„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Plattformökonomie

Das Geschäftsmodell der Plattform gibt es eigentlich schon lange. Märkte und Shoppingmals zum Beispiel sind physische Plattformen. Sie verdienen ihr Geld damit, dass sie zwei Gruppen – Einzelhändler und Konsumenten – zusammenbringen. Aus historischer Sicht ist die gegenwärtige Tendenz zu einer regelrechten Plattformökonomie als nicht radikal neu, sondern nur eine Weitentwicklung des Bisherigen.

Digitale Technologien haben das Plattformmodell allgegenwärtig werden lassen. Ihren Kunden präsentieren sich moderne Plattformen immer noch als reine Interaktionsfläche. Amazon ist für seine Kunden einfach nur der neue Interaktionsort zwischen Konsument und Produzent, Facebook ermöglicht die unkomplizierte Interaktion zwischen Freunden und Seiten, Uber vermittelt zwischen Fahrleister und Fahrgast und Google zwischen Suchendem und Webbetreibendem. Dahinter stehen jedoch zahlreiche Regeln und Algorithmen, die von den Plattformbesitzern festgelegt werden und die die Produkte, Dienste oder Interaktionsmöglichkeiten der Nutzer nach den Interessen der Plattformbesitzer bestimmen. Daher erhalten Plattformen nicht nur exklusiven Zugang zu Daten, sondern auch Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten über ihre Nutzer und deren Interaktionen.

Nick Srnicek unterscheidet in seinem Buch "Platform Capitalism" verschiedene Plattformtypen und weist darauf hin, dass nicht alle gleich gut funktionieren. Der Vorstandsvorsitzende von Facebook Mark Zuckerberg sagte beispielsweise kürzlich, er gehe davon aus, dass die Verweildauer und das Engagement der Leute auf Facebook dieses Jahr zurückgehen werde. Dafür möchte er die Qualität der Zeit und Datengewinnung verbessern. Facebook möchte uns in kürzerer Zeit also besser kennenlernen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Google wertvolleres Wissen über seine Nutzer besitzt als Facebook. Die Selbstdarstellung auf Social Media, ob in Gruppenchats oder öffentlichen Posts, ist immer idealisiert. Einen Suchverlauf bei Google macht hingegen niemand öffentlich. Dort sieht man zum Beispiel auch, ob jemand nach einer schlimmen Krankheit oder einem Fetisch sucht. Das Bild, das Google von seinen Nutzern hat, ist vermutlich authentischer.

Aufgrund dieses Bildes, das Plattformunternehmen von uns haben, leiten sie unseren Konsum. Wünsche sollen quasi schon erfüllt werden, bevor sie sich formen. Das führt das Prinzip von Werbung und vom kapitalistischen Wirtschaften als solches ad absurdum. Wenn mir Amazon Echo ein Produkt vorschlägt, dann ist das keine Werbung mehr, die mich davon überzeugen soll, dass dieses Produkt das beste für mich ist. Diese Entscheidung hat schon lange vorher ein Amazon-Algorithmus für mich getroffen, der aufgrund meiner Daten dieses Produkt für mich ausgewählt hat. Das Grundprinzip des Marktes, die freie Entscheidung der Käufer zwischen verschiedenen Angeboten, wird durch digitale Plattformunternehmen unterminiert. Die Konkurrenz findet hier auf der Ebene von Algorithmen statt, nicht mehr auf der von individuellen und eigenen Entscheidungen.

Bildurheber: José Adilio

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