen und emotionalen Interessen einer Person, wie etwa das grundlegende rationale Lebensinteresse oder auch das Interesse Philosophie zu studieren.

Diese werden gleichwertig im moralischen Kalkül des Präferenzutilitarismus abgewogen (Prinzip der gleichen Interessenabwägung / Universalismus). Heißt: Meine Präferenzen zählen nicht mehr als gleich gewichtige Präferenzen von anderen Personen. Damit wird Singer seinem Anspruch eines universellen, ethischen Prinzips gerecht.

Während seine Theorie in Animal Liberation (1975) noch rein präferenzutiliaristisch war, wurde sie in seiner Practical Ethics (1979) um einen hedonistisch-utilitaristischen Aspekt erweitert. 

Dieser ergibt sich aus Singers Erkenntnis, dass die moralische Falschheit des Tötens eines Wesens nicht nur an dessen Empfindungsfähigkeit, sondern besonders an dessen Selbstbewusstsein gekoppelt sein muss.

Das weitere Kriterium des Selbstbewusstseins führt Singer schließlich dazu „insbesondere im Hinblick auf die Tötungsfrage zwischen einem hedonistischen Glückssummen- und einem Präferenzutilitarismus und infolgedessen drei Lebenswertklassen zu unterscheiden“ (Düwell, Hübenthal, Werner (Hg.), Handbuch Ethik, S. 289).

Diese Lebenswertklassen, nachfolgend Kategorien genannt, werde ich im folgenden Kapitel erläutern.

4. Der moralische Status in Singers Utilitarismus

Im Rahmen seiner utilitaristischen Theorie untergliedert Singer die Allheit der Entitäten in drei Kategorien moralischen Status: (1) Personen, (2) bewusste / empfindende Wesen und (3) nicht empfindungsfähige Entitäten (vgl. Flury, MST, S. 114).

Wie gelangt er zu dieser Untergliederung? Für Singer sind (absteigend) Selbstbewusstsein und Bewusstsein / Leidensfähigkeit die moralisch relevanten Eigenschaften. Durch Prüfung der in Frage stehenden Entität hinsichtlich dieser beiden Fähigkeiten, ermittelt Singer den moralischen Status einer Entität und differenziert zwischen drei Kategorien:

(1) Eine Person ist selbstbewusst, d.i. sie ist sich ihrer selbst als einer distinkten Entität bewusst, mit Vergangenheit und Zukunft. Sie verfügt also über in die Zukunft gerichtete Bewusstseinsvorgänge, wie Pläne und Wünsche. Eine Person hat daher den höchsten moralischen Status und ist direkt moralisch zu berücksichtigen (vgl. Singer, PE, S. 145 f.). Zu dieser höchsten Kategorie zählt der gesunde, erwachsene Mensch, aber auch große Menschenaffen, Wale und Delphine, wobei auch Hunde, Katzen und Schweine einbezogen werden können (vgl. Flury, MST, S. 114). So betont Singer, dass es sich „bei den großen Menschenaffen (…) am eindeutigsten [auch] um Personen [handele], aber (…) es auch bei einigen anderen Spezies Anzeichen für das Vorhandensein von in die Zukunft gerichteten Bewusstseinsvorgängen [gebe]“ (Singer, PE, S. 186).

(2) Ein bewusstes / empfindendes Wesen besitzt die Fähigkeit Schmerzen und / oder angenehme Gefühle zu verspüren. Aufgrund dieser hedonistischen Zustände hat das empfindende Wesen die Präferenz nicht leiden zu wollen und gleichsam moralischen Status. Das bloß bewusste Wesen ist daher auch direkt zu berücksichtigen. Zu dieser Kategorie zählt Singer die Säugetiere der heutigen Intensivtierhaltung und die meisten Versuchstiere.

(3) Eine nicht empfindungsfähige Entität ist unfähig Reize als angenehm oder unangenehm zu empfinden. Sie hat entsprechend keinen moralischen Status, kann aber indirekt zu berücksichtigen sein. Zu dieser Kategorie zählen alle niederen Tiere unterhalb der Muschel, sowie alle Pflanzen und die gesamte unbelebte Natur, wie Steine und Artefakte.

Bis hierhin habe ich gezeigt, wie Singer den moralischen Status einer Entität ermittelt und kann nun damit fortschreiten, die Funktion des moralischen Status bei Singer zu erläutern.

