„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Politische Differenzen

Unterschiedliche politische Auffassungen beruhen oftmals nicht auf unterschiedlichen normativen Überzeugungen, sondern auf unterschiedlichen faktischen Überzeugungen.

Man streitet zwar über eine moralische Angelegenheit ("A ist gut"), aber die Kontroverse betrifft häufig nicht die normativen Prämissen ("Q ist gut"), sondern die faktischen Prämissen ("A ist Q").

In der Steuerpolitik streiten FDP und SPD zwar um eine moralische Angelegenheit ("Steuersenkungen sind gut"), aber die Kontroverse betrifft nicht die normativen Prämissen ("Eine Stärkung des Mittelstandes ist gut"), sondern die faktischen Prämissen (FDP: "Diese Steuersenkung entlastet den Mittelstand" vs. SPD: "Diese Steuererhöhung stärkt den Mittelstand").

In der Asylpolitik streiten LINKE und AfD zwar um eine moralische Angelegenheit ("Flüchtlingsaufnahmen sind gut"), aber die Kontroverse betrifft nicht die normativen Prämissen ("Menschen in Not helfen ist gut"), sondern die faktischen Prämissen (LINKE: "Flüchtlinge sind Menschen in Not", AfD: "Flüchtlinge sind großteils Sozialtouristen, unsere abendländische Kultur ist in Not").

In der Energiepolitik streiten Union und Grüne zwar um eine moralische Angelegenheit ("Atomenergie ist gut"), aber die Kontroverse betrifft nicht die normativen Prämissen ("sichere Energie ist gut"), sondern die faktischen Prämissen (Grüne: Atomenergie ist nicht sicher, CDU einst: Atomenergie ist sicher). 

In der Innenpolitik streiten Islamapologeten und Islamkritiker zwar um eine moralische Angelegenheit ("ist das Kopftuchverbot gut?"), aber die Kontroverse betrifft nicht die normativen Prämissen ("Selbstbestimmung ist gut"), sondern die faktischen Prämissen (Islamapologeten: das Kopftuch ist ein Ausdruck der Selbstbestimmung der Muslima, Islamkritiker: das Kopftuch ist ein Ausdruck der Fremdbestimmung der Muslima).

usw.

Unsere normativen Überzeugungen ("Q ist gut") differieren weniger, als wir manchmal meinen. Es sind die faktischen Prämissen ("A ist Q"), über die wir uns uneins sind. Wenn diese Überlegungen stimmen, würde das aber auch bedeuten, dass in politischen Fragen ("A ist gut") viel größerer Einigkeit erzielt werden könnte. Dafür müssten wir nur den Wahrheitgehalt der faktischen Prämissen ausfindig machen, und das dürfte anders als bei den normativen Prämissen prinzipiell durchaus möglich sein.

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