„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Thomas Nagel: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?

Thomas Nagel publizierte 1974 seinen berühmtgewordenen Aufsatz "What is it like to be a bat?" (deutsch: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?) als Reaktion auf das, was er "reduktionistische Euphorie" nannte. Reduktiven Physikalismen versuchen, mentale Zustände komplett auf physikalische Zustände zurückzuführen. Nagel gesteht zwar ein, dass mentale Zustände zu Teilen durch funktionale oder behaviorale Zustände charakterisiert werden können. Zumindest einige mentale Zustände haben aber auch einen qualitativen oder phänomenalen Erlebnischarakter, der rein subjektiv ist und nach Nagel durch die Wissenschaft prinzipiell niemals reduziert und damit objektiviert werden kann.

Schmerz ist ein typischer mentaler Zustand mit qualitativem Erlebnischarakter. Es ist auf eine bestimmte Weise oder fühlt sich auf eine bestimmte Weise an, Schmerzen zu haben. Im Deutschen können wir auch sagen, dass sich die mentalen Zustände, mit denen ein phänomenaler Charakter verbunden ist, dadurch auszeichnen, dass man in diesen Zuständen nicht nur ist, sondern dass man sie erlebt. Damit unterscheidet sich Schmerz grundsätzlich von Zuständen ohne diesen Erlebnischarakter. Ich kann beispielsweise durchaus wissen, wie hoch mein Blutdruck ist; dennoch erlebe ich ihn nicht. Ganz anders ist es bei einem Zahnschmerz, von dem ich nicht nur weiß, dass ich ihn habe, sondern den ich vielmehr auch heftig spüre. Wenn wir uns unserer Empfindungen bewusst sind, scheint das also nicht nur zu heißen, dass wir wissen, dass wir sie haben, sondern auch, dass wir sie erleben, dass wir eine Erfahrung machen, die durch eine spezifische Erlebnisqualität gekennzeichnet ist.

Jeder weiß, wie eine Erdbeere schmeckt, wie sich eine Sirene anhört, wie faule Eier riechen oder wie sich ein Über-den-Rücken-Streicheln anfühlt. Und wenn jemand sagt, er wisse trotzdem noch nicht, worin der qualitative Charakter dieser Dinge besteht, dann können wir das schnell ändern. Wir können beispielsweise ihm einen Schluck Wein zu trinken, lassen ihn danach ein Pfefferminzbonbon lutschen und geben ihm dann noch einen Schluck desselben Weins mit der Bemerkung: "Das, was sich jetzt geändert hat, das ist der qualitative Charakter deines Geschmackserlebnisses."

Aber was ist eigentlich das Besondere an Qualia? Warum soll der qualitative Erlebnischarakter von mentalen Zuständen wie Schmerzens- oder Geschmackserlebnisse irreduzibel sein? Laut Nagel liegt es am Umstand, dass Erlebnisqualitäten bzw. Qualia subjektiv sind, d.h. dass sie notwendig an eine bestimmte Einzelperspektive gebunden sind. Die Physik dagegen ist objektiv; sie beschreibt die Welt aus der Dritte-Person-Perspektive.

Was meint Nagel hier mit ‘subjektiv’? Und was sind Erfahrungsperspektiven? Die Antwort ist simpel: Jeder – egal mit welchen Wahrnehmungsorganen er ausgestattet ist und egal was er fühlen und empfinden kann – kann wissen, was es heißt, quadratisch zu sein oder 50 kg zu wiegen. Er muss dafür nicht selbst quadratisch sein oder 50 kg wiegen. Es kann also nur der wissen, wie es ist, Zahnschmerzen zu haben, der selbst solche Schmerzen fühlen kann oder der sich zumindest vorstellen kann, wie es wäre, solche Schmerzen zu haben. Nur wer diese Erfahrungsperspektive einnehmen kann, kann den entsprechenden Begriff erwerben bzw. verstehen.

Eine Tatsache ist subjektiv, wenn sie nur mit Hilfe von subjektiven Begriffen erfasst werden kann – d.h. mit Hilfe von Begriffen, die nur erwerben kann, wer in der Lage ist, eine bestimmte Erfahrungsperspektive einzunehmen. Objektiv sind demgegenüber die Tatsachen, „die aus verschiedenen Perspektiven und von Individuen mit verschiedenen Wahrnehmungssystemen beobachtet und verstanden werden können“ (Nagel, 267). Objektive Tatsachen können also mit Hilfe von Begriffen erfasst werden, für deren Erwerb keine spezielle Erfahrungsperspektive erforderlich ist.

Nagel zufolge sind danach alle physikalischen Tatsachen – sozusagen per definitionem – objektiv. Wie soll es dann aber möglich sein, ihrer Natur nach subjektive mentale Zustände auf objektive physikalische Zustände zu reduzieren? Das erscheint unmöglich sein. Weshalb Nagel denkt, dass kein Wissenschaftlicher und generell kein Mensch je wissen kann, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, da wir nicht ihre Erlebnisperspektive einnehmen können.

