„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

David Humes Unterscheidung zwischen natürlichen und künstlichen Tugenden

Essaythema: Erläutern Sie Humes Unterscheidung von natürlichen und künstlichen Tugenden und deren jeweilige Grundlage. Diskutieren Sie dann (an Beispielen), ob sich beide Arten so unterscheiden, wie Hume dies meint.

1. natürliche und künstliche Tugenden

Für David Hume sind Tugenden grundsätzlich unterschiedlicher Art. In seinem dritten Buch („Über Moral“) seines „Traktat über die menschliche Natur“ trifft er die ganz wesentliche Unterscheidung zwischen natürlichen Tugenden und künstlichen Tugenden. Diese Unterscheidung soll vor allem den Unterschied zwischen vorzivilisatorischen und modernen Moralen hervorheben und legt einen großen Schwerpunkt auf die Gefühle des Menschen.

„Die Hauptquelle oder das treibende Prinzip im Menschengeist ist Lust und Unlust“, die in uns „die Regungen von Neigung und Abneigung“[1] bewirkt. Diese Regungen betreffen die Art, wie wir Werturteile fällen, bezüglich ästhetischen Urteilen schreibt Hume beispielsweise: „Gefällig und schön bezeichnet […] eine Eigenschaft, die uns gefällt, lediglich vermöge der in ihr liegenden Tendenzen, einen erfreulichen Zweck zu genügen.“[2] Und bezüglich moralischen Urteilen, „dass jede geistige Eigenschaft, die uns bei uns selbst oder bei andere mit Befriedigung erfüllt, sich der Betrachtung oder Reflexion natürlicherweise als tugendhaft darstellt.“[3] Sehe ich einer Person zu, wie sie einem Obdachlosen eine warme Decke bringt, kann dies in mir Lust und Sympathie hervorrufen, weshalb ich sein Handeln dann instinktiv als tugendhaft empfinde. Da diese Wahrnehmung direkt auf das Lustgefühl in mir zurückgeführt werden kann und „in keiner Weise von den Kunstgriffen und Veranstaltungen der Menschen abhängig“[4] ist, spricht Hume auch von natürlichen Tugenden. Zu den natürlichen Tugenden zählen beispielsweise Güte, Barmherzigkeit und Sympathie.

Dem setzt Hume die künstlichen Tugenden gegenüber, die auf zwischenmenschlichen Konventionen beruhen und dementsprechend auch erst mit dem Aufkommen der Zivilisation das erste Mal auftraten[5]. Diese Konventionen betreffen immer ein gemeinsames Interesse, dessen Erfüllung allein aufgrund des Waltens der natürlichen Tugenden nicht gewährleistet werden kann. Hume bringt hier das Beispiel des Rechtsstaates an: Natürliche Tugenden können deshalb keine Rechtstaatlichkeit garantieren, da sie ungleich unter den Menschen verteilt sind, einem armen Mann gilt meine Sympathie und Güte beispielsweise viel eher als einem stinkreichen und unbekannten. Ziel der Rechtsstaatlichkeit ist es aber, solche Sympathien zu überwinden und allgemeine Konventionen über Regeln zu finden. Diese Regeln können, an sich betrachtet, oftmals „dem öffentlichem Wohl entgegen“ stehen, aber „das ganze System der Gesetze und der Rechtsordnung ist vorteilhaft für die Gesellschaft“.[6] So kann es mal geschehen, dass der „Richter dem armen Mann [nimmt], um dem reichen zu geben“[7], dies mag für sich genommen unrecht erscheinen, eine feste Rechtsordnung sorgt aber unterm Strich für den tendenziell größten gesamtgesellschaftlichen Mehrwert, da eine Gesellschaft ohne eine solche Rechtstaatlichkeit weitaus schlimmer dran wäre. Durch diese Erkenntnis, „frühzeitige Erziehung“[8] und negative Erfahrungen beispielsweise mit dem Übertreten von Eigentumsrechten, erhält das Individuum ein Bewusstsein über die allgemeinen Vorteile zwischenmenschlicher Konventionen und wird auch dann noch an ihnen festhalten, wenn sie einmal gegen seine natürlichen Interessen stehen. Neben Rechtstaatlichkeit zählen Ehrlichkeit und Treue zu den künstlichen Tugenden.

