„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

David Hume: Traktat über die menschliche Natur, 3. Buch, 1. Teil, 1. Abschnitt

Darstellung des Arguments

Im dritten Buch seiner „Abhandlung über die menschliche Natur“1 fragt Hume nach dem Urgrund unserer Moral. Für ihn steht fest, dass selbige sich nicht erschöpfend aus der Vernunft heraus erklären lässt. Vernunft ist laut Hume nämlich die Erkenntnis bestimmter wirklicher Beziehungen zwischen Vorstellungen oder Tatsachen, da Affekte und Handlungen zu einer solchen Beziehung jedoch nicht fähig sind, kann die Vernunft auch keinen Einfluss auf sie haben. Stattdessen sei es die Moral, die sich auf unsere Affekte und Handlungen auswirkt, woraus wiederum folgt, dass das Phänomen der Moral sich auch nicht allein aus der Vernunft heraus ergibt.

In einem ersten Schritt definiert Hume die Vernunft als „Erkenntnis von Wahrheit und Irrtum“2. Wahrheit wiederum bestehe „in der Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung entweder mit den wirklichen Beziehungen der Vorstellungen oder mit dem wirklichen Dasein und den Tatsachen“3. Vernunft äußert sich für Hume also darin, dass jemand Einsicht in eine bestimmte Entsprechung zwischen Vorstellungen oder zwischen Tatsachen hat. Wenn Gert beispielsweise mein Großvater ist und ich zusätzlich die Vorstellung hege, dass Gert die Vorstellung besitzt, mein Großvater zu sein, dann ist es diese Übereinstimmung zwischen Vorstellungen, die meine Vorstellung wahr macht. Nun lässt sich fragen, ob Affekte und Handlungen zu einer solchen Übereinstimmung überhaupt fähig sind, ob sie also überhaupt Gegenstand unserer Vernunft im Hume´schen Sinne sein können. Hume verneint dies ausdrücklich4. Affekte und Handlungen seien „in sich selbst vollendet, […]. Man kann also unmöglich von ihnen sagen, dass sie richtig oder falsch sind, der Vernunft entsprechen oder ihr widerstreiten.“5. Diese Annahme ist äußerst intuitiv. Handlungen können nicht auf dieselbe Weise mit sich selbst korrespondieren und so Wahrheit konstituieren, wie es Vorstellungen können, da Handlungen keinen Aussagegehalt besitzen. Man könnte Handlungen noch so lange miteinander kombinieren und in Beziehungen zueinander stellen, sie werden nie in einer Übereinstimmung zueinander stehen, die eine der beiden Handlungen wahr werden lässt.

Wenn sich die Vernunft aber allein in der Erkenntnis solcher Übereinstimmungen ausdrückt, und Handlungen zu einer solchen Übereinstimmung offensichtlich nicht fähig sind, kann die Vernunft auch keinen Einfluss auf unsere Handlungen und Affekte haben. Dies kann als die erste Schlussfolgerung in Humes Argumentation angesehen werden (C1). Hume geht aber noch einen Schritt weiter und behauptet, dass es vielmehr die Moral sei, die einen solchen Einfluss auf unsere Affekte und Handlungen ausübt. Diese Auffassung sieht er durch unsere Alltagserfahrung bestätigt, schließlich „lehrt [diese] uns, dass Menschen oft von ihrem Pflichtgefühl beherrscht und von Handlungen abgehalten werden […].6 Auch diese Annahme ist durchaus nachvollziehbar: Wenn ein Scharfschütze den Befehl hat abzudrücken, es aber nicht kann, so ist es in der Regel kein Abwägen von abstrakten Vernunftgründen, sondern ein tiefes inneres moralisches Empfinden, das ihn davon abhält. Zumindest in diesem Fall ist es nicht unsere Vernunft, sondern ein moralisches Empfinden, das unsere Handlungen letztendlich speist, woraus letztendlich folgt, dass die Moral nicht (allein) aus der Vernunft heraus entstammen kann (C2).

Diskussion

Humes konstitutive Wahrheitsdefinition ist insofern plausibel, als dass Wahrheit offensichtlich etwas mit Beziehungen zwischen Vorstellungen und Tatsachen zu tun hat. Fraglich ist jedoch, ob Wahrheit durch eine Übereinstimmung zwischen mehreren Vorstellungen oder mehreren Tatsachen konstituiert wird, wie Hume es schreibt, oder nicht vielmehr durch eine Vorstellung mit einer Tatsache, wie folgendes Beispiel nahelegt: Wenn ich die Vorstellung habe, dass Gert mein Großvater ist und wenn Gert auch tatsächlich mein Großvater ist, dann ist es diese Übereinstimmung zu einer Tatsache, die meine Vorstellung wahrmacht. Dieses Beispiel kann nach Humes Definition nicht als Wahrheit ausgewiesen werden. Dahingegen kann das eingangs von mir erwähnte Beispiel auch zugunsten meiner Auffassung von Wahrheit ausgelegt werden: Meine Vorstellung zweiter Ordnung, dass Gert die Vorstellung erster Ordnung besitzt, dass er mein Großvater ist, wird durch die Tatsache wahr gemacht, dass Gert tatsächlich diese Vorstellung hat. Es spricht also vieles dafür, Wahrheit über ein Verhältnis zwischen Vorstellungen und Tatsachen zu definieren.
Falls man Humes Definition von Wahrheit jedoch folgt und die anderen Prämissen ebenso akzeptiert, so sind die beiden Konklusionen jedoch absolut zwingend. Das heißt, formal lässt sich nichts an seinem Argument aussetzen. Die Frage, die hier weiterhin diskutiert werden soll, ist, was das Argument exakt aussagt, wenn man seine Prämissen akzeptiert hat. Hume legt seiner Argumentation zu Beginn nicht nur einen eigenartigen Wahrheits-, sondern auch einen auffallend engen Vernunftbegriff zugrunde, wenn er diese als „Erkenntnis von Wahrheit und Irrtum“7 definiert. So verstanden ist Vernunft nichts weiter als „Wissenserwerb“: Denn nach unserer besten Definition von Wissen besteht selbiges in wahrer, gerechtfertigter Überzeugung, was nichts anderes ist als das Besitzen von Erkenntnis von (respektive: gerechtfertigte Meinung über) Wahrheit und Irrtum. Im Alltag sprechen wir von Vernunft aber in einem sehr viel weiterem Sinne: Wenn wir davon reden, dass es vernünftig ist weniger zu essen und mehr Sport zu treiben, gegeben, dass man abnehmen möchte, dann verwenden wir vernünftig meist synonym zu „rational“.

