„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Quines Unbestimmtheitsthesen

Willard Van Orman Quine vertrat in seinem Hauptwerk Word and Object (2. Kapitel) die These der "Unbestimmtheit der Übersetzung" (engl. indeterminacy of translation) und folgerte daraus die "Unbestimmtheit der Referenz" und die "Unbestimmtheit der Theorie".

Diese Unbestimmtheitsthesen sind als eine Kritik an Rudolf Carnaps Bedeutungstheorie zu verstehen und fundieren gleichzeitig Quines eigenen "semantischen Holismus". 

Carnap setzte sich noch damit auseinander, wie einzelne Worte adäquat vom Englischen ins Deutsche übersetzt werden können, um ihre Bedeutung zu charakterisieren. Dahingegen geht Quine davon aus, dass die Fragen nach der Bedeutung und der angemessenen Übersetzung von Worten nur vor dem Hintergrund ihres jeweiligen Gesamtzusammenhangs in der jeweiligen Sprache beantwortet werden können.

1. Das Gavagai-Gedankenexperiment

Quine stellt folgendes Gedankenexperiment an: Ein Sprachforscher soll eine radikal neue Sprache übersetzen, von der er kein einziges Wort spricht und für die es auch noch keinen Dolmetscher gibt. Er ist komplett auf die Gesten und Äußerungen der Menschen angewiesen, die diese Sprache sprechen. Also begleitet er den Alltag des Stammes und macht sich Notizen über deren Äußerungen, auf deren Grundlage er ein Wörterbuch und eine Grammatik der unbekannten Sprache erstellen will.

Der Forscher beginnt, indem er Äußerungen des Eingeborenen notiert und eine Liste von einzelnen Wörtern aufstellt, die er hypothetisch mit Wörtern seiner eigenen Sprache gleichsetzt. Als ein Kaninchen vorbeihuscht, sagt ein Eingeborener "Gavagai". Der Forscher wird das Wort noch einige Male gegenprüfen und bei Erfolg vermuten, dass Gavagai (1) "Kaninchen" bzw. "dies ist ein Kaninchen" bedeutet. Es gibt aber kein Kriterium zu entscheiden, ob Kaninchen und Gavagai den gleichen Bedeutungsumfang haben. Vollkommen übereinstimmend mit der Beobachtungsbasis könnte "Gavagai" auch bedeuten:

(2) "Dies ist ein unabgetrenntes Kaninchenteil."

(3) "Dies ist eine Instanz von Kanincheneinheit."

(4) "Dies ist ein (zeitliches) Kaninchenstadium."

(5) "Dies ist eine inkarnierte Kaninchengottheit."
(6) uvm.

2. Unbestimmtheit der Übersetzungen

Der Forscher versucht einzelne Worte ineinander zu übersetzen. Quine nennt dies auch die "analytische These" des Linguisten. Nach Quine gibt es keine konkrete Verhaltensweise, die dem Forscher zeigen könnten, wie das Wort "Gavagai" korrekt übersetzt werden muss:

(i) Die Unbestimmtheitsthese der Übersetzung: Es wäre denkbar, zwei verschiedene Übersetzungshandbücher für eine Sprache zu erstellen, die beide mit allen empirischen Daten (Verhaltensweisen und Rezeptorreizungen) übereinstimmen, obwohl sie miteinander unverträglich sind.

Die Unbestimmtheit der Übersetzung muss sich allerdings nicht zwangsweise zwischen zwei Sprachen offenbaren. Auch ein Baby ist beim Erlernen seiner künftigen Muttersprache nicht dazu in der Lage, einzelne Wörter aufgrund einer Wort-zu-Wort Übersetzungen zu erlenen. Und sogar die Kommunikation zwischen Sprechern der gleichen Sprache rechtfertigt nicht anzunehmen, dass die Worte auch in gleicher Weise verstanden werden: Sprecher derselben Sprache können von der Voraussetzung ausgehen, dass für sie dieselben Ausdrücke in derselben Weise zu verstehen sind, doch damit aneinander vorbeireden. Ein Dichter kann beispielsweise das eine meinen, und der Rezensent etwas ganz anderes verstehen. Oder ein Mann seiner Frau gewissenhaft zuhören, und trotzdem nicht verstehen, was sie eigentlich ausdrücken wollte. Auch Muttersprachler "übersetzen" die Äußerungen eines anderen Sprechers in unsere jeweils eigene Sprache, und auch hier gibt es eine Vielzahl von miteinander unverträglichen Übersetzungen, die mit den Verhaltensdispositionen der anderen Sprecher vollkommen verträglich sind.

3. Unbestimmtheit der Referenz

Die Unbestimmtheitsthese (i) mündet, wie das Gavagai-Gedankenexperiment zeigt, direkt in:

(ii) Die Unbestimmtheitsthese der Referenz: Der Gegenstandsbezug eines einzelnen Wortes ist prinzipiell unbestimmt bzw. unerforschlich.

Eine Äußerung in Verbindung mit der Beobachtung eines hoppelnden Kaninchens kann die empirische Grundlage für ganz unterschiedliche ontologische Annahmen sein, die mit den obigen Äußerungen (1) bis (5) zum Ausdruck gebracht werden. Das Demonstrativpronom "dies" bezeichnet im Fall (1) das Kaninchen als ein Individuum mit wechselnden Eigenschaften, während es sich bei (2) nur um ein Teil des Kaninchens handelt. Mit (3) geht der Sprecher davon aus, dass es abstrakte Objekte gibt und er eine Instanz dieser Abstraktheit bezeichnet. Bei (4) sind die grundlegenden Entitäten zeitliche Stadien, und was der Sprecher bezeichnet, ist genau ein solches: Alltagsobjekte sind in einer solchen Ontologie eine ununterbrochene Folge von zeitlichen Stadien. Schließlich geht ein Sprecher mit (5) von einer bestimmten religiösen Weltsicht aus, die das Tier als Instanz einer Gottheit betrachtet.

