„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

John Mackie: Ethics. Inventing Right and Wrong

Im Grunde stimme ich John Leslie Mackie zu: (i) Moralische Aussagen werden mit dem Anspruch vorgetragen, wahrheitsfähige Behauptungen zu sein (sprachanalytischer Kognitivismus). Wenn beispielsweise einer sagt "Mord ist schlecht", dann behauptet er die Wahrheit dieser Aussage,- und möchte nicht nur ein privates Gefühl (Emotivismus) oder eine Forderung kundtun (Präskriptivismus). (ii) Moralische Aussagen können diesem Selbstanspruch jedoch nicht gerecht werden, da es keine Erkenntnis moralischer Wahrheiten gibt (epistemologischer Nonkognitivismus). Wenn beispielsweise einer sagt "Mord ist schlecht", dann ist das nicht im selben Sinne eine Erkenntnis wie "Der Ball ist gelb". (iii) Dies liegt daran, dass Aussagen wie "Mord ist schlecht" mit nichts in der Welt korrespondieren können, das sie wahr macht (moralischer Antirealismus).

Jedoch halte ich die Argumente, die Mackie in seinem Buch "Ethics. Inventing Right and Wrong" für diese Position hervorbringt, für schlechtgewählt und leicht widerlegbar. Gegen (iii) die Möglichkeit einer objektiven moralischen Wahrheit, bringt er v.a. zwei Hauptargumente an:

1. Das Argument aus der Absonderlichkeit (argument from querness) geht von der ontologischen Annahme aus, dass moralische Werte ganz eigenartige Wesenheiten sein müssten. Wenn es tatsächlich etwas in der Welt da draußen gibt, das Morden schlecht macht, dann müsste es sich stark von anderen Entitäten in der Welt wie Tischen oder Bällen unterscheiden. Deshalb hält Mackie die objektive Existenz solcher Werte für unwahrscheinlich. Er argumentiert dabei vor allem noch epistemologisch weiter: Objektive moralische Einsicht müsste auf einem sehr eigentümlichen Erkenntnisvermögen beruhen, dessen Funktionsweise von geläufigen Erkenntnisformen stark abweiche. Die Wirklichkeit eines solchen Erkenntnisvermögens wäre daher ebenfalls fragwürdig.

Beide Teile des Arguments sind nicht besonders überzeugend. Auch Zahlen, Universalien, Naturgesetze, Eigenschaften oder Gedanken sind eigenartige Entitäten und völlig verschieden von materiellen Entitäten wie Tischen oder Bällen. Trotzdem zweifelt kaum einer an der Existenz von Naturgesetzen, die ontologische Eigenartigkeit einer Entität wird gemeinhin also nicht als gutes Argument für ihre Nichtexistenz interpretiert.

Ähnlich wird die Wirklichkeit moralischer Wahrheit nicht dadurch widerlegt, dass sie epistemologisch ein eigenartiges Erkenntnisvermögen voraussetzen mag. Wenn man sich philosophisch einmal die verschiedenen menschlichen Erkenntnisformen vergegenwärtigt, sind sie eigentlich alle eigenartig. Die Erkenntnis von logischen Wahrheiten durch logisches Schlussfolgern ist ganz eigenartig. Die Erkenntnis von materiellen Körpern durch die sinnliche Wahrnehmung ist ganz eigenartig. Der Gegenstandsbereich der Moral ist grundlegend genug, vielleicht haben wir für sie auch eine eigenartige Erkenntnisform entwickelt? Eine praktische Vernunft neben der theoretischen? Ein moralischer Sinn neben dem empirischen?

2. Das Argument aus der Relativität (argument from relativity) geht von der Vielfältigkeit moralischer Werte aus. Moralische Werte differieren regional zwischen verschiedenen Gesellschaften, ebenso wie temporal zwischen verschiedenen Epochen. In modernen pluralistischen Gemeinwesen trifft man sogar auf engstem Raum und zur selben Zeit auf unterschiedlichste moralische Überzeugungen. Deshalb hält Mackie die Objektivität solcher Werte für unwahrscheinlich. Er argumentiert dabei weiter, dass moralische Werte offenkundig einem geographischen und historischem Relativismus unterliegen und nur im Rahmen des jeweiligem Settings objektiv gegeben erscheinen.