Wie in Kapitel 2 beschrieben, erfüllt der moralische Status stets die Funktion einer Weichenstellung zwischen moralischer Berücksichtigung und moralischer Nichtigkeit. Im konkreten Fall Singers heißt dies folgendes:

Entitäten der Kategorie (3) sind für sich genommen moralisch nichtig, da sie keine moralisch relevanten Eigenschaften besitzen. Aber steht eine solche Entität in entscheidender Verbindung mit einer Person (1) oder einem bewussten Wesen (2), so kommt der Entität (3) indirekt moralische Berücksichtigung zu.

Wir stellen uns vor: Ein obdachloser Mensch sucht täglich einen Brunnen auf, um daraus zu trinken. Ohne den Brunnen wird er sterben. Obwohl der Brunnen eine nicht empfindungsfähige Entität, und damit nicht direkt moralisch relevant ist, kommt ihm durch seine entscheidende Verbindung zu einer Person (1) indirekt moralische Relevanz zu. Es wäre somit moralisch falsch, den Brunnen zu zerstören. Nicht aber um des Brunnens willen, sondern weil der obdachlose Mensch sterben würde.

Zur Verdeutlichung ein Schaubild:

Während Entitäten der Kategorie (1) und (2) immer direkt moralisch relevant sind, sind Entitäten der Kategorie (3) nur im Falle einer entscheidenden Verbindung zu einer Entität der Kategorien (1) oder (2) relevant. Im Umkehrschluss: Jede Entität kann moralisch relevant sein.

Entgegen der Entitäten in Kategorie (3) bedürfen bewusste Wesen (2) und Personen (1) keiner besonderen Relation zu anderen Entitäten und sind stets moralisch zu berücksichtigen. Dennoch unterscheidet Singer diese beiden Kategorien, da sie hinsichtlich der Tötungsfrage verschieden zu handhaben sind:

(1) Personen zu töten ist falsch, weil diese, als zukunftsorientierte Wesen, die Präferenz haben, als distinkte Entitäten weiter zu existieren (Lebenswille). Wer eine Person tötet, durchkreuzt diese grundlegende Präferenz und handelt moralisch falsch. Dennoch kann es in Einzelfällen moralisch geboten sein, eine Person zu töten. Etwa, im Falle eines mordenden Diktators, dessen Existenz gleichsam die Durchkreuzung zahlreicher Lebenspräferenzen darstellt. Auch für Personen gilt: Diejenige Handlung ist moralisch richtig, die die Gesamtmenge erfüllter Präferenzen maximiert.

(2) Bewusste Wesen verfügen über hedonistische Zustände (Freude / Leid), welche sie moralisch relevant machen. Aufgrund des Mangels an Zukunftsorientierung ist das schmerzlose Töten nur dann moralisch falsch, wenn die durchkreuzten Präferenzen nicht durch die Neuschaffung von Wesen mit mindestens gleich viel erfüllten Präferenzen ersetzt werden. Dies gründet sich auf Singers Ansicht, dass die schmerzlose Tötung im Falle bloß bewusster Wesen keine Untat an ihnen selbst darstellt. Doch Singers hedonistischer Glückssummenutilitarismus macht die Tötung eines nur bewussten Wesens moralisch falsch, wenn dieses nicht durch ein anderes Wesen mit mindestens eben so viel Glück (= erfüllte Präferenzen) ersetzt wird. Denn eine Handlung ist moralisch falsch, wenn sie die Gesamtmenge erfüllter Präferenzen verringert.

Es ist also festzuhalten, dass sich Singer der Konzeption des moralischen Status bedient, um zunächst zwischen (A) moralisch relevanten und (B) moralisch nichtigen Entitäten zu unterscheiden. Dies knüpft Singer nicht an die Zugehörigkeit zur Spezies Homo Sapiens (Speziesismus), sondern an moralisch relevante Eigenschaften: Selbstbewusstsein und Bewusstsein / Empfindungsfähigkeit. Die Präferenzen ersterer Gruppe (A) sind moralisch relevant und müssen, dem Prinzip der gleichen Interessenabwägung folgend, im utilitaristischen Kalkül berücksichtigt werden.

Überdies differenziert er innerhalb dieser Gruppe (A) zwischen (1) selbstbewussten und bloß (2) bewussten Entitäten und gesteht ersteren, aufgrund ihrer in die Zukunft gerichteten Bewusstseinsvorgänge einen besonderen moralischen Status dazu: Den moralischen Status der Person.

Es ergibt sich also folgende moralische Unterscheidung: Bezüglich einer Person stellt der Tod das größte Übel dar. Bezüglich eines bloß bewussten Wesens stellt Schmerz das größte Übel dar.

