„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Donald Davidson über Gehirne im Tank

Donald Davidson hat eine einflussreiche Theorie sprachlicher Bedeutung und sprachlichen Verstehens entwickelt. Auf dieser Grundlage argumentiert Davidson für diese These: Der Umstand, dass wir erfolgreich kommunizieren, beweist, dass wir eine geteilte Weltsicht haben, die dazu im Großen und Ganzen wahr ist.

“Successful communication proves the existence of a shared,
and largely true, view of the world” (Davidson 1977, 201)

Wenn diese These wahr ist, dann hat der Außenweltkeptiker Unrecht. Denn dann können wir ausschließen, dass wir z.B. Gehirne in Tanks sind.

Davidsons Argument

Ein Interpret ist jemand, der die Äußerungen und Überzeugungen einer Person auf systematische Weise zu verstehen – Sinn zu machen – versucht, wobei er weder die Bedeutungen der Äußerungen noch die Inhalte der Überzeugungen schon kennt. Grundlage für die Interpretation einer Person sind (A) empirische Evidenz über deren beobachtbares Verhalten und (B) Interpretationsprinzipien wie das Principle of Charity, das den Interpreten anleitet, Sprechern möglichst viele (nach Maßgabe des Interpreten) wahre Überzeugungen zuzuschreiben.

 

Die Interpretation einer Person A durch eine Person B setzt folglich voraus, dass die Weltsichten – d.h.: die Gesamtheiten der jeweiligen Überzeugungen über die Welt – im Großen und Ganzen gleich sind.

“I can interpret your words correctly only by interpreting
so as to put us largely in agreement”

Laut Davidson kann ich nur dann aus den Worten und Überzeugungen einer Person Sinn machen, wenn wir uns über sehr viele Dinge einig sind. Dabei bleibt genug Raum auch für grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten. Die Idee hier ist, dass Meinungsverschiedenheiten nur vor dem Hintergrund vieler geteilter Überzeugungen Sinn machen (Die meisten der geteilten Überzeugungen erscheinen uns dabei zu trivial, um sie extra zu erwähnen.)

Beispiel: Ich kann nicht mit jemandem darüber streiten, ob die Erde eine Scheibe oder Kugel ist, der nicht glaubt, dass wir uns auf der Erde befinden, dass die Erde eine Oberfläche hat, dass die Erde räumlich ausgedehnt ist, dass räumlich ausgedehnte Dinge eine Form haben etc.

Gestehen wir Davidson also ein, dass gilt:

(A) Wenn eine Person A eine andere Person B interpretieren kann, dann sind die Weltsichten von A und B im Großen und Ganzen gleich.
(B) Wir sind interpretierbar. D.h. ein Interpret kann (zumindest im Prinzip) aus unseren Äußerungen und Überzeugungen Sinn machen.

Das Argument des Skeptikers soll ja nicht zeigen, dass unsere Äußerungen und Überzeugungen unverständlich sind. Es soll zeigen, dass wir nicht ausschließen können, dass diese im Großen und Ganzen falsch sind (und deswegen kein Wissen darstellen).

Dann sieht Davidsons Argument so aus:

(P1) Es könnte einen allwissenden Interpreten geben. “[T]here is nothing absurd in the idea of an omniscient interpreter” (Davidson 1977, 201). Ein allwissender Interpret ist ein Interpret, dessen Überzeugungen sämtlich wahr sind.

(P2) Ein allwissender Interpret kann mich (im Prinzip) interpretieren (folgt aus (B)).
(P3) Wenn ein allwissender Interpret mich interpretieren würde, dann würde er finden, dass meine Weltsicht und die seine im Großen und Ganzen miteinander übereinstimmen (folgt aus (A)).
(K1) Meine Weltsicht ist tatsächlich im Großen und Ganzen wahr, da sie im Großen und Ganzen mit der des allwissenden Interpreten übereinstimmt.

(P3) Wenn ich ein Gehirn im Tank wäre, dann wären die meisten meiner Überzeugungen falsch.
(K2) Ich bin kein Gehirn im Tank.

Kritik

(A) bzw. (P3) sind falsch. Ein allwissender Interpret kann mich qua definitionem interpretieren, da er weiß, wie er mich interpretieren soll und was meine Überzeugungen sind. Er muss dabei nicht dieselben Überzeugungen haben wie ich, es reicht, wenn er meine Überzeugungen versteht. Genauso kann ich mit jemanden darüber streiten, ob die Erde eine Oberfläche hat, wenn ich verstehe, weshalb er dieser Auffassung ist, ohne aber selbst diese Überzeugung zu haben.

(K1) ist eine zu starke Konklusion. Dies ist der eigentlich interessante Punkt und der Grund, weshalb ich diesen Text hier schreibe. Davidsons Argument zeigt gar nicht, dass meine Überzeugungen tatsächlich größtenteils wahr sind. Es zeigt nur, dass meine Überzeugungen größtenteils wahr sein könnten – d.h. dass es eine mögliche Welt gibt, in der meine Überzeugungen größtenteils wahr sind.

(P1) Es könnte einen allwissenden Interpreten geben.
(P2) Wenn ein allwissender Interpret mich interpretieren würde, dann wären meine Überzeugungen im großen und ganzen wahr.
(K1) Meine Überzeugungen sind tatsächlich im Großen und Ganzen wahr.
(K1*) Meine Überzeugungen könnten im Großen und ganzen wahr sein.

Der Fehlschluss wird noch einmal deutlicher, wenn man ihn formalisiert:

(P1) S
(P2) S □
® P
(K1) P
(K1*)
 P

Oder in etwas Alltäglicheres umformuliert:

(1) Ich könnte im Lotto gewinnen.
(2) Wenn ich im Lotto gewinnen würde, dann wäre ich reich.
(K1) Ich bin tatsächlich reich.
(K1*)
 Ich könnte reich sein.

Hier zeigt sich die Relevanz von modallogischen Operatoren, aussagen- oder prädikatenlogisch hätte der Fehlschluss nicht identifiziert werden können.

Ein Lottoschein macht mich noch nicht tatsächlich reich.
Ein Lottoschein macht mich noch nicht tatsächlich reich.

Bildurheber: Iamhere (CC BY-SA 3.0)

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