Das ist ein sehr bekanntes Argument gegen die Objektivität der Moral. Normative Überzeugungen werden dabei oft mit faktische Überzeugungen kontrastiert, bei denen angeblich eine viel größere Einigkeit, Konstanz und Fortschritt herrscht. Deshalb sei davon auszugehen, dass faktische Überzeugungen einen objektiven Wahrheitsbezug haben und normative Überzeugungen nicht.

Ein solcher Relativismus kann strenggenommen nicht unumstößlich widerlegt werden. Es gibt aber eine Reihe von guten Argumenten gegen seine Prämissen:

A. Vielfalt, Wechsel und Uneinigkeit sind kein Beweis dafür, dass es Wahrheit im Moralischen nicht gibt oder dass man sie nicht finden könnte. Sie beweisen nur, dass wenn es moralische Wahrheit gibt, sie noch nicht von allen gefunden wurde.

B. Vielfalt, Wechsel und Uneinigkeit im Moralischen haben häufig ein geringeres Ausmaß als meistens behauptet wird. Lügen, Stehlen oder Töten gelten in fast allen Gesellschaften und Epochen als verwerflich. Hilfeleistung, Unterstützung oder Höflichkeit werden beinahe überall und immer als lobenswert angesehen. Die Pluralität, Evolution und Meinungsverschiedenheiten betreffen dann meistens nur nachgeordnete Fragen nach der Umsetzung, Gewichtung oder möglichen Ausnahmeregelungen.

C. Vielfalt, Wechsel und Uneinigkeit in moralischen Fragen beruhen oftmals nicht auf verschiedenen, wechselnden oder differierenden normativen Überzeugungen, sondern auf verschiedenen, wechselnden oder differierenden faktischen ÜberzeugungenMan streitet zwar über eine moralische Angelegenheit ("A ist gut"), aber die Kontroverse betrifft nicht die normativen Prämissen ("Q ist gut"), sondern die faktischen Prämissen ("A ist Q"). In der Steuerpolitik streiten FDP und SPD zwar um eine moralische Angelegenheit ("Steuersenkungen sind gut"), aber die Kontroverse betrifft nicht die normativen Prämissen ("Eine Stärkung des Mittelstandes ist gut"), sondern die faktischen Prämissen (FDP: "Eine Steuersenkung entlastet den Mittelstand" vs. SPD: "Eine Steuererhöhung stärkt den Mittelstand"). In der Asylpolitik streiten LINKE und AfD zwar um eine moralische Angelegenheit ("Flüchtlingsaufnahmen sind gut"), aber die Kontroverse betrifft nicht die normativen Prämissen ("Menschen in Not helfen ist gut"), sondern die faktischen Prämissen (LINKE: "Flüchtlinge sind Menschen in Not", AfD: "Flüchtlinge sind großteils Sozialtouristen, unsere abendländische Kultur ist in Not"). In der Energiepolitik streiten Union und Grüne zwar um eine moralische Angelegenheit ("Atomenergie ist gut"), aber die Kontroverse betrifft nicht die normativen Prämissen ("sichere Energie ist gut"), sondern die faktischen Prämissen (Grüne: Atomenergie ist nicht sicher, CDU einst: Atomenergie ist sicher). In der Innenpolitik streiten Islamapologeten und Islamkritiker zwar um eine moralische Angelegenheit ("ist das Kopftuchverbot gut?"), aber die Kontroverse betrifft nicht die normativen Prämissen ("Selbstbestimmung ist gut"), sondern die faktischen Prämissen (Islamapologeten: das Kopftuch ist ein Ausdruck der Selbstbestimmung der Muslima, Islamkritiker: das Kopftuch ist ein Ausdruck der Fremdbestimmung der Muslima).

Insbesondere sind normative und faktische Aussagen in ungleicher Weise aufeinander bezogen: Normative Aussagen hängen fast immer auch von faktischen Annahmen ab ("A ist gut" ist abhängig von "A ist Q"), aber das vertauschte Verhältnis trifft niemals auf ("A ist Q" ist immer unabhängig von "A ist gut"). Dies führt zwangsläufig zu einer größeren Varianz in normativen als in faktischen Fragen, indem jede faktische Uneinigkeit zu einer normativen Uneinigkeit führen, aber ein umgekehrter Einfluss nicht stattfinden kann. Die höhere Varianz des Normativen gegenüber dem Faktischen muss daher auch keine geringere Wahrheitsfähigkeit anzeigen. Vielmehr kann sie in der einseitigen Abhängigkeitsbeziehung beider Felder gründen, aufgrund derer sich etwaige Unsicherheiten nur in einer Richtung ausbreiten können.