Nun, da ich die Funktion des moralischen Status innerhalb Singers utilitaristischer Theorie erläutert habe, werde ich zunächst Hursthouses Tugendethik vorstellen und anschließend ihre Kritik am moralischen Status darlegen.

5. Hursthouses Tugendethik

Hursthouses neo-aristotelische Tugendethik ist eine ethische Theorie, die Handlungen danach bemisst, inwiefern sie tugendhaft („virtuous“) und lasterhaft („vicious“) sind. Diejenige Handlung ist die richtige, welche von einer Tugend motiviert ist und der entsprechenden V-Rule folgt, also tugendhaft ist.

Als Tugend (vom gr. arête) versteht Hursthouse nicht bloß Dispositionen zur richtigen Handlung, sondern vortreffliche Charakterzüge, die für ein glückliches, blühendes Leben (Eudaimonia) benötigt werden (vgl. Hursthouse, VTA, S. 226). „An excellent chracter trait is a strongly entrenched dispositional state of a person“ (Hursthouse, VETA, S. 126). Dieser veranlasst die Person, stets in Übereinstimmung mit der entsprechenden Tugend zu handeln, d.i. den V-Rules zu folgen. Beispielsweise ergibt sich aus der Tugend des Mitgefühls die V-Rule: Handle mitfühlend. Weitere Tugenden sind z.B.: Mitgefühl, Integrität, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe.

Wer über einen vortrefflichen Charakterzug verfügt, handelt stets so tugendnah, wie es im gegebenen Kontext möglich ist, d.i. er handelt praktisch weise (Phronesis). Denn „something that is excellent is as good of its kind as it could be reasonably expected to be” (Hursthouse, VETA, S. 126). Das heißt: Derjenige Mensch, welcher zurecht als mitfühlend beschrieben wird, tut konsequent, was kontextsensitiv mitfühlend ist. Er verfügt über den vortrefflichen  Charakterzug des Mitgefühls, d.i. die Tugend des Mitgefühls.

In folgendem Szenario wird Hursthouses Tugendbegriff klar: Wir finden ein schwerverletztes Tier. Es ist gewiss, dass das Tier nicht zu retten ist und unter Schmerzen sterben wird. Verfügten wir bloß über den moralisch guten Charakterzug des Mitgefühls, so könnten wir unfähig sein, das Leben des Tieres zu beenden. Wir wären „zu mitfühlend“. Doch, wenn wir über die Tugend des Mitgefühls verfügen, können wir kontextsensitivpraktisch weise moralisch bewerten und handeln. Im gegebenen Szenario würden wir das Leben des Tieres beenden und es dadurch von seinem Leiden befreien.

Kurzum: „What it is right to do is what a virtuous agent would do in the circumstances“ (Hursthouse, VETA, S. 127).

Die nachfolgende Grafik veranschaulicht die Zusammenhänge innerhalb Hursthouses Tugendethik und zeigt, wie die Tugend zur moralisch richtigen Handlung führt:

Im Kontrast zum Präferenzutilitarismus Singers ist hervorzuheben, dass Hursthouses Tugendethik (a) den Fokus nicht auf Handlungen, sondern auf den moralischen Akteur richtet, (b) Handlungen nicht anhand ihrer Konsequenzen, sondern kontextsensitiv anhand ihrer Tugendhaftigkeit bemisst, (c) die moralische Relevanz einer Entität nicht an deren Eigenschaften koppelt, sondern im moralischen Subjekt, dem Menschen, und dessen Handlungskontext verortet, (d) die Motivation einer Handlung nicht unbeachtet lässt, sondern als moralisch konstituierend ansieht (vgl. Louden, Kant’s Virtue Ethics, S. 476) und summa summarum (e) weniger eine Ethik der richtigen Handlung, als eine Ethik des guten Charakters ist (vgl. Coeckelbergh, Growing Moral Relations, S. 27).

In diesem Kapitel habe ich die theoretische Basis von Hursthouses Kritik am moralischen Status erläutert und werde nun dazu übergehen, die Kritik selbst darzulegen, um diese im anschließenden Kapitel 7 als Kritik am Utilitarismus darzustellen.

6. Hursthouses Kritik am moralischen Status

Wie eingangs erwähnt, weist Hursthouse die Konzeption des moralischen Status in Gänze zurück. Ihrer Ansicht nach, stiege die Qualität des ethischen Diskurses, wenn wir die Konzeption des moralischen Status entfernten. Doch worauf stützt sie diese These?

