„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Hilary Putnam über Gehirne im Tank

Das Gehirn im Tank (englisch: brain in a vat) ist ein außenweltskeptizistisches Gedankenexperiment, das sich so zusammenfassen lässt:

(P1) Wenn ich weiß, dass dieser Text vor mir liegt,

dann weiß ich auch, dass ich kein Gehirn im Tank bin.
(P2) Ich weiß nicht, dass ich kein Gehirn im Tank bin.
(K1) Ich weiß nicht, dass dieser Text vor mir liegt.

Hilary Putnam und Donald Davidson glauben, dass die zweite Prämisse unwahr ist. Nach ihnen besitzen wir a priori Wissen von bestimmten Eigenschaften unserer Sprache, das es uns erlaubt zu zeigen, dass der Skeptiker falsch liegt. Ähnlich wie (nach der gängigen Lesart) Kant entwerfen auch Putnam und Davidson transzendentale Argumente gegen den Skeptizismus, sie stützen sich aber nicht auf notwendige Vorbedingungen von Erfahrung, sondern auf notwendige Vorbedingungen sprachlicher Bedeutung und Kommunikation.

Diese sind nach Putnam:

1.    Der semantische Externalismus, von dem wir a priori wissen, dass er die richtige Referenztheorie der Bedeutung ist.

2.    Die Disquotation von semantischen Ausdrücken wie "bezeichnet", von der wir ebenfalls a priori wissen.

Hilary Putnam
Hilary Putnam

Semantischer Externalismus

Der semantische Externalismus ist eine Theorie des Bezugs (der Referenz). Diese Theorie erklärt, wodurch der Bezug der Ausdrücke unserer Sprache zustande kommt. Ihre Grundidee ist, dass Bezug extern (durch kausale Beziehungen) und nicht intern (durch Sprecherüberzeugungen) bestimmt wird.

Saul Kripke, Tyler Burge und Hilary Putnam sind bekannte zeitgenössische Vertreter des Externalismus. Putnam argumentiert u.a. in dem folgenden Gedankenexperiment für diese Position:

Worauf also trifft der Ausdruck "Tiger" nach externalistischer Auffassung zu? Auf bestimmte Raubkatzen. Warum ist das so? Weil es eine relevante kausale Beziehung zwischen Verwendungen des Ausdrucks auf der einen und den Tieren auf der anderen Seite gibt. Diese Tiere sind die typischen Ursachen von Vorkommnissen von "Tiger".

Worauf trifft unser Ausdruck "Wasser" zu? Auf H2O? Warum ist das so? Weil es eine relevante kausale Beziehung zwischen Verwendungen des Ausdrucks auf der einen und Vorkommnissen von H2O auf der anderen Seite gibt. Immerhin ist das wässrige Zeugs in unserer Umgebung die typische Ursache von Vorkommnissen von "Wasser", und dieses Zeug ist de facto H2O.

Der semantische Externalismus besagt also, dass der Ausdruck "F" auf Dinge der Art A zutrifft gdw. gilt: Dinge der Art A sind die typischen Ursachen von Vorkommnissen des Ausdrucks "F". (Analoges gilt für unsere Gedanken!)

Daraus folgt:

·        Die Überzeugungen der Sprecher sind für den Bezug ihrer Ausdrücke unerheblich. Wichtig sind allein kausale WortWeltBeziehungen.

·        Wenn keine der relevanten kausalen Beziehungen zwischen einem Ausdruck "F" und Dingen besteht, dann bezeichnen "F" nichts – ganz gleich, was wir meinen.

·        Wir wissen nicht von vornherein, worauf unsere Ausdrücke zutreffen. Woher sollten wir auch wissen, was die typische Ursache von AusdrucksVorkommnissen ist? Wir müssen z.B. herausfinden, dass unser Ausdruck "Wasser" eine Flüssigkeit mit der chemischen Formel H2O bezeichnet oder das "Tiger" in unserem Mund auf Raubkatzen zutrifft. Solche Urteile sind synthetisch.

