„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Daron Acemoglu und James A. Robinson: Warum Nationen scheitern

Warum Nationen (nicht) scheitern

Die amerikanisch-mexikanische Grenze verläuft mitten durch die Stadt Nogales. Auf der einen Seite des Zaunes beträgt das Durchschnittseinkommen rund 30.000 Dollar im Jahr, und die Mehrheit der Bevölkerung hat mindestens einen Highschool-Abschluss. Auf der anderen Seite steht den Menschen gerade mal ein Drittel des Einkommens zur Verfügung, die Säuglingssterblichkeitsrate ist hoch und die Angst vor Kriminalität allgegenwärtig. Wie kommt es zu solchen frappanten Unterschieden? Dies ist die Leitfrage des Buches „Warum Nationen scheitern“ von Daron Acemoglu und James A. Robinson.

Die Frage ist freilich nicht neu. In den Gesellschaftswissenschaften findet sich bereits eine Fülle von Theorien, welche sie zu beantworten suchen. Das Buch von Acemoglu und Robinson setzt bei diesen Theorien an und verwirft sie sogleich:

·        Die „Geographie-Hypothese“ besagt, dass vor allem die geographische oder klimatologische Lage über den Erfolg oder Misserfolg einer Nation entscheidet. Tatsächlich scheinen südliche und wärmere Regionen tendenziell ärmer zu sein als nördlichere. Die Autoren verweisen aber auch auf Hochkulturen im vorkulumbischen Amerika, die in tropischen Gebieten lebten und zu den wohlhabendsten Kulturen ihrer Zeit zählten. Moderne Gegenbeispiele sind sicher die Staatstaaten Singapur und Hongkong, die weit südlich vom Äquator liegen und trotzdem ein höheres BIP pro Einwohner haben als zum Beispiel Deutschland oder Belgien.

·        Nach der „Kultur-Hypothese“ ist die Kultur die alles entscheidende Determinante für wirtschaftlichen Erfolg. Diese These hört man oft an Stammtischen: „Würden die Afrikaner nur so diszipliniert arbeiten wie wir und die Südamerikaner nicht alles „mañana“ erledigen wollen, dann könnten sie unseren Wohlstand auch haben“. Als Gegenbeispiel kann Katar fungieren: Die Katarer sind nicht für ihre fleißige Arbeitsmoral bekannt, da sie auf Erdgas sitzen aber trotzdem extrem reich. Die Autoren selbst meinen, dass die Kultur-Hypothese Ursache und Wirkung vertauscht: Ein mangelnder Arbeitsethos ist häufig die Folge eines miserablen Wirtschaftsumfeldes und nicht deren Ursache.

·        Die Ignoranz-Hypothese führt nationalen Misserfolg vor allem auf die Ignoranz oder Inkompetenz der herrschenden Klasse zurück. Acemoglu nennt als Beispiel Ghana, dessen wirtschaftlicher Misserfolg auf die katastrophale Wirtschaftspolitik des Präsidenten zurückzuführen sei. Er stellt jedoch die Frage, ob diese Herrscher wirklich aus Unwissenheit handeln, oder nicht viel mehr meistens um sich selbst und einzelne Interessensgruppen an der Macht zu halten. 

Acemoglu und Robinson argumentieren also mit einer reductio ad absurdum: Sie zeigen auf, dass aus den bisherigen Hypothesen folgen müsste, dass Staaten mit ähnlichen geographischen, kulturellen oder politischen Bedingungen auch ähnlich weit entwickelt sein müssten. Dann zeigen sie auf, dass dies für einige Staaten nicht der Fall ist und schließen daraus auf die Falschheit der bisherigen Hypothesen. Es muss sich herausstellen, inwiefern die Theorie von Acemoglu und Robinson selbst Gegenbeispielen standhalten kann.