Die grundsätzliche Funktion des moralischen Status bildet die Differenzierung von (A) moralisch relevanten und (B) moralisch nichtigen Entitäten. In Animal Liberation (1975) argumentiert Singer dafür, dass die Eigenschaft der Empfindungsfähigkeit hinreichendes Kriterium ist, um zu Gruppe (A) gezählt zu werden. So kann Singer seine moralischen Prinzipien auch auf empfindsame Tiere anwenden.

Aber nach Hursthouse bildet diese einfache Unterscheidung zwischen (A) und (B) eine massive Unterschätzung der Bandbreite von Eigenschaften, die kontextabhängig moralisch relevant sein können.

Wenn etwa zwei Entitäten von (A) konkurrierende Forderungen an uns stellen, sind wir nicht unfähig moralisch richtig zu entscheiden. Denn es mag der Fall sein, dass eine Entität, über die Empfindungsfähigkeit hinaus, (mindestens) ein weiteres Merkmal aufweist, dass uns berechtigt, oder sogar zwingt, dieser Entität moralische Priorität zu gewähren (vgl. Hursthouse, VETA, S. 121).

Singer erkennt dieses Kollisionsproblem in der zweiten Auflage seiner Practical Ethics (1993) an und untergliedert (A) in zwei Subkategorien, nämlich in (1) Personen und (2) bloß bewusste Wesen (vgl. Kapitel 4).

Doch damit holt er, nach Hursthouse, lediglich die quasi-kantische Unterscheidung zwischen Personen und Nicht-Personen in die Kategorie moralisch relevanter Entitäten. Zwar entgeht Singer damit dem Speziesismus, doch propagiert er stattdessen „animal elitism“. Denn in seiner Theorie sind einige Tiere gleichgestellter („more equal“), als andere (vgl. Hursthouse, VETA, 139). Man mag fragen, was daran falsch sei, höher entwickelten Tieren zugleich einen höheren moralischen Status zuzuschreiben.

Hursthouse sieht dabei zwei Mängel: 1) Grundsätzlich ist die Auswahl der anerkannten Eigenschaften mangelhaft (vgl. Hursthouse, VETA, S. 139) und überdies 2) ist die Zuschreibung des moralischen Status nicht nur das Identifizieren einiger Eigenschaften, die oft moralisch relevant sind. Es ist das Identifizieren und Einstufen („ranking“) dieser Eigenschaften, sowie ihrer Besitzer. Das ist, was der moralische Status letztlich macht (vgl. Hursthouse, AVETA, S. 139). Er führt zu einer Rangliste der moralischen Relevanz.

Entgegen einer solchen Rangliste lehnt es die Tugendethikerin ab, dass gewisse Unterschiede zwischen etwa Hund und Mensch, immer garantieren, dass es der Hund ist, der im Konfliktfall unterliegt, weil er einen geringeren moralischen Status hat.

Denn letztlich ist es so, dass wir moralisch relevante Unterschiede ad hoc als solche im jeweiligen Kontext identifizieren können, ohne uns dafür einer Rangliste der moralischen Relevanz bedienen zu müssen (vgl. Hursthouse, AVETA, S. 139).

So ist es nach Hursthouse in manchem Kontext notwendig, sogar innerhalb der Menschen, den Personenstatus als moralische relevante Eigenschaft zur Unterscheidung zu nutzen.

Doch deswegen muss man Singer nicht zustimmen und annehmen, dass die Person stets stärkere Moralansprüche habe. Manchmal hat sie das – etwa, wenn wir ihre Autonomie respektieren müssen. Doch manchmal hat sie das nicht – etwa, wenn eine Nicht-Person besondere Fürsorge und Schutz bedarf (vgl. Hursthouse, VETA, S. 122 f.).

In diesem letzten Absatz findet sich die Quintessenz der tugendethischen Kritik: Die Konzeption des moralischen Status evaluiert die Moralansprüche einer Entität ohne Berücksichtigung ihres Kontexts und kann somit nicht als Werkzeug zur Ermittlung der kontextabhängigen Moral dienen. Mit anderen Worten: Der moralische Status einer Entität wird außerhalb ihres Kontexts festgelegt, obwohl die moralisch richtige Handlung, samt Kontext dynamisch ist. Dadurch kann die Konzeption des moralischen Status den realen Forderungen an die Moral nicht gerecht werden.

Ob diese tugendethische Kritik am moralischen Status zugleich wirkungsvoll auf statusbedingte Probleme des Utilitarismus angewendet werden kann, werde ich im Folgenden erörtern und dabei über das Anwendungsgebiet der Tierethik hinausgehen.

