„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

epistemischer Indeterminismus

Viele Kompatibilisten fragen, wie eine Determination, von der niemand weiß, unsere Freiheit gefährden können sollte. Der sogenannte epistemische Indeterminismus, eine Spielart es Kompatibilismus, behauptet, dass man aus prinzipiellen Gründen selbst in einer deterministischen Welt die eigenen zukünftigen Entscheidungen nicht kennen kann. Niemand könne seine eigenen Entscheidungen voraussagen, bevor sie stattgefunden haben. Der Grund dafür besteht für Donald MacKay in dem Umstand, dass jemandes Einsicht in seinen eigenen aktuellen Gehirnzustand diesen Zuständen verändern würde. Für uns Sterbliche ist Wissenserwerb ein Vorgang, der Zeit braucht und von Veränderungen im Gehirn begleitet ist. In dem Augenblick, in dem jemand Wissen von seinem Gehirnzustand erworben hat, ist dieses, so MacKay, schon wieder veraltet und kann selbst bei Wahrheit des Determinismus nicht für akkurate Vorhersagen verwendet werden.[1]

Der epistemische Indeterminismus argumentiert weiter, dass die Nichtvorhersehbarkeit der jeweils eigenen Entscheidungen eine notwendige Bedingung der Willensfreiheit ist. Für Ludwig Wittgenstein ist die Bedingung sogar hinreichend: "Die Willensfreiheit besteht darin, dass zukünftige Handlungen jetzt nicht gewusst werden können."[2] Weitere Vertreter des epistemischen Indeterminismus sind Max Planck, George E. Moore sowie in jüngerer Zeit Jürgen Habermas, Julian Nida-Rümelin, Bettina Walde und Ulrich Pothast. Eine Spielart des Kompatibilismus ist der epistemische Indeterminismus deshalb, weil die Unmöglichkeit der Vorhersage eigener Entscheidungen nicht erfordert, dass die Entscheidung objektiv indeterminiert ist. Ich mag sogar überzeugt sein, dass ich in meinem Überlegen und Entscheiden determiniert bin, ich darf nur nicht wissen, wozu.

Die meisten epistemischen Indeterministen sind der Auffassung, dass Willensfreiheit keine Tatsachenfrage, sondern eine Frage der Perspektive ist. So gilt Planck zufolge: "Von außen, objektiv betrachtet, ist der Wille kausal determiniert; von innen, subjektiv betrachtet, ist der Wille frei".[3] Ähnlich behauptet Pothast, dass einer Person, die vor einer Entscheidung steht, unter normalen Bedingungen ihrer Sicht der offenen Wahl nicht bestritten werden kann", selbst wenn ein Beobachter weiß, dass "der Handelnde hätte nicht anders handeln können"[4] Ansätze zu einer perspektiven- und aspektdualistischen Freiheitsauffassung finden sich auch bei Kant, der erklärt, "dass wir Menschen in einem anderen Sinne und Verhältnisse denken, wenn wir ihn frei nennen, als wenn wir ihn, als Stück der Natur, dieser ihren Gesetzen für unterworfen halten".[5]

Ich stimme der Analyse MacKays zu, aber nicht der Wittgensteins. Wir können nie unsere eigenen Entscheidungen exakt voraussehen, dass wir das nicht können, ist aber keine hinreichende Bedingung für Willensfreiheit. Willensfreiheit ist ein objektiver Tatbestand. Wenn ein laplacescher Dämon alle unsere Entscheidungen antizipieren kann, besitzen wir keine libertaristische Willensfreiheit, selbst wenn uns eine solche Vorhersage für immer verwehrt ist.

Einzelnachweise

[1] Donald M. MacKay: Freiheit des Handelns in einem mechanistischen Universum, insb. S. 306f.
[2] Ludwig Wittgenstein: Tractatus, Satz 5.1362.
[3] Max Planck: Vom Wesen der Willensfreiheit, S. 284
[4] Ulrich Pothast: Freiheit und Verantwortung. Eine Debatte, die nicht sterben will – und auch nicht sterben kann, S. 61 und 51
[5] Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, AA IV, S. 456.

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