Auch Hume selbst gesteht ein, dass neben seinem Vernunftbegriff noch mindestens ein weiterer denkbar ist8. Das ist deshalb so wichtig einzusehen, da die erste Conclusio offensichtlich auf einen bestimmten, nämlich auf den von Hume zuvor geprägten, engen Vernunftbegriff  rekurriert. Folglich besagt (C1) auch nicht, dass unsere Affekte und Handlungen nicht von der Vernunft, in Sinne von „Rationalität“, geleitet werden können, im Gegenteil: Hume schreibt ausdrücklich, dass „die Vernunft [im] eigentlichen und philosophischen Sinne unser Handeln […] beeinflussen“9 kann! Es wäre sogar immer noch zu viel, zu sagen, Hume sei so zu interpretieren, dass die Vernunft im engen Sinne überhaupt keinen Einfluss auf Affekte und Handlungen auszuüben vermag. Hume führt explizit ein Beispiel an, in dem eine Person sich bezüglich einer Tatsache irren oder richtig liegen und aufgrund dessen von einem Affekt ergriffen werden kann.10 Das aber ist nichts anderes als eine Erkenntnis von Wahrheit und Irrtum, also ein Fall von Vernunft im Humeschen Sinne, die handlungswirksam wird!

Worum es Hume geht, scheint (allein) folgendes zu sein: Die Vernunft ist nicht in einer moralisch bedeutsamen Art und Weise für unsere Handlungen ursächlich wirksam. Für diese Lesart spricht zum Beispiel, dass Hume an späterer Stelle schreibt, „Vernunft und Urteil können gewiss mittelbare Ursache einer Handlung werden, indem sie nämlich zu einem Affekt Gelegenheit geben der ihm die Richtung weisen; man darf aber nicht behaupten, dass einem solchen Urteil vermöge seiner Wahrheit oder Falschheit moralischer Wert oder Unwert anhafte.“11. In Bezug auf einen Mann, der einem faktisch falschen Urteil unterliegt, führt er aus, dass dieser „mehr zu beklagen als zu tadeln“ ist und sein falsches Urteil „nichts weiter als ein Irrtum bezüglich einer Tatsache“12 darstelle. Zwar kann ein Irrtum handlungswirksam werden, wie er an diesen Beispielen aufzeigt, aber dieser Irrtum entscheidet nach Hume nicht über die moralische Qualität einer Handlung!

Die erste Conclusio (C1) ist dementsprechend auch nur so zu verstehen, dass es keine in Übereinstimmung zwischen Vorstellungen oder Tatsachen bestehende Wahrheiten gibt, die sich direkt und in einer moralisch bedeutsamen Art und Weise auf unsere Handlungen und Affekte auswirken. Auf diese Weise präzisiert klingt Humes Schlussfolgerung auch gleich weniger strittig, ja, sogar sehr schlüssig. Wer sich bezüglich einer Wahrheit irrt, ist in der Tat bemitleidenswert und schlimmstenfalls der Dummheit, aber auf keinen Fall der Bosheit im moralischen Sinne zu bezichtigen.

Auch (C2) kann erst vor dem Hintergrund der Bedeutungen, die Hume seinen Begriffen zumisst, richtig gedeutet werden. Hume behauptet allein, dass Moral nicht auf Wahrheiten reduzierbar ist und „dass diejenigen, die behaupten, das Wesen der Moral sei aus reiner Vernunft demonstrierbar, nicht sagen, die Moral liege in bestimmten Beziehungen[...].“13 Der anfangs vielleicht so erschienene Widerstreit zwischen Hume und denjenigen, die meinen, Moral könne auf Vernunft im Sinne von Rationalität beruhen, ist also gar keiner.

Anmerkungen

David Hume und Herlinde Pauer-Studer: Über Moral (Suhrkamp Studienbibliothek)

2 Über Moral, S. 16

3 ebd.
4
ebd. „Affekte, Willensentscheidungen und Handlungen sind einer solchen Übereinstimmung nicht fähig.“
5
Über Moral, S. 16
6 Über Moral, S. 15
.

7 Über Moral, S. 16
8 Über Moral, S. 17. Er redet von einer Vernunft im „eigentlichen und philosophischen Sinne“.
9 ebd.
10 Über Moral, S. 18 – 19

11 Über Moral, S. 22

12 Über Moral, S. 18

13 Über Moral. S. 24

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