7. Tugendethische Kritik am Utilitarismus

Meine tugendethische Kritik am Utilitarismus knüpft an drei Probleme des Utilitarismus Singers an, welche sich aus der Konzeption des moralischen Status ergeben: 7.1 Das Problem der Ersetzbarkeit, 7.2 Das Problem der Parteilichkeit und 7.3 Das Problem des Schwangerschaftsabbruchs. Als „Problem“ verstehe ich hierbei eine fragwürdige Moralforderung. Meine tugendethische Kritik am Utilitarismus ist also insofern eine Kritik, als dass sie Probleme des Utilitarismus vermittelst der Tugendethik überwindet. Dabei ist sie entsprechend der drei Probleme in drei Abschnitte aufgeteilt. Jeder Abschnitt besteht aus der Darstellung eines utilitaristischen Problems und der jeweiligen, tugendethischen Lösung desselben.

7.1. Problem der Ersetzbarkeit

Wie in Kapitel 4 näher erläutert, sieht Singer den moralischen Status, d.i. die moralische Relevanz bloß bewusster Wesen allein in deren Empfindungsfähigkeit begründet. Damit ist ihre moralische Berücksichtigung an hedonistische Zustände gekoppelt und auf diese reduziert. Gleichsam findet diese moralische Berücksichtigung nur im Rahmen eines hedonistischen Glückssummen-utilitarismus statt. Heißt: Eine Handlung, welche bloß bewusste Wesen betrifft, ist nur dann falsch, wenn dadurch die Summe des existierenden Glücks (= Freude) reduziert wird.

Hinsichtlich der Tötungsfrage wird das Problem akut, denn Singer gelangt zu der intuitiv fragwürdigen Sichtweise, dass ein bloß bewusstes Individuum, wie etwa ein Huhn, an sich moralisch nichtig ist. Denn die Falschheit des Tötens des Huhns liegt nicht darin begründet, dass ein Leben beendet würde oder dem Huhn eine Untat widerfahre, sondern vielmehr darin, dass es „(e)in moralisches Unrecht der abstrakten Entität der Summe erfüllter Präferenzen gegenüber [sei] (Flury, MST, S. 168).

Bildlich gesprochen sind bloß bewusste Wesen an sich wertlose Gefäße für den allein wertvollen Inhalt der Gefühle (= hedonistische Zustände). Somit „ist die Tötung eines Wesens (die Vernichtung eines solchen Gefäßes) moralisch legitim, solange nur der Inhalt erhalten bleibt“ (Flury, MST, S. 153).

Heißt konkret: Singers Utilitarismus hält das Töten eines Huhns für moralisch unbedenklich, wenn ein Ersatz des Glücks geschaffen wird (Ersatzargument).

Ein solcher Ersatz kann die Schaffung eines oder mehrerer Wesen darstellen, die in Summe so viel Glück in das utilitaristische Kalkül einbringen, wie es zuvor das Huhn tat. Die Verteilung des Glücks ist dabei nicht relevant. So ist es legitim, die Tötung eines sehr glücklichen Huhns, durch das Schaffen von 10 mittelmäßig glücklichen Hühnern auszugleichen. Das erscheint suspekt.

Die Tugendethik dagegen hält den Akt des Tötens grundsätzlich für moralisch bedenklich, da er oft im Widerspruch zur Tugend des Mitgefühls steht.

Sie ermittelt keine „moralisch relevanten Eigenschaften“ der betroffenen Entität und kalkuliert nicht mit hedonistischen Zuständen. Ihr Fokus ist auf den moralischen Akteur gerichtet und so bedient sie sich keiner festgelegten Handlungsanleitung, sondern ermittelt die moralisch richtige Handlung immer wieder neu – basierend auf den (a) Tugenden, (b) der Beziehung des moralischen Akteurs zur betroffenen Entität und (c) in ihrem jeweiligen Handlungskontext.

Der tugendhafte Akteur fragt sich „Wenn ich das Huhn tötete, handelte ich gerecht oder ungerecht, mitfühlend oder gefühllos, gütig oder herzlos (usw.)?“ und handelt entsprechend. Daher hält die Tugendethik das Töten eines Huhns, für:

(1) moralisch falsch, etwa, wenn das Tier gesund war und zum Vergnügen erschossen würde. Eine solche Handlung wäre von keiner Tugend motiviert und boshaft. Auch das Erschaffen zweier anderer Hühner würde diese Handlung nicht moralisch rechtfertigen.

(2) moralisch geboten, etwa, wenn das Tier von einem Fuchs angegriffen wurde und die entstandenen Wunden unter großen Schmerzen zum Tod führen werden. Eine solche Handlung wäre von der Tugend des Mitgefühls motiviert und daher (vortrefflich) mitfühlend.