·        Die Ausdrücke eines Gehirns im Tank haben anderen Bezug als die Ausdrücke einer Person unter glücklichen Umständen.

Kurt und Karl

Putnams Argumentation setzt am letzten Punkt an. Kurt sei eine Person in einer normalen Welt und Karl sei ein Gehirn im Tank. Die Situation von Kurt und Karl sei subjektiv ununterscheidbar – Kurt und Karl haben genaue dieselben Sinnesreizungen, Wahrnehmungserlebnisse etc.; dazu erscheinen ihnen ihre Sprech und Denkepisoden auf genau die gleiche Weise.

Trotzdem gibt es zwischen Kurt und Karl einen relevanten Unterschied:

·        Kurts Ausdruck „Planet“ bezieht sich auf Planeten – denn zu diesen stehen Vorkommnisse des Ausdrucks in relevanten kausalen Beziehungen.

·        Karls Ausdruck „Planet“ bezieht sich nicht auf Planeten – denn Vorkommnisse seines Ausdrucks stehen nicht in relevanten kausalen Beziehungen zu Planeten.

Stattdessen bezieht sich Karls Ausdruck „Planet“ auf PlanetenBilder in der vorgegaukelten Welt, oder auf Planetenbitmuster im Computer eben auf dasjenigen, zu dem seine Äußerungen (Denkepisoden) in den relevanten kausalen Beziehungen stehen.

“[W]hen the brain in a vat (...) thinks 'There is a tree in front of me', his thought does not refer to actual trees. (...) [I]t might refer to trees in the image, or to the electronic impulses that cause tree experiences, or to the features of the program that are responsible for those electronic impulses. [T]he brain is right, not wrong in thinking 'There is a tree in front of me.' Given what 'tree' refers to in vat‐English and what 'in front of' refers to (...), then the truth conditions for 'There is a tree in front of me' when it occurs in vat‐English are simply that a tree in the image be 'in front of' the 'me' in question — in the image — or, perhaps, that the kind of electronic impulse that normally produces this experience be coming from the automatic machinery, or, perhaps, that the feature of the machinery that is supposed to produce the 'tree in front of one' experience be operating. And these truth conditions are certainly fulfilled.“
- Hilary Putnam, Vernunft, Wahrheit und Geschichte (1982), S. 14

Wenn Kurt und Karl einen Baum vor sich zu sehen meinen und den Satz äußern “Da ist ein Baum vor mir”, dann sagen sie jeweils etwas Wahres. Aber was sie sagen unterscheidet sich. Ein objektiver Beobachter (der Standard Deutsch spricht) müsste ihre Äußerungen unterschiedlich berichten:

· Kurt sagt, dass vor ihm ein Baum steht.
· Karl sagt, dass vorimBild ihmimBild ein BaumimBild stehtim Bild. (einfacher: Karl sagt, dass vor* ihm* ein Baum* steht*)

Aus dem semantischen Externalismus folgt also, dass Kurt und Karl unterschiedliche Sprachen sprechen. Kurt spricht Deutsch, Karl spricht TankDeutsch.

Putnams Argument

Kurt kann sagen, dass er ein Gehirn im Tank ist. Karl kann das nicht. Er kann nach Putnam allein aussagen, dass er* ein Gehirn* im Tank* ist. Denn Karls Ausdrücke beziehen sich nicht auf reale Gehirne oder Tanks, sondern auf vorgegaukelte Gehirne oder auf Tankbitmuster im Computersystem. Wir halten also fest:

P1. Wenn wir Gehirne in Tanks sind, dann ist unser Satz "Wir sind Gehirne in Tanks" genau dann wahr, wenn wir Gehirne* in* Tanks* sind – d.h. wenn wir in der Imagniation Gehirne in Tanks sind. (Semantischer Externalismus)

P2. Wenn wir Gehirne in Tanks sind, dann sind wir nicht in der Imagination Gehirne in Tanks. D.h. die Welt erscheint uns in diesem Fall nicht so, als seien wir Gehirne in Tanks. (Voraussetzung der skeptischen Hypothese)

K1. Also: Wenn wir Gehirne in Tanks sind, dann können wir nicht sagen oder denken, dass wir Gehirne in Tanks sind.

