„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen

Einer meiner Lieblingsphilosophen ist bekanntlich Donald Rumsfeld. Er hat zum Beispiel in einer Pressekonferenz gesagt:

Wir wissen aus sicherer Quelle, dass Bin Laden entweder in Afghanistan ist oder in einem anderen Land oder aber tot.

Noch besser aber fand ich seinerzeit:

Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.

Im 2×2-Logiktableau fehlt die Kategorie "Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie wissen." In der "Hohe Luft"-Ausgabe vom August 2014 finden sich einige Beispiele:

Die vierte logisch mögliche Kategorie vergaß Rumsfeld allerdings: ‚Unbekanntes Wissen‘. Das klingt seltsam. Kann ich etwas wissen und nicht wissen, dass ich es weiß? Aber ja doch. Große Konzerne, in denen manche Abteilungen nicht mitkriegen, was die anderen treiben, kennen dieses Phänomen. Der Spruch „Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß“ ist Folklore beim Münchner Technologiekonzern.

Jeder Mensch hat unbekanntes Wissen: unbestimmte Ahnungen, Vermutungen, Unbewusstes, Verdrängtes. … Auch Donald Rumsfeld weiß Dinge, von denen er nicht weiß, dass er sie weiß. Das kommt vor. Schlecht ist, dass er nicht weiß, dass er Dinge weiß, von denen er nicht weiß, dass er sie weiß.

Unsere "Intuition" speist sich aus diesem Bereich, von dem wir nicht wissen, dass wir es wissen. Das Problem mit dem Nicht wissen ist nur, dass wir den Unterschied nicht wissen, ob wir nicht wissen, dass wir etwas wissen, oder ob wir nicht wissen, dass wir etwas nicht wissen – weil wir genau das eben nicht wissen! Das Bauchgefühl kann richtig sein, muss es aber nicht.

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Montag, 04 März 2019 01:47)

    Sucht man nach einem Bild für unser Wissen und unser Unwissen, dann drängt sich der Vergleich mit einer Insel und dem sie umgebenden Ozean auf. Wenn man bestehende Fragen beantwortet, also gewissermaßen die bekannte Landfläche vergrößert, dann wird auch die Küstenlinie immer länger. In der Einleitung des Buchs wird dieses Bild schöner und ausführlicher expliziert:
    Stellt man sich den Erkenntnisstand der Menschheit als eine große Landkarte vor, so bildet das gesammelte Wissen die Landmassen dieser imaginären Welt. Das Unwissen verbirgt sich in den Meeren und Seen. Aufgabe der Wissenschaft ist es, die nassen Stellen auf der Landkarte zurückzudrängen. Das ist nicht einfach, manchmal tauchen an Stellen, die man schon lange trockengelegt glaubte, wieder neue Pfützen auf.

    Das Unwissen, mit dem wir uns hier beschäftigen, muss drei Kriterien erfüllen: Es darf keine vorherrschende, von großen Teilen der Fachwelt akzeptierte Lösung des Problems geben, die nur noch in Detailfragen Nacharbeit erfordert. Das Problem muss aber zumindest so gründlich bearbeitet sein, dass es entlang seiner Ränder klar beschreibbar ist. Und es sollte sich um ein grundsätzlich lösbares Problem handeln. Viele offenen Fragen aus der Geschichte werden wir – wenn nicht doch noch jemand eine Zeitmaschine erfindet – nicht mehr beantworten können.

    Demnach lässt sich Unwissen in zwei Kategorien einteilen, Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen, und Dinge, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie nicht wissen.


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