Das Geheimnis des Reichtums

Das Geheimnis des Reichtums ist eng mit der Geschichte der Kolonialisierung Amerikas verknüpft. Als die Spanier im Süden und im Zentrum des amerikanischen Doppelkontinentes auf fruchtbaren, dichtbesiedelten und ressourcenreichen Boden trafen, beuteten sie diesen sofort aus. Lateinamerika wurde zum „ungleichsten“ Kontinent und Spanien zu einer der reichsten Länder der Welt. Die Engländer mussten sich 100 Jahre später mit dem ressourcenärmeren, kalten und dünnbesiedelten Norden Amerikas zufrieden geben. Die ersten britischen Siedler in Jamestown, Virgina, waren Goldschmiede und Glücksritter, die wie die Spanier durch Nichtstun reich werden wollten. Die widrigen Bedingungen zwangen sie aber dazu, selbst zu arbeiten und mit den Ureingeborenen zu kooperieren, um nicht den Hungertod zu sterben. Auf der ersten Ge­ne­ral­ver­samm­lung der Virginia Company 1619 wurde dann allen erwachsenen Männern ein Mit­spra­che­recht bei der Ge­setz­ge­bung in der Kolonie eingeräumt. Das war der Beginn eines essentiellen Prozesses, der mit der Unterzeichnung der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika 1787 endete. Diese Verfassung regelt bis heute die politische Grundordnung der VSA als föderale Republik in Form eines Präsidialsystems und ist einer der Hauptgründe für ihren wirtschaftlichen und politischen Erfolg. Durch die Wahlen alle zwei Jahre waren und sind die Politiker der Vereinigten Staaten motiviert, ihren Bürgern wirtschaftliche Chancen zu eröffnen, da sie sonst an der Wahlurne abgestraft werden. In Lateinamerika indessen fehlte lange Zeit eine solche demokratische Kontrollinstanz und ein Militärputsch jagte den nächsten. Die Machthaber hatten nur den Eigennutz im Sinn, ganz nach dem Beispiel ihrer spanischen Vorgänger.

Der Unterschied liegt nach Acemoglu aber nicht nur darin, dass der Norden Amerikas funktionierende Institutionen aufgebaut hat, die hatte der Süden Amerikas irgendwann auch. Der entscheidende Unterschied bestehe darin, dass die nordamerikanischen Institutionen inklusiv wirkten, also jedem Bürger ermöglichten, am politischen und wirtschaftlichen Leben teilzuhaben. Inklusive Institutionen schützen Privateigentum, bieten politische Partizipationsmöglichkeiten, wirtschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten, ein neutrales Rechtsystem, einen Zugang zu Bildung, öffentliche Dienstleistungen …,- kurzum: Sie sind egalitär. Extraktive Institutionen hingegen begünstigen eine machthabende Minderheit vor der Mehrheit, sind also elitär.

Die Saat für wichtige institutionelle Weichenstellungen wird in Umbruchphasen gelegt. So führte der Kolonialismus Europas Teile Afrikas, Lateinamerikas und Asiens in extraktive Teufelskreise, die in Bürgerkriegen und Staatsversagen endeten. Die Kolonialisierung Nordamerikas und die Beulenpest im Westeuropa des 14. Jahrhunderts führten dahingegen, so schlimm sie auch waren, zu inklusiven Institutionen und wirtschaftlicher Prosperität. Die Beulenpest raffte damals knapp die Hälfte der europäischen Gesamtbevölkerung hinweg, im Westen Europas schafften es die übrig gebliebenen Arbeitskräfte deshalb mehr Rechte einzufordern und den Feudalismus zu kippen. In Osteuropa geschah das Gegenteil: Die mächtige Aristokratie setzte erfolgreich eine noch brutalere Form der Leibeigenschaft durch.