 „I want now to ask a question which will seem very silly and obvious (at least to some people, including some very sophisticated philosophers), but which will take us to real philosophical depths rather quickly. Suppose this whole story were actually true. Could we, if we were brains in a vat in this way, say or think that we were? I am going to argue that the answer is 'No, we couldn't.'”

Kurt kann aber auch nur prinzipiell, nicht aber wahrheitsgemäß sagen, dass er ein Gehirn im Tank ist. Denn:

P3. Wenn wir keine Gehirne in Tanks sind, dann ist unser Satz "Wir sind Gehirne in Tanks" falsch. (trivial)

Daraus folgt wiederum:

K2. Unser Satz "Wir sind Gehirne in Tanks" ist in jedem Fall falsch.

K3. Also: Wir sind keine Gehirne in Tanks.

“In fact, I am going to argue that the supposition that we are actually brains in a vat, although it violates no physical law, and is perfectly consistent with everything we have experienced, can not possibly be true. It cannot possibly be true, because it is, in a certain way, self‐refuting.”

Kritik

Objektiver Betrachter

Mir leuchtet nicht ein, weshalb Putnams antiskeptisches Argument in der Fachwelt so viel Resonanz erfahren hat. Betrachten wir Karl. Karl ist ein Gehirn im Tank und hat nach Putnam ein Argument dafür, dass er kein Gehirn im Tank ist (Kurzversion):

(P1*) Wenn ich ein Gehirn im Tank bin, dann trifft mein Wort ‚Baum’ nicht auf Bäume zu. (Semantischer Externalismus)
(P2*) Mein Wort ‚Baum’ trifft auf Bäume zu. (Disquotation von „F“ trifft auf Fs zu)
(K1*) Ich bin kein Gehirn im Tank.

Karls Argument sieht zwar so aus wie das von Kurt, aber zeigt es natürlich etwas ganz anderes – immerhin bedeuten die Sätze bei ihm etwas anderes als bei Kurt. Insbesondere zeigt es nicht, dass Kurt nicht Recht hat, wenn er sagt: Karl ist leider ein Gehirn im Tank.

Es kommt also nicht darauf an, ob wir wahrheitsgemäß sagen können "Wir sind Gehirne in Tanks". Das können wir, wenn der semantische Externalismus wahr ist, in der Tat nicht. Worauf es ankommt, ist, ob ein objektiver Betrachter wahrheitsgemäß sagen würde, dass wir Gehirne in Tanks sind. Und gegen dieses eigentlich relevante Szenario kann Putnam nicht anargumentieren. Wir könnten also Gehirne in Tanks sein, gdw. wenn ein objektiver Betrachter dies wahrheitsgemäß sagen würde.

Zwillingswelt

Aber gehen wir einmal davon aus, es käme wirklich auf die Wahrheitsfähigkeit der Aussagen der Subjektive an. Dem Externalismus zufolge beziehen sich unsere Ausdrücke auf typische Ursachen. Das hat Konsequenzen (vgl. Zwillingswelt):

Szenario 1: Ich lebe glücklich und zufrieden auf der Erde. Die typische Ursache meiner "Wasser"Äußerungen ist das wässrige Zeugs in Pfützen, Ozeanen etc. auf der Erde. Dieses Zeugs ist H2O. Also gilt: der Ausdruck "Wasser" in meinem Mund bezeichnet H2O.

Szenario 2: Ich bin vor fünf Minuten auf die Zwillingserde teleportiert worden. Das wässrige Zeugs in den Pfützen, Ozeanen etc. auf der Zwillingserde ist nicht H2O, sondern XYZ. Was bezeichnet "Wasser" in meinem Mund? Nach wir vor H2O. Denn das ist die typische Ursache meiner "Wasser" Äußerungen.