1. Diskussion der Sachfrage

Humes Unterscheidung zwischen natürlichen und künstlichen Tugenden besitzt zunächst eine bestechliche Plausibilität. Zu vorzivilisatorischen Entwicklungsstufen war unser Verhalten durch natürlichen Tugenden bestimmt. Wir lebten in Stammesgruppen und unser Miteinander beruhte auf Sympathien und Gefühle, Regelwerke und abstrakte Konventionen gab es nicht. Erst durch das Aufkommen von Konzepten wie Rechtsstaatlichkeit, Lüge oder Monogamie wurden dann aber zwischenmenschliche Übereinkünfte notwendig, damit das Leben in immer größeren und komplexeren Gesellschaften funktionieren kann. So weit, so plausibel. Jedoch unterschlägt Hume hier die Rolle der Rationalität bei moralischen Urteilen. Wie erklärt er beispielsweise das Verhalten von altertümlichen Stadtleuten, die leprakranke Mitbürger in die Verbannung schickten? Oder von mittelalterlichen Bauern, die hungernde Katzen am Schwanz packten und an der Wand tot schlugen? Die Bürger und Bauern verspürten sicher keine Lust, wenn sie totkranke Leute exilierten oder süße Kätzchen töteten. Ihr Verhalten ist aber auch nicht den künstlichen Tugenden zuzuordnen, da vor allem das der Bauern in keiner Weise auf gemeinschaftlichen Konventionen beruhte. Trotzdem war es insofern tugendhaft, als dass die Stadtleute ihre Mitbürger vor der Ansteckung und die Bauern ihre Katzen vor einem viel grausameren, da langsameren Hungertod retten wollten. Es gibt also Fälle, in denen ein tugendhaftes Verhalten auf rationalen Überlegungen zur Moral beruht und weder den natürlichen noch den künstlichen Tugenden zuzuordnen ist.

Darüber hinaus lassen sich Fälle ersinnen, in denen überhaupt nicht klar ist, ob es sich um natürliche oder künstliche Tugenden handelt. Ein geeignetes Beispiel hierfür bietet der Reziproke Altruismus, für den ein Radrennen wie die Tour de France ein geradezu prädestiniertes Exempel ist. Bei solchen Radrennen mit einem Massenstart kommt es oft zu so genannten „Ausreißergruppen“, in denen konkurrierende Radfahrer abwechselnd an der Spitze und im Windschatten fahren, um nicht vom Hauptfeld eingeholt zu werden. Da dieses Verhalten auf einer stillen Übereinkunft zwischen den Ausreißern basiert, ihren Gesamtnutzen maximiert und dennoch einzelnen Teilnehmern schaden kann, könnte man es den künstlichen Tugenden zurechnen. Jedoch sind Reziproke Altruismen, wie gegenseitige Fellpflege und Bündnisse, auch schon bei Menschenaffen wie Schimpansen und Fledermäusen zu beobachten und da Schimpansen in keinem Fall in Zivilisationen leben und Fledermäuse nicht zu Übereinstimmungen im humeschen Sinne fähig sind, ist die Zuordnung zu den künstlichen Tugenden problematisch. Andererseits verspüren Affen, die anderen Affen das Fell säubern, und Fledermäuse, die ihre kranken Artgenossen miternähren, dabei vermutlich aber auch keine Lust, was gegen eine natürliche Tugend spricht. Vielmehr handeln diese Tiere aus einem evolutionär-bewährtem und oftmals unbewussten Instinkt heraus. Ein ähnlicher tugendhafter Instinkt bringt viele Menschenmütter auch dazu, ihr Kind aufzuziehen, obwohl sie überhaupt keine Lust dabei empfinden und Abtreibung oder Adoption gesellschaftlich toleriert wären. Es scheint mir von daher angemessen, neben „natürlichen“, „künstlichen“ und „rationalen“ noch die Kategorie der „instinktiven Tugenden“ einzuführen, wenn Missverständnisse und Ungenauigkeiten vermieden werden sollen.

2. Fazit

Wie eingangs erwähnt, hebt Humes Unterscheidung zwischen natürlichen und künstlichen Tugenden vor allem den Unterschied zwischen vorzivilisatorischen, lustbestimmten, und modernen Tugendsystemen hervor. Dabei misst es den Gefühlen des Menschen einen zentralen Wert bei. Dieser Tugenddualismus und die Verabsolutierung der menschlichen Gefühle erwiesen sich aber als zu undifferenziert, um das komplette Spektrum der Tugenden zu erfassen, da einige tugendhafte Handlungen auf rationalen Überlegungen anstatt auf Gefühlen beruhen, und da andere sich weder genau den natürlichen noch den künstlichen Tugenden zuordnen lassen.

3. Literatur

[Über Moral] David Hume (hrsg. von Herlinde Pauer-Studer): Über Moral. Suhrkamp (2007); Auflage: 3.

4. Einzelnachweise

[1] David Hume (hrsg. Herlinde Pauer-Studer): Über Moral. Suhrkamp (2007); Auflage: 3., S. 157
[2] Hume: Über Moral, S. 169
[3] Hume: Über Moral, S. 158

[4] Hume: Über Moral, S. 157

[5] Das Adjektiv „künstlich“ ist hier also ausdrücklich nicht mit modernen negativen Konnotationen wie „gekünstelt“ oder gar „unecht“ verbunden. Vielmehr macht es auf den Umstand aufmerksam, dass künstliche Tugenden nicht auf natürlichen Empfindungen sondern auf „unnatürlichen“ Konventionen beruhen.
[6] Hume: Über Moral, S. 163

[7] ebd.

[8] Hume: Über Moral, S. 53

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