Die Angst vor schöpferischer Zerstörung

Zweifellos können auch extraktive Institutionen eine Zeit lang für enormes Wachstum sorgen. Doch die von ihnen hervorgerufene Ungleichheit sorgt dafür, dass dieses Wachstum nicht optimal oder nachhaltig ist, da sie nicht die besten, sondern die Ideen der Herrschenden gewinnen lässt. Außerdem provozieren extraktive Institutionen Macht- und Verteilungskämpfe zwischen herrschenden und aufstrebenden Gesellschaftsschichten. Extraktive Institutionen führen folglich zu extremer Ungleichheit, extreme Ungleichheit führt zur politischen Instabilität und politische Instabilität lässt Nationen scheitern. Inklusive Institutionen hingegen, wie in Australien, den VSA und den europäischen Staaten, sorgen für Egalitarismus und Wohlstand. Der Wandel des Römischen Reiches von einer Republik mit teilweise inklusiven Institutionen zu einer Herrschaft der Eliten im Kaiserreich, zeigt den entscheidenden Unterschied sehr deutlich: Das spätrömische Reich scheiterte nicht zuletzt daran, dass es einfache Bürger um Mittbestimmungs- und Eigentumsrechte brachte. Der Versuch, extraktive Institutionen zu errichten und die Bürger mit Brot (Weizen, Wein und Schweinefleisch) und Spiele  (Zirkusveranstaltungen und Gladiatorenkämpfe) zu besänftigen, besiegelte das Ende des römischen Imperiums.

Außerdem würgten die römischen Kaiser technologische Innovationen ab, weil sie die schöpferische Kraft des Fortschritts fürchteten. Den gleichen Fehler beging 1589 auch die britische Königin Elisabeth I: Sie weigerte sich, dem Erfinder einer Strickmaschine ein Patent zu gewähren, weil sie mögliche Revolten arbeitsloser Handstricker fürchtete. Das war der Anfang des Endes der absoluten Monarchien in Großbritannien. Nach der glorreichen Revolution 1688 wurden die politischen und wirtschaftlichen Institutionen pluralistischer und inklusiver, weil Kaufleute und Fabrikanten nicht mehr durch den willkürlichen Zugriff durch die Krone behindert werden wollten. Das wiederum schuf die Grundlage für die industrielle Revolution: Die Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt und die Mechanisierung der Spinnerei und Weberei, wären ohne die Glorreiche Revolution, respektive unter einer Angst vor den schöpferischen Zerstörung, niemals möglich gewesen.

In Großbritannien siegten die innovativen Kräfte über die Angst, in anderen Ländern lag das Gleichgewicht andersherum. In Kontinentaleuropa fürchtete man Veränderung, Arbeitslosigkeit und Machtverlust. Auf der Iberischen Halbinsel erlebte der Absolutismus nach der Reconquista sogar noch einen Aufschwung. Juden und Araber wurden enteignet und die Krone kontrollierte und profitierte exklusiv vom lukrativen Handel mit der neuen Welt. In Russland und Österreich-Ungarn verhinderten die absolutistischen Herrscher den Eisenbahnbau und die Errichtung von Fabriken. Und im osmanischen Reich wurde die Druckerpresse erst 300 Jahre nach ihrer Erfindung 1455 zugelassen. In Folge konnten nur 2 bis 3 Prozent der Osmanen um 1800 lesen, im Vergleich zu 60 Prozent der erwachsenen Männer in England. Vieles von der heutigen Weltungleichheit erklärt sich durch die Fähigkeit mancher Staaten, in Vergangenheit Innovationen angenommen oder gar antizipiert zu haben. Äthiopien etwa befindet sich in seinem gegenwärtigen Zustand, weil der Absolutismus dort bis in die jüngere Zeit andauerte und die Innovations- und Fortschrittsfreundlichkeit noch immer auf sich warten lässt. In solch unfreien und extraktiven Systemen haben Unternehmer und Bürger kaum Anreize, die zur Wohlstandsschaffung nötigen Investitionen und Innovationen zu tätigen.

Die Autoren finden wieder ein sehr instruktives Beispiel: Carlos Slim und Bill Gates gehören zu den reichsten Männern der Welt. Carlos Slim lebt in Mexiko in einem Land ohne großartig integrative Institutionen, er wurde deshalb auch nicht durch Innovationen, sondern durch das Ausnutzen seiner Monopolstellung in der Telekommunikationsbranche (und damit nicht zuletzt auf Kosten anderer) reich. Bill Gates hingegen erfand (oder zumindest vertrieb) hochinnovative Produkte, deren gesellschaftlicher Mehrwert bei weitem seine eigenen Einnahmen übersteigen dürften. Und dieser volkswirtschaftliche Mehrwert ist eben nur da möglich, wo es Anreizsysteme gibt. Gute Institutionen ermöglichen also nicht nur Teilhabe und Innovation, sie spornen auch dazu an. Das kann beispielsweise durch flache Hierarchien, Privateigentum, freie Berufswahl und allgemein durch eine freie Marktwirtschaft gelingen. Acemoglu drückt das an einer Stelle so aus: „Ein Ge­schäfts­mann, der damit rechnen muss, dass sein Gewinn gestohlen, enteignet oder weg­ge­steu­ert wird, verspürt wenig Motivation zu arbeiten, geschweige denn In­ves­ti­tio­nen zu tätigen und Neuerungen durch­zu­füh­ren.“

