„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der Satz vom zureichenden Grund

Der Satz vom zureichenden Grund (lat. principium rationis sufficientis) galt in der Geschichte der Logik und der Philosophie sowohl in seiner allgemeinen Form: "Nichts geschieht ohne Ursache" als auch in der speziellen Form: "Alles, was zu existieren anfängt, muss einen Grund seiner Existenz haben" lange Zeit als ein unumstößlich evidentes Prinzip. Erst seit ca. 250 Jahren sind berechtigte Zweifel an dieser Auffassung aufgekommen:

1. Einwand (a priori)

Die gewichtigste apriorische Kritik am Prinzip vom zureichenden Grund kommt von David Hume. Hume argumentiert wie folgt: (1) Er bestreitet die von René Descartes postulierte Fähigkeit zur rationalen Intuition, mit deren Hilfe wir vermeintlich auch bestimmte nicht-analytische Aussagen a priori als wahr erkennen können. Für Hume sind nur solche Aussagen intuitiv gewiss, bei denen die Annahme des Gegenteils einen sprachlichen Widerspruch beinhaltet, also analytische Aussagen. "Einiges geschieht ohne Ursache" beinhaltet aber keinen sprachlichen Widerspruch, weshalb das Prinzip vom zureichenden Grund nicht intuitiv erkannt werden kann. (2) Bisher sind nach Hume aber auch alle Versuche gescheitert, dieses Prinzip deduktiv zu begründen, weshalb es keinen Grund gibt es als vor aller Erfahrung evident anzusehen.

Mit Hume lässt sich aber auch gegen die aposteriorische Wahrheit des Prinzips vom zureichenden Grund argumentieren: (3) Der Versuch es induktiv zu begründen, wäre niemals demonstrativ, d.h. auch noch so viele beobachtete Einzelereignisse ohne Ursache würden niemals die Wahrheit der Allaussage erzwingen, Nichts geschieht ohne Ursache. (4) Wir nehmen niemals Ursachen und Wirkungen war, sondern immer nur Koinzidenzen von Ereignissen, weshalb gar kein Induktionsschluss von Ursachen auf den Satz vom zureichenden Prinzip möglich ist. Wenn ich beispielsweise eine weiße Billardkugel gegen eine blaue stoße und diese einloche, dann beobachte ich nur, dass die weiße Kugel gegen die blaue rollt (Ereignis 1) und die blaue Kugel daraufhin beginnt ins Loch zu rollen (Ereignis 2). Ich beobachte aber nicht und niemals, dass Ereignis 1 Ereignis 2 kausal bewirkt. Es könnte beispielsweise auch sein, dass ein Gott nach dem Ereignis 1 das Ereignis 2 in die Welt setzt, und so der Eindruck eines kausalen Zusammenhangs entstehen lässt, wobei E1 und E2 in Wahrheit nichts miteinander zu tun haben. Es ist also sogar das Gegenteil vom Satz des zureichenden Grundes ontologisch denkbar: Alles geschieht ohne Ursache.

2. Einwand (a posteriori)

Die Wahrheit des Satzes "Nichts geschieht ohne Ursache" lässt sich nicht nur nicht empirisch beweisen, sondern auch empirisch widerlegen. Heute sprechen die empirischen Wissenschaften in der Tat gegen die Wahrheit des Prinzips vom zureichenden Grund. Denn wenn die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik Recht hat, und viele Aspekte wie das Aspect-Experiment sprechen dafür, dann herrscht auf Quantenebene ein absoluter Zufall. Das heißt: Wenn die Kopenhagener Deutung Recht hat, gibt es Ereignisse ohne hinreichende Ursache!

So zum Beispiel für das Ereignis des Zerfalls eines Radiumatoms. Radium hat eine Halbwertszeit von 1602 Jahren, d.h. von einer bestimmten Menge von Radiumatomen wird in dieser Zeit die Hälfte zerfallen sein. Aber von einem einzelnen Radiumatom können wir nicht nur nicht sagen, wann genau es zerfallen wird; dies ist vielmehr objektiv unbestimmt. Das metastabile Nuklid Cobalt-53m bspw. zerfällt in aller Regel in einem ß+-Zerfall in das Nuklid Ferrum-53, ein Positron und ein Neutrino; in einigen wenigen Fällen (1,5%) findet jedoch eine Protonenemission statt und das Nuklid zerfällt unter Aussendung eines Protons in das Nuklid Ferrum-52:

Wenn im ersten Fall ein Positron entsteht, gibt es für die Existenz dieses Teilchens keinen zureichenden Grund. Denn unter denselben Umständen hätte das Nuklid Cobalt-53m auch in einem ß+-Zerfall in ein Eisennuklid übergehen können. Mit einer gewissen - wenn auch geringen - Wahrscheinlichkeit hätte auch eine Protonenemission stattfinden können, es ist also möglich und sogar wahrscheinlich, dass ein Positron entsteht, aber nicht notwendig.

Wir müssen also festhalten: Das Prinzip vom zureichenden Grund lässt sich nicht nur nicht a priori als wahr erweisen; nach allem, was wir heute über die Welt wissen, ist es sogar (empirisch) falsch. So schwer uns das auch fallen mag, wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass es zumindest möglich ist, dass manche Ereignisse passieren und Dinge zu existieren beginnen, obwohl es dafür keinen zureichenden Grund gibt und obwohl wir den Beginn ihrer Existenz deshalb auch nicht vollumfänglich erklären bzw. prinzipiell nicht prognostizieren können.

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