4. Unbestimmtheit der Theorie

(iii) Die Unbestimmtheitsthese der Theorie: "In demselben Maße, in dem die radikale Übersetzung von Sätzen durch die Gesamtheit der Dispositionen zu verbalem Verhalten unterbestimmt ist, sind auch unsere Theorien und Überzeugungen im allgemeinen durch die Gesamtheit der möglichen sinnlichen Belege auf immer und ewig unterbestimmt." (Quine, Wort und Gegenstand, S. 146).

Diese These lässt sich am Beispiel zweier unterschiedlicher Kosmologien erläutern. Während die erste Theorie behauptet, dass es einen endlichen kugelförmigen Raum gibt, in dem die Körper proportional zu ihrer Entfernung vom Zentrum schrumpfen, kann eine zweite Theorie auf derselben empirischen Basis die Phänomene ganz anders beschreiben: Es gibt einen unendlichen Raum und in ihm bewegliche Körper unveränderter Größe. Beide Theorien werden durch die empirische Evidenz gleich gut gestützt.

"Es ist sinnlos "zu sagen, was die Gegenstände einer Theorie sind, es sei denn, wir beschränken uns darauf zu sagen, wie diese Theorie in einer anderen zu interpretieren oder zu reinterpretieren ist."

- Quine, Ontologische Relativität, S. 73

5. Quines Holismus

Quines Philosophie bringt neben den Unbestimmtheitsthesen noch eine weitere zentrale Behauptung mit, nämlich den Holismus unserer Sprache. Während gemäß Carnap Sätze einzeln und isoliert bezüglich ihrer Bedeutung untersucht werden können, ist dies gemäß Quine sinnlos. Dies zeigt sich in seinem "Gavagai"-Gedankenexperiment. Für Quine bilden die Sätze (unserer Theorien) ein Netzwerk, in dessen Zentrum die Sätze der Mathematik und Logik stehen und dass nur an den Rändern durch Beobachtungssätze fixiert ist. Jeder Satz hängt dabei von jedem anderen Satz ab, weshalb keiner der Sätze sich vollständig isoliert von anderen Sätzen verifizieren lässt. Quines Überprüfungsholismus ist dabei auch als expliziter Widerspruch zur klassischen Verifikationstheorie zu verstehen, nach der einzelne Sätze empirisch überprüft werden können.

Quine behauptet, "dass unsere Aussage über die Außenwelt nicht als einzelne Individuen, sondern als ein Kollektiv vor das Tribunal der sinnlichen Erfahrung treten". (Quine, Zwei Dogmen des Empirismus, S. 45). Die Tatsache, dass ein Satz nur als Teil eines Satzsystemes einen Bezug zur Wirklichkeit hat, ist die These des Bedeutungsholismus: Die Bedeutung eines Satzes hängt von der aller anderen Sätze ab. Jeder der Sätze – auch ein Satz der Logik – kann revidiert werden, ist somit nicht absolut als eine notwendige Wahrheit ausweisbar. So ist beispielsweise vorgeschlagen worden, selbst logische Gesetze wie den Satz vom ausgeschlossenen Dritten aufzugeben, um etwa die Quantenphysik zu vereinfachen. Eine Modifikation der logischen Gesetze würde bedeuten, dass sich nicht nur die entsprechenden Sätze, sondern gleichzeitig auch die Regeln ändern, nach denen die Wahrheitswerte im Netzwerk propagiert werden.

Eine unplausible Konsequenz holistischer Thesen ist, dass die kleinste Veränderung der Bedeutung irgendeines Begriffs wegen der systematischen Vernetzung aller Begriffe miteinander die Bedeutung aller anderen Begriffe umändern kann. So plausibel auch die Annahme ist, dass die meisten Begriffe mit bestimmten anderen vernetzt sind, so unplausibel ist die These, dass jeder Begriff von allen anderen abhängig ist: Farbbegriffe wie "rot" gehören der Farbkategorie an, aber es ist unplausibel zu behaupten, dass dieser Begriff mit dem des "Elektrons" eine Verbindung hat.

Der radikale sprachphilosophische Holismus ist ein Aspekt einer weiteren grundlegenden Veränderung, die Quine vorgeschlagen hat: Die Aufgabe der analytisch-synthetisch Unterscheidung. Analytische Sätze in einer Sprache auszuweisen setzt voraus, dass das Wissen über Bedeutungszusammenhänge und das Weltwissen klar getrennt sind. Quines radikaler Holismus impliziert jedoch gerade, dass eine solche Trennung nicht möglich ist. Ein vermeintlich reiner Begriffszusammenhang ist letztlich mit den empirischen Sätzen verwoben, und umgekehrt gilt dies für die vermeintlich rein empirischen Sätze. Die Unterscheidung von analytisch und synthetisch ist gemäß Quine zusammen mit der von Bedeutungswissen und Weltwissen aufzugeben.

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Samstag, 09 Juni 2018 20:34)

    https://www.nzz.ch/feuilleton/philosophie-uebersetzen-unmoeglich-wo-die-rechten-woerter-fehlen-ld.144858


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