„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Utopie und Tragik

Statt von linken und rechten ist hier die Rede von utopischen und tragischen Weltsichten, die sich immerhin (wie ein Schattenwurf, unter Verlust von Dimensionen) auf links versus rechts abbilden lassen.

In zwei Sätzen, arg vergröbert: In der tragischen Vision sind der Menschen Weisheit und Güte grundsätzlich limitiert, und jegliches soziale Arrangement sollte das berücksichtigen. In der utopischen Vision sind unsere Limitierungen Ergebnis unserer sozialen Arrangements und wir sollten unseren Blick für das, was möglich ist, nicht trüben lassen.

Diese beiden Positionen scheinen jeweils den Unterboden politischen Handelns und Denkens zu bilden; wie den Boden unter unseren Füßen betrachten und prüfen wir ihn kaum, so wir nicht gerade durch Sümpfe waten. Weltanschaulich sind die meisten von uns selten „im Sumpf“; wir meinen, klare Positionen auf der Basis selbstverständlicher Prämissen zu entwickeln, die sich, eben wegen ihrer Selbstverständlichkeit, gar nicht mehr in unserem Gesichtskreis befinden.

Rücken wir die utopische Vision in den Blick. Ihr gemäß sind menschliche Begrenzungen das Ergebnis des sozialen Gefüges. Daraus folgt die Möglichkeit, das Gefüge so zu konstruieren, dass jene Begrenzungen aufgehoben werden; es ist eine Frage des Wollens. Scheitern entsprechende Versuche am Widerstand anderer, muss also deren Wollen ein konträres sein. Da die Aufhebung der Limitierungen ein inhärent gutes Ziel ist, folgt logisch eine gewisse Boshaftigkeit derer, die diesen Versuchen Widerstand leisten, weshalb es sie im Dienste der guten Sache zu bekämpfen gilt. Je hehrer der Zweck, desto schärfer dürfen die dabei eingesetzten Mittel sein.

Nun die tragische Vision. Aus ihrer Sicht ist die „gute Gesellschaft“ weniger eine Frage des Wollens als des Könnens. Sie weist auf gemachte Erfahrungen und gescheiterte Ansätze hin. Vorhaben von utopischer Seite, denen sie wegen der gemachten Erfahrungen ein Scheitern prognostiziert, setzt sie Widerstand entgegen. Dieser Widerstand wird, wie oben beschrieben, auf Seiten der Utopisten als von niedrigeren Motiven geleitet verstanden, die dem Ziel der guten Gesellschaft individuell-egoistisch vorgelagert sind.

Tatsächlich ist der Widerstand oft von denselben moralischen Prinzipien geleitet; solchen, die bessere Verhältnisse für alle wollen. Sie gehen aber von anderen Prämissen aus, unter anderem der inhärenten Limitierung eines menschlichen Charakters, der gewisse Konzepte nicht leben kann. Auch sie wollen die gute Gesellschaft, meinen aber, sie nur erreichen zu können, wenn unsere Begrenzungen eher als Faktor in das Streben nach ihr aufgenommen werden und weniger selbst das Ziel der Veränderung sind.

Randbemerkung zu Dreckeffekten, die fast immer den Blick verstellen:

·        Es mag zur Genüge Tragiker geben, denen die gute Gesellschaft wurscht ist, die nur ihre eigenen Pfründe sichern wollen und deshalb unter konservativer Flagge segeln. 

·        Es mag zur Genüge Utopisten geben, denen die gute Gesellschaft wurscht ist, die sich zu kurz gekommen fühlen, sich vom sozialen Umbau persönliche Verbesserungen erhoffen und deshalb unter „progressiver“ Flagge segeln.

Nur wer seine Lebensbedingungen klug und vorausschauend anpasst, kann ein gutes Leben führen. Sein Mitmensch ist dabei Teil dieser Bedingungen. Wie weit der zur anpassbaren Verfügungsmasse gehört, gilt es herauszufinden; selbstverständlich ist seine Formbarkeit nicht.

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