„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Nachfolgeexperimente zu Libet

Je mehr ich über den freien Willen lese und darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich die Probleme, vor denen die Neurowissenschaft zu stehen meint. Im Spiegel wird die x-te Studie zitiert: Studie nährt Zweifel an freiem Willen. Der Neuigkeitswert besteht darin, dass entsprechende unbewusste Denkprozesse im Gehirn jetzt nicht mehr 500 Millisekunden, wie seinerzeit von Benjamin Libet, sondern ganze 7 Sekunden vor dem Zeitpunkt gemessen wurden, die die Versuchspersonen selbst als den Zeitpunkt ihrer Entscheidung angegeben haben:

Lange bevor wir glauben, eine bewusste Entscheidung zu fällen, sind bereits an der Entscheidung beteiligte Hirnregionen aktiv, haben sie herausgefunden. Die Forscher waren sogar in der Lage, vorauszusagen, welche Entscheidung ein Proband treffen würde – mehrere Sekunden vor dem Zeitpunkt, zu dem er sich selbst darüber bewusst war.

Im Durchschnitt berichteten die Studienteilnehmer, dass sie die Entscheidung, welche Hand sie benutzen, innerhalb einer Sekunde vor dem Drücken gefällt hätten. Durch Messungen der Aktivität im frontopolaren Cortex, einer Region im vorderen Hirnbereich, konnten die Wissenschaftler aber schon sieben Sekunden vor dieser bewussten Entscheidung vorhersagen, welche Hand die Testperson einsetzen würde.

„Die Frage nach der Willensfreiheit ist nicht endgültig beantwortet“, erklärte Haynes. Bei den Stoffwechselvorgängen handle es sich um eine unbewusste Planung einer bewussten Entscheidung. Unklar sei, ob sich der Mensch nach der Planung noch umentscheiden kann. „Ich halte einen Eingriff des freien Willens für unplausibel“, sagte Haynes.

Ich halte letzteres wiederum für unplausibel. Meine Kritik an den Libet-Experimenten und den Folgeexperimenten kann man hier nachlesen. Welches gesicherte Wissen soll man aus solchen Versuchsanordnungen ziehen? Vorgänge im Gehirn, die uns bewusst werden, erfordern eine höhere Hirnaktivität als unbewusste. Da die Hirnaktivitäten aber erst "hochgefahren" werden müssen, müssen bewussten Vorgängen immer unbewusste vorangehen. Eine ganz andere Frage ist, auf welchen Zeitpunkt man selbst eine bewusste Entscheidung datiert. Hier ist es wichtig, dass dieser Zeitpunkt mit dem gesamten Selbst- und Umweltmodell in Übereinstimmung gebracht wird. Bei einem Boxer zum Beispiel sollte der Zeitpunkt, den er selbst für den Beginn einer Aktion angibt, etwas, aber nicht viel vor dem Zeitpunkt liegen, den sein Gegner angibt, wenn er gefragt wird, wann er den Schlag hat kommen sehen.

Oder am Beispiel des Knopfdrückens im Spiegelartikel: Es wäre für das Selbstmodell des Probanden einfach sinnlos, den Zeitpunkt einer Entscheidung 7 Sekunden vor dem eigentlichen Drücken zu datieren. Das hätte in der Evolution nichts genützt. Zum Problem wird die Hypothese des freien Willens erst, wenn man Bewusstsein als etwas völlig anderes als die sonstigen physiologischen Vorgänge im Hirn betrachtet – das ist aber eine eher antinaturalistische und substanzdualistische Betrachtungsweise. Die Neurowissenschaftler, die Gehirnaktivitäten und bewusste Entscheidungen datieren, dürften aber großteils reduktive Naturalisten sein und gar keinen Unterschied zwischen den beiden Ereignissen machen. Ansonsten hat das Bewusstwerden einiger weniger der sehr vielen unbewussten Vorgänge und Entscheidungen im Gehirn nur eine wesentliche Funktion – einen möglichen späteren bewussten Zugang zu den Erinnerungen – um in der Zukunft besser qualifizierte und komplexe und deshalb notwendigerweise bewusste Entscheidungen treffen zu können.

Man kann die Messungen in den Experimenten auch auf eine andere Weise konterkarieren: Was, wenn sich in den Experimenten ein Proband bereits am Morgen vor der Teilnahme eine bestimmte Strategie des Drückens zurecht gelegt hätte? An der Aufzeichnung seiner Hirnströme hätte das vermutlich nichts geändert, und den Zeitpunkt des Beginns des Drückens hätte er genauso wie bei einer spontanen Entscheidung angeben können – als den Zeitpunkt, den sein Bewusstsein für den Start des Drückvorgangs datiert hätte.

Ein vielleicht noch besseres Beispiel liefert unsere Farbempfindung. Nahezu jeder physikalisch Gebildete weiß, dass es "da draußen" keine Farben gibt. Es gibt nur Lichtquanten verschiedener Wellenlängen, die in unserem Gehirn neuronal – und unbewusst – verarbeitet werden und von unserem Bewusstsein als Qualia erlebt werden. Mit dem freien Willen ist es absolut gleich. Entscheidungen werden auf der Grundlage neuronaler Prozesse getroffen. Die getroffenen Entscheidungen hängen zum einen von der vorliegenden Situation und zum anderen von unseren personalen Präferenzen ab. Einige wenige Entscheidungen werden uns bewusst. Wir erleben den Entscheidungsprozess nur, wenn er aufwendiger als die normalen Entscheidungen unseres Körpers ist (zum Beispiel, wann der nächste Herzschlag zu starten ist) und zwar als die Quale (nicht die Qualen!) des freien Willens. Und für frei halten wir die Entscheidung dann, wenn uns bewusst ist, dass auf uns kein Zwang ausgeübt wird und wir zwischen mehreren Möglichkeiten wählen können. Die Kalkulationen dafür können durchaus unbewusst ablaufen, das ist aber für die Qualität der getroffenen Entscheidung vollkommen irrelevant.

Beitrag von: Ralf Poschmann (leicht abgeändert)

zum vorherigen Blogeintrag                                                                               zum nächsten Blogeintrag 

 

Liste aller Blogeinträge

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.