7.2. Problem der Parteilichkeit

Singer vertritt die Auffassung, dass Ethik von einem universellen, objektiven Standpunkt aus, agieren müsse. Entsprechend ist Unparteilichkeit / Universalität ein zentraler Teil seiner utilitaristischen Theorie.

Sie manifestiert sich insbesondere im Prinzip der gleichen Interessensabwägung: Im Falle einer Handlung sind die Präferenzen aller Beteiligter gleichwertig zu berücksichtigen. Heißt: Meine Präferenzen zählen nicht mehr als gleich gewichtige Präferenzen von anderen Personen und die Präferenzen meiner Mutter zählen nicht mehr, nur weil sie meine Mutter ist.

Es ist ersichtlich, dass der Universalitätsanspruch zwar dazu führt, die Benachteiligung von Individuen, die etwa in deren Aussehen begründet sein könnte, moralisch abzulehnen.

Doch er führt auch dazu, die Bevorzugung von Individuen, die etwa in ihrer Zugehörigkeit zu unserer Familie begründet sein könnte, moralisch abzulehnen.

Denn in beiden Fällen wird Partei ergriffen und nicht von einem universellen, objektiven Standpunkt aus, agiert. 

„It appears, that utilitarianism replaces the value of partial relationships with a cold, moral bureaucracy, in which everyone is treated equally” (Anonym, No Love for Singer, S. 1).

Die angesprochene Kälte wird in folgendem Szenario klar: Die Titanic ist untergangen. Eine Frau konnte sich auf die einzige Eisscholle retten. Ihr Neugeborenes, sowie eine weitere Frau befinden sich noch im tödlich kalten Wasser. Doch die Eisscholle bietet nur Platz für das Neugeborene oder die andere Frau.

Nach Singer wäre es ein Bruch des Universalitätsgedankens das Neugeborene aufgrund von dessen besonderer Beziehung zu bevorzugen. Daher ermittelt er objektiv die moralischen Status der Entitäten: Die Frau ist eine Person und verfügt über in die Zukunft gerichtete Präferenzen. Das Neugeborene ist ein bloß bewusstes Wesen, es hat (noch) kein Selbstbewusstsein und seine moralische Relevanz besteht lediglich in den hedonistischen Gefühlen, die es beinhaltet. Die präferenzutilitaristisch, moralisch geforderte Handlung ist es daher, die Frau zu retten und das (eigene) Kind sterben zu lassen.

Diese Handlung ist aus tugendethischer Sicht absolut moralisch falsch. Im Gegensatz zu Singers Theorie sichtet die Tugendethik zwar auch die Eigenschaften des Neugeborenen, doch sie leitet daraus nicht etwa einen geringeren moralischen Status und geringere moralische Relevanz ab, sondern konträr dazu besondere moralische Verpflichtungen an den moralischen Akteur. Sie verpflichtet den tugendhaften Menschen besondere Fürsorge zu zeigen und schon deswegen, das Neugeborene zu retten.

Überdies ist es im dargestellten Szenario so, dass es sich nicht um ein beliebiges Neugeborenes handelt, sondern um das eigene Kind. Wiederum im Gegensatz zum Utilitarismus, spricht die Tugendethik einer solchen besonderen Beziehung eine entscheidende moralische Relevanz zu.

Daher ist es (zweifach) geboten, das eigene Kind zu retten und die Frau ihrem Schicksal zu überlassen.

7.3. Problem des Schwangerschaftsabbruchs

Nach Singer ist die Zugehörigkeit zur Spezies Homo Sapiens nicht hinreichend für die Zuschreibung eines moralischen Status. Diese Vorgehensweise nennt Singer speziesistisch, denn sie gesteht Individuen, aufgrund einer moralisch irrelevanten Eigenschaft, moralische Stellung zu. Singer zufolge ist der „absolut[e] Schutz des [menschlichen] Lebens (…) Ausdruck einer klar definierten christlichen Haltung und nicht etwa ein universaler moralischer Wert ist“ (Singer, PE, S. 277).

Wie ich in Kapitel 4 erläuterte, ist der moralische Status in Singers Theorie daher an den Besitz bestimmter, speziesübergreifender Eigenschaften gekoppelt; namentlich Selbstbewusstsein und Bewusstsein / Empfindungsfähigkeit. In ihnen sieht Singer die moralische Relevanz einer Entität verankert.