Unsere Erfahrung liefert den Inhalt für unsere Vorstellungskraft. Und umso weiter eine Erfahrungsperspektive von unserer eigenen entfernt ist, desto schlechter können wir sie einnehmen. Daraus folgt:

Ø Wir können uns sehr gut vorstellen, wie es ist, Zahnschmerzen zu haben, wenn wir schon einmal Zahnschmerzen hatten, auch wenn wir momentan keine Zahnschmerzen haben. Dafür müssen wir uns nur an die Erlebnisperspektive erinnern, die wir hatten, als wir Zahnschmerzen hatten.

Ø Wir können uns gut vorstellen, wie es ist, Zahnschmerzen zu haben, wenn wir noch nie Zahnschmerzen hatten. Aber auch dann wissen wir aus unserer Erfahrung, wie sich in unsere Zähne im Mund und wie sich Schmerzen anfühlen, und können uns deshalb grob vorstellen, wie es für einen Menschen sein muss, Zahnschmerzen zu haben.

Ø Wir können uns weniger gut vorstellen, wie es für einen Geier ist, verwesendes Fleisch zu schmecken. Schmeckt es ihm anders oder ähnlich wie uns und er mag den Geschmack einfach? Da wir aber ebenso über ein gustatorisches Wahrnehmungsorgan verfügen, können wir uns zumindest vorstellen, wie es ist, ein Geschmackserlebnis zu haben.

Ø Wir können uns noch weniger vorstellen, wie es für eine Fledermaus ist, sich mittels Echoortung ein Bild von der Außenwelt zu machen. Egal wie sehr wir den Wahrnehmungsapparat der Fledermaus und seine neuronalen Korrelate studieren, weil wir selbst kein echolot-artiges Wahrnehmungsorgan besitzen, werden wir uns niemals vorstellen können, wie es ist, eines zu besitzen. Und wenn wir es doch versuchen, dann stellen wir uns vor, es wäre wie hören oder sehen, da wir die echte Erlebnisperspektive einer Fledermaus nicht kennen. Da wir wie die Fledermaus aber auch über Wahrnehmungsorgane verfügen, wissen wir zumindest auch, wie es ist, die Welt auf eine Weise zu erleben.

Ø Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, nicht-räumlich oder nicht-zeitlich zu erleben. Denn Raum und Zeit sind nach Kant Vorbedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Wir können uns nicht vorstellen, wie es ist, nicht-räumlich oder nicht-zeitlich zu erleben, da Raum und Zeit selber Formen der Anschauung sind.

Fassen wir also zusammen:

1. Es gibt Begriffe, die nur erwerben kann, wer in der Lage ist, eine bestimmte Erfahrungsperspektive einzunehmen.
2. Tatsachen, die man nur erfassen kann, wenn man über derartige Begriffe verfügt, sind subjektive Tatsachen.
3. Tatsachen, die die Frage betreffen, wie es ist, bestimmte Empfindungen zu haben, sind in diesem Sinne subjektiv.
4. Zumindest im Augenblick haben wir noch keinerlei Vorstellung davon, wie es möglich sein soll, ihrer Natur nach subjektive mentale Zustände auf objektive physikalische Zustände zu reduzieren.
5. Deshalb können wir auch nie wissen, wie es ist, ein Wesen mit phänomenalen Geisteszuständen zu sein, die sich radikal von den unseren unterscheiden.

Siehe auch

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Kommentare: 2
  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 07 Juni 2018 05:24)

    Wie ist es für eine Kuh, ein größeres Blickfeld zu haben als wir? Das können wir uns noch vorstellen.
    Aber:
    Wie ist es für Eidechsen, ultraviolett zu sehen? Wie sieht ultraviolett aus?
    Wie ist es für Afrikanische Smaragdprachtbarsche, infrarot zu sehen? Wie sieht infrarot aus?

  • #2

    WissensWert (Freitag, 15 Juni 2018 01:52)

    Im Jahre 1974 veröffentlichte der Philosoph Thomas Nagel den Aufsatz "What is it like tob e a bat?". Dieser Aufsatz sollte die Philosophie des Geistes revolutionieren und auf ihn fußt auch die gegenwärtige Qualiadebatte. Nagels Aufsatz fiel in eine Zeit, in der die Philosophie des Geistes durch die Erfolge der Neuro- und Kognitionswissenschaften überwiegend reduktionistisch geprägt war. Er argumentiert darin, dass die Naturwissenschaften das Phänomen des Erlebens nie erklären werden. Schließlich seien sie in ihrer Methode auf eine Außenperspektive der Dinge festgelegt, in der sich die Innenperspektive der Qualia gar nicht fassen lasse. Diese Position illustriert Nagel an einem berühmt gewordenen Beispiel: Stellen Sie sich eine Fledermaus vor. An dieser Fledermaus können wir unzählige neurowissenschaftliche und ethologische Experimente abhalten und einiges über die Kognition und das Verhalten der Fledermaus herausfinden. Das ist aber alles nur die Außenperspektive. Wie es ist eine Fledermaus zu sein, lässt sich wissenschaftlich nicht erforschen und genauso wenig auf neuronale Strukturen reduzieren. Es wird Nicht-Fledermäusen auf immer ein Rätsel bleiben, wie es sein muss, ein Objekt via Echoortung zu lokalisieren.


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