D. Vielfalt, Wechsel und Uneinigkeit in moralischen Fragen beruhen oftmals nicht auf verschiedenen, wechselnden oder differierenden normativen Überzeugungen, sondern auf menschliche VoreingenommenheitDa Normen unmittelbar menschliches Verhalten steuern sollen, kollidieren sie häufiger als Fakten mit persönlichen Interessen. Kaum ein Manager lügt zu den rein deskriptiven Fragen, was er heute morgen gegessen hat oder welches Hemd er trägt. Wenn es aber um die normative Frage geht, ob sein Gehalt angemessen ist, ist es viel wahrscheinlicher, dass er einen anlügt.

Dass im normativen Bereich öfter die nötige Neutralität fehlt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Faktenfragen, sobald sie doch einmal persönliche Interessen berühren, vergleichbar kontrovers diskutiert werden wie Normfragen. Die Auseinandersetzungen um Kosmologie, Evolutionstheorie, Genetik und Klimamodelle waren oft von den normativen Fragen getrieben, ob das christlich-geozentrische Weltbild gerechtfertigt ist, ob der Mensch eine Sonderstellung im Tierreich einnimmt, ob es eine arische Rasse gibt oder ob man ruhigen Gewissens SUV fahren darf. Oftmals ist Uneinigkeit also nicht in einer fehlenden objektiven Wahrheit, sondern schlichtweg in menschlicher Unzulänglichkeit begründet.

E. Ein schwächerer Einwand ist dieser hier: Der Relativismus von erklärten moralischen Antirealisten ist oftmals begrenzt. Konfrontiert man moralische Antirealisten mit Extrembeispielen wie Vergewaltigung oder Völkermord und fragt, ob die Falschheit solcher Handlungen nur eine Sache des persönlichen Geschmacks ist, geben sie ihre antirealistische Haltung oft auf.

Gelegentlich scheinen subjektivistische und relativistische Bekenntnisse zudem einer falschen Vorstellung menschlichen Umgangs zu entspringen: Auf moralische Wahrheitsansprüche zu verzichten, gilt oftmals als Zeichen von Toleranz, d.h. als Ausdruck der Bescheidenheit hinsichtlich eigener Ansichten und als Form der Anerkennung gegenüber fremden Überzeugungen (Kulturrelativismus). Dies ist allerdings ein Fehler, wie sich leicht zeigt: Echte Bescheidenheit besteht im Bewusstsein, sich irren zu können (was Wahrheit voraussetzt), nicht im Glauben, es gebe keine Wahrheit (womit sich niemand irren könnte). Echte Anerkennung meint die Bereitschaft, sich die Meinung des anderen zuzuhören (weil er Recht haben könnte), nicht die Auffassung, es könne ohnehin niemand recht haben (womit alle Meinungen gleichermaßen belanglos wären).

Wie gesagt: Ich stimme John Mackie zu und glaube auch nicht, dass moralische Aussagen wie "A ist gut" auf eine ähnliche Weise wahr sein können wie faktische Aussagen wie "A ist grün". Jedoch halte ich Mackies Argumente für schlecht. 

Und ich glaube, dass aus der Wahrheit des epistemologischen Nonkognitivismus nicht zwingend ein absoluter metaethischer Relativismus folgen muss. Wenn normative Sätze wie "A ist gut" keine objektiven Wahrheiten ausdrücken können, so können sie immer noch intersubjektiv gerechtfertigt sein. Der Satz "Gleichberechtigung ist gut" kann bspw. intersubjektiv gerechtfertigt sein, wenn Menschen sich gedanklich in einen Schleier des Nichtwissens versetzen und den Satz infolge als gerechtfertigt betrachten. Natürlich ist der Satz immer noch nicht objektiv wahr und immer noch von Faktoren wie Zeit und menschlichem Denken abhängig, aber innerhalb dieses Rahmens ist er nicht wiederum beliebig, sondern  durch nachvollziehbare und kluge ethische Überlegungen gestützt. "Gleichberechtigung ist gut" kann also bestenfalls bedeuten: "Es gibt gute intersubjektive, ethische Gründe dies anzunehmen"-, und das ist weitaus mehr als nur ein subjektives Geschmacksurteil.

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