Tugend- und Teufelskreise

Acemoglu und Robinson sind aber keine uneingeschränkten Fans des amerikanischen Liberalismus. So sind sie der Meinung, dass sich im angelsächsischen Raum ein gefährlicher Korporatismus zwischen dem Staat und der Finanzindustrie herausgebildet habe, der wieder eine elitäre Elite entstehen lässt. Ohne das Anbandeln der Finanzindustrie an den Staat wäre es ihrer Meinung nach beispielsweise niemals möglich gewesen, dass in der letzten Weltwirtschaftskrise die Gewinne privatisiert und die Verlust und Risiken größtenteils sozialisiert wurden. Acemoglu rät deswegen zu politischer Wachsamkeit und notfalls zu handfesten staatlichen Eingriffen, um die übermäßige Macht kleiner Gruppen zu begrenzen. Doch dass das Scheitern einer Nation auf extraktive Strukturen zurückzuführen ist, bedeutet im Umkehrschluss, dass die Lage einer Nation kein Schicksal darstellt. Acemoglus Theorie von Reichtum und Armut ist eine optimistische: Anders als die geographische Lage eines Landes sind seine Institutionen nicht invariabel: Sie lassen sich durch gesellschaftliches Engagement und politisches Geschick ändern und verbessern.

Und die Prozesse, die zu guten oder schlechten Institutionen führen, verstärken sich selbst: Wenn weite Teile der Bevölkerung erst einmal in den Genuss von Inklusivität gekommen sind, verstärkt sich der Sog in Richtung Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit. Die Bürger werden mündiger, drängen reaktionäre Kräfte zurück und kämpfen für demokratische Werte. Genau dieser Tugendkreis bewog die britische Regierung 1832, das Wahlrecht auf größere Bevölkerungsgruppen auszuweiten. In Folge gewann die Arbeiterschaft an Einfluss, Bildung wurde öffentlich zugänglich, es entstand eine offene und vielfältige Medienlandschaft, usw. - ein sich selbst verstärkender Prozess.

Umgekehrt haben aber auch extraktive Institutionen ihre eigene Sogwirkung. Sklaverei und der europäische Kolonialismus sorgten beispielsweise dafür, dass viele Länder Afrikas und auch Asiens niemals die Chance erhielten, dem englischen Vorbild zu folgen. Südafrika ist ein geradezu prädestiniertes Beispiel dafür: Aufgrund seiner geografischen Lage war das Land vom Sklavenhandel verschont geblieben. Trotzdem kam es in Berührung mit Europäern und adaptierte bald landwirtschaftliche Methoden von deren Bauern, ein inklusiver Tugendkreis begann. Den reichen Europäern aus Übersee war der Wettbewerb mit den Einheimischen aber ein Dorn im Auge, zudem benötigten sie schnell billige Arbeitskräfte für die neu gegründeten Minenunternehmen. Also spalteten sie Südafrika in einen wohlhabenden und weißen und in einen armen Teil für die schwarze Bevölkerung auf. Im Natives Land Act von 1913 wurden 87 Prozent der Fläche der weißen Minderheit zugesprochen, wohingegen die schwarze Mehrheit in kleine Reservate gepfercht wurde. Die exklusiven Institutionen sollten das Land lange Zeit peinigen, noch heute gibt es viel Korruption und rassistische Übergriffe von beiden Seiten. Alles in allem hat Südafrika, verglichen mit anderen subsahara-afrikanischen Ländern, seine Vergangenheit aber ziemlich gut hinter sich gelassen. Andere Länder wie der Kongo stehen heute wesentlich schlechter dar. Acemoglu und Robinson führen ihren Misserfolg, unter anderem, auf die exklusiven Strukturen aus den Zeiten des Kolonialismus zurück. Die heutigen Despoten Afrikas hätten diese einfach übernommen, Gunnar Kaiser spricht in seiner YouTube-Rezension des Buches treffend von einem fortgeführtem Selbstkolonialismus.