Szenario 3: Ich bin vor 25 Jahren auf die Zwillingserde teleportiert worden. Was bezeichnet „Wasser“ in meinem Mund? Jetzt bezeichnen meine "Wasser"Äußerungen XYZ. Denn inzwischen ist XYZ die typische Ursache meiner "Wasser"Äußerungen.

Schauen wir uns vor dem Hintergrund Putnams erste Prämisse an. Ist (P1) immer wahr? Wohl kaum. Denn dass "Baum" in (P1) nicht auf reale Bäume zutrifft, gilt nur für Gehirne in Tanks, die zeitlebens oder schon ganz lange eingetankt sind – eben so lange, dass nicht mehr reale Bäume die typischen Ursachen ihrer "Baum"Äußerungen sind.

Genau genommen müsste Putnams Argument also so lauten:

(P1´) Wenn ich zeitlebens oder schon ganz lange ein Gehirn im Tank bin, dann trifft mein Wort ‚Baum’ nicht auf reale Bäume zu. (Semantischer Externalismus)
(P2) Mein Wort ‚Baum’ trifft auf reale Bäume zu. (Disquotation von „F“ trifft auf Fs zu)
(K1´) Ich bin nicht zeitlebens oder schon ganz lange ein Gehirn im Tank.

So wie es aussieht, kann Putnams Argument also selbst im Idealfall nur eine ganz spezielle skeptische Hypothese als falsch erweisen, nämlich:

: Ich bin zeitlebens oder schon ganz lange ein Gehirn im Tank.

Putnams Argument kann die folgende, alternative skeptische Hypothese keinesfalls als falsch erweisen:

H: Ich bin seit fünf Minuten ein Gehirn im Tank.

Putnam "widerlegt" also wenn dann nur einen Skeptiker, dessen Argumentation auf H´ aufbaut. Schon einen Skeptiker, dessen Überlegungen auf H aufbauen, kann er nicht widerlegen.

Wenn man Putnams Argumentation aber auf H´ anwendet, folgt daraus, dass Karl kein Gehirn im Tank ist, weil auch er nicht wahrheitsgemäß sagen kann, dass er ein Gehirn im Tank ist. Karl ist aber qua definitonem und zeitlebens ein Gehirn im Tank. Also folgt aus Putnams Argumentation, dass ein Gehirn im Tank kein Gehirn im Tank sein kann, was widersprüchlich ist und weshalb Putnams Argument falsch sein muss (Reductio ad absurdum).

Kausale Beziehungen

Es erscheint mir zuletzt problematisch, überhaupt zu behaupten, ein Ausdruck müsste in einer kausalen Beziehung zu seinem Referenten stehen. Natürlich kann ich wahrheitsgemäß sagen, ich sei ein Gehirn im Tank, wenn ich ein Gehirn im Tank bin. Dafür muss keine kausale Beziehung zwischen meinem Ausdruck und den wirklichen Gegenständen bestehen, es reicht, wenn Ausdruck und Gegenstände korrespondieren. So gesehen kann Putnams Argument nicht einmal die Hypothese H entkräften. Es ist in jedem Fall wirkungslos.

Fazit

Dass Putnam trotzdem versuchte ein so uraltes Problem wie den Außenweltskeptizismus allein mit zwei a priori Annahmen über unsere Sprache zu entkräften, zeigt, wie sehr Analytische Philosophen Sprache philosophisch überschätz(t)en. Für Analytische Philosophen sind die meisten oder alle philosophischen Probleme nur Scheinprobleme, die sich durch hinreichende Sprachanalyse klären lassen. Dieser Versuch ist aber nicht nur bei Putnam und den Außenweltskeptizismus gescheitert, sondern auch bei Quine und der analytisch-synthetisch Unterscheidung oder bei Wittgenstein oder Ryle und dem Leib-Seele-Problem. Philosophische Probleme sind eben doch mehr als nur Sprachprobleme.

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