„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die generelle Erklärungsschwäche des Substanzdualismus

Ian Ravenscroft zählt in seinem Buch "Philosophie des Geistes. Eine Einführung" sechs allgemeine Merkmals mentaler Zustände auf, die eine gute Theorie des Bewusstsein erklären können muss:

(1) Einige mentale Zustände scheinen von Zuständen der Welt verursacht zu  werden (z.B. körperliche Schmerzen)

(2) Einige mentale Zustände scheinen Handlungen zu verursachen (z.B.  Entschlüsse)

(3) Einige mentale Zustände scheinen andere mentale Zustände zu  verursachen (z.B. körperliche Schmerzen à Entschluss Medikamente  einzunehmen)

(4) Einige mentale Zustände sind bewusst (z.B. bewusste Gedanken)

(5) Einige mentale Zustände handeln von Dingen in der Welt (z.B. von Autos)

(6)  Mentale Zustände korrelieren systematisch mit neuronalen Zuständen  bestimmter Art (Feuern bestimmter Neuronen à Schmerzen).

Es ist bezeichnend, in welchem Ausmaß es dem Substanzdualismus misslingt, auch nur einen der aufgelisteten Sachverhalte zu erklären. Die Probleme des Substanzdualismus mit den Punkten (1) und (2) wurden im grundständigen Aufsatz bereits hinreichend thematisiert. Über den Punkt (3) schweigt der Substanzdualismus gänzlich. Wie soll es einem nichtphysischen Zustand gelingen, andere nichtphysische Zustände hervorzubringen? Insbesondere stellt sich hier die Frage, wie es kommt, dass sich einige der bestehenden kausalen Beziehungen zwischen nichtphysischen Zuständen an die Regeln des vernünftigen Denkens halten.

Wenden wir uns dem Punkt (4) zu. Die Vertreter des Substanzdualismus besitzen weiterhin keine Erklärung des bewusst-seins mentaler Zustände. Sie behaupten zwar, dass nichtphysische Zustände Bewusstsein haben können, machen aber keine Angaben über die bewusstseinsförderlichen Merkmale der nichtphysischen Zustände. Auch hier sind ihnen die naturalistischen Entwürfe voraus, denn diese können auf eine ganze Reihe valider Theorien aus der Psychologie und den Kognitions- und Neurowissenschaften zurückgreifen.

Punkt (5) besagt, dass zumindest einige mentale Zustände von Dingen in der Welt handeln. Meine Überzeugung, dass der Mount Everest 8848 Meter hoch ist, bezieht sich auf den bzw. handelt vom Mount Everest. Theorien des Bezugs (des "worüber") mentaler Zustände heißen "Theorien des Inhalts" (theories of content). Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass nichtphysische Zustände von den Dingen der ansonsten physischen Welt handeln können, allerdings gibt es auch keine einzige rational ernstzunehmende dualistische Theorie des Inhalts.

Bleibt der Punkt (6). Warum sollen nichtphysische Zustände mit physischen Gehirnzuständen korrelieren? Nach descartscher Auffassung spielt die Zirbeldrüse eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung zwischen der Welt und dem nichtphysischen Geist. Die Zirbeldrüse ist jedoch selbst nur ein physisches Organ im Gehirn, das Problem des "wie und wo" der Interaktion zwischen Gehirn und Geist wurde von ihm also nur kaschiert, nicht gelöst. Kein Wunder, dass Descartes so ausweichend auf Prinzessin Elisabeths kluge Frage reagierte!

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