Das „Eherne Gesetz der Oligarchie“

Nach seiner Wahl zum Premierminister von Sierra Leone ließ Siaka Stevens die von den Briten erbaute Eisenbahnlinie stilllegen, weil sie einer mit seiner eigenen verfeindeten Volksgruppe zugute kam. Er sah lieber zu, wie die Wirtschaft an die Wand fuhr, als sein eigenes Machtmonopol zu gefährden. Das „Eherne Gesetz der Oligarchie“ besagt, dass exklusive Institutionen und somit starre Hierarchien selbst dann überleben, wenn eine Gruppe der anderen die Macht aus den Händen reist. Ihr Verschwinden wird häufig durch zufällige und tragische Ereignisse wie die Beulenpest oder die Kolonialisierung Nordamerikas bewirkt, nicht durch politische Machtwechsel.

Aber es gibt auch positive Beispiele: Botswana war nach seiner Unabhängigkeit eines der ärmsten Länder der Welt. Heute ist es das reichte im subsaharischen Afrika, - wie ist das möglich? Die Führer des Landes wirkten gezielt auf den Aufbau inklusiver Wirtschaftsinstitutionen hin. Und als in ihrem Land riesige Erdölvorkommen entdeckt wurden, verstaatlichten sie die Abbaurechte und finanzierten durch die Einnahmen weitere öffentliche und inklusive Institutionen im ganzen Land. Einen ähnlichen Weg geht Norwegen, das seine Erdöleinnahmen in Bildung und das Sozialsystem steckt. Saudi-Arabien hingegen verprasst all seine Öleinnahmen für Protz und den Ausbau des Kontrollstaates. Nach Acemoglu wird er ein jähes Ende finden, sollte der Golfstaat diese Strategie nicht ändern.

Einen ganz eigenen Weg geht die Volksrepublik China. Um diesen Weg zu verstehen, lohnt ein Blick auf die ehemalige Sowjetunion: In den 1970ern während des Kalten Krieges schien es kurzzeitig so, als würde die Sowjetunion die VSA wirtschaftlich überholen. Das in der Tat beeindruckende Wachstum im Ostblock basierte aber alleine darauf, dass die vorhandenen Arbeitskräfte vom Land und der Landwirtschaft in die Städte und Industrien umgesiedelt wurden. Die dadurch erzeugten Produktivitätszuwächse ebbten somit auch abrupt ab, als die meisten Sowjets umgesiedelt waren. Das ökonomische Stoßfeuer basierte einzig und allein auf einer Ausbeutung des bereits Dagewesenen (Ressourcen, Arbeitskräfte Technologien) und nicht auf wirklicher Innovation. Ein solches Wachstum ist rein quantitativ und ganz klar endlich und nicht "grün" (nachhaltig).

Aus vergangenen Fehlern lernen

Aus diesen Fehlern habe China nach der Meinung Acemoglus und Robinsons teilweise was gelernt. Die durch Deng Xiaoping ein­ge­lei­te­te Re­form­po­li­tik für eine Öffnung der wirt­schaft­li­chen In­sti­tu­tio­nen war sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Auch die marktwirtschaftlichen Anreize in der Landwirtschaft und Industrie, gefolgt von ausländischen Investitionen, die Millionen Chinesen aus Hunger und Armut halfen, werden von den Autoren lobend erwähnt. Trotzdem glauben sie, dass das Wachstumsdenken der Kommunistischen Partei, wie das in der Sowjetunion, noch sehr stark auf einer Ausbeutung des Vorhandenen basiert. Aus diesem Grund prophezeien sie auch ein Ende des chinesischen Wachstumswunders, womit sie, wenn man bedenkt, dass das Buch 2012 erschien, nicht ganz falsch lagen. Das Wachstumswunder Chinas basiere, wie das in der Sowjetunion, auf der Umsiedlung der Arbeitskräfte vom Land in die Stadt und auf dem Kopieren bereits vorhandener Technologien. Natürlich gibt es inzwischen auch in China wahnsinnig innovative Firmen, aber ihre Mitarbeiter leben in ständiger Angst, in Ungnade zu fallen und unter fadenscheinigen Gründen enteignet und verurteilt zu werden.