Somit ergibt sich für Singer im Falle des Schwangerschaftsabbruchs Folgendes: Frühestens ab der 18. Schwangerschaftswoche kann der Fötus Schmerzen empfinden, da erst in dieser Zeit die dafür nötigen, synaptischen Hirnverbindungen erwachsen (vgl. Singer, PE, S. 248). Für Singer bedeutet dies, dass dem Fötus vor diesem Zeitpunkt, weder der Personenstatus, noch der eines bloß bewussten Wesens zukommt. Der Fötus ist ein nicht empfindungsfähiges Wesen und moralisch höchstens indirekt relevant; nämlich durch eine Verbindung zu einer direkt moralischen Entität. Der Schwangerschaftsabbruch ist während dieser Phase moralisch unbedenklich.

Nachdem der Fötus die moralisch relevante Eigenschaft der Empfindungsfähigkeit und damit moralischen Status erlangt hat, ist er direkt moralisch zu berücksichtigen. Da er nun über die Präferenz verfügt, nicht zu leiden, muss diese „in gleicher Weise berücksichtigt werden, wie wir die Interessen von [bloß bewussten /] empfindungsfähigen, aber nicht-selbstbewussten, nichtmenschlichen Tieren in Betracht ziehen“ (Singer, PE, S. 249).

Heißt: Die Schwangerschaft darf auch in dieser Phase abgebrochen werden,

(1)  wenn die Präferenz des Fötus moralisch berücksichtigt wird, d.i. die Handlung schmerzlos verläuft. Dies kann etwa durch die Injektion von Digoxin in das Herz des Fötus geschehen (vgl. Singer, PE, 249).

(2)  Wenn die Mutter des Fötus die fundamentale Präferenz hat, die Schwangerschaft abzubrechen. Denn die aktuale Präferenz der personalen Mutter überwiegt die potenziellen Präferenzen des noch bloß bewussten Fötus.

 

Ist Schwangerschaftsabbruch also präferenzutilitaristisch moralisch zu rechtfertigen? Ja, (1) und (2) vorausgesetzt.

Hursthouse vertritt dagegen die Ansicht, dass Eltern- und Mutterschaft einen intrinsischen Wert hat und Teil eines erfüllten Lebens (= Eudaimonia) ist. Doch vertritt die Tugendethik keine fixe Position, sondern entscheidet auch hier, im jeweiligen Kontext, was moralisch richtig ist. Dem Rahmen dieser Arbeit angemessen, werde ich Hursthouses kontextsensitiven Standpunkt zum Schwangerschaftsabbruch im Folgenden nicht vollends ausführen, doch eine Vorstellung der Variabilität geben und stelle dafür zwei Szenarien vor:

(a) Frau A ist unerwartet schwanger geworden. Sie hat bereits fünf Kinder und geht nach reichlich Überlegung davon aus, dass ein weiteres Kind ihre Kapazität eine gute Mutter für alle ihre Kinder sein zu können, stark beeinträchtigt. Daher entscheidet sie sich für einen Abbruch. In dieser Entscheidung manifestiert sich nach Hursthouse kein Mangel an Anerkennung des intrinsischen Werts der Mutterschaft oder Gefühlskälte, sondern die Tugend der Liebe ihren schon vorhandenen Kindern gegenüber (vgl. Hursthouse, VTA, S. 241). Der Abbruch wäre daher legitim.

(b) Frau B ist unerwartet schwanger geworden. Doch ihre Vorstellung vom guten Leben ist es, zunächst (a) glücklich verheiratet zu sein, (b) in finanziell sicheren Umständen zu leben und (c) einen interessanten Beruf zu haben, ehe sie (d) zwei Kinder bekommt: ein Mädchen und einen Jungen. Doch (a) bis (c) sind aktuell nicht gegeben, weswegen sich Frau B für einen Abbruch entscheidet. Sich an eine Wunschvorstellung klammernd, derart viel vom Leben zu fordern, ist nach Hursthouse gierig und töricht. Frau B handelt daher lasterhaft und ihr Abbruch ist unmoralisch (vgl. Hursthouse, VTA, S. 242).

Ist Schwangerschaftsabbruch also tugendethisch moralisch zu rechtfertigen?

Mancher Schwangerschaftsabbruch ist herzlos oder oberflächlich, mancher zeigt Menschlichkeit oder Liebe (a). Mancher ist Ausdruck einer gierigen Einstellung dem eigenen Leben gegenüber (b).

Die Tugendethik reduziert ihre Moral also nicht auf Eigenschaften und Präferenzen, sondern bezieht neben den Tugenden, auch intrinsische Werte, Motive und Handlungskontexte in die Entscheidungsfindung ein.