Unter diesen Umständen wird China, wenn es keine weiteren und weitreichenden Reformen unternimmt, in den nächsten Jahrzehnten wirtschaftlich weitaus weniger schnell wachsen als bisher, oder gar stagnieren, oder schrumpfen. Und noch was ist an China interessant: Es falsifiziert die entwicklungspolitische Behauptung der Modernisierungstheoretiker, mehr Marktwirtschaft würde automatisch auch zu mehr Demokratie führen. In China, aber auch in Russland, Saudi-Arabien und Venezuela, werden die extraktiven Regime durch die teilweise Einbindung in den Weltmarkt eher noch gestützt als gestürzt. Die neoliberalen Versuche, Staaten zu einer Öffnung der Märkte zu zwingen und dann auf ein Hinterhertrotten eines demokratischen Systems zu hoffen, sind gescheitert. Wer effektive Auslandshilfe leisten möchte, sollte nach Acemoglu und Robinson nicht liberalisieren, sondern in die Analyse der bestehenden und den Aufbau inklusiver Institutionen investieren. Der Aufstieg Brasiliens zur größten Wirtschaftsmacht Lateinamerikas wird dabei als positives Beispiel angeführt.

Kritik und Würdigung

Natürlich ist die Frage, warum einige Nationen Erfolg haben und andere nicht, nicht neu. Adam Smith hat sie sich schon in seinem monumentalen Werk „Der Wohlstand der Nationen“ gestellt. Für ihn waren es vor allem die zunehmende Arbeitsteilung und individuelle Eigennutzoptimierungen, die den gesellschaftlichen Wohlstand heben. Auch die von Smith abfällig so genannten „Merkanstilisten“ stritten trotz aller Differenz im Detail um dieselbe Sachfrage: Was ist die Ursache für nationalen Wohlstand? Für die Physiokraten war es die Landwirtschaft, für Colbertionisten das Gewerbe und für Bullionisten eine positive Außenhandelsbilanz. Karl Marx untersuchte das Wohlstandsgefälle zwischen „Bourgeoisie“ und „Proletariat“. Dieses führte er unter anderem darauf zurück, dass das Proletariat, das auf dem Arbeitsmarkt einzig seine Arbeitskraft offerieren kann, nur einen Teil des von ihm erwirtschafteten Wertes als Lohn erhält, und der andere Teil, der Mehrwert, als leistungsloses Einkommen an die ohnehin vermögenden Kapitalisten als die Eigentümer der Produktionsmittel geht. Max Weber schließlich betonte die Bedeutung von Mentalitäten für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. So sei es kein Zufall, dass die Industrialisierung und der Kapitalismus ausgerechnet in den durch eine „protestantische Ethik“ und einen „okzidentalen Rationalismus“ geprägten westeuropäischen Staaten ihren Ausgang fanden.

In der Terminologie Acemoglus und Robinsons hingen Marx und Weber also der „Kultur-Hypothese“ an. Adam Smith hingegen kann bereits als ein Vertreter ihrer „Institutionen-Hypothese“ gesehen werden, weil er die Bedeutung von Institutionen betonte, die einen rechtsförmig geordneten, freien Wettbewerb garantieren, um den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand zu heben. Außerdem plädierte er dafür, dass der Staat sich um eine öffentliche Ordnung, Rechtspflege, Infrastruktur, Bildung und vor allem auch um eine Ordnungspolitik zu kümmern habe, die Eigentum garantiert. Das würden sicher auch Acemoglu und Robinson so unterschreiben. Ein noch direkterer Vorfahre der „Institutionen-Hypothese“ ist Douglass North, der von den beiden Autoren explizit auch als ein solcher benannt wird. Als akademische Gegenstreiter dürften Acemoglu und Robinson beispielsweise Jared Diamond, der in seinem Buch „Guns, Germs, and Steel“ einen „geographischen Determinismus“ und somit eine sehr harte Form der „Geographie-Hypothese“ verfolgt, und David Landes, der in „The Wealth and Poverty of Nations“ der „Kultur-Hypothese“ Weg bereitet, gesehen haben.

Ob Acemoglus und Robinsons eigene Hypothese Gegenbeispielen standhalten kann, wie wir uns zu Beginn dieses Textes gefragt haben, hängt ganz davon ab, wie eng sie formuliert wird. Die große Stärke und Schwäche des Buches ist seine Einfachheit. Auf den Punkt gebracht, lässt sich sein Inhalt so zusammenfassen: Staaten mit inklusiven Institutionen prosperieren und Staaten mit extraktiven Institutionen werden langfristig scheitern. Diese Hauptthese wird auf rund 600 Seiten mit zahlreichen empirischen Fallbeispielen (teilweise sehr repetitiv und langatmig) unterfüttert. Wenn sie als allgemeine Tendenz formuliert wird, ist an ihr sicher was dran, die Argumente der Autoren und ihre Vordenker sind erdrückend. Formuliert man sie hingegen als allgemeines Gesetz, postuliert man inklusive Institutionen also als sowohl notwendige als auch hinreichende Bedingung für nationalen Erfolg, dann kommen doch erhebliche Zweifel auf.

Befürworter autoritärer Gesellschaftsentwürfe können mit Recht daran zweifeln, dass Acemoglus und Robinson das Phänomen China tatsächlich erklären können. China hat klar extraktive Strukturen und ein Wachstum, das, entgegen der Behauptung der Autoren, zunehmend gemäßigt-nachhaltig ist und auf echten Innovation beruht. Mehr noch: Die extraktiven Institutionen scheinen den Fortschritt Chinas gerade noch zu befeuern. Man denke nur daran, wie lange es in demokratischen Ländern, in denen die Bevölkerung ihre politischen Einspruchsrechte auch nutzen kann, um wirtschaftliche Fortschritte zu blockieren, dauert, einen Flughafen oder Trassen für Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Und dann vergleiche man die Prozessdauer mit der Chinas. Man kann von China auch nicht sagen, dass nur eine kleine Elite von diesem Wachstum profitiert. Ein Linker könnte schließlich einwenden, dass die Autoren den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen: Sie reden andauernd von Afrika und dem europäischen Kolonialismus, unterschlagen aber vollkommen die Möglichkeit, dass die reichen Nationen ihren Wohlstand auch der his­to­ri­schen und bis heute anhaltenden Ausbeutung der ärmeren Länder verdanken.

Das tieferliegende Problem scheint mir darin zu bestehen, dass alle diese sozialwissenschaftlichen „X-Hypothesen“ monokausale Erklärungen auf multideterminierte Phänomene geben wollen und damit zwangsläufig an der Komplexität der Welt scheitern müssen. Schon Joseph Schumpeter, der ja bekanntlich vom Fach war, hat darauf hingewiesen, dass „eindimensionale Erklärungen komplexer sozialer Phänomene“ trügerisch sind. Es gibt nicht den einen Grund, warum Nationen scheitern. Aber viele Nationen scheitern an schlechten, extraktiven Institutionen. Dass einer breiten Masse plausibel gemacht zu haben, darin besteht das Verdienst von Daron Acemoglu und James A. Robinson.

Quelle: http://whynationsfail.com/blog/
Quelle: http://whynationsfail.com/blog/

Hinweis: Dieser Text wurde als Buchrezension im Seminar "Nachdenken über Europa" bei Dr. Kerrin Jacobs an der Universität Göttingen verfasst.

Siehe auch:

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Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Samstag, 12 Mai 2018 00:17)

    Nationaler Wohlstand ist zu Teilen und manchmal auf geographische, kulturelle, kompetenzgeleitete und institutionelle Faktoren zurückzuführen, aber eben nicht immer oder ausschließlich.


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