8. Fazit

Nachdem ich eingangs die Konzeption des moralischen Status vorgestellt habe, ging ich dazu über, zunächst Singers Präferenzutilitarismus und dessen spezifische Konzeption des moralischen Status darzulegen. Anschließend skizzierte ich Hursthouses Tugendethik und formulierte ihre Kritik am moralischen Status. Schließlich wendete ich die tugendethische Statuskritik auf Probleme des Utilitarismus Singers an und demonstrierte, wie die Tugendethik diese auflöst.

Den Abschluss meiner Arbeit bildet die Beantwortung der Leitfrage, zu der ich nun im Rahmen der Evaluation der Hursthouseschen Kritik, übergehen werde.

Obwohl es zunächst sinnvoll erscheint, einer Entität erst durch bestimmte Eigenschaften moralische Relevanz zuzugestehen, scheint es mir nicht richtig, dies in Form von zwei Kategorien bewussten Lebens zu tun. Denn entgegen einer solchen, scharf gezogenen Grenze zeigt die Biologie, dass es sehr verschiedenartige Ausprägungen und Entwicklungen von Bewusstsein hin zu Selbstbewusstsein gibt (vgl. Flury, MST, S. 167). So hat schon Darwins Evolutionstheorie gezeigt, dass die Unterschiede zwischen Lebewesen gradueller Natur sind, die Ausprägungen von Bewusstsein also ein Kontinuum darstellen. Entsprechend kann eine Konzeption des moralischen Status, die, der Theorie nach, an die natürliche Eigenschaft des Bewusstseins gekoppelt ist, unmöglich klare, statische Grenzen ziehen.

Schon deswegen erscheint mir die tugendethische Statuskritik plausibel, da sie explizit auf die Starrheit des moralischen Status Bezug nimmt.

Darüber hinaus sehe ich die Kritik in meinen Ausführungen in Kapitel 7 bestätigt. Dort konnte ich zeigen, dass der moralische Status, im Rahmen von Singers Utilitarismus, in mehreren Szenarien zu fragwürdigen, teils stark kontra-intuitiven Moralforderungen führt. Die tugendethische Theorie konnte in den demonstrierten Szenarien stets eine plausiblere Moralforderung formulieren.

Zudem basiert die Konzeption des moralischen Status Singers auf der Bezugnahme auf ausgewählte Eigenschaften der betroffenen Entität. Doch diesbezüglich ergeben sich allerlei Fragen: Welche Eigenschaft ist hinreichend für moralische Relevanz? Ist eine Eigenschaft je relevanter, desto menschenähnlicher sie ist? Wie können wir eine bestimmte Eigenschaft in einer Entität ermitteln?

Diese Fragen stellen sich der Tugendethik nicht. Zwar mag sie keine universellen Prinzipien und objektiven Kalküle vorbringen, doch ist sie dafür fähig, kontextsensitiv zu evaluieren. Indem sie die Moral im Subjekt des Menschen verortet, Beziehungen, Gefühle und den jeweils individuellen Handlungskontext berücksichtigt, gelangt sie zu graduell verschiedenen Moralforderungen. Damit wird sie den tatsächliche vorliegenden, graduellen Unterschieden der Natur gerechter, als es eine jede statische Theorie vermag.

Dazu bedarf es keiner Konzeption des moralischen Status; und besonders keiner statischen Konzeption - die uns zwar zunächst praktisch erscheint, es doch letztlich nicht ist. Daher stimme ich Hursthouse zu: “No group of beings has to be rubber-stamped as belonging „within the circle of our moral concern“ before we know whether our v-rules apply to its members; we know that if we know how to use the terms” (Hursthouse, Virtue and the Treatment of Animals, S. 124).

9. Literaturverzeichnis

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10. Unveröffentlichte Quellen:

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11. Internetquellen:

Anonym: „No love for Singer: The Inability of Preference Utilitarianism to Justify Partial Relationships”,

https://static.pushmepress.com/assets/docs/SINGER_and_Partiality%281%29.pdf

zuletzt geprüft am 25.03.2018.

 

Jaworska, Agnieszka, Tannenbaum, Julie 2018: „The Grounds of Moral Status“,

https://plato.stanford.edu/entries/grounds-moral-status/#Oth

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Gordon, John-Stewart: „Bioethics“,

http://www.iep.utm.edu/bioethic/#H4

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Heinle, Johannes 2016: „Der (Präferenz-) Utilitarismus Peter Singers“,

https://www.sapereaudepls.de/2016/07/15/der-präferenz-utilitarismus-peter-singers/

zuletzt geprüft am 25.03.2018.

Text und Bilder von: Daniel Zimmermann

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